emoia nativatis
Auf der Weihnachtsinsel endemische Reptilien: Listers Gecko (links), Weihnachtsinsel-Waldskink (mitte) und Weihnachtsinsel-Blauschwanzskink (rechts). Während der Weihnachtsinsel-Waldskink seit 2014 vollständig ausgestorben ist, sind die beiden anderen Arten in der Wildnis ausgestorben und nur noch dank Zuchtprogrammen existent. Biodiversity Heritage Library, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Weihnachtsinsel-Waldskink

Ein weiterer Verlust für Australiens Fauna

Der Weihnachtsinsel-Waldskink gehört neben der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus (2009) und der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (zwischen 2009 und 2011) zu den jüngsten Verlusten, die Australiens Tierwelt zu verzeichnen hat. Der letzte bekannte Weihnachtsinsel-Waldskink hieß Gump – ein Weibchen, das am 31. März 2014 in Gefangenschaft starb. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um das erste endemische Reptil Australiens, das seit der europäischen Kolonisation ausgestorben ist, so der Ökologe John Woinarski in einem Artikel für The Conversation 2014.

In den späten 2000er-Jahren, als bereits klar war, dass es kaum noch Waldskinks gab, versuchten Forscher auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean Tiere für ein Zuchtprogramm in Gefangenschaft aufzuspüren, konnten aber nur drei Weibchen ausfindig machen – unter ihnen Gump. Bis zuletzt hofften die Wissenschaftler, Gump würde lange genug überleben, bis man ein Männchen finden würde, um die Spezies zu retten. Geklappt hat das nicht; trotz aller Bemühungen fand man keinen anderen Waldskink. Schließlich verstarb Gump keine fünf Monate, nachdem die Art auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten Australiens gesetzt wurde. Schutzmaßnahmen konnten also nicht mehr greifen.

Neben dem Weihnachtsinsel-Waldskink gibt beziehungsweise gab es auf der 135 Quadratkilometer großen Weihnachtsinsel noch vier weitere endemische Reptilienarten: Listers Gecko (Lepidodactylus listeri), Sadleirs Bogenfingergecko (Cyrtodactylus sadleiri), den Weihnachtsinsel-Blauschwanzskink (Cryptoblepharus egeriae) und die Weihnachtsinsel-Blindschlange (Ramphotyphlops exocoeti). Bis auf Sadleirs Bogenfingergecko sind alle diese Arten in den letzten 40 Jahren fast bis zur vollständigen Ausrottung zurückgegangen.

Weihnachtsinsel-Waldskink – Steckbrief
alternative BezeichnungenWaldskink, Weihnachtsinsel-Skink
wissenschaftliche NamenEmoia nativitatis, Lygosoma nativitatis, Emoia nativittatis
englische NamenChristmas Island Whiptail-skink, Christmas Island Forest Skink, Forest Skink
ursprüngliches VerbreitungsgebietWeihnachtsinsel (Indischer Ozean, Australien)
Zeitpunkt des Aussterbens2014
Ursachen für das Aussterbenauf Insel eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust

Waldskinke: Bis in die 1990er noch weit verbreitet

Emoia nativitatis distribution
Der Waldskink war auf der politisch zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel im Indischen Ozean beheimatet. Die Insel ist größtenteils von tropischem Regenwald bedeckt. (© rbrausse, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Bis in die 1990er-Jahre waren Waldskinks auf der australischen Weihnachtsinsel weit verbreitet und dann – ohne Vorwarnung – wurden es immer weniger, bis sie schließlich ganz verschwanden. Das Muster des schnellen und plötzlichen Verschwindens einer Spezies, ohne genauen Grund, ist bereits von der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus bekannt.

Der australische Herpetologe Hal Cogger erinnert sich, 1998 noch mehr als 80 Waldskinke gesehen zu haben, die sich um einen einzelnen umgestürzten Baum herum in der Sonne aalten und nach Nahrung suchten. Woinarski und Cogger schreiben in Australian endangered Species: Christmas Island Forest Skink (2013) für The Conversation, dass die Waldskinke bis in die letzten Jahrzehnte auf der Weihnachtsinsel weit verbreitet waren.

Dann begann der Niedergang. Bis ins Jahr 2003 waren die Waldskinke verstreut und in abgelegenen Regionen auf der Insel anzutreffen. Schon 2008 ergab eine Umfrage, dass sie nur noch in einem einzigen Gebiet auf der Insel zu finden seien. Anschließende Suchen schlugen vollkommen fehl und es konnten keine Tiere ausfindig gemacht werden, sodass man annahm, dass die Reptilienart in ihrem einstigen, bevorzugten Lebensraum nicht mehr vorkommt. Die letzte Sichtung in der Wildnis soll 2010 erfolgt sein, so die Weltnaturschutzorganisation IUCN, die den Weihnachtsinsel-Waldskink seit 2017 in ihrer Roten Liste als ausgestorben führt.

Warum ist der Weihnachtsinsel-Waldskink ausgestorben?

Warum die Zahl der Waldskinke (und anderer Reptilien) auf der Weihnachtsinsel so rapide sank, ist bis heute nicht vollständig geklärt; Wissenschaftler nehmen an, dass eine Kombination aus Faktoren zum Rückgang führte. Die Herpetologen Michael J. Smith und Hal Cogger haben sich schließlich 2012 in einem Paper mit den möglichen Ursachen, die das Sinken der Bestandszahlen mehrerer einheimischer Reptilienarten auf der Weihnachtsinsel bewirken und bewirkt haben, genauer befasst. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass Prädation durch eingeführte Arten wohl den entscheidenden Faktor für den Rückgang der einheimischen Reptilien darstellt. Aber auch andere Prozesse wie interspezifische Konkurrenz könnten eine Rolle spielen, zumal heute auf der Weihnachtsinsel noch fünf weitere nicht-endemische Reptilienspezies leben.

Invasive Arten als Bedrohung der endemischen Fauna

Zu den invasiven Arten auf der Weihnachtsinsel gehören die Hausratten (Rattus rattus) mitsamt ihren Parasiten. Diese gelangten wahrscheinlich unabsichtlich um 1889 mit einem Schiff dorthin, was auch rasch das Aussterben der endemischen Maclear-Ratte und der Weihnachtsinsel-Ratte zur Folge hatte. Die eingeschleppten Nagetiere fressen Eier und Jungtiere der Skinke.

Auch verwilderte Katzen und Hauskatzen kamen mit Schiffen auf die Weihnachtsinsel und setzten der heimischen Tierwelt zu. So ergab eine Analyse von 19 Katzenmägen, dass 30 bis 40 Prozent des Mageninhalts aus einheimischen Geckos und Skinken wie dem Waldskink bestand; dies geht aus dem Final Report of the Christmas Island Expert Working Group (2010) hervor. Auf der Weihnachtsinsel ausgebreitet haben sich außerdem Skolopender oder Riesenläufer (Scolopendromorpha) – nachtaktive, giftige Räuber, die Jagd auf Eidechsen, Skinke, Vögel oder Mäuse machen.

Lycodon capucinus
Die auf die Weihnachtsinsel eingeschleppte Kapuzen-Wolfszahnnatter ist wahrscheinlich der Hauptgrund für den Reptilienschwund auf der Insel. Ursprünglich stammt die Schlangenspezies aus Südostasien. (© Mark O’Shea, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

Die größte Gefahr für die heimische Reptilienwelt stellen aber zwei andere Spezies dar: die Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes) und die Kapuzen-Wolfszahnnatter (Lycodon capucinus). Die Gelbe Spinnerameise kam wahrscheinlich als Neozoon von Afrika versehentlich zwischen 1919 und 1934 auf die Weihnachtsinsel, wo sie das ganze Ökosystem durcheinanderbrachte. Die Superkolonien gründenden Ameisen fressen nicht nur Früchte und rauben Vögeln die Nahrungsgrundlage, sondern auch Tiere wie Vogelküken oder Reptilien. Da sich aber die Spinnerameisen vorwiegend an den Küsten der Insel oder in küstennahen Gebieten aufhalten, nehmen Smith und Cogger an, dass sie alleine nicht für den Rückgang der Reptilien der Weihnachtsinsel verantwortlich sind.

Hier kommt die in den frühen 1980er-Jahren eingeschleppte Kapuzen-Wolfszahnnatter ins Spiel. Sie trägt wahrscheinlich den wichtigsten Teil zum Verschwinden des Waldskinks bei, denn sie ernährt sich hauptsächlich von Eidechsen und Skinken. Beim Weihnachtsinsel-Blauschwanzskink hat ihre Anwesenheit bereits zu seinem Aussterben in freier Wildbahn geführt. Gemäß IUCN könnte die Kapuzen-Wolfsnatter unmittelbar für das Aussterben des Waldskinks verantwortlich sein; auch Smith und Cogger sind dieser Ansicht.

Lebensraumverlust durch Phosphatabbau und Urbanisierung

Neben den invasiven Arten kann auch der Verlust natürlichen Lebensraum zu einem kleinen Teil den Rückgang der heimischen Fauna bewirkt haben, darauf weist die IUCN hin. Auf der Weihnachtsinsel wird nämlich seit 1890 Phosphat abgebaut und exportiert, was 25 Prozent des Waldlebensraums, der zum großen Teil aus tropischem Regenwald besteht, zerstörte. Mit der Entdeckung des Phosphats kam es schließlich auch zur Besiedlung der Weihnachtsinsel.

Smith und Cogger räumen ein, dass Bergbau und Urbanisierung sicherlich negative Auswirkungen auf den Lebensraum hatten, aber die einheimischen Reptilien sich in ungestörtere Gebiete zurückgezogen haben. Die Rodung von Wäldern zum Beispiel sehen sie also nicht als Hauptursache für den Rückgang der Reptilien. Die Wissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass Reptilien auch aus den Teilen der Insel verschwunden sind, wo es zu keiner Lebensraumzerstörung kam.

Weihnachtsinsel-Waldskinke sind wenig erforscht

Emoia boettgeri
Boettgers Skink gilt als der nächste Verwandte des ausgestorbenen Weihnachtsinsel-Waldskinks; das ergaben genetische Untersuchungen. (© thibaudaronson, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Skinke (Scincidae) der artenreichen Gattung Emoia sind auf Inseln im Nordwest- bis Südpazifik verbreitet. Gemäß der Reptile Database werden derzeit 78 Arten unterschieden, die sich basierend auf morphologischen Kriterien in acht Gruppen unterteilen lassen, die auch jeweils auf anderen Inseln vorkommen. Diese Artenvielfalt geht wahrscheinlich auf das evolutionsbiologische Phänomen der adaptiven Radiation zurück.

Eine genetische Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass der Weihnachtsinsel-Waldskink innerhalb der Gattung Emoia am nächsten mit Boettgers Skink (Emoia boettgeri) verwandt ist. Dieser lebt etwa 4.000 Kilometer entfernt in Mikronesien im Pazifischen Ozean. Die evolutionäre Auseinanderentwicklung (Divergenz) der Merkmale beider Arten muss vor rund 13 Millionen Jahren, während des späten Miozäns stattgefunden haben.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Weihnachtsinsel-Waldskink ausgestorben ist, und dennoch findet man recht wenig darüber, wie er lebte oder wie er aussah. Aus der wissenschaftlichen Erstbeschreibung der Spezies, veröffentlicht durch den belgisch-britischen Zoologen George A. Boulenger 1887, geht unter anderem folgendes die äußeren Merkmale der Spezies betreffend hervor:

„(…) eidechsenförmig; (…) Schnauze lang, stumpf. Unteres Augenlid mit ungeteilter transparenter Scheibe. (…) Ohrenöffnung oval, (…) Zehen etwas verlängert, an der Basis leicht abgeflacht, am Ende komprimiert (…). Braun oben, stark schillernd, mit kleinen goldenen und schwarzen Flecken, am zahlreichsten an den Seiten und Gliedmaßen; Unterseiten weiß.“

Report on a Zoological Collection made by the Officers of H.M.S. Flying Fish at Christmas Island, Indian Ocean. Proceedings of the Zoological Society of London 1887, S. 516-517, G. A. Boulenger.

Boulenger lag als Holotypus für seine Beschreibung der neuen Spezies nur „ein einzelnes weibliches Exemplar, ohne Schwanz“ vor. Die Kopflänge betrug 1,5 Zentimeter und der Körper maß 5,6 Zentimeter. Woinarski gibt als Körperlänge für den Weihnachtsinsel-Waldskink rund 20 Zentimeter an, wobei der Schwanz etwa zwei Drittel der Länge einnimmt.

Cogger fasste seine Beobachtungen zum bevorzugten Lebensraum des tagaktiven und bodenbewohnenden Weihnachtsinsel-Waldskinks 1983 in Reptiles and Amphibians of Australia so zusammen: Die Art wurde auf Waldlichtungen, normalerweise im Laubstreu gefunden, gelegentlich aber auch in niedrig gewachsener Vegetation oder auf Baumstümpfen. Der Waldskink soll überall dort reichlich anzutreffen gewesen sein, wo Sonne durch die Blätterdächer eindrang, vor allem entlang von Wegen oder Straßen, die in Sonnenlicht getaucht sind.

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