Ovis canadensis auduboni
Das einzig bekannte Foto des Audubon-Dickhornschafs. Es zeigt Jim Hart aus South Dakota, der ein von Charley Jones 1903 geschossenes Tier in die Kamera hält. Ein ausgewachsenes Männchen konnte ein Gewicht von 160 Kilogramm erreichen. archived source link, Public domain, via Wikimedia Commons)

Audubon-Dickhornschaf

Wildschaf östlich der Rocky Mountains

Dickhornschafe sind Wildschafe, die meistens in Gebirgen und manchmal auch in Wüsten und anderen Trockenregionen des westlichen Nordamerikas leben. Sowohl männliche als auch weibliche Tiere tragen Hörner, wobei die der Weibchen wesentlich kleiner sind und sich nicht wie bei den Männchen eindrehen, sondern wie ein Säbel nach hinten ragen.

Dickhornschafe Verbreitungsgebiet
Die Karte zeigt das Verbreitungsgebiet aller Dickhornschaf-Unterarten in Nordamerika. (© The author of the workand the IUCN Red List spatial dataand GLOBE(see above and the Source section), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Das Dickhornschaf (Ovis canadensis) ist eine Art, die zur Gattung der Schafe (Ovis) gehört. Beim Dickhornschaf unterscheiden Zoologen diverse Unterarten; die genaue Zahl ist umstritten. So ging der englische Naturforscher Richard Lydekker 1913 von mindestens 16 Unterarten aus, während der kanadische Zoologe Ian McTaggart Cowan 1940 basierend auf Schädelvermessungen nur sieben Unterarten annahm, von denen eine das Audubon-Dickhornschaf ist.

Das Audubon-Dickhornschaf, dessen Bezeichnung im Englischen Badlands Bighorn lautet, bewohnte nicht, wie sein Name suggeriert, ausschließlich die Badlands in Dakota, sondern ein größeres Gebiet, zu dem auch Montana, Wyoming, Nebraska und South sowie North Dakota gehören. Im Großen und Ganzen kann man sagen, das Audubon-Dickhornschaf lebte in den nördlichen Great Plains, ein trockenes Gebiet östlich der Rocky Mountains.

Aus der Montana Bighorn Sheep Conservation Strategy (2010), veröffentlicht von der Organisation Montana Fish, Wildlife & Parks (Montana FWP), geht hervor, dass es für frühe Taxonomen nicht gerade einfach war, die Existenz des Audubon-Dickhornschafs als Unterart nachzuweisen. Man weiß von den Entdeckern Meriwether Lewis und William Clark, die während der Lewis-und-Clark-Expedition zur Erweiterung der Vereinigten Staaten bis zur Westküste 1805 am Missouri River und in den Badlands von North und South Dakota Audubon-Dickhornschafen erstmals begegnet sind.

Fast 100 Jahre später beschrieb der amerikanische Zoologe C. Hart Merriam im Jahr 1901 die östliche Population der Dickhornschafe als Ovis canadensis auduboni und ehrte mit dem Artepitheton den US-amerikanischen Ornithologen und Zeichner John James Audubon, der in den 1830er-Jahren ebenfalls auf Dickhornschafe traf. Als Typusexemplar diente Merriam ein junges ausgewachsenes Männchen aus South Dakota, das 1855 erlegt wurde.

Audubon-Dickhornschaf – Steckbrief
wissenschaftliche NamenOvis canadensis auduboni, (Ovis canadensis canadensis)
englische NamenBadlands Bighorn, Badlands Bighorn Sheep, Audubon’s Bighorn, Audubon’s Bighorn Sheep
ursprüngliches VerbreitungsgebietGreat Plains, Nordamerika
Zeitpunkt des Aussterbenszwischen 1900 und 1925
Ursachen für das AussterbenBejagung, Lebensraumverlust, Krankheiten

Die Besiedlung der Great Plains – Der Anfang vom Ende

Das Aussterben des Audubon-Dickhornschafes ist ein „merkwürdiges Beispiel dafür, dass ein Tier Leid erfährt, weil es in der Lage ist, in der trostlosesten und feindseligsten Umgebung zu überleben“, schrieb David Day 1983 im The Doomsday Book of Animals und er will damit sagen, dass die Great Plains und letztlich nicht einmal die Badlands als wirklich unwirtlicher Lebensraum den Schafen genügend Schutz bieten konnten.

Badlands
Die Badlands im Nationalpark in South Dakota: Hier leben Bisons, Dickhornschafe und Präriehunde.
Bernard Spragg. NZ from Christchurch, New Zealand, CC0, via Wikimedia Commons)

Lange Zeit lebten in den Great Plains kaum Menschen, denn die Gegend galt aufgrund der dort herrschenden Trockenheit als Ödland. Lediglich teilnomadische indianische Völker durchstreiften die Landschaft auf der Jagd nach Bisons. Als schließlich Pferde durch Europäer im 18. Jahrhundert nach Amerika gelangten, erhielt die indigene Bevölkerung die Chance, die Prärie dichter zu besiedeln. Es entstanden die Plains-Indianer, die den Wildrindern durch die Prärie nachzogen, um sie zu jagen. Aber die indigenen Völker jagten nicht nur Bisons, sondern schätzten auch das Fleisch der Dickhornschafe – und ihre Hörner, aus denen sie zeremonielle Gegenstände und Werkzeuge fertigten.

Mit dem Pelzhandel kamen etwa ab 1800 Tausende von Kolonialsiedlern in die Great Plains. Die in jener Zeit entstandenen Pelzhandelsposten bildeten häufig die Grundlage späterer Siedlungen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wanderten dann im Rahmen einer massiven Bevölkerungsausdehnung in den Westen immer mehr Siedler in die Great Plains aus, sodass dort überall verstreute Siedlungen entstanden. Die ersten weißen amerikanischen und europäischen Siedler ließen sich ab 1865 in den Great Plains dauerhaft nieder und errichteten Behausungen. Die indigene Bevölkerung wurde zeitgleich in Reservate verdrängt und die Populationszahlen der Bisons sanken.

Tatsächlich ging auch die Zahl der Dickhornschafe ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stark zurück: Vor Mitte des 19. Jahrhunderts soll es noch zwei Millionen Dickhornschafe gegeben haben, um 1900 waren es nur noch 60.000 Tiere.

Bejagung, Lebensraumverlust und Tierseuchen

Aufgrund der vielen neuen Ranches und Farmen blieben den Audubon-Dickhornschafen ab den 1880er-Jahren kaum Möglichkeiten zur Flucht. Sie wurden von den Hunden der Siedler sowie auch von den Siedlern mit modernen Schusswaffen bejagt. Die Besiedlung von Gebieten geht immer auch mit einem Verlust des natürlichen Lebensraums der dort endemischen Tiere daher und häufig auch mit der Überweidung durch Nutzvieh. In dem Fall spielt auch die Nahrungskonkurrenz eine Rolle, denn sowohl die Wildschafe als auch die domestizierten Nutztiere der Kolonisten ernähren sich von Gräsern und anderen Pflanzen.

Indianer und Dickhornschafe
Eine Gruppe von Assiniboine, ein nordamerikanischen Indianervolk, das historisch zu den Prärie-Indianern gehört, und Köpfe von Dickhornschafen (1916). (© University of Washington, Public domain, via Wikimedia Commons)

Auch die Infektion mit Krankheiten führte zum massiven Bestandsrückgang bei den Dickhornschafen. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN schreibt dazu, dass vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig auftretende Tierseuchen die Anzahl der Wildschafe erheblich reduziert haben. Wenn Wildschafe in Kontakt mit Hausschafe oder Hausziegen kommen, können Krankheitserreger übertragen werden, gegen die die Wildtiere nicht resistent sind.

Gemäß Day, gilt der Abschuss eines großen Schafbocks am Maggie Creek in den Killdeer Hills im Jahr 1905 als der letzte gesicherte Beweis für die Existenz des Audubon-Dickhornschafes. Der letzte Zufluchtsort der Audubon-Schafe soll in den 1920er-Jahren der Black Elk Peak (Harney Peak) gewesen sein, der mit 2.208 Metern höchste Berg South Dakotas und östlich der Rocky Mountains. Nicht zuletzt wurden die Audubon-Dickhornschafe auch ihrer gewaltigen gebogenen Hörner wegen gejagt, die sich ideal als Trophäen eignen. Bei alten männlichen Tieren können die Hörner immerhin bis zu 14 Kilogramm wiegen und mehr als 80 Zentimeter lang sein.

Wann das Audubon-Dickhornschaf ausgestorben ist, weiß keiner so genau. Verschiedene Quellen nennen unterschiedliche Zeitpunkte. Len Kaufman und Kenneth Mallory gehen in The Last Extinction (1993) davon aus, dass die Audubon-Dickhornschafe zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwunden sind. Andere Autoren nehmen an, es war später. Laut der 1973 veröffentlichten List of Mammals which have become extinct or are possibly extinct since 1600 soll die Spezies 1910 ausgestorben sein. Und David Day schreibt, dass es circa 1925 gewesen sein könnte.

Audubon-Dickhornschaf: Unterart oder Population?

Die Einteilung der Dickhornschaf-Unterarten durch Cowan war nicht endgültig und wurde oftmals angezweifelt. Die Zoologen Colin Groves und Peter Grubb nehmen nach anatomischen Untersuchungen in Ungulate Taxonomy (2011) sogar an, dass es möglicherweise gar keine Unterarten vom Dickhornschaf gibt. Wiederum andere Tierkundler erhoben dann später Unterarten in den Artstatus, wie etwa das Wüsten-Dickhornschaf, das teils auch als Ovis nelsoni geführt wird.

Bighorn Sheep
Männliches Dickhornschaf im Südwesten Kanadas. (© A. J. T. Johnsingh, WWF-India and NCF, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Allein aufgrund morphometrischer Eigenschaften ist es oft schwierig, zu erkennen, ob es sich um ein und dieselbe oder doch verschiedene Arten handelt (siehe auch Mexikanischer Grizzly oder Bali-Tiger), doch DNA-Analysen können die Sache vereinfachen. Ab 1993 begann daher ein Forscherteam um den Biologen Rob Roy Ramey sich mit Dickhornschafen auf morphologischer und genetischer Basis näher zu beschäftigen. Ihre Studie A morphometric reevaluation of the Peninsular bighorn sheep subspecies legt nahe, dass es keine sieben Unterarten gibt.

Bezüglich des Audubon-Dickhornschafes vermuten sie, dass es sich vielmehr um eine Variation des Rocky-Mountain-Dickhornschafs (O. c. canadensis) handelt als um eine Unterart. Zwar gebe es morphologische Unterschiede, wie zum Beispiel längere Zähne, aber diese würden nicht ausreichen, um einen Artstatus zu begründen. In der FWP-Publikation Rocky Mountain Bighorn Sheep of Montana fasste Kenneth Thompson 1950 die Unterschiede zwischen Audubon-Dickhornschafen und Rocky-Mountain-Dickhornschafen so zusammen: Die Audubon-Schafe hätten einen „massiveren Kiefer“, „helleres Fell“ und „dunklere Augen“.

Audubon-Dickhornschaf oder The Sheep that will not die

Eine Anerkennung der Audubon-Unterart hätte laut Ramey zur Folge, dass viele weitere Subspezies der Dickhornschafe aufgrund geringer morphologischer Abweichungen untereinander benannt werden müssten. Eine Akzeptanz der Audubon-Dickhornschafe als eigene Unterart würde zudem voraussetzen, dass sich die Audubon-Schafe in den östlichen Rocky Mountains und die Rocky-Mountain-Dickhornschafe in den westlichen Rocky Mountains aufgrund einer sehr langen Zeit der räumlichen Trennung unterschiedlich entwickelt hätten.

Bighorn Hunt 1903
Das Bild aus dem Jahr 1903 trägt den Titel After the Bighorn Hunt (Nach der Dickhornschaf-Jagd). Es zeigt Kolonisten mit Schädeln und Fellen dreier erlegter Dickhornschafe (zwei weibliche und ein männliches Tier). (© Stutfield, Hugh Edward Millington, 1858-1929. [from old catalog];Collie, Norman, 1859-1942, joint author, No restrictions, via Wikimedia Commons)

Ramey erachtet dies aber als ziemlich unwahrscheinlich: Es existieren nämlich keine geografischen Grenzen zwischen den vermeintlichen Verbreitungsgebieten der Audubon- und der Rocky-Mountain-Populationen. Während des Gletschervorstoßes im Pleistozän wurden die meisten Ausläufer der Rocky Mountains und die Ebenen im Osten zum offenen Steppenlebensraum, in dem sich Dickhornschafe verbreiten konnten.

Auch spätere Untersuchungen an Überresten des Audubon-Dickhornschafs, so Brett French 2004 in The Sheep that will not die, zeigen, dass es sich wahrscheinlich um keine eigene Unterart handelte; zu ähnlich seien sich Audubon- und Rocky-Mountain-Dickhornschafe.

In einer weiteren 2016 im Journal of Mammalogy veröffentlichten DNA-Untersuchung an mehr als 800 Dickhornschafen wird das Audubon-Dickhornschaf als etwaige Unterart gar nicht mehr erwähnt. Die Studie legt nahe, dass es innerhalb der Art Dickhornschaf zwei voneinander stark abweichende Kladen gibt: Diese stimmen überein mit dem Rocky-Mountain-Dickhornschaf aus den Rocky Mountains im Nordwesten der USA und Kanadas und dem Sierra Dickhornschaf (C. o. sierrae) aus der Sierra Nevada in Mexiko.

Ob Unterart oder Variation, Einigkeit scheint noch nicht zu herrschen. Das Integrated Taxonomic Information System ITIS führt das Audubon-Dickhornschaf O. c. auduboni jedenfalls noch immer als valide Art. Sicher ist, dass in dem Gebiet, in dem einst die Unterart oder Population der Audubon-Dickhornschafe zu finden gewesen soll, heute das Rocky-Mountain-Dickhornschaf lebt.

Unbestritten ist, dass sich die Zahl der Dickhornschafe, welcher Unterart oder Population auch immer, infolge von Bejagung und Wilderei ab dem Ende des 19. Jahrhunderts erheblich dezimierte. Zwar ist die Jagd auf Dickhornschafe heute streng reguliert, doch haben sich die Populationszahlen kaum erholt. Die IUCN listet die Art Dickhornschaf als ungefährdet, einzelne Unterarten gelten jedoch als bedroht oder stark gefährdet, wie das Mexikanische Dickhornschaf (O. c. mexicana), das Baja-California-Dickhornschaf (O. c. cremnobates) und das Weems-Dickhornschaf (O. c. weemsi).

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