Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus

Pipistrellus tenuis

Zunächst hielten Wissenschaftler die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus für eine Unterart der Weißflügelfledermaus (Bild), die ebenfalls der Gattung der Zwergfledermäuse (Pipistrellus) angehört. (© Manoj P, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus – Steckbrief
lateinische Namen Pipistrellus murrayi, Pipistrellus tenuis murrayi
englische Namen Christmas Island Pipistrelle, Murray’s Pipistrelle, Murray’s Pipistrelle Bat
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Weihnachtsinsel (Indischer Ozean, Australien)
Zeitpunkt des Aussterbens 2009
Ursachen für das Aussterben unklar, wahrscheinlich auf Insel eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust, Krankheiten

Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus – Das erste seit 60 Jahren ausgestorbene Säugetier Australiens

Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung und mit Beginn der Besiedlung der australischen Weihnachtsinsel in den 1890er-Jahren kam die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus noch überall auf der Insel vor. Und auch 1984, als der australische Zoologe C. R. Tidemann die Fledermausart zum ersten Mal genauer in Augenschein nahm, war sie weit verbreitet. Das änderte sich jedoch in den 1990er-Jahren: Ihr Verbreitungsgebiet wurde immer zerklüfteter und kleiner, sodass die Zwergfledermausart 2007 in 90 Prozent ihres ehemaligen Lebensraums nicht mehr anzutreffen war. Am 27. August 2009 verschwand die Art schließlich endgültig – und keiner weiß, warum.

Es existieren einige Theorien dazu, was zum Aussterben der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus geführt haben könnte, aber keine scheint für sich genommen plausibel zu sein. Sicherlich verlor die Fledermausart an Lebensraum, als Siedler auf die Insel kamen, aber tatsächlich sind noch 75 Prozent der Weihnachtsinsel mit primärem oder sekundärem Regenwald bedeckt. Ein Großteil der Insel gehört außerdem zum Weihnachtsinsel-Nationalpark und steht unter Naturschutz.

Die australische Säugetierexpertin Lindy Lumsden und ihre Kollegen setzten sich 2007 mit den möglichen Bedrohungen auseinander, die zum Rückgang der kleinen, dunkelbraunen Fledermausart geführt haben. Lumsden geht davon aus, dass auf die Weihnachtsinsel eingeschleppte Tierarten zu den größten Bedrohungen der Zwergfledermaus zählten. Diese könnten die Tiere in ihren Quartieren gestört oder sie gejagt haben. Als invasive Arten nennt sie etwa die Kapuzen-Wolfszahnnatter (Lycodon capucinus), den Riesen-Hundertfüßer Scolopendra subspinipes, verwilderte Hauskatzen (Felis catus) und Hausratten (Rattus rattus).

Lumsden hält auch für möglich, dass Krankheiten für den Rückgang der Fledermäuse sorgten. Allerdings schienen die Zwergfledermäuse, während die Bestandszahlen schon im Sinken begriffen waren, in guter gesundheitlicher Verfassung gewesen zu sein. Das einzige, was die Wissenschaftler feststellten, war eine niedrige Anzahl weißer Blutkörperchen, wobei sich dafür keine Erklärung fand. Auch das Verhalten, das man beim letzten Individuum beobachtete, erschien unauffällig.

Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ist eines von drei australischen Wirbeltieren, das zwischen 2009 und 2014 ausgestorben ist. Die anderen beiden sind die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte und der Weihnachtsinsel-Waldskink (Emoia nativitatis).

Invasive Gelbe Spinnerameisen in Superkolonien auf der Weihnachtsinsel

Gelbe Spinnerameisen auf toter Eidechse

Gelbe Spinnerameisen, die eine tote Eidechse wegtragen. (© Dinakarr, CC0, via Wikimedia Commons)

Vielleicht hatte auch die Ausbreitung der Gelben Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes), die unbeabsichtigt auf die Weihnachtsinsel eingeführt wurde, etwas mit dem Aussterben der Zwergfledermaus zu tun. Wahrscheinlich gelangten die Gelben Spinnerameisen mit einer Bananenkiste zwischen 1915 und 1934 als blinde Passagiere auf die Insel, so Daniel Lingenhöhl 2009 in einem Artikel auf Spektrum.de.

Als Neozoon hat die Insektenart beträchtlichen Schaden in Ökosystemen auf der ganzen Welt angerichtet und negativen Einfluss auf den Artenreichtum genommen. Die Ameisen könnten zum Rückgang wirbelloser Beutetiere beigetragen haben und möglicherweise haben sie auch die Fledermäuse in ihren Schlafquartieren gestört.

Es ist bekannt, dass die Gelben Spinnerameisen vor allem auf der Weihnachtsinsel immensen Schaden angerichtet haben. Sie veränderten dort sogar ihr Verhalten und bilden keine Einzelkolonien mit einzelnen Königinnen mehr. Stattdessen bilden sie nun Superkolonien mit mehreren kooperierenden Königinnen und Millionen Arbeitern.

Dies macht die Ameisen noch aggressiver und sie können mithilfe ihrer Ameisensäure größere Tiere, wie zum Beispiel kleine Reptilien wie den nun bereits in freier Wildbahn ausgestorbenen Lister-Gecko (Lepidodactylus listeri) oder Palmendiebe (Birgus latro), überwältigen. Die Gelben Spinnerameisen haben außerdem den Tod von zehn bis 20 Millionen Weihnachtsinsel-Krabben (Gecarcoidea natalis) herbeigeführt. Wahrscheinlich verursachten die Ameisen auch das Aussterben der Weihnachtsinsel-Spitzmaus (Crocidura trichura) in den 1990er-Jahren.

Die Superkolonien töten selbst die Küken des Weißbauch-Fregattvogels (Fregata andrewsi), des Weihnachtsinsel-Buschkauzes (Ninox natalis), der Südseedrossel (Turdus poliocephalus) und des Graufußtölpels (Papasula abbottii). Experten gehen davon aus, dass sich die Vogelbestände um etwa 80 Prozent reduzieren werden. Die IUCN hat die Gelbe Spinnerameise in die Liste der 100 of the World’s Worst Invasive Alien Species aufgenommen.

Ein Insektizid soll das Ökosystem ins Gleichgewicht bringen

Um das Ökosystem auf der Weihnachtsinsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Gelben Spinnerameisen loszuwerden, setzte man hochdosierte Insektizide ein, die allerdings kaum Auswirkungen auf die Ameisenkolonien zeigten. Ein Versuch mit niedrig dosierten Fipronil-Ködern konnte jedoch die Anzahl der Ameisen einer Superkolonie um 99 Prozent reduzieren.

Der Zwischenbericht der Weihnachtsinsel-Expertengruppe der australischen Regierung von 2009 und auch Lumsden weisen auf mögliche ökologische Auswirkungen des Biozids Fipronil hin. Wissenschaftler spekulieren, ob das Insektizid zur bislang nicht identifizierten Gesundheitsbedrohung der Zwergfledermäuse geworden ist und sie vergiftet hat.

Selbst wenn dies der Fall war, so kommt der Einsatz von Fipronil nicht als hauptsächliche Aussterbeursache infrage, denn Fipronil wurde erst ab 2009 eingesetzt – in dem Jahr, in dem die letzte Weihnachtsinsel-Fledermaus verschwand. Die ersten Superkolonien entdeckte man schon 1989 und bereits 2002 war ein Drittel der Regenwaldfläche auf der Weihnachtsinsel mit Superkolonien bedeckt. Das Entstehen der Superkolonien und der Bestandsrückgang der Weihnachtsinsel-Zwergfledermäuse ab den 1990er-Jahren könnten in einem räumlich-zeitlichen Zusammenhang stehen.

Die Gelben Spinnerameisen greifen nicht nur kleinere Tiere direkt an und töten sie, sondern sie beeinflussen sie auch indirekt. Mit der Anwesenheit der Ameisen verändert sich nämlich die Vegetation und es gibt weniger Früchte. Zudem fressen die Ameisen auch zahlreiche Früchte; das Nahrungsangebot für andere Tiere verringert sich dadurch.

Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus wog nicht einmal fünf Gramm

Christmas Island Weihnachtsinsel (Australien)

Die 135 Quadratkilometer große Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Ein großer Teil der Insel ist mit tropischem Regenwald bedeckt; zwei Drittel der Insel stehen dank dem Nationalpark unter Naturschutz. (© Globe-trotter, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Zunächst nahmen Wissenschaftler an, die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus sei eine Unterart der Weißflügelfledermaus (Pipistrellus tenuis), doch genetische und morphologische Untersuchungen, unter anderem vom Zoologen Kristofer Helgen, zeigten 2009, dass es sich bei der Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus um eine eigene Art handelt.

Die in der Regel dämmerungs- und nachtaktive Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus ernährte sich von Insekten wie Käfern, Nachtfaltern oder Wespen, die sie im Flug fing. Ihre Schlafplätze befanden sich im Regenwald unter der losen Rinde abgestorbener Bäume, in Ritzen und Höhlen von Baumstämmen oder im dichten Laub.

Die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus war – wie ihr Gattungsname andeutet – recht klein. Ihre Kopf-Rumpf-Länge betrug zwischen 3,4 bis vier Zentimeter, ihr Schwanz war ungefähr drei Zentimeter lang. Das Gewicht der Fledermaus lag bei nur 2,6 bis 4,6 Gramm.

Ursprünglich lebten auf der Weihnachtsinsel fünf Säugetierarten, darunter die Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus. Die beiden endemischen Rattenarten, die Weihnachtsinsel-Ratte und die Maclear-Ratte (Rattus macleari), starben um 1903 aus. Die Weihnachtsinsel-Spitzmaus hielt man seit Beginn des 20. Jahrhunderts für ausgestorben, entdeckte sie aber 1985 wieder. Mittlerweile gilt sie wieder als ausgestorben. Die Bestandszahlen des Weihnachtsinsel-Flughunds (Pteropus melanotus natalis), des einzigen noch existierenden endemischen Säugers auf der Insel, sind stark im Sinken begriffen.