Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte

Bramble Cay Mosaikschwanzratte Melomys rubicola

Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte erreichte eine Körperlänge von 14 bis 16 Zentimeter; ihr schuppiger, dünner Schwanz war noch einmal 14,5 bis 18 Zentimeter lang. (© Ian Bell, EHP, State of Queensland, Creative Commons Attribution 3.0 Australia)

Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte – Steckbrief
lateinischer Name Melomys rubicola 
englische Namen Brambly Cay Melomys, Bramble Cay Mosaic-tailed Rat
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Bramble Cay (Torres-Strait-Inseln, Australien)
Zeitpunkt des Aussterbens zwischen 2009 und 2011
Ursachen für das Aussterben Lebensraumverlust durch Klimawandel, wiederholte Überflutung der Insel

Das erste Opfer des menschengemachten Klimawandels

Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte gilt als die erste Säugetierart, die primär oder ausschließlich aufgrund des anthropogenen Klimawandels für ausgestorben erklärt wurde. Sie lebte auf der Torres-Strait-Insel Bramble Cay, einer der am stärksten begrenzten Lebensräume. Bramble Cay ist eine unbewohnte, nur 150 Meter breite und 340 Meter lange Sandinsel am nördlichsten Punkt Australiens, umgeben von einem Korallenriff des Great Barrier Reef. Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte galt als das isolierteste australische Säugetier. Sie teilte sich ihren Lebensraum mit zahlreichen Seevögeln und nistenden Meeresschildkröten.

Forscher der Queensland University schrieben 2013 über die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte, dass sie das wohl ungewöhnlichste wie auch verhängnisvollste Verbreitungsgebiet von allen australischen Säugetieren bewohnte: Eine instabile vier oder fünf Hektar große Koralleninsel. Es ist klar, dass der Klimawandel, der seit Beginn der 1990er-Jahre zu einem Meeresspiegelanstieg führte, auf eine Insel wie Bramble Cay, deren höchste Erhebung sich gerade einmal drei Meter über dem Meeresspiegel befindet, immense Auswirkungen hat.

In der Meerenge Torres-Straße, in der auch Bramble Cay liegt, war der Meeresspiegelanstieg seit 1993 mit mindestens sechs Millimeter jährlich besonders hoch. Allein zwischen 1993 und 2010 erhöhte er sich um mehr als zehn Zentimeter. Ein höherer Meeresspiegel wirkt sich auch auf die Wetterverhältnisse aus: Es ereigneten sich mehr tropische Wirbelstürme und Überflutungen. 

Schätzungen zufolge, verschwand rund 97 Prozent der Vegetation auf Bramble Cay aufgrund wiederholter Überschwemmungen. Die Inselfläche, die dauerhaft über dem Wasser liegt, schrumpfte von vier auf 2,5 Hektar. Bei einer Expedition im Jahr 2014 waren nur noch 650 Quadratmeter des Eilands mit Vegetation bedeckt und es existierten nur noch zwei der elf dort einst lebenden Pflanzenarten.

Wie kam die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte nach Bramble Cay?

Karte: Bramble Cay Insel

Bramble Cay liegt im Nordosten der zu Queensland, Australien, gehörenden Torres-Strait-Inseln im Gewässer Torres-Straße und am Nordwestende des Great Barrier Reef. (© derivative work: Ratzer1 (talk)TorresStraitIslandsMap.png:Kelisi at en.wikipedia, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Niemand weiß sicher, wie die Nager auf die abgelegene, isolierte Koralleninsel Bramble Cay gelangten. In einem Bericht zum Erhaltungs- und taxonomischen Status der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte für das Queensland Environment Department suchten A. Dennis und D. Storch 1998 nach Erklärungen.

Eine ihrer Theorien ist, dass es eine bislang unbekannte Mosaikschwanzratten-Population in der Region des Fly River im Süden Neuguineas gibt. Bramble Cay liegt nur 50 Kilometer entfernt von der Mündung des Fly-Flusses. Baumstämme und Schutt werden regelmäßig ausgespült und landen vor der Küste der Insel. So könnten die Ratten entweder auf Treibholz oder in Kanus der Papua, die Bramble Cay besuchten, dorthin gelangt sein.

Die Fly-River-Region ist, vor allem was Säugetiere betrifft, wenig erforscht, weshalb nicht ausgeschlossen ist, dass eine Bramble-Cay-Population oder eine eng verwandte Art dort lebt. Bislang haben Wissenschaftler aber trotz intensiver Suchen keine weiteren Bramble-Cay-Ratten dort oder auf anderen Inseln entdecken können.

Dennis und Storch haben noch eine zweite Theorie, die sie auch für am wahrscheinlichsten halten. In Anbetracht der derzeitigen Meeresspiegeländerungen in der Torres-Straße gehen sie davon aus, dass es sich bei der Ratte von Bramble Cay um ein Relikt aus der Zeit handelt, als Australien und Papua-Neuguinea vor rund 9.000 Jahren über eine Landbrücke miteinander verbunden waren. Das würde auch die enge genetische Verwandtschaft der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte mit anderen Mosaikschwanzratten auf dem australischen Festland erklären.

Die Zahl der Ratten auf Bramble Cay nahm stetig ab

Entdeckt wurde die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte 1845 vom Briten Charles Brampfield Yule, der als Kommandant der HMS Bramble auf die Koralleninsel gelangte. Die europäischen Entdecker von der HMS Bramble verliehen der Insel auch ihren Namen. Zu jener Zeit seien die Ratten so zahlreich gewesen, dass die Schiffscrew sich einen Spaß daraus machte, sie mit Pfeil und Bogen zu jagen.

Mehrere hundert Individuen sollen es 1978 gewesen sein. Weitere 20 Jahre später schätzten Wissenschaftler, basierend auf 42 in Lebendfallen gefangenen Tieren, die Population auf etwa 98 Tiere. Auf Suchexpeditionen 2002 und 2004 hat man nur noch zehn und zwölf Tiere gezählt beziehungsweise in Lebendfallen gefangen. Und während der jährlichen Expeditionen ab 2007 zur Erforschung der Schildkröten auf Bramble Cay hat niemand eine Mosaikschwanzratte zu Gesicht bekommen.

Während eines kurzen Besuchs der Koralleninsel im Jahr 2014, wies nichts auf die einst dort lebenden Ratten hin. Die Suche mit 150 Lebendfallen und zehn Kamerafallen erwies sich als erfolglos. Zusätzlich registrierten die Wissenschaftler, dass beinahe die gesamte Inselvegetation verschwunden war.

Eigentlich ein guter Plan, aber leider zu spät

Vogelaktivität auf Bramble Cay an einem späten Nachmittag 2014

Blick auf Bramble Cay vom Boot aus, 2014. Zu den wenigen menschlichen Spuren auf der Insel gehört der Leuchtturm Bramble Cay Light, der 1924 errichtet, 1954  abgerissen und schließlich 1987 durch den heutigen Leuchtturm ersetzt wurde. (© State of Queensland, CC BY 3.0 AU, via Wikimedia Commons)

Obwohl ihre Suche nach Mosaikschwanzratten auf Bramble Cay im Jahr 2014 erfolglos war, fasste ein Team von Wissenschaftlern einen optimistischen Plan. Sie wollten, angeleitet von Ian Gynther, Naturschutzbeauftragter des Department of Environment and Heritage Protection, Mosaikschwanzratten auf der Insel fangen, um eine Population in Gefangenschaft zu züchten. Diese hätte das Aussterben der Art verhindern sollen. Dass sie bei ihren kurzen Inselbesuchen 2011 und 2014 schon keine Nager fanden, schrieben sie dem begrenzten Fangaufwand zu, den sie betrieben.

Die Wissenschaftler wollten so bald wie möglich nach Bramble Cay zurückkehren, es dauerte jedoch fünf Monate, die erforderlichen Genehmigungen zur Zucht der Tiere in Gefangenschaft von den australischen Regierungsbehörden und verschiedenen Interessensgemeinschaften einzuholen. Gynther äußerte sich 2016 dazu in einem Artikel von Jeremy Hance im Guardian: „Die Zucht in Gefangenschaft ist ein teures Unterfangen, das von den beteiligten Parteien einen erheblichen Personalaufwand, Ressourcen und Zeit erfordert. Dies gilt vor allem für ein Zuchtprogramm, dessen Zeitdauer nicht absehbar ist, wie es bei der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte der Fall gewesen wäre.“

„Als sich herausstellte, dass ein Zuchtprogramm in Gefangenschaft als Erhaltungsmaßnahme dringend erforderlich ist, war es bereits zu spät“, so Gynther weiter. Laut der Weltnaturschutzorganisation IUCN war die letzte bestätigte Sichtung der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte im Jahr 2009. Vermutlich ist sie irgendwann zwischen 2009 und 2011 ausgestorben – 2015 wäre der Start für das Zuchtprogramm gewesen.

Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte: Ihr Aussterben war vorhersehbar und vermeidbar

John C. Z. Woinarski, Ornithologe an der australischen Charles Darwin University, und Kollegen veröffentlichten 2016 einen Bericht, in dem sie Entscheidungen und Vorgehensweisen, etwa aus den Bereichen Politik, Management oder Forschung, sowie Mängel identifizieren, die dem Schutz biologischer Vielfalt Im Wege stehen.

Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte sei eines von drei in Australien endemischen Wirbeltieren gewesen, das zwischen 2009 und 2014 ausgestorben ist. Bei den beiden anderen handelt es sich um die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus und den Weihnachtsinsel-Waldskink (Emoia nativitatis). Das Aussterben der drei Arten sei vorhersehbar und wahrscheinlich auch vermeidbar gewesen, so die Wissenschaftler.

Im Fall der Mosaikschwanzratte beklagt Woinarski, dass die heikle Lage der Nager seit Jahren bekannt war. Er nimmt an, dass das Verschwinden der Art vor allem auf die Unterfinanzierung von Naturschutzprogrammen zurückgeht. Zudem sei die Mosaikschwanzratte von Bramble Cay möglicherweise nicht charismatisch genug gewesen, um mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Koala (Phascolarctos cinereus) ist in dieser Hinsicht sicherlich bedeutend erfolgreicher.

Peter Hannam weist 2019 in einem Artikel im Sydney Morning Herald zudem darauf hin, dass der 2008 von der australischen Regierung veröffentlichte Recovery Plan for the Bramble Cay Melomys die Risiken herunterspielt, denen die Ratten ausgesetzt waren. So ist dem Plan zu entnehmen, dass die Folgen des Klimawandels, wie Meeresspiegelanstieg und vermehrt tropische Wirbelstürme, wohl keine größeren Auswirkungen auf den Bestand der Mosaikschwanzratten haben würden.

Tragisch ist, dass ein früherer Entwurf des Recovery Plan den Vorschlag enthielt, durch Zucht von Mosaikschwanzratten in Gefangenschaft, Individuen auf der Insel anzusiedeln, das schreibt die IUCN. Dieser Punkt wurde aus dem endgültig genehmigten Recovery Plan gestrichen. Und damit auch die wirksamste Möglichkeit, die Art vor dem Aussterben zu bewahren. Der letztendlich genehmigte Plan umfasste stattdessen Maßnahmen, die entweder erst gar nicht umgesetzt wurden oder nicht ausreichten, um das Verschwinden der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte zu verhindern.

Melomys: Eine Gattung mit zahlreichen Insel-Endemiten

Kitzfüßige Mosaikschwanzratte Melomys cervinipes

Die Kitzfüßige Mosaikschwanzratte (Melomys cervinipes) lebt an der Ostküste Australiens. Mosaikförmige Schwanzschuppen unterscheiden Mosaikschwanzratten (Melomys) deutlich von Ratten (Rattus), deren Schwanz mit Schuppenringen versehen ist. (© John Gould, Public domain, via Wikimedia Commons)

Kurz nachdem Charles Brampfield Yule zum ersten Mal Kenntnis von den auf Bramble Cay lebenden Ratten genommen hatte, besuchten die auf der HMS Fly angeheuerten Naturforscher John MacGillivray und Joseph Jukes die Insel im Mai 1845. Sie nahmen ein Exemplar der unbekannten Rattenart mit zurück in die Heimat – den späteren Holotypus. Anhand dessen beschrieb der britische Zoologe Oldfield Thomas die Art 1924 schließlich wissenschaftlich als Melomys rubicola. Der Holotypus befindet sich heute im britischen Natural History Museum in London.

Die Gattung der Mosaikschwanzratten (Melomys) umfasst 23 Arten. Diese sind im östlichen Teil Indonesiens, in Neuguinea und in Australien verbreitet. Bei den meisten Arten handelt es sich um Insel-Endemiten, deren Verbreitungsgebiet sich auf eine einzige Insel beschränkt. Das bedeutet gleichzeitig, dass viele Arten von der IUCN als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht eingestuft werden. Die Biologie und Ökologie der meisten Mosaikschwanzratten-Arten ist bislang wenig erforscht, was auch auf die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte zutrifft.

Sie besaß wie alle Mosaikschwanzratten einen langen, unbehaarten Schwanz mit mosaikförmigen Schuppen und Greifspitze. Ihr weiches Fell war rotbraun gefärbt, die Bauchunterseite etwas heller. Verglichen mit ihren drei australischen Verwandten auf dem Festland waren die Mosaikratten auf Bramble Cay größer. Ihre Ohren hingegen waren vergleichsweise klein.

Wie auch andere Vertreter der Gattung schienen sie nachtaktiv gewesen zu sein, denn es wurde beobachtet, wie sich zahlreiche Tiere in der Dunkelheit an der auf Bramble Cay wachsenden Kraut- und Strandvegetation satt fraßen. Tagsüber suchten sie Schutz in Krabbenhöhlen und Baumstämmen.

Im Allgemeinen gehen Biologen davon aus, dass sich Mosaikschwanzratten vegetarisch ernähren, etwa von Früchten, Beeren und Pflanzen. In einem 1998 veröffentlichten Artikel über die Naturgeschichte der Torres-Strait-Insel Bramble Cay im Atoll Research Bulletin liefert die Küstenforscherin Joanna Ellison jedoch Hinweise dazu, dass es bei den Ratten auf Bramble Cay anders gewesen sein könnte. So fand Ellison Rattenspuren, die zu Schildkrötennestern führten. Zudem will sie Ratten beim Fressen von Schildkröteneiern gesehen haben.