Hausratte
Zu den mit am weitesten verbreiteten invasiven Arten zählen Ratten. Wahrscheinlich gehen nahezu ein Drittel aller Aussterbefälle auf ihr Konto – darunter eine Menge auf Inseln lebender Vögel. CSIRO, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

IPBES-Bericht: Invasive Arten als einer der Hauptgründe für Artensterben

Gemäß dem im September 2023 veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) spielen invasive Tiere und Pflanzen eine wichtige Rolle beim weltweiten Artensterben. Die Veröffentlichung geht auf die aktuellen Entwicklungen bei der Ausbreitung eingeschleppter Arten ein, die Ursachen und die Auswirkungen der Problematik. Weiterhin liefern die 86 Forschenden aus 49 Ländern Strategien und Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung invasiver Arten.

Ursache Mensch

Der Mensch gilt als Ursache für die Verbreitung von Arten in Gebieten, in denen diese zuvor nicht anzutreffen waren. Das geschieht bereits seit Jahrhunderten – sowohl absichtlich als auch unabsichtlich. Durch menschliche Aktivitäten, so der IPBES, seien knapp 37.000 fremde Arten in Regionen und Ökosystemen auf der ganzen Welt eingeführt worden – und es würden immer mehr werden. Von diesen 37.000 eingeschleppten Spezies handele es sich bei mindestens 3.500 um schädliche, invasive Arten, die einen negativen Einfluss auf Ökosysteme haben. Zudem sorgen die durch invasive Arten angerichteten Schäden für globale wirtschaftliche Kosten von jährlich mehr als 400 Milliarden Dollar.

Neben den Veränderungen in der Land- und Meeresnutzung (etwa Agrikultur oder Fischerei), der direkten Ausbeutung von Tieren und Pflanzen, zum Beispiel für die Nahrungsmittelindustrie, dem Klimawandel und der Umweltverschmutzung gehöre die Einschleppung invasiver Arten zu den fünf wichtigsten direkten Ursachen beim Verlust von Biodiversität.

Die Autoren des Berichts stellen auch heraus, dass längst nicht alle fremden Spezies invasiv werden. Als invasive Arten gelten diejenigen, die sich in einem fremden Gebiet etablieren und verbreiten und negative Auswirkungen auf das Ökosystem und nicht selten auch auf die darin lebenden Menschen haben.

60 % aller Ausrottungen gehen auf eingeschleppte Arten zurück

Eichhornia crassipes
Die Dickstielige Wasserhyazinthe mag vielleicht schick aussehen, tatsächlich aber überwuchert sie als invasive Schwimmpflanze sämtliche Binnengewässer Afrikas, was zum Sterben endemischer Fische und Wasserpflanzen führt. (© Juan Carlos Fonseca Mata, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Laut IPBES sind invasive Arten einer der Hauptfaktoren bei 60 Prozent aller dokumentierten Ausrottungen von Tieren oder Pflanzen. Und bei 16 Prozent der weltweiten Ausrottungen stellen invasive Arten sogar die alleinige Ursache für das lokale Aussterben dar.

Generell gilt, dass fremde Arten negative Auswirkungen auf heimische Arten haben und Veränderungen im Ökosystem verursachen, indem sie Lebensräume umgestalten, was wiederum schwerwiegende Folgen für einheimische Spezies mit sich bringt. Als weltweit am weitesten verbreitete terrestrische invasive Art gilt die Dickstielige Wasserhyazinthe (Pontederia crassipes), die aus den Tropen Südamerikas stammt und heute als Neophyt weltweit Gewässer überwuchert und zum Beispiel am Viktoriasee die Erträge durch die Fischerei dezimiert. Hausratten (Rattus rattus) sind wohl das bekannteste Beispiel, wenn es um invasive Tierarten geht.

Den größten Schaden richten invasive Arten auf Inseln an

Dem IPBES-Bericht ist zu entnehmen, dass invasive Arten den größten Schaden auf Inseln anrichten. Solche isolierten Lebensräume weisen häufig eine einzigartige Flora und Fauna auf, die besonders empfindlich auf Veränderungen reagiert. Vor der Besiedlung der Inseln durch Menschen existierten dort nämlich keine landlebenden Säugetiere wie Ratten, Katzen, Kaninchen, Marder oder Possums – nun gibt es sie zuhauf.

Die Liste der auf Inselgebieten durch eingeschleppte Raubtiere ausgestorbenen Spezies ist lang. Das betrifft vor allem Vögel: Der fehlende Fluchtreflex (Inselzahmheit), ihre Flugunfähigkeit oder ihre Eigenschaft, auf dem Boden zu brüten, machen sie und ihre Brut zur leichten Beute.

Das Aussterben des Stephenschlüpfers um 1895, einem fast flugunfähigen Singvogel von Stephen Island, soll beispielsweise hauptsächlich auf die Anwesenheit einer Katze auf der kleinen Insel zurückzuführen sein. Heute weiß man, dass Stephen Island nur die letzte Zufluchtsstätte für den Stephenschlüpfer war. Er kam zuvor auch auf der Nord- und Südinsel Neuseelands vor, wo allerdings eingeschleppte Pazifische Ratten (Rattus exulans) ihn bereits im 13. Jahrhundert ausrotteten.

Ein anderes Beispiel ist der Laysan-Rohrsänger von der kleinen Pazifik-Insel Laysan. Absichtlich auf die Insel eingeführte Kaninchen und Meerschweinchen sorgten in kürzester Zeit dafür, dass das kleine Eiland kahlgefressen war. Auch die Wirtspflanze der Laysan-Eule, einem Nachtfalter, verschwand, sodass die Schmetterlingsart, die zufälligerweise auch die Hauptnahrungsquelle das Laysan-Rohrsängers war, 1911 ausstarb und ein paar Jahre später der Rohrsänger.

Die IPBES-Experten gehen davon aus, dass die beschleunigte globale Wirtschaft, verstärkte und erweiterte Veränderungen in der Land- und Meeresnutzung sowie demografische Veränderungen zu einer Zunahme invasiver gebietsfremder Arten weltweit führen werden. Selbst ohne die Einführung neuer gebietsfremder Arten werden bereits etablierte Arten ihre Verbreitungsgebiete weiter ausdehnen und sich in neue Länder und Regionen ausbreiten. Der Klimawandel würde die Situation noch verschärfen, denn einige Arten können dadurch auch in anderen, nun wärmeren Regionen überleben.

Prävention und Ausrottung als Maßnahmen gegen biologische Invasoren

Die Forscher des Berichts betonen, die beste und kosteneffektivste Maßnahme gegen biologische Invasoren sei Prävention – es gar nicht erst dazu kommen lassen, dass sich gebietsfremde Arten neue Lebensräume erschließen können, etwa durch Importkontrollen an der Grenze. Ist es dafür schon zu spät, seien die Eindämmung, Kontrolle und Ausrottung invasiver Spezies in bestimmten Situationen eine wirksame Methode, um das Ökosystem wiederherzustellen.

Die Ausrottung invasiver Spezies erwies sich insbesondere auf isolierten Ökosystemen wie Inseln in der Vergangenheit bereits als erfolgreich; etwa die Ausrottung der Hausratte und des Wildkaninchens (Oryctolagus cuniculus) auf Französisch-Polynesien. Die Ausrottung invasiver Pflanzen sei hingegen eine größere Herausforderung, da deren Samen für lange Zeit im Boden unbemerkt ruhen können.

Aktuell versucht Neuseeland unter dem Motto Predator Free 2050 alle gebietsfremden Ratten, Marder und Possums umzubringen, berichtet Der Standard Anfang September 2023. Auf diese Weise solle das Aussterben weiterer Vogelarten verhindert werden. Nachdem Neuseeland nämlich ab dem 13. Jahrhundert von polynesischen Seefahrern – den Vorfahren der Maori – besiedelt wurde und fremde Arten als Haustiere und Nahrungsmittel eingeschleppt wurden, starben von den mehr als 200 ursprünglich dort lebenden Vogelarten mindestens 35 aus. Nach 1800 sind noch einmal wenigstens 16 weitere Arten hinzugekommen. Und heute gelten ungefähr ein Drittel der neuseeländischen Vogelarten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Während die verschiedenen Moa-Arten (etwa der Nordinsel-Riesenmoa oder der Kleine Moa) auf Neuseeland innerhalb von nur einem Jahrhundert nach der Ankunft der ersten Siedler allein durch Bejagung ausgerottet wurden, starben die anderen Vogelarten – zum Beispiel der Huia und der Südinsel-Kokako – in erster Linie durch gebietsfremde, eingeschleppte Tiere wie die Hausratte, die Pazifische Ratte und die Wanderratte (Rattus norvegicus) aus.

Die wichtigsten Zahlen aus dem IPBES-Bericht

  • mehr als 37.000 gebietsfremde Arten haben sich bislang weltweit etabliert
  • jedes Jahr werden weitere 200 gebietsfremde Arten erfasst
  • mindestens 3.500 der gebietsfremden Arten gelten weltweit als invasiv, darunter 1.061 Pflanzen, 1.852 Wirbellose, 461 Wirbeltiere und 141 Mikroorganismen
  • seit 1970 beträgt der Anteil der gemeldeten gebietsfremden Arten 37 %
  • bis 2050 wird ein Anstieg gebietsfremder Arten von 36 % erwartet
  • der Anteil gebietsfremder Süßwasserfische im Mittelmeerraum liegt bei 35 %
  • bei 60 % der ausgerotteten Arten gelten invasive Spezies als eine der Aussterbeursachen
  • bei 16 % der weltweit ausgestorbenen Arten waren invasive, gebietsfremde Arten die alleinige Ursachen für ihr Aussterben
  • 1.215 der lokalen Ausrottungen einheimischer Arten wurden durch 218 invasive Spezies verursacht (32,4 % Wirbellose, 50,9 % Wirbeltiere, 15,4 % Pflanzen und 1,2 % Mikroorganismen)
  • 90 % der weltweiten Ausrottungen auf Inseln gehen auf invasive Arten zurück
  • 2019 betrugen die geschätzten jährlichen wirtschaftlichen Kosten für biologische Invasoren 423 Mrd. US-Dollar
  • die Erfolgsrate der 1.550 auf 998 Inseln durchgeführten Ausrottungsprogramme liegt bei 88 %
  • die Erfolgsrate biologischer Kontrollprogramme für invasive, gebietsfremde Pflanzen und Wirbellose beträgt 60 %

Beispiele für Ausrottungen durch invasive Arten als eine Aussterbeursache

Invasive SpeziesInvasiv inBeispiele für Ausrottungen
Rotfuchs (Vulpes vulpes)Australien, TasmanienBreitkopfkänguru, Östliches Hasenkänguru, Wüsten-Langnasenbeutler, Kleiner Kaninchennasenbeutler
Ratten (Rattus ssp.)weltweitMaclear-Ratte, Weihnachtsinsel-Ratte, Darwin-Reisratte, Rodrigues-Riesengecko, Schuppenkehlmoho, Norfolk-Erdtaube, Weißbrust-Brillenvogel, Huia
Nutztiere wie Hausrind (Bos taurus), Hausziege (Capra hircus) oder Kaninchen (Leporidae)weltweitGalápagos-Riesenratte, Nacktbrustkänguru, Aucklandsäger, Laysan-Eule, Laysan-Rohrsänger, Mauritiusboa
Hermelin (Mustela erminea)Australien, NeuseelandSüdinsel-Kokako
Ceylon-Zimtbaum (Cinnamomum verum)tropisches Asien, Seychellen, Karibische InselnCentrobunus braueri
Roter Amerikanischer Sumpfkrebs (Procambarus clarkii)u.a. EuropaPacifastacus nigrescens, Ash-Meadows-Killifisch
Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes)Australien, tropischer Regenwald, Weihnachtsinsel (Indischer Ozean)Weihnachtsinsel-Waldskink, Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus
Großkopfameise (Pheidole megacephala) tropische und subtropische Gebiete weltweit (etwa Hawaii-Inseln)Koolau-Spornflügel-Langbeinfliege, Achatinella apexfulva, Achatinella buddii
Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis)Mittel- und Südamerika, Australien Südlicher Magenbrüterfrosch, Glanzbaumsteiger, Chiriqui-Harlekinfrosch, Rabbs Fransenzehen-Laubfrosch, Corquin-Raubfrosch
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