Maclear-Ratte
Die nachtaktive Maclear-Ratte war mit einer Körperlänge von 21 bis 26 Zentimetern und einer Schwanzlänge von bis zu 26,5 Zentimetern recht groß. Kennzeichnend für die Art waren ihre schwarzen aufrecht stehenden Rückenhaare. Joseph Smit, Public domain, via Wikimedia Commons)

Maclear-Ratte

Von der Verletzlichkeit der Ratten

Das Aussterben unzähliger Vögel, Säuger und Reptilien in der Neuzeit kann auf Ratten, die von europäischen Schiffen kamen und ihr Verbreitungsgebiet ausgedehnt haben, zurückgeführt werden. Tatsächlich gibt es aber auch eine Menge Arten aus der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae), die in den letzten Jahrhunderten verloren gingen. Dass Ratten nicht nur besonders anpassungsfähige und wenig ökologisch spezialisierte Nahrungsmittelschädlinge und Krankheitsüberträger sind, sondern auch verletzlich sein können, hat vor allem die Geschichte der zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel im Indischen Ozean gezeigt.

Knapp 13 Jahre nachdem Minenarbeiter nahe der Hauptstadt Flying Fish Cove eine Siedlung gründeten, um Phosphatabbau zu betreiben, verschwanden zwei Altweltmäuse (Murinae), während sich die Hausratte (Rattus rattus) auf der Weihnachtsinsel ausbreitete. Von den beiden einst endemischen Ratten der Insel – die Maclear- und die Weihnachtsinsel-Ratte – fehlt bis heute jede Spur.

Benannt wurde die Maclear-Ratte nach dem Kapitän des Forschungsschiffes HMS Flying Fish, John Fiot Lee Pearse Maclear, das 1886 die ersten Siedler auf die Weihnachtsinsel brachte. Maclear nahm einige Exemplare der Maclear-Ratte mit zurück nach England, wo der britische Zoologe Oldfield Thomas sie 1887 wissenschaftlich beschrieb. Zehn Jahre später, 1896, wurde die Siedlung für die Minenarbeiter gegründet. Der Zoologe und Botaniker Charles William Andrews beschrieb in A monograph of Christmas Island (1900) Ratten noch als die am häufigsten auf der Insel vorkommenden Säugetiere zwischen 1897 und 1898:

„In jedem Teil der Insel, den ich besuchte, tauchten Rattenschwärme auf. Tagsüber sieht man nichts von ihnen, doch gleich nach Sonnenuntergang sieht man sie in alle Richtungen rennen und aus dem ganzen Wald hallt ein eigentümliches gequältes Quietschen sowie die Geräusche ständiger Kämpfe. Diese Tiere (…) sind nahezu vollständig frei von Angst, und hält man eine Laterne ins Gestrüpp, kommen sie näher, um das neuartige Phänomen zu begutachten.“

Als Andrews 1908 zur Weihnachtsinsel zurückkehrte, fand er die Insel fast so vor, wie er sie in Erinnerung hatte. Nur ein paar neue Straßen sind hinzukommen – und die einheimischen Ratten waren verschwunden.

Maclear-Ratte – Steckbrief
wissenschaftliche Namen Rattus macleari, Mus macleari
englische Namen Maclear’s Rat, Captain Maclear’s Rat
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Weihnachtsinsel (Australien)
Zeitpunkt des Aussterbens 1904
Ursachen für das Aussterben auf Insel eingeschleppte Hausratten mitsamt Parasiten

Ratten, Flöhe und Trypanosomen

Maclear-Ratte Schädel
Der Schädel der Maclear-Ratte maß zwischen 4,2 und 5,3 Zentimeter. (© Charles William Andrews (1866-1924), Public domain, via Wikimedia Commons)

In On the fauna of Christmas Island (1909) war Andrews der Überzeugung, dass beide Arten ausgestorben sein müssen. Er spekulierte schon damals, die Ursache des Verschwindens liege in der Anwesenheit der Hausratten, die als Schiffsratten in einer Ladung Heu im Dezember 1899, als das Versorgungsschiff S.S. Hindustan (oder Hindoustan) anlegte, samt epidemischer Krankheitserreger auf die Weihnachtsinsel gelangten.

Etwa 100 Jahre später konnten Forscher das Geheimnis um das historische Säugetiersterben auf der Weihnachtsinsel endgültig klären, indem sie DNA-Proben von Ratten aus Museumssammlungen, die während des Aussterbefensters zwischen 1888 und 1908 auf der Insel gesammelt wurden, untersuchten. Das Team um Kelly B. Wyatt vom American Museum of National History konnte so in einer Studie 2008 zeigen, dass endemische Ratten, die gesammelt wurden, bevor die Hausratte auf die Weihnachtsinsel gelangte, keine pathogenen Trypanosomen aufwiesen, Tiere, die später gesammelt wurden, allerdings schon.

Trypanosomen sind einzellige Geißeltierchen, die als Endoparasiten in verschiedenen Wirbeltieren vorkommen. Viele Arten sind harmlos, andere lösen Tierseuchen oder Krankheiten beim Menschen aus. Trypanosomen werden in der Regel durch Insekten übertragen. Für das Aussterben der endemischen immunologisch naiven Ratten auf der Weihnachtsinsel war letztendlich der im Rattenblut vorkommende Parasit Trypanosoma lewisi verantwortlich. Er wurde durch Flöhe, die die eingeschleppten Hausratten befallen hatten, auf die Inselratten übertragen.

Maclear-Ratte: Zeitpunkt des Verschwindens lässt sich eingrenzen

Wann genau die Maclear-Ratte ausgestorben ist, kann anhand historischer Dokumente und Zeitzeugenberichte eingegrenzt werden. Jane Pickering und Christopher A. Norris analysierten 1996 an der Universität Oxford entdeckte Dokumente sowie auch Exemplare der Maclear-Ratte unterschiedlicher zoologischer Sammlungen. Die Schriftstücke enthalten unter anderem Notizen zu einem Vortrag von Karl Richard Hanitsch, damals Direktor im Raffles Museum in Singapur, der im September und Oktober 1904 auf der Weihnachtsinsel war, und keine der einheimischen Ratten ausfindig machen konnte.

Aus den gefundenen Aufzeichnungen geht zudem hervor, dass der Bakteriologe Herbert E. Durham zwischen November 1901 und März 1902 auf der Insel war. Er sammelte 19 Exemplare von Ratten, die Pickering und Norris später teilweise als Hybridformen zwischen Hausratte und Maclear-Ratte identifizierten. Sie folgerten, die Maclear-Ratte wäre von der Hausratte genetisch überschwemmt worden, was ein Faktor gewesen sei, der zum Aussterben der Maclear-Ratte geführt habe. Diese These konnte durch verschiedene Wissenschaftler später widerlegt werden. Zum einen, weil eine Hybridisierung zwischen den beiden Arten aufgrund der phylogenetischen Distanz unwahrscheinlich ist, und zum anderen zeigen neuere Untersuchungen, dass alle von Durham gesammelten Ratten entweder der einen oder der anderen Art eindeutig zuzuordnen sind. Dies bestätigt auch die molekulargenetische Studie von Wyatt aus dem Jahr 2008.

Da unter den von Durham gesammelten Ratten auch Maclear-Ratten waren, müssen sie Anfang 1902 noch existiert haben. Dass unter den Exemplaren keine Weihnachtsinsel-Ratten waren, weist auf die Seltenheit dieser Spezies hin. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass die Maclear-Ratte 1904 verschwand. Die seltenere Weihnachtsinsel-Ratte starb vermutlich schon etwas früher aus. Auch die IUCN gibt an, dass die Maclear-Ratte 1904 zum letzten Mal gesichtet wurde und dass umfangreiche Suchen nach der Nagetierart ohne Erfolg blieben.

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Wyatt und Kollegen entwarfen eine Zeitleiste zum Aussterben der Ratten auf der Weihnachtsinsel. Im Hintergrund ist die Maclear-Ratte dargestellt. (© Wyatt et. al, 2008, Historical Mammal Extinction on Christmas Island (Indian Ocean) Correlates with Introduced Infectious Disease)

Der Biologe Peter T. Green definiert in einem Artikel für den Australian Zoologist den zeitlichen Verlauf 2014 noch einmal neu. Green zufolge, seien die Hausratten und damit auch die Trypanosomen erst im September 1900 auf die Weihnachtsinsel gelangt und das Aussterben der Maclear-Ratte habe sich zwischen April und Oktober 1904 ereignet.

Zwei Fälle von Koextinktion: Mit der Maclear-Ratte sind übrigens auch die Floh-Art Xenopsylla nesiotes, die ausschließlich im Fell dieser Ratten parasitierte, und die Schildzeckenart Ixodes nitens, die als Ektoparasit nur von Exemplaren der Maclear-Ratte bekannt ist, ausgestorben.

Tiere ausrotten ist einfacher, als sie wiederzubeleben

Die ausgestorbene Maclear-Ratte war kürzlich in den Medien (etwa beim Stern), weil dänische Forscher den Versuch starteten, die Art wieder zum Leben zu erwecken. Der Evolutionsbiologe Tom Gilbert und seine Kollegen fanden zwei konservierte Exemplare der Maclear-Ratte in einem Museum in Oxford, aus denen sie DNA-Bruchstücke isolieren konnten. Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit veröffentlichten sie im Wissenschaftsmagazin Current Biology im April 2022.

Alleine mit DNA-Fragmenten lässt sich kein komplettes Genom rekonstruieren, weshalb sich Gilbert und sein Team am Erbgut der Wanderratte (Rattus norvegicus), eine lebende Verwandte der ausgestorbenen Maclear-Ratte, orientierten, um die DNA-Teile in die richtige Reihenfolge zu bringen. Doch auch auf diese Weise ließ sich das Genom der Maclear-Ratte nur zu 95 Prozent entschlüsseln. Mehr als 1.600 Gene ließen sich zu weniger als 90 Prozent rekonstruieren, 26 Gene gar nicht. Die Genabschnitte für eigentlich überlebenswichtige Funktionen, dem Immunsystem und den Geruchssinn, fehlten vollständig.

Mittels Genom-Editierung wäre es möglich, so die Wissenschaftler, durch Mapping mit der Wanderratte die Maclear-Ratte nachzubilden. Allerdings würde auch dann eine große Anzahl an Genen entweder nur teilweise der ausgestorbenen Art ähneln oder schlimmstenfalls hundertprozentig von der Wanderratte stammen. Das Ergebnis wäre ein Hybrid aus lebender Wanderratte und ausgestorbener Maclear-Ratte. Und ob diese Hybridform lebensfähig wäre, ist auch fraglich. Eine Wiedereinbürgerung dieser Hybrid-Maclear-Ratte in ihrem ursprünglichen Lebensraum wäre wohl ausgeschlossen. Der rekonstruierten Spezies würden wahrscheinlich Attribute fehlen, die für ihr Überleben in ihrer natürlichen Umgebung entscheidend sind.

Warum De-Extinction nicht funktioniert

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Karte der Weihnachtsinsel. Im Nordosten befindet sich die Hauptstadt Flying Fish Cove mit der 1896 gegründeten Siedlung für die Arbeiter in den Phosphat-Minen. (© Globe-trotter, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Es sei gar nicht unbedingt das Ziel gewesen, die Maclear-Ratte zum Leben zu erwecken, vielmehr wollten die Forscher die Möglichkeiten und Grenzen der De-Extinction aufzeigen. Vor allem um die Grenzen geht es, denn Gilbert gibt gegenüber SingularityHub zu bedenken, dass es sinnvoller wäre, das Geld, was für Wiederbelebungsversuche ausgestorbener Arten eingesetzt werde, in den Schutz noch lebender Arten zu stecken.

Aktuelle Wiederbelebungsprojekte konzentrieren sich auf Tiere wie Wollhaarmammuts (Mammuthus primigenius) oder Wandertauben. Gilbert und sein Team räumen einer erfolgreichen Rekonstruktion ausgestorbener Arten wenig Erfolgschancen ein. Zwar sind die Forscher der Meinung, dass sich Genome von Arten umso besser rekonstruieren lassen, je geringer die evolutionäre Divergenz zwischen ausgestorbener und noch lebender Art ist beziehungsweise je näher Arten miteinander verwandt sind, aber auch das nur in gewissen Grenzen. Mithilfe der Hausratte ließe sich so das Genom der Maclear-Ratte zu 96,56 Prozent wiederherstellen – verglichen mit den 95,15 Prozent durch Mapping mit der Wanderratte. Die Divergenz zwischen Wandertaube und ihrer nächsten lebenden Verwandten, der Schuppenhalstaube (Patagioenas fasciata) sei hingegen sehr viel größer als die zwischen den Ratten, so Gilbert, was eine Genom-Rekonstruktion unmöglich mache.