karolinasittich
Beim Karolinasittich handelte es sich um einen kleinen grünen Papagei, der eine Körperlänge von rund 30 Zentimetern erreichte. Sein Kopf und Nacken waren gelb und die Stirn und Augenpartie orangerot. Männchen waren etwas größer als Weibchen. Baird, Spencer Fullerton; Brewer, T. M.; Ridgway, Robert, Public domain, via Wikimedia Commons)

Karolinasittich

Der Karolinasittich: Ein Opfer des Romeo-und-Julia-Effekts?

Alles, was heute über den Karolinasittich bekannt ist, stammt aus anekdotischen Berichten und von Museumsexemplaren. Es existieren keine wissenschaftlichen Studien oder Untersuchungen, die Naturforscher zu Lebzeiten der Vogelart gemacht hätten. Selbst die Angaben über seine Häufigkeit und sein Verschwinden sind spekulativ und unbestätigt.

In der Literatur heißt es oft, der letzte in Gefangenschaft lebende Karolinasittich namens Incas starb am 21. Februar 1918 im Cincinnati Zoo – und zwar in demselben Käfig, in dem Martha, die letzte Wandertaube, vier Jahre zuvor verstarb. Gemeint ist die Nominatform Conuropsis carolinensis carolinensis, denn beim Karolinasittich werden zwei Unterarten unterschieden. Die zweite Unterart, der etwas anders gefärbte Louisanasittich (C. C. ludoviciana), wurde in der Wildnis zuletzt um 1910 beobachtet.

Conuropsis carolinensis
Museumsexemplar des Karolinasittichs im Museum Naturalis in Leiden, Niederlande. Weltweit existieren in Museen rund 720 Bälge und 16 Skelette der Vogelart. (© Huub Veldhuijzen van Zanten/Naturalis Biodiversity Center, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Auch nach 1918 gibt es noch eine Menge unbestätigter Karolinasittich-Sichtungen von Einheimischen, die Robert McClung 1993 teilweise in Lost Wild America benennt. So seien zum Beispiel irgendwann zwischen 1937 und 1955 drei Sittiche im Okefenokee-Sumpf in Georgia gefilmt worden. Die American Ornithologists‘ Union, die das Filmmaterial seinerzeit analysierte, kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich wohl um andere wilde Sittiche handeln müsse. Und 1938 will eine Gruppe erfahrener Vogelkundler einen Schwarm Sittiche in den Sümpfen des Santee-River-Beckens in South Carolina gesehen haben, was andere erfahrene Ornithologen wiederum ebenfalls anzweifelten.

Der britische Ökologe Simon A. Black ist aufgrund von Hinweisen Einheimischer sogar der Überzeugung, dass der Karolinasittich bis in die 1950er- oder 1960er-Jahre hinein überlebt haben könnte. Aus diesem Grund greift er 2020 in einem Artikel für das Buch Problematic Wildlife II beispielhaft auf den Karolinasittich zurück, um das naturschutzbiologische Phänomen des Romeo-und-Julia-Effekts oder des Romeo-Irrtums zu veranschaulichen. Namensgebend für das Phänomen ist William Shakespeares Tragödie Romeo und Julia (1597), denn genau wie Romeo fälschlicherweise annahm, dass Julia tot sei, obwohl er sie noch hätte retten können, ging die Menschen im frühen 20. Jahrhundert davon aus, der Karolinasittich sei bereits ausgestorben.

Indem Romeo also Julia zu früh aufgegeben hat, weil er davon ausging, dass sie schon tot sei, hat er ihren tatsächlichen Tod ausgelöst. Romeo nimmt sich aus der Verzweiflung heraus, dass seine Geliebte tot ist, das Leben, woraufhin Julia sich ihrerseits verzweifelt über den Tod Romeos das Leben nimmt. Übertragen auf den Artenschutz bedeutet das: Halten Wissenschaftler eine Art für ausgestorben und geben sie auf, führt das normalerweise zum Einstellen der Schutzbemühungen für diese Art, was letztendlich das tatsächliche Aussterben der Spezies zur Folge haben kann. Insofern Karolinasittiche tatsächlich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts existierten, sind sie ein passendes Beispiel für den Romeo-Irrtum.

Karolinasittich – Steckbrief
wissenschaftliche NamenConuropsis carolinensis, Conuropsis carolinensis carolinensis, Conurus carolinensis, Psittacus carolinensis
englische NamenCarolina Parakeet, Carolina Conure, Carolina Paroquet
ursprüngliches VerbreitungsgebietNordamerika
Zeitpunkt des Aussterbensfrühestens 1918
Ursachen für das AussterbenBejagung, Lebensraumverlust, Heimtierhandel, eingeschleppte Arten

Riesiges Verbreitungsgebiet im Südosten der USA

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Ungefähres historisches Verbreitungsgebiet des Karolinasittichs in den USA. Die Nominat-Unterart war im Osten der USA von Florida bis Virginia endemisch.

Die Gattung Conuropsis ist eine von zahlreichen Gattungen der Neuweltpapageien (Arini), die wiederum zur Familie der Eigentlichen Papageien (Psittacidae) gehören. Der schwedische Zoologe Carl Linnaeus veröffentlichte 1758 die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Karolinasittichs unter dem Namen Psittacus carolinensis. Die Gattung Conuropsis stellte der italienische Zoologe Tommaso Salvadori 1891 eigens für den Karolinasittich auf.

Das vermutete riesige zumindest teilweise 28 amerikanische Bundesstaaten umfassende Verbreitungsgebiet des Karolinasittichs beschreibt unter anderem Dieter Luther in Die ausgestorbenen Vögel der Welt (1986): Das Gebiet reichte vom Süden Michigans und dem Bundesstaat New York in westliche Richtung bis in den Osten Carolinas und im Süden bis an die Südspitze Floridas. Es umfasste auch die Küstenregion von Texas am Golf von Mexiko. Die Sittiche sollen bis an die Südküsten der Großen Seen vorgekommen sein. Im Bundesstaat Iowa war die Spezies vor allem im Einzugsgebiet der Flüsse Mississippi und Missouri anzutreffen. Der Karolinasittich bevorzugte als Lebensraum alte Feuchtwälder mit Zypressen und Platanengewächsen entlang von Flüssen und Sümpfen mit großen hohlen Bäumen, die er als Rast- und Nistplätze nutzte.

Fast hätte er in Europa überlebt

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Foto eines Karolinasittichs in Gefangenschaft (um 1900), der auf den Stängeln einer Spitzklette sitzt. (© Robert Wilson Shufeldt (1850 – 1934), Public domain, via Wikimedia Commons)

Der amerikanische Herpetologe und Ehrenmitglied des Internationen Ornithologischen Kongresses Albert Hazen Wright verweist in seinem Artikel Early Records of the Carolina Paroquet (1912) darauf, dass es über die präkoloniale und frühe koloniale Verbreitung des Karolinasittichs in Nordamerika sehr viele Berichte gibt. Da Papageien den seefahrenden europäischen Nationen im 16. und 17. Jahrhundert praktisch nicht bekannt gewesen sein dürften, hätten die Entdecker den in Schwärmen auftretenden, bunten und lauten Vogel wohl auch kaum übersehen können.

Anekdotische Berichte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts merken, so Wright, bereits die Abwesenheit oder Seltenheit des Karolinasittichs an. Das stimmt auch ziemlich mit den Beobachtungen des deutschen Vogelkundlers Hans Freiherr von Berlepsch überein, der 1922 in Mein ornithologischer Lebenslauf schreibt, dass der Sittich in den 1870er-Jahren noch recht häufig war, was er darauf zurückführt, dass die Vögel billig waren: „Das Paar kostete damals 5 Taler.“ Doch schon in den 1890er-Jahren seien die Karolinasittiche aufgrund ihrer Seltenheit „fast mit Gold aufgewogen“ worden.

Es heißt, der Karolinasittich hätte beinahe überleben können, denn Berlepsch züchtete die nordamerikanische Papageienart ab 1874 erfolgreich in Europa:

„Mit Erfolg habe ich (…) den jetzt schon seit langen Jahren ausgestorbenen Karolinasittich gezüchtet. Letztere herrliche grüne Vögel mit gelb und rotem Kopf von Größe und Gestalt, auch Flug des Turmfalken, bewohnten einen früheren Taubenschlag. Mit 2 Paar beginnend, hatten sie sich allmählich auf einige 20 Stück vermehrt. Des Taubenschlages entwöhnten sie sich mehr und mehr. Sie suchten ihn nur noch als Futterstelle auf. Brüten taten sie in natürlichen Höhlen zweiter alter Linden. Da sie in geschlossenen Flügen meilenweit das Land durchstreiften, bat ich in den gelesenen Zeitungen von Zeit zu Zeit um Schonung.“

Mein ornithologischer Lebenslauf, Journal für Ornithologie, Jahrgang 70, 1922, H. Freiherr von Berlepsch

Leider machte es auch die freifliegende Karolinasittich-Population in Europa nicht lange, denn plötzlich verschwanden alle Vögel innerhalb weniger Tage, weshalb Berlepsch Nachforschungen anstellte:

„Erst einige Jahrzehnte später hat sich das traurige Rätsel gelöst. In einer über 50 km von Seebach entfernten Dorfschänke fand sich eine ganze Anzahl verräscherter Ueberreste von Karolinasittichen, und der Wirt berichtete, daß Vater selig diese komischen Vögel einst innerhalb zweier Tage von der Hoflinde geschossen habe. Er entsinne sich noch seiner Erzählung, daß um die zuerst gefallenen die anderen immer erneut herumgeflattert seien und sich so bis zum letzten hätten vernichten lassen.“

Mein ornithologischer Lebenslauf, Journal für Ornithologie, Jahrgang 70, 1922, H. Freiherr von Berlepsch

Die soziale Natur der Karolinasittiche wird häufig als eine Ursache für ihr Aussterben herangezogen. Auch von David Day, der 1981 in The Doomsday Book of Animals schreibt, dass immer, wenn ein Vogel verwundet oder getötet wurde, der Rest des Schwarms lärmend über diesem im Sturz- oder Schwebeflug verweilte. Was natürliche Fressfeinde angeht, ist diese Praktik wirksam, um den Angreifer zu vertreiben, nicht aber, wenn der Angreifer ein Mensch mit Waffe ist. Jäger profitierten vom Sozialverhalten der Karolinasittiche, denn brachten sie einen Vogel zu Fall, war es ein Leichtes, den Rest des Schwarms ebenfalls zu erlegen.

Der Karolinasittich: Ein Gegenstück zur Wandertaube

Der Niedergang des Karolinasittichs wie auch der Wandertaube oder des Heidehuhns erfolgte im Wesentlichen im Zuge der Besiedlung und wirtschaftlichen Erschließung Nordamerikas durch die Europäer über einen Zeitraum von knapp 100 Jahren. Alle diese Vogelarten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch recht weit verbreitet waren, waren spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Berlepsch zieht einen Vergleich zur 1914 ausgestorbenen Wandertaube:

„Jetzt gehört der Karolinasittich nur noch der Geschichte an. Ein Gegenstück zur Wandertaube, und beide gewiß beredte Zeugnisse dafür, wie rasch, nachdem die Reihen erst gelichtet, die gänzliche Ausrottung einer Tiergattung vor sich geht.“

Mein ornithologischer Lebenslauf, Journal für Ornithologie, Jahrgang 70, 1922, H. Freiherr von Berlepsch
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Der amerikanische Vogelkundler und Zeichner J. J. Audubon berichtete im frühen 19. Jahrhundert von Katzen, die starben, nachdem sie einen Karolinasittich gefressen hatten. Der Grund sind wahrscheinlich die von den Vögeln zuvor verspeisten giftigen Spitzklettensamen. (© John James Audubon, Public domain, via Wikimedia Commons)

Die IUCN sieht die Bejagung durch den Menschen als Hauptursache für das Verschwinden des Karolinasittichs an. Die Vögel waren dafür bekannt, scharenweise Schaden auf Getreidefeldern und Obstplantagen angerichtet zu haben, sodass Farmer sie rücksichtlos gejagt und erschossen haben. Auch Berlepsch verweist 1922 auf die Rolle der Sittiche als Pflanzenschädlinge: „Nach Einzug der Kultur richtete er an den Feldern und Obstpflanzungen großen Schaden an, sodass er von den Europäern ständig verfolgt wurde.“ Dass viele Farmer die Karolinasittiche dafür schätzten, die invasive Spitzklette (Xanthium strumarium) zu bekämpfen, indem die Vögel ihre giftigen Samen bevorzugt verspeisten, schützte die Art nicht vor der Ausrottung.

Der Karolinasittich wurde nicht nur als Schädling gejagt, sondern auch wegen seines Fleisches und seiner Federn. Zudem wurde er zu Tausenden gefangen und als Haustier verkauft. Die Federn der Vögel dienten unter anderem zum Verzieren von Damenhüten. Weiterhin schreibt der US-amerikanische Botaniker Edwin James in einem Expeditionsbericht aus dem Jahre 1905, dass er unter dem Kopfschmuck des Stammes der Dakota in Nebraska einen vollständigen Balg eines Karolinasittichs gefunden habe. Auch Angehörige des indigenen Volkes der Iowa und des halbnomadischen Prärie-Indianer-Stammes der Arikaree sollen gelegentlich Karolinasittichfedern zum Schmücken ihrer Friedenspfeifen genutzt haben; das schreibt zumindest der Ornithologe Daniel McKinley in The Carolina Parakeet in the upper Missouri and Mississippi River Valleys (1965).

Auch Lebensraumverlust aufgrund von Entwaldung wird von der Wissenschaft als ein wichtiger Grund für das Verschwinden des Karolinasittichs angesehen, wobei der US-amerikanische Ornithologe James Cowan Greenway in Extinct and Vanishing Birds of the World (1958) den Verlust von Lebensraum als primäre Aussterbeursache ausschließt. Greenway verweist nämlich auf den später ausgestorbenen Elfenbeinspecht, dessen Verbreitungsgebiet und Lebensraum mit dem des Karolinasittichs nahezu übereinstimmte. Die Bestandszahlen des Elfenbeinspechts hätten sehr viel langsamer abgenommen als die des Karolinasittichs, was dafür spräche, dass die Zerstörung der Wälder keinen dominierenden Einfluss auf das Verschwinden des Sittichs gehabt haben dürfte.

Eine Kombination von Faktoren als Aussterbeursache

Conuropsis carolinensis Skelett
Skelett des Karolinasittichs (1897). (© Adolf Bernard Meyer, Public domain, via Wikimedia Commons)

Auch wenn der Verlust von Lebensraum das Aussterben des Karolinasittichs nicht primär verursacht haben sollte, so war es doch ein wichtiger Faktor. Die immer stärker werdende Besiedlung des Verbreitungsgebiets der Art durch den Menschen und die damit einhergehende Kultivierung von Landschaften zur Schaffung landwirtschaftlicher Flächen führten zwangsläufig zum Verschwinden der ausgedehnten Waldgebiete und Brutbäume. Und weil Karolinasittiche sich hauptsächlich von Samen und anderen Pflanzen und Früchten ernährten, fraßen sie eben auch von den Obst- und Getreideplantagen, die anstelle ihrer Wälder traten.

Die Rodung der Wälder habe zu einer Fragmentierung des Lebensraums der Sittiche und zum Splitten der Population geführt, was die Vögel anfälliger für Krankheiten, extreme Wetterbedingungen und gegenüber Fressfeinden gemacht haben dürfte. Wahrscheinlich, so Christopher Cokinos 2018 in einem Artikel im Pacific Standard, benötigte eine derart soziale Vogelart wie der Karolinasittich auch ein gewisses Populationsniveau in Schwärmen, um erfolgreich Nachkommen aufziehen zu können.

McKinley hat noch eine andere Theorie zum Verschwinden des Karolinasittichs entwickelt, und zwar argumentiert er 1960 in The Carolina Parakeet in Pioneer Missouri, dass die rasche Ausbreitung Europäischer Honigbienen (Apis mellifera), die in zentralen Teilen Nordamerikas zur Bestäubung von Nutzpflanzen eingeführt wurden, und das Aussterben des Karolinasittichs im Zusammenhang stehen. McKinley stellt zwei Vermutungen auf: Entweder haben „Bienenjäger“ auf der Suche nach Wachs und Honig großflächig hohle „Bienenbäume“ abgeholzt, was fatal für Karolinasittiche gewesen wäre, da diese die Bäume als Winterquartiere, zum Schlafen und Nisten nutzten. Oder aber die Bienenschwärme selbst haben sich in den Baumhöhlen zum Nisten breit gemacht und so die Karolinasittiche verdrängt.

Das plötzliche Verschwinden der Karolinasittiche zu Beginn des 20. Jahrhunderts bleibt trotz allem rätselhaft, denn aus einigen historischen Berichten geht hervor, dass Ende des 19. Jahrhunderts noch Schwärme mit sich fortpflanzenden Paaren festgestellt wurden. Auch in Gefangenschaft seien die Sittiche langlebig gewesen und genügend intakte Nistplätze hätte es in den Wäldern ebenfalls noch gegeben. Der amerikanische Ornithologe Noel F. Snyder spekuliert daher 2002 in der Enzyklopädie The Birds of North America, dass Karolinasittiche einer Geflügelseuche erlegen sind. Allerdings gibt es weder neuere noch historische Aufzeichnungen darüber, dass Papageien der Neuen Welt von bei Hausgeflügeltieren üblichen Krankheiten jemals befallen worden wären.

Um der Frage nachzugehen, ob das Aussterben des Karolinasittichs tatsächlich direkt vom Menschen verursacht wurde, oder ob vielleicht doch Naturkatastrophen oder Krankheiten zum Rückgang der Art beitrugen, hat ein Forscherteam 2019 das Genom des Karolinasittichs sequenziert und seine Studienergebnisse in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht. Die Wissenschaftler suchten gezielt nach Anzeichen eines lang andauernden Niedergangs der Art (wie zum Beispiel Inzucht), der bereits begann, bevor Menschen Jagd auf den Vogel machten. Die Forscher fanden keine Hinweise auf Inzucht, was ja zu erwarten wäre, wenn eine Art vom Aussterben bedroht ist. Das bedeutet wiederum, der Aussterbeprozess muss schnell vonstatten gegangen sein, sodass er keine Spuren im Genom der letzten Exemplare hinterlassen konnte. Auch Vogelviren konnten die Wissenschaftler in der DNA des Karolinasittichs nicht nachweisen, weshalb sie zu dem Schluss kommen, dass das Aussterben ein „abrupter Prozess war und wahrscheinlich ausschließlich auf menschliche Ursachen zurückzuführen ist“.

Evolution: Der einzige Papagei Nordamerikas

Der Karolinasittich war der einzige endemische Papagei Nordamerikas. Keine andere Papageienspezies hatte ihr Verbreitungsgebiet so weit im Norden. Doch wie kamen die Vorfahren des Karolinasittichs in das gemäßigte Nordamerika? Lange Zeit spekulierten Forscher über die genauen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen dem Karolinasittich und anderen neotropischen Papageienarten.

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Der in Brasilien endemische Goldscheitelsittich ist nah mit dem ausgestorbenen Karolinasittich verwandt. (© Peter Tan, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Um die evolutionären Beziehungen zwischen verschiedenen Papageienspezies zu ermitteln, isolierte und sequenzierte ein Team von US-amerikanischen Wissenschaftlern die DNA aus dem Gewebe am Zehenballen zweier Karolinasittich-Museumsexemplare. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten der Ornithologe Jeremy J. Kirchman und die Biologen Erin E. Schirtzinger und Timothy F. Wright 2012 in der Fachzeitschrift The Auk. Ihre Analysen der mitochondrialen DNA deuten darauf hin, dass es sich bei den nächsten noch lebenden Verwandten des Karolinasittichs um einige in Südamerika endemische Vögel aus der Gattung der Keilschwanzsittiche (Aratinga) handelt: der Nandaysittich (Aratinga nenday) mit grünem Gefieder und schwarzem Kopf und Nacken, der meist gelb-orangefarbene Sonnensittich (Aratinga solstitialis) und der grüne Goldscheitelsittich (Aratinga auricapilla) mit gelb-orangefarbener Stirn. Die farblichen Ähnlichkeiten zwischen den Arten zeigen, dass sich die auffällige Gefiederfärbung des grünen Karolinasittichs mit gelbem Scheitel und Nacken und rotem Vorderkopf bei den gemeinsamen Vorfahren dieser Linie entwickelt hat.

Während die nächsten lebenden Verwandten des Karolinasittichs also im gemäßigten und tropischen Südamerika zu finden sind, sind die in Mexiko, anderen Teilen Mittelamerikas oder auf den Großen Antillen verbreiteten Neuweltpapageien nur entfernt mit dem Karolinasittich verwandt. Das bedeutet, die entfernteren Verwandten des Karolinasittichs befinden sich näher am historischen Verbreitungsgebiet des Karolinasittichs und die näher verwandten Arten sind geografisch weiter entfernt. Dies stimmt mit der allgemein anerkannten wissenschaftlichen Vorstellung überein, dass Mittel- und Nordamerika zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Abstammungslinien von Papageien besiedelt wurden. Der Karolinasittich kam schon vor 5,5 Millionen Jahren nach Nordamerika, lange bevor die Panama-Landbrücke entstand, die Nord- und Südamerika heute verbindet.

Wie die Besiedlung der Kontinente vonstatten ging, untersuchten der Ornithologe Manuel Schweizer und die Evolutionsbiologen Ole Seehausen und Stefan T. Hertwig 2011 in einer Studie zu den makroevolutionären Mustern in der Diversifizierung von Papageien. Sie fanden heraus, dass Papageien vom erdgeschichtlichen Großkontinent Gondwana stammen und sich in verschiedene Arten aufspalteten, nachdem Gondwana zerfallen ist. Die daraus resultierenden Habitatverschiebungen auf den Kontinentfragmenten führten aufgrund des Klimawandels und des Entstehens neuer Gebirgszüge zur geografischen Isolation und Fragmentierung des Lebensraums. Für die Vögel boten sich so neue ökologische Möglichkeiten und Herausforderungen, wodurch sie sich unterschiedlich entwickeln konnten. In Südamerika entstanden nach dem Zusammenbruch von Gondwana auf diese Weise vor etwa 50 Millionen Jahren neotropische Papageien.

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