Eine Art gilt als „in der Wildnis ausgestorben“ (EW), wenn sie nur noch unter menschlicher Obhut als Ex-situ-Population existiert oder außerhalb ihres historischen Verbreitungsgebiets als naturalisierte Population überlebt. Ex-situ-Erhaltung spielt eine wichtige Rolle im Artenschutz, insbesondere für bedrohte Arten, bei denen der natürliche Lebensraum zerstört ist oder die direkten Gefahren ausgesetzt sind. Trotz der Bemühungen von Zoos und Botanischen Gärten, bedrohte Arten zu erhalten, ist die Wiederherstellung ihres Wildstatus nicht immer erfolgreich.
Die Erhaltung der Biodiversität zielt darauf ab, die ökologische Funktion zu bewahren und das ökologische Aussterben zu verhindern. Die Auswilderung von Ex-situ-Populationen ist allerdings oft ein langwieriger Prozess, der sorgfältige Planung, Forschung und Überwachung erfordert, um sicherzustellen, dass die ausgewilderten Tiere oder Pflanzen in ihrem neuen Lebensraum überleben. Der Lebensraum, in den die Populationen ausgewildert werden, kann sich beispielsweise von ihrem natürlichen Lebensraum unterscheiden. Veränderungen in der Umwelt wie Lebensraumzerstörung, Klimawandel oder die Einführung invasiver Arten können die Überlebensfähigkeit der ausgewilderten Populationen beeinträchtigen.
Socorrotaube (Zenaida graysoni) Die Socorrotaube, auch als Graysontaube bekannt, war ausschließlich auf der Vulkaninsel Socorro im östlichen Pazifik, im Südwesten von Nordamerika, beheimatet. Sie wurde zuletzt 1972 in freier Wildbahn dokumentiert, nachdem Socorro ab den 1950er-Jahren für militärische Zwecke genutzt wurde. Der Bau von Einrichtungen und die militärische Präsenz führten zur Zerstörung ihres Lebensraums und zur Einführung von Katzen und Ratten, die sowohl die Küken als auch die Eier der zutraulichen Socorrotaube fraßen. Trotz ihrer Ausrottung in freier Wildbahn gibt es einige gezielte Zuchtprogramme in menschlicher Obhut, die versuchen, diese Art zu erhalten und möglicherweise wieder in ihren natürlichen Lebensraum einzuführen.
Balistar (Leucopsar rothschildi) Der Balistar oder Bali-Mynah lebte zum Zeitpunkt seiner Entdeckung im Jahr 1910 nur in einem 50 Kilometer langen Küstenstreifen auf der Insel Bali. Die Wildpopulation ist seit mindestens 1994 fast ausgestorben. Während einer Überprüfung wurde 2015 festgestellt, dass weniger als 15 Vögel in freier Wildbahn flogen, was auf den starken Einfluss des illegalen Handels mit Wildtieren hindeutet. Weitere Bedrohungen stellen die Abholzung des Lebensraums, invasive Arten und die illegale Jagd dar. Die Begawan-Stiftung führt seit 1999 ein Zuchtprogramm durch und hat 2006 und 2007 insgesamt 64 Balistare auf Nusa Penida ausgesetzt. Monitoring-Programme zeigen, dass sich die Population bis 2009 auf über 100 Individuen erhöht hat, dennoch ist sie stark durch illegale Aktivitäten beeinträchtigt.
Jangtse-Stör (Acipenser dabryanus) Der Jangtse-Stör ist endemisch in China, und zwar im Jangtsekiang und seinen Nebenflüssen. Er wurde zuletzt in den 1990er-Jahren gesichtet. Veränderungen des Lebensraums, verursacht durch den Bau von Staudämmen, haben das natürliche Habitat der Fischart stark beeinträchtigt. Zudem war der Jangtse-Stör stark überfischt, sowohl für seine Fischeier (Kaviar) als auch für sein Fleisch. Die Wasserverschmutzung im Jangtse-Fluss hat ebenfalls zu seinem Rückgang beigetragen. Mehrere chinesische Aquakultur-Forschungsinstitute haben mit der Zucht von Jangtse-Stören in menschlicher Obhut begonnen. Sie konzentrieren sich auf die Erhaltung der genetischen Vielfalt und das Verständnis der Fortpflanzung dieser Art, um erfolgreiche Zuchtmethoden zu entwickeln.
Hawaiikrähe (Corvus hawaiiensis) Die ursprünglich in den Hochlandwäldern von Hawaii heimische Hawaiikrähe wurde in der Wildnis zuletzt 2002 dokumentiert. Die Hauptursachen für ihr Aussterben sind Habitatverlust, Krankheiten wie das West-Nil-Virus und die Einführung invasiver Arten, die ihre Nahrungsquellen und Fortpflanzung beeinträchtigen. Es gab mehrere Auswilderungsversuche, um die Hawaiikrähe wieder in die Wildnis einzuführen. Die ersten Versuche, in den späten 1990er-Jahren mit der Auswilderung von Nachzuchten, verliefen erfolglos. Die meisten der Vögel überlebten nicht lange in freier Wildbahn. Aktuell gibt es Bemühungen, die Hawaiikrähe durch gezielte Zuchtprogramme und Monitoring-Strategien zu retten. Im Dezember 2024 wurde ein neuer Versuch gestartet, die Art auf der Insel Maui wieder anzusiedeln.
Nördliches Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum cottoni) Das Nördliche Breitmaulnashorn gilt in der Wildnis Afrikas als ausgestorben, da die letzten Individuen in den 2000er-Jahren gesichtet wurden. Die Art war in den 1970er-Jahren noch relativ verbreitet, erlebte jedoch aufgrund von Wilderei und Lebensraumverlust einen starken Rückgang. Sie wurde vor allem wegen ihrer Hörner gejagt, die auf dem Schwarzmarkt hoch gehandelt werden. Im Jahr 2018 wurde das letzte bekannte Nördliche Breitmaulnashorn unter Schutz gestellt. Gegenwärtig existieren noch zwei lebende weibliche Exemplare in Kenia, die auf künstliche Befruchtung angewiesen sind, um das Überleben der Art zu sichern.
Tequila-Kärpfling (Zoogoneticus tequila) Der erst 1990 entdeckte Tequila-Kärpfling gilt seit 2003 als in der Wildnis ausgestorben, vor allem aufgrund von Habitatverlust, Wasserverschmutzung und invasiven Arten wie Guppys und Platys. Vor diesem Rückgang war er erfolgreich in menschlicher Obhut gezüchtet worden, insbesondere im Chester Zoo. Im Jahr 2014 begannen Auswilderungsversuche, bei denen 40 Männchen und 40 Weibchen in künstlichen Teichen gehalten wurden. Bis 2021 war die Population auf rund 10.000 Individuen angewachsen, von denen 1.500 im Río Teuchitlán in Mexiko ausgesetzt wurden. Die IUCN hat die Art 2018 von „vom Aussterben bedroht“ auf „stark gefährdet“ herabgestuft, dennoch bleibt die Population anfällig für Bedrohungen, die ihr Überleben gefährden könnten.
Manche Arten, die in der Wildnis ausgestorben sind, sind übrigens nicht selten, wie zum Beispiel die Arten der Pflanzengattung Brugmansia (Engelstrompete), die man weltweit kultiviert hat, die aber in der Wildnis nicht mehr vorkommen. Auch der Feuerschwanz-Fransenlipper (Epalzeorhynchos bicolor) ist ein beliebter Zierfisch und in unzähligen Aquarien weltweit anzutreffen, obwohl er in seiner ursprünglichen Heimat, Thailand, lange Zeit als in der Natur ausgestorben galt. Neueren Informationen zufolge sollen wieder einige Exemplare der Art im Fluss Chao Phraya leben.
Über die Autorin: Doreen Fräßdorf
Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.
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