Crateromys schadenbergi
Adolph B. Meyers Illustration von 1896 zeigt Schadenbergs Borkenratte, die heute noch auf der Philippinen-Insel Luzon lebt. Adolph Bernhard Meyer from Abhandlungen und Berichte des Koenigl. Zoologischen und Anthropologisch Etnographischen Museums zu Dresden year 1896 - no.6, Public domain, via Wikimedia Commons)

Ilin-Borkenratte

Die Borkenratte auf Ilin und der Siyang auf Mindoro

Das einzige Exemplar der Ilin-Borkenratte, ein präpariertes ausgewachsenes Männchen, erwarb ein Sammler 1953 auf der gerade einmal 47 Quadratkilometer großen Philippinen-Insel Ilin. Forscher gehen seither davon aus, dass das Tier aus der Gattung der Borkenkletterer (Crateromys) wahrscheinlich auch auf Ilin lebte. Während einer Feldstudie zu Borkenratten und Riesenborkenratten (Phloeomys) im April und Mai 1990 berichteten allerdings mehrere Angehörige des indigenen Batangan-Volkes von einem Tier, das auf der Nachbarinsel Mindoro leben und der Ilin-Borkenratte ähnlich sehen soll.

Das Tier, das die Einheimischen Siyang nennen, soll im letzten verbliebenen Monsunwaldbestand im Aruyan-Gebiet im Westen Mindoros und auf der ehemaligen Korionoff Ranch im Mount-Iglit-Baco-Nationalpark vorkommen. Die Ergebnisse der Studie hat der britische Zoologe William Oliver 1993 im Journal Oryx veröffentlicht.

Mindoro, eine mit 11.000 Quadratkilometern vergleichsweise große Insel, liegt nördlich von Ilin. Getrennt sind beide nur durch die Ilin-Straße und die Mangarin Bay. Bislang fehlt es an Nachforschungen dahingehend, ob es sich bei der Borkenratte, die die Einheimischen auf Mindoro als Siyang bezeichnen, um eine weitere, bis dato unbekannte Borkenkletterer-Art oder tatsächlich um die ausgestorben geglaubte Ilin-Borkenratte handelt.

Ilin-Borkenratte – Steckbrief
wissenschaftlicher NameCrateromys paulus
englische NamenIlin Island Cloudrunner, Ilin Bushy-tailed Cloud Rat, Ilin Crateromys, Ilin Hairy-tailed Cloud Rat
ursprüngliches VerbreitungsgebietIlin Island (Philippinen)
Zeitpunkt des Aussterbensfrühestens 1953
Ursachen für das AussterbenLebensraumverlust

Die Suche nach der Ilin-Borkenratte

Philippinen-Karte
Die Philippinen gehören zu Südostasien und umfassen 7.641 Inseln. (© User:Hellerick, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Auf der Ilin-Insel selbst wurde mehrfach gezielt nach der Ilin-Borkenratte gesucht. So gibt die Weltnaturschutzorganisation IUCN an, dass bei einer zweiwöchigen Suche auf Ilin und der angrenzenden Insel Ambulong 1997 keine Borkenratten gefunden wurden. Auch eine frühere Suche im Jahr 1989 und eine spätere im Jahr 2000 seien zu demselben Ergebnis gekommen.

Zusätzlich finanzierte re:wild, eine von Naturwissenschaftlern und Leonardo diCaprio gegründete Organisation, 2019 eine einwöchige Suche speziell nach der Ilin-Borkenratte für die Mindoro Biodiversity Conservation Foundation (MBCFI). Die Wissenschaftler installierten auf Ilin Island sieben Kamerafallen an sieben Bäumen, von denen sie dachten, dass sich dort Borkenratten aufhalten könnten.

Als die Kameras eine Woche später eingesammelt und das Material gesichtet wurde, zeigten die Fotos eine Menge anderer Tierarten, aber keine Borkenratten. Was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass es keine Ilin-Borkenratten mehr gibt, denn sieben Kameras an sieben Bäumen decken längst nicht alle Örtlichkeiten ab, an denen sich die Borkenkletterer aufhalten können.

Zudem heißt es in einem re:wild-Bericht, dass Einheimische auf Ilin von Ratten berichtet hätten, die äußerlich einer Ilin-Borkenratte entsprechen und sich in Futterbäumen zusammen mit anderen Borkenratten aufhalten würden. Eine Auswertung elf anekdotischer Berichte zu Ratten auf Ilin habe weiterhin ergeben, dass vier davon so spezifisch die Größe und Färbung betreffend sind, dass sie wahrscheinlich von Ilin-Borkenratten handeln.

Die Ilin-Borkenratte wurde von re:wild (früher: Global Wildlife Conservation – GWC) in die Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Arten mit aufgenommen.

96 Zahnfossilien der Ilin-Borkenratte

Ilin-insel Ilin Island
Blick auf die kleine Philippinen-Insel Ilin 2012. Dort wurde das einzige Exemplar einer Ilin-Borkenratte gefunden. (© Allan Siquioco, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

Eine archäologische Studie aus dem Jahr 2017 berichtet von 96 Zahnfossilien der Ilin-Borkenratte, die bei einer Ausgrabung auf der Ilin-Insel entdeckt wurden. Anhand der Morphologie der Zähne und ihrer Anordnung in der archäologischen Stätte stellten die Wissenschaftler fest, dass die Ilin-Borkenratte zumindest ab dem frühen Holozän ein ständiger Bewohner der Ilin-Insel war. Damit dürfte auch die Herkunft des Holotypus bestätigt sein: Die Ilin-Borkenratte stammt definitiv von Ilin.

Was die jüngste Vergangenheit betrifft, konnten die Archäologen allerdings keine Zähne der Borkenrattenart ausfindig machen. Sie gehen davon aus, dass die Borkenratte auf Ilin aufgrund der Entwaldung und anderen anthropogenen Negativeinflüssen vor kurzem ausgestorben ist.

Dafür spricht auch, dass es auf Ilin statt des einstigen Primärwaldes nur noch Karstwaldreste gibt. Die Insel ist heute von Kokosnussplantagen mit wenigen Flecken Sekundärwald auf Kalksteinsubstrat und einem kleinen Mangrovengebiet bedeckt. Auch auf Mindoro sind nur noch drei Prozent der Insel mit Regen- und Bergregenwald bedeckt. Die Wissenschaftler der archäologischen Studie ziehen auch in Erwägung, dass die Ilin-Borkenratte einst als wichtige Nahrungsquelle für die menschliche Bevölkerung gedient haben könnte.

Mit ziemlicher Sicherheit, leben keine Ilin-Borkenratten mehr auf Ilin. Die Insel ist zu klein und der natürliche Lebensraum der Tiere weitgehend zerstört, als dass sich die Ratten dort im Verborgenen halten könnten. Was Mindoro angeht, fehlt es an Suchen nach dem Borkenkletterer in den letzten verbliebenen Bergregenwäldern dort. Die IUCN listete die Ilin-Borkenratte ab 1994 zunächst als ausgestorben, änderte ihren Status 2008 allerdings in „unzureichende Datenlage“, da so wenig über sie bekannt ist.

Was man über die Ilin-Borkenratte weiß

Es dauerte fast 30 Jahre, bis dem Exemplar in der Sammlung des National Museum of Natural History in Washington D.C. (USA) Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die wissenschaftliche Beschreibung der Ilin-Borkenratte durch den US-amerikanischen Zoologen Guy Musser erfolgte 1981 anhand des 1953 auf Ilin entdeckten Borkenratten-Exemplars.

Das Tier besitzt eine Kopf-Rumpf-Länge von 25 Zentimetern, einen 21,5 Zentimeter langen Schwanz und zwei Zentimeter lange Ohren. An der Oberseite weist es dunkelbraunes und an der Unterseite graues Fell auf. Der Schwanz der Ilin-Borkenratte ist mit dunklen Haaren versehen und endet in einer weißen Spitze. Nach heutigen Erkenntnissen handelt es sich um die kleinste Art unter den auf den Philippinen lebenden Borkenratten.

Da Zoologen bis dato keine Ilin-Borkenratten lebendig erforschen konnten, kann über deren Lebensweise und Verhalten nur spekuliert werden. Sie war wahrscheinlich, wie andere Tiere der Gattung auch, nachtaktiv und ernährte sich von Früchten.

Borkenratten unterscheiden sich von allen anderen Altweltmäusen (Murinae) in ihrer Größe und anhand ihres buschigen, dichten und lang behaarten Schwanzes. Zudem weisen alle Arten  relativ lange, dichte Körperhaare und teils einzigartige Färbungen und Muster auf. Als ausgestorben aus der Unterfamilie der Altweltmäuse gelten neben der Ilin-Borkenratte auch die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte, die Weihnachtsinsel-Ratte und die Kaiserriesenratte.

Cloudrunner: Kaum bekannte Ratten auf den Philippen

Schadenbergs Borkenratte
Die nachtaktive und scheue Schadenbergs Borkenratte ist die größte Borkenratten-Art mit einer Gesamtlänge von fast einem Meter inklusive Schwanz. (© Brigitte ALLIOT, CC0, via Wikimedia Commons)

Heute sind neben der Ilin-Borkenratte drei weitere Arten aus der Gattung der Borkenkletterer mehr oder weniger bekannt. In den nördlichen Bergregenwäldern auf der Insel Luzon lebt Schadenbergs Borkenratte (Crateromys schadenbergi), die einzige einigermaßen erforschte Art. Die Dinagat-Borkenratte (Crateromys australis) war bis 1975 nur von einem Exemplar bekannt, doch 2012 wurde die auf der Insel Dinigat lebende Art wiederentdeckt. Die Panay-Borkenratte (Crateromys heaneyi) wurde erst 1996 beschrieben und lebt in den westlichen Bergen der Insel Panay.

Alle noch existenten Borkenratten-Arten werden von der IUCN als „stark gefährdet“ oder sogar „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Der Grund: Der Lebensraum der großen Nagetiere verkleinert sich durch die Abholzung der Wälder auf den philippinischen Inseln stetig. Borkenratten sind auf primäre Bergregenwälder angewiesen. Dort leben sie in den Baumkronen von Tieflandregenwäldern, weshalb sie auch als Cloudrunner (Wolkenläufer) oder Cloud Rats (Wolkenratten) bezeichnet werden.

Im Jahr 2021 entdeckten Wissenschaftler auf der Philippinen-Insel Luzon, unter ihnen die Zooarchäologin Janine Ochoa, fossile und subfossile Überreste einer weiteren, bereits ausgestorbenen Borkenrattenart: Crateromys ballik. Aus einem Artikel im Journal of Mammalogy geht hervor, dass diese Art von 67. 000 vor Christus bis ins späte Holozän gelebt haben muss – eine Zeit, in der zahlreiche exotische Säugetierarten (auch invasive) nach Luzon gelangten. Damals entwickelten sich auch neue kulturelle Praktiken wie die Töpferei, was laut Ochoa darauf hindeutet, dass der moderne Mensch beim Aussterben der Borkenratte C. ballik eine Rolle spielte.

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