Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus
Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus war Australiens kleinste Fledermaus und kam ausschließlich auf der abgelegenen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean vor. Sie besaß dunkelbraunes Fell, jagte Insekten im Flug und zeigte keinen auffälligen Geschlechtsdimorphismus – Männchen und Weibchen sahen gleich aus. (© Lindy Lumsden, verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus – ein vermeidbares Aussterben

Mitten im Indischen Ozean, rund 350 Kilometer südlich von Java, liegt die abgelegene Weihnachtsinsel – ein nur 135 Quadratkilometer kleines Außengebiet Australiens. Trotz ihrer geringen Größe beherbergte sie einst eine erstaunliche Vielfalt endemischer Arten, die es nirgendwo sonst auf der Welt gab. Eine davon war die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus – die kleinste bekannte Fledermaus Australiens.

In den 1890er-Jahren, als die Insel langsam besiedelt wurde und erste wissenschaftliche Erkundungen stattfanden, war diese winzige Fledermaus, so ihr Erstbeschreiber Charles William Andrews (1900), noch überall „häufig“ anzutreffen. Auch ein Jahrhundert später bestätigte der australische Zoologe Charles Tidemann in seiner Untersuchung von 1984, dass die Fledermaus „weit verbreitet“ war – nicht nur im Regenwald, sondern sogar in der Nähe menschlicher Siedlungen. Alles schien bis zu diesem Zeitpunkt in Ordnung zu sein.

Doch schon Mitte der 1990er-Jahre meldeten die Forscherinnen Lindy Lumsden und Karen Cherry erste Rückgänge sowohl in der Populationsdichte als auch in der Verbreitung. Sie erkannten, dass die Zwergfledermaus kaum noch im Nordosten der Insel, dem einzigen Siedlungsgebiet, anzutreffen war. Bis 1998 war die Art dort vollständig verschwunden.

Schrumpfende Bestände

Die Abwärtsspirale beschleunigte sich: Eine Erhebung im Jahr 2002 zeigte, dass sich das Verbreitungsgebiet deutlich von Ost nach West verschoben hatte – begleitet von einem Rückgang der Bestände um 58 % gegenüber 1994. Laut einem Bericht von Parks Australia North (2004) konnte die Art in rund 80 % ihres ursprünglichen Lebensraums nicht mehr nachgewiesen werden. Und zwischen 2004 und 2006 reduzierte sich ihre Präsenz auf gerade einmal drei Standorte im Westen der Insel – mit jeweils nur wenigen Individuen. Langzeitdaten belegten einen Rückgang von 90 % zwischen 1994 und 2006, der sich unvermindert fortsetzte.

2005 schätzten Fachleute die Zahl geschlechtsreifer Tiere auf unter 250. Hoffnung keimte kurz auf, als Telemetriestudien ein Jahr später sieben gemeinsam genutzte Schlafbäume mit etwa 150 Tieren identifizierten. Das ließ – optimistisch geschätzt – auf eine mögliche Restpopulation von 500 bis 1.000 Individuen schließen. Doch schon 2007 waren vier dieser Bäume durch Stürme oder Erosion zerstört, und die Art verschwand aus über 90 % ihres früheren Verbreitungsgebiets.

Das letzte Signal

Zwischen 2006 und 2009 dokumentierte das Team des Christmas Island Nationalparks den endgültigen Kollaps: Monatliche akustische Erhebungen zeigten einen Rückgang der Population um 99,4 % in weniger als drei Jahren. Im Dezember 2008 gab es nur noch ein einziges Jagdgebiet und einen bekannten Schlafplatz. Dieser beherbergte einst bis zu 50 Tiere, doch im Januar 2009 waren nur noch vier Weibchen mit Jungtieren übrig. Die gesamte Restpopulation wurde nun auf unter 20 Individuen geschätzt.

Im August 2009 startete ein letzter Rettungsversuch. Mit akustischen Detektoren suchten Forschende drei Wochen lang nach überlebenden Tieren, um sie für ein Zuchtprogramm einzufangen. Doch Nacht für Nacht registrierten die Geräte nur noch ein einziges Exemplar. Am 26. August 2009 wurde das letzte akustische Signal einer Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus aufgezeichnet. Seither blieb die Art trotz intensiver Nachsuche verschwunden.

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus – Steckbrief

wissenschaftliche NamenPipistrellus murrayi, Pipistrellus tenuis murrayi
englische NamenChristmas Island pipistrelle, Christmas Island bat, Murray’s pipistrelle, Murray’s pipistrelle bat
ursprüngliches VerbreitungsgebietWeihnachtsinsel (Indischer Ozean, Australien)
Zeitpunkt des Aussterbens2009
Ursachen für das Aussterbenunklar, wahrscheinlich auf Insel eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust
IUCN-Statusausgestorben

Offiziell ausgestorben

Im Mai 2012 erklärte die australische Regierung die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus in offiziellen Mitteilungen für ausgestorben. Im September 2017 folgte die IUCN mit der gleichen Einstufung. Damit war in weniger als zwei Jahrzehnten eine vormals häufige Fledermausart vollständig verschwunden – und niemand weiß bis heute mit Sicherheit, warum.

Christmas Island Weihnachtsinsel (Australien)
Weihnachtsinsel im Indischen Ozean: Ein großer Teil ist mit tropischem Regenwald bedeckt.
Globe-trotter, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Der rechtliche Status der Art im Rahmen des australischen Environment Protection and Biodiversity Conservation Act (EPBC Act) blieb zunächst unverändert. Erst am 3. März 2021 wurde die Listung durch das Threatened Species Scientific Committee (TSSC) von „vom Aussterben bedroht“ auf „ausgestorben“ geändert.

Dass die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ausgestorben ist, gilt als zweifelsfrei. Sie war die einzige Fledermaus auf der Insel, die Echoortung nutzte, sodass man sie mit Ultraschalldetektoren zuverlässig erfassen konnte. Diese Technik ermöglichte eine lückenlose Überwachung: zunächst sporadisch in den 1990er-Jahren, ab 2005 fast kontinuierlich. Auf diese Weise entstand eine ungewöhnlich detaillierte Dokumentation ihres Rückgangs.

Verstörend bleibt nicht nur die rasante Geschwindigkeit, mit der die Zwergfledermaus verschwand. Es gibt auch keine eindeutige Ursache. Wurden die Tiere von eingeschleppten Schlangen gefressen? Schwanden ihre Insekten-Beutetiere durch die invasiven Gelben Spinnerameisen? Spielte der Verlust von Regenwald durch Phosphatabbau eine Rolle? Vielleicht alles zusammen oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Klar ist nur: Die Warnsignale waren da, doch man handelte zu spät.

Eine Fledermaus von kaum fünf Gramm

Der britische Zoologe Charles William Andrews verbrachte 1897/98 mehrere Monate auf der Weihnachtsinsel, um deren Natur vor dem drohenden Phosphatabbau zu dokumentieren. Dabei entdeckte er eine bis dahin unbekannte Fledermausart, die er 1900 als Pipistrellus murrayi wissenschaftlich beschrieb. Andrews hob hervor, dass diese Art deutlich kleiner war als sowohl die Japanische Fledermaus (P. abramus) als auch die in Europa vorkommende Zwergfledermaus (P. pipistrellus). Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus war tatsächlich winzig: Ihre Kopf-Rumpf-Länge betrug lediglich 3,4 bis 4 Zentimeter, der Schwanz war rund 3 Zentimeter lang. Ihr Gewicht lag gerade einmal bei 2,6 bis 4,6 Gramm.

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus - Pipistrellus murrayi (fotografiert von Lindy Lumsden)
Pipistrellus murrayi: Das Artepitheton „murrayi“ ehrt vermutlich den britischen Naturforscher Sir John Murray, der Ende des 19. Jahrhunderts die Expedition von Charles William Andrews auf die Weihnachtsinsel finanzierte. Andrews beschrieb die Art 1900 erstmals wissenschaftlich.
(© Lindy Lumsden, verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Die dämmerungs- und nachtaktive Fledermaus ernährte sich von Fluginsekten wie Käfern, Motten, fliegenden Ameisen oder Wespen, die sie im Flug erbeutete. Ihre Echoortungsrufe lagen in einem hohen Frequenzbereich und erlaubten es, auch winzige Beutetiere zielsicher zu orten. Häufig jagte sie entlang von Waldrändern, über schmalen Wegen oder Lichtungen, wo sich Insekten in größerer Zahl sammelten.

Alle bekannten Schlafplätze der Art befanden sich im Primärregenwald. Anders als viele andere Fledermausarten suchte die Zwergfledermaus keine Höhlen, Gebäude oder Felsspalten auf. Stattdessen nutzte sie Baumhöhlen, Ritzen in Stämmen, dichtes Laub oder sich ablösende Baumrinde. Besonders häufig wurden abgestorbene Bäume gewählt, was den Nachteil hatte, dass diese durch Zersetzung instabil waren und häufig einstürzten – ein Risiko für eine Art, die stark an solche Strukturen gebunden war.

Die Zwergfledermäuse bildeten kleine Kolonien von meist wenigen Dutzend Individuen, die sich ein Quartier teilten. Bei Telemetriestudien in den 2000er-Jahren konnten mehrere Gruppen an verschiedenen Schlafbäumen nachgewiesen werden. In manchen Fällen nutzten bis zu 50 Tiere denselben Baum. Mütter gebaren ihre Jungen wahrscheinlich im frühen Sommer.

So klein sie auch war, die Zwergfledermaus spielte eine wichtige Rolle im Ökosystem der Weihnachtsinsel. Als Insektenjägerin half sie dabei, die Populationen fliegender Insekten im Gleichgewicht zu halten. Damit war sie Teil eines sensiblen ökologischen Netzwerks, das durch menschliche Eingriffe in den Regenwald rasch irreversiblen Schaden nahm.

Warum ist die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ausgestorben?

Das Aussterben der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus zählt zu den rätselhaftesten Verlusten der jüngeren Zeit. Noch in den 1980er-Jahren war die winzige Fledermausart auf der abgelegenen Insel im Indischen Ozean weit verbreitet – kaum zwei Jahrzehnte später war sie verschwunden. Bis heute gibt es keine eindeutige Erklärung.

Fachleute diskutierten zahlreiche Ursachen: eingeschleppte Räuber wie Schlangen, Riesenläufer und Ratten; verwilderte Katzen; der Verlust von Quartierbäumen durch Stürme und Rodungen; sowie invasive Arten wie die Gelbe Spinnerameise, die ganze Waldstücke veränderte. Auch extreme Wetterereignisse und Brände kamen in Betracht.

Die australische Säugetierexpertin Lindy Lumsden und ihr Team hielten 2007 in einem umfassenden Bericht fest, dass vor allem eingeschleppte Tiere, die allesamt in ihrem Bestand zunahmen, die Zwergfledermaus in ihren Quartieren gestört oder direkt gejagt haben dürften: die Kapuzen-Wolfszahnnatter, der Riesenläufer, die Große Achatschnecke (Achatina fulica), verwilderte Hauskatzen, Hausratten und der eingebürgerte Graubartfalke. Welche dieser Arten nun genau den Rückgang verursacht haben, ist nicht sicher, allerdings tendierten die Forschenden zur Kapuzen-Wolfszahnnatter, deren Ausbreitung mit dem Rückgang der Fledermäuse zeitlich korrelierte.

In einem Konsultationsdokument zur Einstufung der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus im Rahmen des EPBC Act nennen die Autoren neben diversen eingeschleppten Tierarten den Verlust von Lebensraum durch Rodung, schwere Stürme und invasive Gelbe Spinnerameisen als mögliche Aussterbeursachen.

Manche Hypothesen ließen sich auch ausschließen. Lumsden (2008) schrieb beispielsweise im The Australasian Bat Society Newsletter, dass ein Futtermangel als Aussterbeursache nicht infrage kommt. Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ernährte sich von Fluginsekten und diese waren weiterhin reichlich vorhanden. Auch Krankheiten wurden ins Visier genommen, konnten aber nicht nachgewiesen werden.

Welche dieser Bedrohungen schließlich den Ausschlag gab, bleibt ungewiss, doch vieles spricht für ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das die kleine Fledermaus innerhalb weniger Jahre an den Rand der Auslöschung trieb.

Hauptverdächtig: Kapuzen-Wolfszahnnatter

Unter allen Bedrohungen gilt die eingeschleppte Kapuzen-Wolfszahnnatter (Lycodon capucinus) als wahrscheinlichster Auslöser für das Verschwinden der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus. Die Schlange wurde 1987 erstmals auf der Insel nachgewiesen. Innerhalb weniger Jahre breitete sie sich massiv aus, stellenweise mit Dichten von bis zu 500 Individuen pro Hektar. Meistens wurde die Schlangenart in der Nähe menschlicher Siedlungen und am Rand von Primärregenwald dokumentiert. Nicht klar ist allerdings, ob sie auf die Waldränder beschränkt war oder sich auch innerhalb geschlossener Regenwaldgebiete ausbreitete.

Auffällig ist, dass die heutige Verbreitung der Kapuzen-Wolfszahnnatter fast deckungsgleich mit dem Lebensraum der Fledermaus in den 1990er-Jahren ist. Da zu diesem Zeitpunkt auch die ersten Bestandsrückgänge in der Zwergfledermaus-Population bemerkt wurden, würden die Ausbreitung der Schlange und der Populationsrückgang zeitlich korrelieren.

Verursachte die Kapuzen-Wolfsnatter das Aussterben der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus?
Die Kapuzen-Wolfszahnnatter stammt ursprünglich aus Südostasien. Als invasive Art stellt sie auf der Weihnachtsinsel eine erhebliche Bedrohung für die dortige Reptilienfauna dar. Mehrere endemische Arten, darunter der Weihnachtsinsel-Blauschwanzskink (Cryptoblepharus egeriae), sind heute in der Wildnis ausgestorben.
Rushen, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Über die Kapuzen-Wolfszahnnatter ist bekannt, dass sie sowohl kleinere Säugetiere wie Nagetiere als auch Eidechsen in den unteren Vegetationsschichten des Waldes jagt. Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus war um einiges kleiner und leichter als viele andere Wirbeltierarten, von denen bekannt ist, dass sie der Schlange als Beute dienen.

Anfängliche Zweifel, ob die Schlangen in der Lage sind, auf hohe Bäume zu klettern, um Fledermäuse unter der Rinde oder in Baumhöhlen zu jagen, wurden schnell ausgeräumt: Eine Infrarotkamera, die auf den Stamm eines Schlafbaums der Zwergfledermäuse gerichtet war, hat 2007 eine kletternde Kapuzen-Wolfszahnnatter aufgezeichnet. Damit war klar: Auch schlafende Zwergfledermäuse waren gefährdet.

Aus dem Artprofil der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus (SPRAT) in der Species Profile and Threats Database des australischen Umweltministeriums geht hervor, dass flugunfähige Jungtiere, die nachts in den Quartieren zurückblieben, während die erwachsenen Tiere auf Nahrungssuche gingen, besonders gefährdet waren. In engen Baumhöhlen mit nur einem Ausgang konnten zudem ganze Gruppen erwachsener Tiere gefangen und erbeutet werden. Der australische Biologe John Woinarski weist in A Bat’s End (2018) darauf hin, dass es nicht viele Schlangen gebraucht hätte, um eine erhebliche Sterblichkeit bei den Fledermäusen zu verursachen. Eine gezielte Jagd auf gemeinschaftlichen Mutterschaftsquartieren, in denen Weibchen oft Kolonien mit bis zu 50 Tieren bildeten (die Männchen ruhten meist einzeln), würde dazu führen, dass eine große Anzahl von Fledermausjungtieren in einer einzigen Nacht gefressen würde.

Biologen beschrieben die Zwergfledermäuse außerdem als „naiv gegenüber Schlangen“ – sie hatten in ihrer evolutionären Geschichte nie baumbewohnende Prädatoren erlebt und keine Strategien entwickelt, um Angriffen zu entgehen (SPRAT).

Woinarski (2018) und auch andere Fachleute halten es für am wahrscheinlichsten, dass die eingeschleppte Kapuzen-Wolfszahnnatter der Hauptverursacher beim Verschwinden der Zwergfledermaus war. Lindy Lumsden (2008) betonte die doppelte Bedrohung durch Prädation und Störung an den Schlafplätzen.

Nicht alle teilen diese Einschätzung: D. J. James, vermutlich Mitarbeiter von Parks Australia North, nannte 2005 mehrere Argumente, die gegen die Kapuzen-Wolfszahnnatter als Hauptursache für den Rückgang sprechen. Er verwies auf die eher träge Fortbewegung der Schlangen, ihre „Sitz-und-Warte“-Jagdstrategie und die bislang fehlenden Nachweise von Fledermausresten in Mageninhaltsanalysen. Zudem sei unklar, ob sie Primärwälder in gleichem Maß besiedelten wie Waldränder und Siedlungsnähe (SPRAT).

Weitere invasive Räuber

Hausratten - invasive Art auf der Weihnachtsinsel
Ursprünglich in den warmen Felsregionen des Himalaya in Süd- und Ostasien beheimatet, hat sich die Hausratte durch den Schiffsverkehr unbeabsichtigt über alle Kontinente verbreitet. Während sie in Niedersachsen laut Roter Liste 2025 als „vom Aussterben bedroht“ gilt, ist sie in vielen anderen Regionen, insbesondere auf Inseln, eine invasive Art und wird für das Verschwinden zahlreicher flugunfähiger Vogelarten verantwortlich gemacht.
Kilessan, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Die Hausratte (Rattus rattus) gehört weltweit zu den folgenreichsten invasiven Arten. Sie wurde mit der ersten Besiedlung um 1890 auf die Weihnachtsinsel eingeschleppt und ist dort heute überall anzutreffen. Ratten sind ausgezeichnete Kletterer, die Bäume und Palmen als Lebensraum nutzen – genau dort, wo auch die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ihre Schlafplätze hatte. Es ist daher plausibel, dass Ratten nicht nur Nester plünderten, sondern auch Fledermäuse in Baumhöhlen oder unter Rinde erbeuteten. Dass Ratten in anderen Weltregionen bereits mehrfach für den Rückgang oder das Aussterben kleiner Fledermäuse verantwortlich gemacht wurden, stützt diese Annahme (SPRAT).

Auch die Hauskatze (Felis catus) wurde Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt und hat sich in einer verwilderten Population etabliert. Katzen sind global berüchtigt dafür, Inselökosysteme massiv zu destabilisieren – Millionen Vögel, Reptilien und Kleinsäuger fallen ihnen jedes Jahr zum Opfer. Für die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus gibt es zwar keine direkten Belege durch Mageninhaltsanalysen, doch aufgrund ihrer niedrigen Quartier- und Jagdflughöhe hätten sie potenziell zur leichten Beute werden können (SPRAT). Schon ein geringer zusätzlicher Jagddruck durch Katzen könnte für eine kleine, schrumpfende Population verheerend gewesen sein.

Graubartfalke auf der Weihnachtsinsel
Der Graubartfalke jagt auf dem australischen Festland vor allem bodenlebende Wirbeltiere wie Eidechsen, kleine Säugetiere und Insekten. Fledermäuse wurden nur selten als Beute nachgewiesen.
Leoxiong, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Der ursprünglich vom australischen Festland stammende Graubartfalke (Falco cenchroides) wurde in den 1950er-Jahren erstmals auf der Weihnachtsinsel registriert. Anfangs nur in kleiner Zahl im Nordosten vertreten, breitete er sich in den 1980er-Jahren stark aus. Heute nutzt er vor allem sekundäre Regenwälder sowie Waldränder, Schneisen und offene Flächen zur Jagd – den dichten Primärwald meidet er weitgehend (SPRAT).

Aus einer 1985 von Charles Tidemann veröffentlichten Studie geht hervor, dass die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus 1984 regelmäßig am späten Nachmittag auf Insektenjagd ging. Da Fledermäuse in vielen Regionen mit Greifvogeldruck meist nachtaktiv sind, könnte das frühere Jagdverhalten ein Hinweis auf die damalige Abwesenheit von Taggreifern sein. Spätere Untersuchungen von Lumsden und Cherry zeigten jedoch, dass die Art nicht mehr tagsüber jagte – vermutlich eine Anpassung an den zunehmenden Beutedruck durch den Graubartfalken. Die Fledermäuse verlegten die Jagd auf die Dämmerung, wenn das Risiko durch tagaktive Greifvögel geringer ist (SPRAT).

Trotzdem gilt der Falke nicht als Hauptursache für das Aussterben. Er kam sowohl in Gebieten vor, in denen die Zwergfledermaus bereits verschwunden war, als auch in solchen, wo sie noch vorkam. Wahrscheinlich wirkte er eher als zusätzlicher Stressfaktor, der den Rückgang beschleunigte (Schulz & Lumsden, 2004).

Auch die beiden endemischen Greifvögel – der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht (Accipiter fasciatus natalis) und der Weihnachtsinselkauz (Ninox natalis) – könnten gelegentlich Zwergfledermäuse erbeutet haben. Da sie aber seit jeher gemeinsam mit der Fledermaus auf der Insel lebten, ohne die Bestände ernsthaft zu gefährden, gibt es keine Hinweise, dass sie in jüngerer Zeit durch verstärkte Jagd oder ein verändertes Beuteverhalten eine größere Rolle gespielt haben (Schulz & Lumsden, 2004).

Scolopendra subspinipes als invasive Art auf der Weihnachtsinsel
Der Riesenläufer Scolopendra subspinipes kann eine Länge von bis zu 20 Zentimetern erreichen und ist in tropischen und subtropischen Regionen Asiens beheimatet. Als invasive Art ist er heute unter anderem auf mehreren Pazifik- und Karibikinseln zu finden.
Kyu3a, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Der Riesenläufer Scolopendra subspinipes gelangte ebenso mit der ersten Besiedlung auf die Weihnachtsinsel. Charles William Andrews berichtete 1900, dass die Tiere mit Palmblattdächern eingeschleppt wurden. Einige Zeit später vermerkt er in On the fauna of Christmas Island (1909), dass die Riesenläufer sich stark vermehrt hatten – seither sind sie auf der gesamten Insel weit verbreitet.

Riesenläufer gelten als äußerst aggressive, nachtaktive Räuber. Neben Insekten und anderen Wirbellosen jagen sie auch kleine Wirbeltiere: Eidechsen, Frösche, Mäuse, Jungvögel – und sogar junge Schlangen. Da die Tiere sowohl am Boden als auch in Bäumen aktiv sind, konnten sie ohne Weiteres in die Schlafquartiere der Weihnachtsinsel-Zwergfledermäuse eindringen, um sie zu stören oder durch Bisse Verletzungen zu verursachen.

Ein Biss ist für kleine Wirbeltiere besonders gefährlich: Mit seinen Giftklauen injiziert der Riesenläufer Neurotoxine und Cytotoxine, die nicht nur lähmend wirken, sondern auch Gewebe zerstören können. Für Tiere von nur wenigen Gramm Gewicht dürfte ein einzelner Angriff tödlich sein. Laut dem SPRAT-Artenprofil waren vor allem die flugunfähigen Jungtiere gefährdet, die nachts allein in ihren Quartieren zurückblieben. Ob der Riesenläufer tatsächlich in nennenswertem Ausmaß Zwergfledermäuse erbeutete, ist wissenschaftlich nicht belegt. Klar ist jedoch, dass er eine potenzielle Gefahr darstellte.

Lebensraumzerstörung und Quartierverlust

Neben invasiven Arten steht auch der systematische Phosphatabbau, der 1899 seinen Anfang nahm, im Verdacht, eine Rolle beim Rückgang der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus gespielt zu haben. Der Bergbau hat das Ökosystem der Insel nachhaltig verändert: Für Abbauflächen, Transportwege und Siedlungen wurden große Teile des Primärwaldes gerodet – genau jenes Lebensraums, den die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus für ihre Quartiere benötigte. Wahrscheinlich führte diese frühe Phase intensiver Rodungen bereits zu ersten Bestandsrückgängen (Schulz & Lumsden, 2004). Auch die Nahrungsgrundlage der Fledermäuse könnte durch Erosion und den Rückgang von Insektenhabitaten beeinträchtigt worden sein.

Weihnachtsinsel Phosphatabbau
Auch heute noch wird auf der Weihnachtsinsel Phosphat abgebaut und exportiert.
DIAC images, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Die Rodungen von Primärwald endeten 1987 – also vor dem Bestandskollaps der Art in den 1990er-Jahren. Lebensraumverlust allein erklärt das Aussterben daher nicht. Dennoch traf jede weitere Veränderung oder Fragmentierung die geschwächte Population. Dazu gehörte auch die Beseitigung von Sekundärwald auf ehemaligen Bergbau- und Siedlungsflächen, die vermutlich wichtige Jagdgebiete boten (SPRAT). Hinzu kam, dass der Bergbau mit Versorgungsschiffen und Arbeitskräften invasive Arten wie Ratten, Katzen, Hunde und die Gelbe Spinnerameise auf die Insel brachte – Bedrohungen, die später den Fledermausschwund mit bewirkten.

Eine besondere Rolle spielten die in den 1960er-Jahren für den Abbau angelegten „Drill Lines“, hunderte Schneisen quer über die Insel. Entlang dieser offenen Strukturen jagten Zwergfledermäuse besonders häufig. Mit Wiederbewaldung und Sturmschäden verschwanden diese Jagdhabitate jedoch bis Mitte der 1990er-Jahre – ein Faktor, der den Rückgang begünstigt haben könnte, ohne das Aussterben allein zu erklären (Schulz & Lumsden, 2004).

Zusätzlich veränderten Naturereignisse die Lebensbedingungen. So beschädigte ein Zyklon im März 1988 weite Teile des Primärwaldes. Solche tropischen Wirbelstürme könnten enorme Auswirkungen auf Fledermauspopulationen haben. Direkte Folgen sind zwar nicht dokumentiert, doch der Verlust von Baumhöhlen und Borkenquartieren dürfte die ohnehin knappen Schlafplätze weiter reduziert haben.

Weihnachtsinsel
Rund 63 % der Weihnachtsinsel stehen heute als Nationalpark unter Schutz. Noch immer ist etwa zwei Drittel der Insel von Regenwald bedeckt – ein Refugium für endemische Arten, von denen viele bereits ausgestorben sind.
DIAC images, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Der Verlust geeigneter Quartiere – insbesondere der Wochenstuben – könnte ein Schlüsselfaktor für das Verschwinden der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus gewesen sein. Wochenstuben lagen überwiegend unter loser Borke abgestorbener Bäume der Art Tristiropsis acutangula (SPRAT). Diese Strukturen waren jedoch äußerst instabil: Lumsden und Schulz (2009) berichten, dass von sieben 2005 dokumentierten Wochenstubenbäumen innerhalb von nur vier Monaten mehr als die Hälfte umstürzte oder durch abfallende Borke unbrauchbar wurde.

Im letzten Rückzugsgebiet der Art, den sogenannten „Dales“ im Westen der Insel, standen nur wenige solcher Bäume – vermutlich Überreste eines einzelnen Naturereignisses (SPRAT). Warum die Weibchen ihre Jungen bevorzugt in diesen unsicheren Borkenquartieren und nicht in stabileren Baumhöhlen zur Welt brachten, ist unklar. Möglicherweise boten die Spalten der Borke bessere Fluchtmöglichkeiten vor Fressfeinden, während Baumhöhlen oft nur einen Ausgang haben und die Gefahr des Eingeschlossenseins erhöhten. Die Abhängigkeit von einer so kurzlebigen Struktur machte die Art sehr verwundbar: Schon der Verlust weniger geeigneter Bäume konnte für die kleine Restpopulation gravierende Folgen haben.

Obwohl bis zuletzt rund drei Viertel der Insel von Regenwald bedeckt blieben – ein großer Teil davon im heutigen Nationalpark –, war der frühe Verlust von Primärwald und die anhaltende Störung durch Bergbauaktivitäten vermutlich entscheidend für die Schwächung der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus. Denn nicht allein die Fläche, sondern die Qualität und Kontinuität des Lebensraums bestimmten das Überleben. Das Arthur Rylah Institute formulierte 2007 treffend: „Großflächige Habitatveränderungen durch Abbauaktivitäten haben potenziell erheblich zur Gefährdung der Art beigetragen.“

Verfolgung und Störung durch die Gelbe Spinnerameise

Die Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes) zählt laut IUCN zu den 100 schlimmsten invasiven Arten weltweit. Zwischen 1915 und 1934 versehentlich auf die Weihnachtsinsel eingeschleppt, veränderte sie dort ab Mitte/Ende der 1990er-Jahre ihr Verhalten. Sie bildete keine Einzelkolonien mit einzelnen Königinnen mehr, sondern Superkolonien mit mehreren Königinnen und Millionen Arbeiterinnen – ein Verhalten, das die Gelbe Spinnerameise als Neozoon noch aggressiver und ökologisch zerstörerischer machte.

Diese Superkolonien breiteten sich rasant aus, was dazu führte, dass die Ameisen sowohl am Waldboden als auch im Kronendach zahlenmäßig dominierten und konsumierten. Laut James (2005) bedeckten die Kolonien, die bis zu mehrere Hundert Hektar groß sein können, auf dem Höhepunkt ihrer Ausbreitung rund 28 % der gesamten Regenwaldfläche der Weihnachtsinsel.

Gelbe Spinnerameisen mit Gecko
Gelbe Spinnerameisen schleppen einen toten Gecko davon – ob sie ihn selbst erlegt haben oder er bereits tot war, ist unklar.
Dinakarr, CC0, via Wikimedia Commons)

Die Folgen waren gravierend: Mit Ameisensäure töteten die Insekten nicht nur unzählige wirbellose Tiere, sondern auch größere Arten wie neugeborene Ratten, Katzen oder Hunde sowie den inzwischen in der Wildnis ausgestorbenen Lister-Gecko (Lepidodactylus listeri) oder Palmendiebe (Birgus latro). Am bekanntesten ist ihr Beitrag zum Massensterben der Weihnachtsinsel-Krabben (Gecarcoidea natalis), von denen über 20 Millionen Tiere ums Leben kamen. Vermutlich haben die invasiven Ameisen auch das Aussterben der Weihnachtsinsel-Spitzmaus (Crocidura trichura) in den 1990er-Jahren mitverschuldet; selbst Küken bedrohter See- und Landvogelarten fallen ihnen zum Opfer.

Welche Rolle die Spinnerameisen beim Aussterben der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus spielten, ist weniger eindeutig. Direkte Angriffe sind zwar dokumentiert – so starb 1998 eine in einer Harfenfalle gefangene Fledermaus nach einem Ameisenangriff (Schulz & Lumsden, 2004) –, doch vermutlich wirkten sie eher indirekt: durch Stress, Blindheit oder Verletzungen infolge von Ameisensäurekontakt, durch die Störung von Schlafplätzen oder durch den Rückgang verfügbarer Insektenbeute.

Besonders problematisch war, dass sämtliche bekannte Quartiere der Zwergfledermaus direkt in Ameisenstraßen lagen – etwa unter sich ablösender Rinde oder in Baumritzen, die die Ameisen auf ihrem Weg in die Baumkrone passierten (SPRAT). Damit hatten die Gelben Spinnerameisen leichten Zugang zu den Schlafplätzen der Fledermäuse. Auch Baumhöhlen, die als Quartiere dienten, könnten von Ameisen übernommen worden sein (SPRAT).

Um das Ökosystem auf der Weihnachtsinsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Gelben Spinnerameisen loszuwerden, setzte man 2009 großflächig Fipronil-Köder per Flugzeug ein. Das Kontaktgift reduzierte die Spinnerameisen um rund 98 % und zerstörte ganze Superkolonien. In einem Bericht der Christmas Island Expert Working Group (2009) wurde über mögliche Nebenwirkungen des Giftes spekuliert, etwa durch Vergiftung oder Beuteverknappung, doch da der Einsatz erst 2009 begann – im selben Jahr, in dem die letzte Zwergfledermaus verschwand –, spielte Fipronil wohl kaum eine Rolle beim Aussterben.

Nach heutiger Einschätzung waren die Gelben Spinnerameisen nicht der Hauptauslöser des Rückgangs, denn der Niedergang der Zwergfledermaus setzte bereits ein, bevor sich die Ameisen vermehrten. Zudem lag das damalige Hauptverbreitungsgebiet der Art im Westen der Insel – genau dort, wo sich auch die meisten Superkolonien befanden. Wären die Ameisen der entscheidende Auslöser gewesen, spräche der zeitliche Verlauf dafür, dass die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus bereits Ende der 1990er- oder Anfang der 2000er-Jahre verschwunden wäre (SPRAT). Wahrscheinlicher ist, dass die Gelben Spinnerameisen eine zusätzliche Belastung darstellten.

Krankheiten und klimatische Veränderungen

Eine durch Krankheiten ausgelöste Krise gilt als eher unwahrscheinliche Ursache für das Verschwinden der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus. Lumsden und ihr Team (2007) betonen, dass die Tiere selbst während der letzten Jahre des Bestandsrückgangs gesund wirkten: In einer 2005 durchgeführten Untersuchung zeigten alle 52 gefangenen Fledermäuse ein hohes Körpergewicht, keine äußeren Krankheitsanzeichen, und die meisten Weibchen befanden sich in Fortpflanzung. Auch die biologischen Proben waren weitgehend unauffällig – lediglich die Zahl der weißen Blutkörperchen lag unter dem Durchschnitt vergleichbarer Arten, ohne dass sich eine Ursache dafür fand. Sogar das letzte 2009 beobachtete Individuum zeigte keinerlei Anzeichen von Krankheit oder Schwäche.

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus (fotografiert von Lindy Lumsden)
Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus: Auch wenn Untersuchungen keine Krankheitsanzeichen ergaben, könnten andere Stressfaktoren wie Dürren, Hitze oder Veränderungen in den Insektenbeständen das Aussterben beschleunigt haben.
(© Lindy Lumsden, verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Ganz ausschließen lässt sich ein Krankheitsfaktor dennoch nicht. Schulz und Lumsden (2004) verweisen darauf, dass auch die beiden endemischen Rattenarten der Insel vermutlich durch einen von der Hausratte eingeschleppten Erreger ausgerottet wurden. Ein ähnliches Szenario könnte theoretisch auch die Zwergfledermäuse getroffen haben.

Neben invasiven Arten und Habitatverlust könnten auch klimatische Einflüsse eine zusätzliche Belastung dargestellt haben. Dürreperioden, die in den letzten Jahrzehnten auf der Weihnachtsinsel häufiger auftraten, verringerten vermutlich das Insektenangebot und veränderten die thermischen Eigenschaften der Quartiere (Schulz & Lumsden, 2004). Auch Waldbrände in Trockenzeiten – etwa 1994 und 1997 – bedrohten sicherlich den Bestand. Sie vernichteten nicht nur direkte Rückzugsorte im Primärwald, sondern veränderten vermutlich auch die Zusammensetzung der Insektenpopulationen, von denen die Zwergfledermäuse abhängig waren (Schulz & Lumsden, 2004). Solche klimatische Extreme allein erklären das plötzliche Verschwinden der Zwergfledermaus eher nicht, doch könnten sie als verstärkende Stressfaktoren gewirkt haben.

Welcher Aussterbegrund ist am wahrscheinlichsten?

Die Ursachen für das Verschwinden der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus werden sich wohl nie mit letzter Sicherheit klären lassen. Zu viele Faktoren kamen zusammen – jeder einzelne wie ein weiterer Tropfen auf ein bereits überfülltes Fass.

Wahrscheinlich war es keine einzelne Ursache, sondern eine tödliche Kombination: Früh hatte der Phosphatabbau große Teile des Waldes verändert, Zyklone zerstörten Schlafbäume, invasive Ameisen störten die Quartiere – und schließlich kam die Kapuzen-Wolfszahnnatter. Alles deutet darauf hin, dass gerade sie den entscheidenden Anstoß gab: ein neuartiger, kletternder Räuber, gegen den die Zwergfledermaus keinerlei Abwehrstrategien entwickelt hatte. John Woinarski schrieb 2018 treffend: „Es brauchte vielleicht gar nicht viele Schlangen, um eine ganze Art auszulöschen.“

Woinarski (2018) formulierte daneben eine zweite Hypothese, die stärker auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren setzt: Lebensraumverlust durch Bergbau, der Zyklon von 1988 mit dem Verlust vieler Schlafbäume, die Gelbe Spinnerameise, die den Zugang zu Quartieren blockierte, sowie Riesenläufer und Hausratten als zusätzliche Räuber. In dieser Sichtweise war es das Zusammenwirken vieler kleinerer Bedrohungen, das die Art überforderte.

Hinzu kam ein generelles Problem: War die Population einmal stark geschrumpft, stieg das Aussterberisiko exponentiell. Kleine Bestände leiden schneller unter Inzuchtdepression, sind anfälliger für Zufallsereignisse und verlieren ihre Fähigkeit, Verluste auszugleichen.

In einer späteren Analyse (2019) versuchte Woinarski, die Verantwortung prozentual zu gewichten:

  • 55 % Kapuzen-Wolfszahnnatter
  • 30 % Riesenläufer und Gelbe Spinnerameise zusammen
  • 10 % Zyklon von 1988
  • 5 % Rodungen und anderer Lebensraumverlust

Der Phosphatabbau war damit wohl keine direkte „Todesursache“, wohl aber die Bühne, auf der andere Bedrohungen ihre volle Wirkung entfalten konnten: Er reduzierte Lebensraum, brachte invasive Arten auf die Insel und schwächte das fragile Gleichgewicht des Ökosystems.

Rettungsversuche – Frühe Warnungen, keine Reaktion

Bereits zwischen 2002 und 2003 war Fachleuten klar, dass die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ohne Schutzmaßnahmen spätestens 2009 aussterben würde – Warnungen wurden weitergeleitet, aber blieben folgenlos (Heathcote, 2018). Lumsden, Schulz und Kollegen warnten 2006 im Australasian Bat Society Newsletter:

„Seit 1994 ist ein Bestandsrückgang von 90 % zu verzeichnen. Dies lässt vermuten, dass diese Art bei einer Fortsetzung des derzeitigen Rückgangs bis 2008 ausgestorben sein wird.“

Lumsden, Schulz, James, et al., 2006.

Noch im selben Jahr stufte das Threatened Species Scientific Committee der Regierung die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus als „vom Aussterben bedroht“ ein und empfahl ein Zuchtprogramm in menschlicher Obhut, um zu verhindern, dass die Art tatsächlich ausstirbt (Low & Booth, 2023).

Der verspätete Plan

2007 erneuerten Lumsden und ihr Team die Forderung nach einem Nachzuchtprogramm. Doch konkrete Maßnahmen erfolgten erst viel später: Im Januar 2009, als die Population auf nur noch etwa 20 Tiere geschrumpft war, warnten Lumsden und Schulz, dass ohne sofortiges Eingreifen ein Aussterben binnen sechs Monaten wahrscheinlich sei. Auch die Australasian Bat Society forderte, sofort mit der Entnahme und Nachzucht der letzten Tiere zu beginnen.

Statt sofort zu handeln, setzte die australische Regierung jedoch eine Expertengruppe ein und testete Fang- und Haltungsmethoden an einer anderen Fledermausart im Northern Territory. Lumsden schrieb 2009 rückblickend im Australasian Bat Society Newsletter:

„Es ist nicht leicht, über den Rückgang einer Art über 15 Jahre zu berichten, jahrelang zu warnen, dass sie bis 2009 aussterben würde – und dann recht zu behalten.“

Lumsden, 2009.

Der letzte Versuch

Der Bericht des Expertengremiums lag am 1. Juli 2009 vor und das Umweltministerium kündigte schließlich eine Rettungsaktion an. In der dazugehörigen Pressemitteilung hieß es:

„Die australische Regierung wird 1,5 Millionen AUD investieren, um mit der Rettung des Ökosystems der Weihnachtsinsel zu beginnen. Dazu gehört auch eine Mission, die letzten verbliebenen Zwergfledermäuse (…) einzufangen und in einem Zuchtprogramm zu erhalten. (…) Die Vorbereitungen laufen, um (…) in drei Wochen, vom 22. bis 27. Juli, zu versuchen, die letzten Pipistrellen einzufangen (…).“

Australasian Bat Society, 1. Juli 2009.

Doch als das ABS-Team erst im August unter schwierigen Bedingungen auf die Insel reisen durfte, war es bereits zu spät. Es ließ sich nur noch ein einziges Tier nachweisen. Es flog regelmäßig entlang bestimmter Wege, konnte aber trotz aller Bemühungen nicht gefangen werden. Der letzte aufgezeichnete Ruf stammt vom 26. August; später installierte Fledermausdetektoren blieben stumm. Lumsden (2009) schrieb:

„Ich denke wirklich, dass die Art am 26. August 2009 ausstarb, als das letzte verbliebene Individuum dem gleichen Schicksal erlag wie der Rest der Population. Es kommt selten vor, dass man den Tag kennt, an dem eine Art in der Wildnis verschwindet.“

Lumsden, 2009.

Politisches Versagen

Nach dem Aussterben der Weihnachtsinsel-Fledermaus sah sich das Umweltministerium wegen seiner späten Reaktion massiver Kritik ausgesetzt. John Woinarski schilderte den dramatischen Ablauf 2018 in seinem Buch A Bat’s End als ein Paradebeispiel für institutionelles Scheitern.

Fachleute wie Martin Schulz oder Lindy Lumsden sehen die verzögerte Reaktion der Behörden und das Ausbleiben sofortiger Schutzmaßnahmen als entscheidenden Faktor für das endgültige Verschwinden der Art an. Auch Woinarski und Kollegen (2017) analysierten in einem Artikel die Ursachen des Aussterbens von drei australischen Arten – der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus, der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (†2009) und des Weihnachtsinsel-Waldskinks (†2014). Ihre zentrale Erkenntnis lautet: Alle drei Aussterben waren vorhersehbar und hätten wahrscheinlich verhindert werden können.

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus (Pipistrellus murrayi) - Foto von L. Lumsden
Von der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus existieren nur wenige historische Museumspräparate. Sie bilden heute die wichtigste Grundlage für taxonomische, morphologische und genetische Untersuchungen, da keine frischen Gewebeproben mehr verfügbar sind. (Das abgebildete Tier ist ein lebendes Exemplar.)
(© Lindy Lumsden, verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Die Ursachen lagen weniger in der Biologie der Arten selbst als in strukturellen und politischen Versäumnissen – eine Gesetzgebung ohne klare Verpflichtung, Artensterben zu verhindern, unklare Verantwortlichkeiten und langwierige Verwaltungsprozesse, unzureichende Finanzierung, Forschung und Monitoring sowie fehlende Öffentlichkeitsarbeit und Notfallmechanismen.

Obwohl sich der Rückgang der Art deutlich abzeichnete, wurden keine rechtzeitigen Notfallmaßnahmen ergriffen. Für Woinarski und seine Mitautoren ist das Schicksal der Zwergfledermaus deshalb ein exemplarisches Beispiel dafür, wie institutionelle Untätigkeit und mangelhafte Schutzstrukturen direkt zum Aussterben einer Art führen können.

Woinarski (2018) wirft dem Umweltministerium wie auch den verantwortlichen Ministern vor, durch Fehlentscheidungen oder Unterlassungen aktiv zum Aussterben beigetragen zu haben – ohne jemals Verantwortung zu übernehmen. Besonders schwer wiegt, dass nach dem Verschwinden der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus weder eine offizielle Untersuchung eingeleitet noch gesetzliche Reformen angestoßen wurden, um ein ähnliches Szenario zukünftig zu verhindern (Heathcote, 2018).

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus: Eigenständige Art oder Unterart?

In den 1970er-Jahren war die taxonomische Einordnung der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus noch umstritten. Der US-amerikanische Fledermausforscher Karl Friedrich Koopman vertrat 1973 in Systematics of Indo-Australian pipistrelles die Ansicht, die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus sei keine eigenständige Art, sondern lediglich eine Unterart der weit verbreiteten Winzigen Zwergfledermaus (Pipistrellus tenuis). Diese ist in Süd- und Südostasien endemisch, wobei Java die der Weihnachtsinsel nächstgelegene bekannte Population beherbergt. Koopman sah die Tiere der Weihnachtsinsel als konspezifisch an – Unterschiede in Färbung und Größe wertete er als geografische Varianten.

Winzige Fledermaus
In den frühen 1970er-Jahren wurde die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus zeitweise mit der weit verbreiteten Winzigen Zwergfledermaus (Bild) gleichgesetzt. Erst spätere morphologische und genetische Untersuchungen bestätigten ihren Status als eigenständige Art.
Manoj P, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Damals war das Wissen über die Vielfalt und Eigenheiten isolierter Pipistrellus-Inselpopulationen im indo-australischen Raum jedoch noch sehr lückenhaft. Erst eine genauere Untersuchung der Morphologie brachte eine Neubewertung: Der australische Biologe Darrel John Kitchener stufte die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus 1986 in seiner Revision der australo-papuanischen Pipistrellen als eigenständige Art ein. Kurz darauf bestätigten auch John Edwards Hill und D. L. Harrison (1987) diesen Status. Sie stützten sich unter anderem auf Unterschiede im Bau des Penisknochens (Baculum) – ein in der Fledermaustaxonomie oft entscheidendes Merkmal.

Diese Einordnung wird durch eine umfassende morphometrische Analyse mit dem Titel Taxonomic status of the Christmas Island Pipistrelle durch den US-amerikanischen Zoologen Kristofer Helgen (2009) gestützt. Im Auftrag der australischen Regierung verglich er Schädel-, Flügel- und Körpermaße von Exemplaren der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus mit asiatischen Verwandten. Das Ergebnis war eindeutig: Obwohl sie eng verwandt ist, unterscheidet sich Pipistrellus murrayi in zahlreichen Merkmalen klar von der Winzigen Zwergfledermaus und ähnlichen Arten.

Da keine frischen Gewebeproben mehr vorlagen, konnte zwar keine direkte DNA-Sequenzierung durchgeführt werden. Doch die Kombination der morphologischen Befunde mit molekularphylogenetischen Analysen verwandter Arten bestätigt die Eigenständigkeit. Koopmans Hypothese einer bloßen Unterart gilt damit heute als überholt.

Fast alle endemischen Säuger ausgerottet

„Wie auf einer ozeanischen Insel zu erwarten, sind die Säugetiere sowohl zahlenmäßig gering als auch von kleiner Größe. Die Sammlungen, die die Offiziere der H.M.S. Flying Fish und Mr. Lister mitbrachten, umfassten zwei Rattenarten (Mus macleari und M. nativitatis), einen großen Flughund (Pteropus natalis) und eine Spitzmaus (Crocidura fuliginosa, var. trichura); eine kleine insektenfressende Fledermaus wurde gesichtet, aber es konnten keine Exemplare gefangen werden.“

Andrews, 1900.
Weihnachtsinsel-Flughund
Der Weihnachtsinsel-Flughund ist das letzte auf der Insel verbliebene endemische Säugetier. Er ist akut bedroht: Zwischen 1984 und 2012 brach der Bestand um mehr als zwei Drittel ein.
Welbergen, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Mit dieser frühen Beschreibung fasste Charles Andrews die besondere Situation der Weihnachtsinsel treffend zusammen: Wie für viele abgelegene Inseln typisch, war die Zahl der Säugerarten gering – und sie waren in ihrer Evolution an den isolierten Lebensraum angepasst. Ursprünglich lebten hier nur fünf endemische Säugerarten: zwei Rattenarten, eine Spitzmaus, ein Flughund und die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus.

Heute ist von davon fast nichts mehr übrig. Die beiden endemischen Ratten – die Maclear-Ratte und die Weihnachtsinsel-Ratte – starben bereits um 1903 aus, vermutlich durch Krankheiten, die die eingeschleppte Hausratte mitbrachte. Die Weihnachtsinsel-Spitzmaus galt seit Beginn des 20. Jahrhunderts als verschollen, wurde 1985 überraschend wiederentdeckt, verschwand dann aber endgültig – heute gilt auch sie als ausgestorben.

Mit dem Verlust der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus 2009 ging die vierte endemische Säugerart verloren. Damit bleibt nur eine Art übrig: der Weihnachtsinsel-Flughund (Pteropus melanotus natalis). Doch auch er ist stark bedroht, denn Phosphatabbau, Lebensraumverlust und invasive Arten haben die Population stark dezimiert, sodass die australische Regierung die Art seit 2014 offiziell als „vom Aussterben bedroht“ führt.

Die kleine Weihnachtsinsel mitten im Indischen Ozean wurde also innerhalb eines Jahrhunderts fast völlig ihrer ursprünglichen Säugetierfauna beraubt. Das Schicksal dieser Tiere zeigt, wie zerbrechlich Inselökosysteme sind – und wie schnell Arten verschwinden können, wenn verschiedene (menschengemachte) Bedrohungen ineinandergreifen und Schutzmaßnahmen zu spät kommen.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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