rheobatrachus silus
Der bräunlich gefärbte Südliche Magenbrüterfrosch war recht klein: Männchen maßen zwischen 3,3 und 4,1 Zentimeter, Weibchen zwischen 4,4 und 5,4 Zentimeter. Die erst 1984 entdeckten Nördlichen Magenbrüterfrösche waren um einiges größer. Benjamin Healley, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Südlicher Magenbrüterfrosch

Auf die Welt gebrochen

Das Besondere am Südlichen (und auch am Nördlichen) Magenbrüterfrosch war, dass bei ihm – anders als bei allen anderen bekannten Landwirbeltieren – die nachembryonalen Entwicklungsstadien im Magen der Mutter stattfanden. Das bedeutet, die Kaulquappen wuchsen im zu einer Gebärmutter umfunktionierten Magen der Mutter heran, bis sie schließlich als fertige kleine Frösche auf die Welt kamen.

Diese Art der Brutpflege funktionierte so: Der weibliche Frosch nahm die Eier nach der äußeren Befruchtung durch das Männchen mit dem Maul auf und schluckte sie hinunter. Ob die befruchteten Eier im Wasser oder auf dem Land abgelegt wurden, konnte vor dem Aussterben der Magenbrüterfrösche niemand mehr beobachten. Die Nachkommen gelangten jedenfalls in den mütterlichen Magen und produzierten dort das Hormon Prostaglandin E2, das die Magensäureproduktion hemmte und die Verdauung der Eier verhinderte. So wurde aus dem Magen ein Uterus, was zur Folge hatte, dass der Mutterfrosch fastete, so lange sich sein Nachwuchs in der postembryonalen Entwicklung befand. Es dauerte etwa zwei Monate bis zwischen 21 und 26 zu Jungfröschen metamorphosierte Nachkommen aus dem Maul der Mutter an der Wasseroberfläche schlüpften.

Die Herpetologen Keith R. Mcdonald und Michael J. Tyler sind die einzigen, die eine Geburt von Magenbrüterfröschen dokumentieren konnten. Sie fassten das Ereignis in einem 1984 in den Transactions of the Royal Society of South Australia veröffentlichten Bericht zusammen. Darin heißt es, dass der Magen des weiblichen Frosches stark aufgebläht war und die Geburt der 22 Jungfrösche ganze 34 Stunden andauerte. Jahre später schreibt Tyler in Australian Frogs: A Natural History (1994) über Maulbrüterfrösche, dass eine solche Geburt sogar bis zu eine Woche lang dauern kann. Wird das Weibchen jedoch währenddessen gestört, kann es durch anhaltendes Erbrechen alle Jungfrösche mit einem Mal gebären.

Südlicher Magenbrüterfrosch Brutverhalten
Die fertigen Jungfrösche kamen auf die Welt, indem sie aus dem Maul der Mutter schlüpften.
(© Guerrero, Anna, „Southern Gastric Brooding Frog“. Embryo Project Encyclopedia (2017-02-06). ISSN: 1940-5030 http://embryo.asu.edu/handle/10776/11399.)
Südlicher Magenbrüterfrosch – Steckbrief
wissenschaftlicher NameRheobatrachus silus
englische NamenSouthern Gastric Brooding Frog, Southern Platypus Frog, Platypus Frog, Southern Platypusfrog, Conondale Gastric-brooding Frog
ursprüngliches VerbreitungsgebietAustralien (Queensland)
Zeitpunkt des Aussterbens1983
Ursachen für das Aussterbenunklar, möglicherweise Pilzerkrankung Chytridiomykose

Gut erforscht: Südlicher Magenbrüterfrosch

Im Vergleich zu anderen Froschspezies im subtropischen Australien hat die Wissenschaft den Südlichen Magenbrüterfrosch vor seinem Aussterben intensiv erforscht, was sicherlich auch an seinem ungewöhnlichen Brutverhalten lag. Insbesondere der australische Zoologe Glen J. Ingram studierte die Ökologie der Tiere am Booloumba Creek im Bundesstaat Queensland und veröffentlichte 1983 seine Erkenntnisse zu Populationsgrößen, -strukturen und -dynamik in Tylers Monographie The Gastric Brooding Frog.

Verbreitungsgebiet Magenbrüterfrösche
Queensland, Australien: Das einstige Verbreitungsgebiet des Nördlichen Magenbrüterfrosches (blau) und des Südlichen Magenbrüterfrosches (grün). (© Froggydarb at the English-language Wikipedia, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

So wissen wir heute etwa über den Südlichen Magenbrüterfrosch, dass er überwiegend aquatisch war und Gebiete mit subtropischem Regenwald und feuchtem Hartlaubwald bewohnte. Er kam in den Bergländern Blackall Range und Colondale Range im Südosten des australischen Bundesstaates Queensland vor, wobei er nur in Höhenlagen von 350 bis 800 Metern anzutreffen war. Das Gebiet, in dem die Spezies lebte, maß nicht einmal 1.000 Quadratkilometer.

Als weitgehend aquatische Spezies wurde der Südliche Magenbrüterfrosch nie mehr als vier Meter vom Wasser entfernt beobachtet. Ingram konnte nachweisen, dass das Bewegungsmuster der Art sehr eingeschränkt war. Von zehn jungen Fröschen, die er eine Zeit lang beobachtete, legten beispielsweise nur zwei Tiere mehr als drei Meter Entfernung zurück. Es zeigte sich, dass ausgewachsene Magenbrüterfrösche während der gesamten Brutzeit in denselben Tümpeln oder Wasseransammlungen blieben. Nur im Falle von Überschwemmungen oder erhöhter Strömung verließen sie das Gewässer.

Südlicher Magenbrüterfrosch: 1915 entdeckt, 1973 beschrieben

Zur Gattung der Magenbrüterfrösche (Rheobatrachus) zählen nur zwei Arten: der Nördliche Magenbrüterfrosch (R. vitellinus) und der Südliche Magenbrüterfrosch. Beide gelten heute als ausgestorben. Wenngleich die taxonomische Einordnung der Magenbrüterfrösche lange Zeit umstritten war, akzeptieren die meisten Zoologen nun eine Zuordnung der Gattung zur Familie der Australischen Südfrösche (Myobatrachidae).

Zunächst ging man davon aus, dass der Südliche Magenbrüterfrosch 1972 vom US-amerikanischen Herpetologen David S. Liem entdeckt wurde, der die neue Amphibienart ein Jahr später auch in A new Genus of Frog of the Family Leptodactylidae from SE Queensland, Australia als Rheobatrachus silus wissenschaftlich beschrieb. Ingram fand jedoch später heraus, dass die Froschart schon viel früher entdeckt worden war. Und zwar fand man 1990 im Zuge einer Neubewertung aller australischen Frösche im Queensland Museum ein Präparat eines jungen Südlichen Maulbrüterfroschs, das schon um 1915 gesammelt wurde.

Ingram schreibt, dass im Museumsregister von 1915 neben dem Südlichen Maulbrüterfrosch interessanterweise eine mit Bleistift geschriebene Anmerkung stand, die nachträglich entfernt wurde. Die Anmerkung fragte, ob es sich um eine neue Art handelt. Warum der Zeitpunkt der Entdeckung des Südlichen Maulbrüterfroschs so wichtig ist, verdeutlicht Ingram 1991 in The earliest Record of the ?extinct Platypus Frog:

„Ironischerweise vergingen 57 Jahre, bevor die Art formal beschrieben wurde und dann wussten wir nur sieben Jahre von dem Frosch, bevor er verschwand. Die Existenz des alten (…) Individuums von R. silus (…) veranschaulicht die Bedeutung von Museumssammlungen für das Studium der Biodiversität. Museen sind Lagerstätten historischer Informationen zu Arten (…) und sie besitzen oft die einzigen bekannten Daten. Was gefährdete Spezies angeht, sind historische Informationen von größter Bedeutung, um Entscheidungen zur Arterhaltung zu treffen. Für diejenigen, die sich mit Biodiversität beschäftigen, ist es während ihrer Forschungsarbeit eine Notwendigkeit, Museumssammlungen zu begutachten. Offensichtlich taten das weder Liem (1973) noch Straughan und Lee (1966), sodass wertvolle Daten verloren gingen. Außerdem hätte die Art noch früher von anderen Mitarbeitern entdeckt werden können, sodass wir jetzt möglicherweise genug Informationen hätten, um die Frösche retten zu können.“

The earliest Record of the ?extinct Platypus Frog, in: Memoirs of the Queensland Museum 30, S. 454, 1991, G. J. Ingram.

Wie man versuchte, den Südlichen Magenbrüterfrosch wiederzubeleben

rheobatrachus silus
In Alkohol eingelegter Südlicher Magenbrüterfrosch in den Museen Victoria, gesammelt von G. J. Ingram. (© Museums Victoria / CC BY, Photographer: Michelle McFarlane, Museums Victoria)

Was das Verschwinden es Südlichen Magenbrüterfrosches in der freien Natur betrifft, nennen verschiedene Quellen unterschiedliche Zeitpunkte. Ingram und Gregory V. Czechura etwa datieren den Zeitpunkt für das Verschwinden in den Memoirs of the Queensland Museum (1990) mit einer letzten Sichtung im Bergland der Colondale Range am 8. Dezember 1979. Die Weltnaturschutzunion IUCN nennt 1981 und andere wiederum gehen davon aus, dass die Art seit 1982 in freier Wildbahn verschollen ist.

In den Jahren 1983, 1995, 1996 und 1997 sowie darüber hinaus wurden intensive Anstrengungen unternommen, bei denen verschiedene Biologen gezielt an unterschiedlichen Orten nach dem Südlichen Magenbrüterfrosch gesucht haben. Trotz allem konnten in freier Wildbahn keine weiteren Individuen aufgespürt werden. Der letzte bekannte Südliche Magenbrüterfrosch starb im November 1983 in einem Laboratorium.

Forscher der Universität New South Wales gaben sich damit nicht zufrieden und wollten den Südlichen Magenbrüterfrosch im Rahmen des Lazarus-Projekts zurückbringen. Von Michael Tyler zu Lebzeiten eingefrorene Frösche verfügten noch über eine intakte DNA, sodass die Forscher des Projekts 2013 Zellkerne aus den Gewebszellen der tiefgefrorenen Magenbrüterfrösche entnehmen konnten. Diese verpflanzten die Wissenschaftler in entkernte Eizellen einer entfernt verwandten, existierenden Froschart. Tatsächlich teilten sich einige der Eizellen, doch die Embryos der Magenbrüterfrösche überlebten nur einige Tage, ohne dass jemals ein fertiger Frosch aus ihnen geworden wäre.

Der Biologe Michael Archer, Leiter des Lazarus-Projekts, war seinerzeit der Überzeugung, die Probleme seien nur technischer und nicht biologischer Natur. Archers aktuelle Forschungsprojekte an der University of Western Australia listen auch 2022 noch das Lazarus-Projekt, sodass dieses noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Meldungen zu Erfolgen hinsichtlich des Klonens des ausgestorbenen Südlichen Magenbrüterfrosches liegen allerdings bis heute nicht vor. Die De-Extinktions-Bemühungen des Projekts betreffen übrigens auch den ausgestorbenen Tasmanischen Tiger – bislang auch erfolglos.

Warum ist der Südliche Magenbrüterfrosch ausgestorben?

So ganz genau weiß man nicht, warum der Südliche Magenbrüterfrosch ausgestorben ist. Als die Art 1972 entdeckt wurde, galt sie noch als häufig, doch dann nahmen die Bestandszahlen innerhalb weniger Jahre rapide ab. Die einzigen tatsächlich überlieferten Populationszahlen sind die, dass Ingram 1976 rund 78 Individuen im Oberlauf des Booloumba Creek in der Colondale Range zählte.

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Die Augen der Südlichen Magenbrüterfrösche standen relativ eng beieinander und ihre Schnauze war stumpf. Die Amphibien lebten aquatil, das heißt, ihr Lebensmittelpunkt befand sich im Wasser. (© Benjamin Healley, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Zwischen 1972 und 1979 existierten Populationen des Südlichen Magenbrüterfroschs weiterhin in Bächen, obwohl Abholzungen in Einzugsgebieten stattfanden. Wissenschaftler gehen daher häufig davon aus, dass die Abholzung der Wälder nicht für das Verschwinden der Art verantwortlich gemacht werden kann, allerdings wurden die Auswirkungen der Entwaldung auf die aquatische Spezies nie eingehend untersucht.

Aus der Publikation Declines and Disappearances of Australian Frogs (1999) geht hervor, dass der Lebensraum der im subtropischen Australien lebenden Frösche durch die Anwesenheit von Wildschweinen und durch das Einschleppen invasiver Pflanzenspezies wie dem Korbblütergewächs Ageratina riparia beeinträchtigt wurde und wird. Zudem kommt es auch heute noch aufgrund von stromaufwärts gelegenen Störungen zu sich verändernden Wasserströmungen und eine Verschlechterung der Wasserqualität, was sich ebenfalls negativ auf endemische Arten auswirken kann. Unsicher ist, ob diese Umstände auch zum Aussterben des Südlichen Magenbrüterfrosches geführt haben.

Gemäß Ingram und Czechura (1990) verschwand der Südliche Magenbrüterfrosch etwa um dieselbe Zeit wie die sympatrische Spezies Mount-Glorious-Tagfrosch (Taudactylus diurnus), die im Übrigen auch schon unwissentlich um 1915 entdeckt, aber erst 1966 durch Straughan und Lee beschrieben wurde. Als eine der Hauptursachen für das Verschwinden des Mount-Glorious-Tagfroschs gilt die Amphibienkrankheit Chytridiomykose, es ist daher ziemlich wahrscheinlich dass die Pilzerkrankung auch im Zusammenhang mit dem Aussterben des Magenbrüterfrosches steht:

„Obwohl die meisten Froscharten aus dem Queensland-Regenwald seit 1979 verschwunden sind (z. B. Rheobatrachus vitellinus, R. silus, Taudactylus diurnus, T. rheophilus, Litoria lorica und L. nyakalensis), fand man keine sterbenden Tiere, die man auf Krankheiten hätte testen können, dennoch deuten die epidemiologischen Beweise darauf hin, dass Chytridiomykose ein Massensterben dieser Arten verursachte, wie es auch bei den weniger werdenden Fröschen (unter anderem T. acutirostris) im Big Tableland im Norden von Queensland im Jahr 1993 beobachtet wurde.“

Chytrid fungi and amphibian declines: Overview, implications and future directions, L. Berger, R. Speare & A. Hyatt, in: Declines and Disappearances of Australian Frogs, 1999, A. Campbell (Hg.).

Chytridiomykose ist als einzige Ursache beim weltweiten Amphibiensterben umstritten, denn Forscher gehen davon aus, dass weitere Faktoren begünstigend bei der Infektion mit der Pilzerkrankung wirken: etwa suboptimale Klima- und Umweltbedingungen, falsche Ernährung, Stress oder klimatische Veränderungen. Unbestritten ist dennoch, dass letztendlich eine Infektion mit dieser Krankheit zum Einbrechen der Populationszahlen oder gar zum Aussterben vieler Amphibienarten führte. Beispiele hierfür sind der Chiriqui-Harlekinfrosch, der Glanzbaumsteiger oder Rabbs Fransenzehen-Laubfrosch – bei allen spielte Chytridiomykose eine Rolle beim Aussterben, wenngleich andere Faktoren die Pilzerkrankung sicherlich begünstigten.

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