Okanagana fumipennis Zikade
Mithilfe von Laienwissenschaftlern und der Plattform iNaturalist konnte die ausgestorben geglaubte Zikade Okanagana arctostaphylae wiederentdeckt werden. Das Bild zeigt das Insekt Okanagana fumipennis aus derselben Gattung. Patrick Alexander from Las Cruces, NM, CC0, via Wikimedia Commons)

Wiederentdeckung dank Citizen Science: Zikade nach 100 Jahren wiedergefunden

Wie National Geographic berichtete, ist die Zikadenart Okanagana arctostaphylae über ein Jahrhundert nachdem sie zuletzt gesichtet wurde, wiederentdeckt worden. Die Entdeckung gelang der Naturbeobachterin Lucinda Collings Parker in ihrem Garten in den Ausläufern der Sierra Nevada in Kalifornien.

Parker fotografierte die auffallend rote Zikade im Juli 2020 und lud das Bild auf iNaturalist, einer Online-Plattform für Bürgerwissenschaften zur Erforschung und Dokumentation der Artenvielfalt, hoch. Dort wurde es von dem Entomologen Will Chatfield-Taylor von der Universität Kansas entdeckt, der es an die Zikaden-Experten Jeff Cole und Elliott Smeds, wissenschaftliche Mitarbeiter am Naturkundemuseum von Los Angeles County beziehungsweise an der California Academy of Sciences, weiterleitete. Schnell waren sich alle drei einig: Es handelt sich um die seit 1915 verschollene Art Okanagana arctostaphylae.

Auf der Suche nach der verlorenen Art

Kurz darauf machte sich Smeds auf den Weg, um die wiederentdeckte Zikadenart in freier Wildbahn aufzuspüren. Mit heruntergelassenen Fenstern durchkämmte Smeds die Westhänge der kalifornischen Sierra Nevada, in der Hoffnung, den charakteristischen Ruf der Zikaden wahrzunehmen. Basierend auf seinem Wissen über verwandte Arten hatte er eine Vorstellung davon, wie Okanagana arctostaphylae klingen könnte.

Bereits am nächsten Tag stieß Smeds auf die etwa 3,8 Zentimeter großen, roten Zikaden. Sie saßen auf den ebenfalls roten Stängeln ihrer Wirtspflanzen, den Manzanita-Sträuchern und -Bäumen. Einige Wochen später verschwanden die Zikaden wieder. Doch dank Smeds‘ Entdeckung wussten die Forscher nun, wo und wann sie suchen mussten. Im Jahr 2023 wurden die Zikaden schließlich erneut gesichtet.

Weitere Beobachtungen und Suchen, teils mithilfe der Plattform iNaturalist, ergaben, dass Okanagana arctostaphylae in einem größeren Gebiet westlich der Sierra Nevada-Ausläufer Kaliforniens vorkommt als zunächst angenommen. Die Spannweite zwischen den nördlichsten und südlichsten Beobachtungen beträgt über 200 Kilometer. Die lange Zeitspanne ohne Nachweise lässt sich dadurch erklären, dass die Zikaden einen Großteil ihres Lebens – bis zu 17 Jahre – unter der Erde verbringen. Erwachsene Tiere tauchen nur für kurze Zeit bei hohen Temperaturen und in dichter Vegetation auf.

Zikaden westlich der Rocky Mountains kaum erforscht

Bisher war nur wenig über die Lebensweise und das Verbreitungsgebiet von Okanagana arctostaphylae bekannt. Dank der Wiederentdeckung können Forscher nun mehr über diese Insekten erfahren. Ein wichtiger Aspekt ist die große Artenvielfalt westlich der Rocky Mountains. Im Vergleich zu den östlichen Zikadenarten sind die westlichen Arten deutlich weniger erforscht. Einige Arten sind zum ersten Mal seit Generationen erfasst wurden – das Paradebeispiel dafür bildet Okanagana arctostaphylae.

Wie Blattläuse und Wanzen besitzen Zikaden eine Art Strohhalm, den sie in Pflanzen stechen, um flüssige Nahrung in Form von Saft zu saugen. Dies hat sich für sie als erfolgreiche Strategie erwiesen, denn weltweit gibt es über 3.000 Zikadenarten. Zikaden zeichnen sich außerdem durch einen zweigeteilten Lebenszyklus aus: Den Großteil ihres Lebens verbringen sie als Nymphen unter der Erde, wo sie von Wurzelsaft leben. Nach einer artabhängigen Zeitspanne von 1 bis 17 Jahren graben sie sich aus, häuten sich und verwandeln sich von braunen, bohnenförmigen Wesen in geflügelte Insekten – die lautesten der Welt.

Lebenszyklen westlicher Zikaden rätselhaft

Im Gegensatz zu den östlichen Zikaden, deren Auftreten Jahrzehnte im Voraus vorhergesagt werden kann, bleiben die Lebenszyklen der westlichen Zikaden mysteriös. Weder Verbreitungsgebiete noch Zeitpunkt des Auftauchens sind genau bekannt.

Viele westliche Zikadenarten zeigen protoperiodische Lebenszyklen. Das bedeutet, dass jedes Jahr einige Exemplare erscheinen, aber in unregelmäßigen Abständen kommt es zu massenhaften Schwärmen. Diese Schwärme sind jedoch im Vergleich zu den periodischen Zikaden des Ostens weniger stark ausgeprägt.

Der genaue Auslöser für das Auftreten protoperiodischer Zikaden im Westen ist noch unklar, aber Regen scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Untersuchungen zeigen, dass große Schwärme nur nach Jahren mit überdurchschnittlichem Niederschlag auftraten.

Citizen Science liefert Unterstützung bei Zikadenforschung

Allein in Kalifornien beherbergt die artenreiche Zikadenfamilie etwa 80 anerkannte Spezies. Allerdings gibt es nur eine Handvoll Entomologen, die sich auf westliche Zikaden konzentrieren. Zikaden sind relativ schlecht erforscht, weil ihre langen Lebenszyklen und sporadischen Auftauchen für Wissenschaftler schwer zu studieren sind. Selten können Experten Jahre warten, bis die Untersuchungsobjekte über der Erde auftauchen, und sie können nicht gleichzeitig überall sein. Diese Eigenschaften machen die Beobachtung und Erforschung für Wissenschaftler zu einer Herausforderung und es ist davon auszugehen, dass es im Westen der USA noch eine Menge unentdeckter Zikadenarten gibt.

Die Möglichkeiten der Bürgerwissenschaften bieten neue Ansätze für die Zikadenforschung. Plattformen wie iNaturalist ermöglichen es Naturliebhabern weltweit, ihre Beobachtungen zu teilen und so wertvolle Daten zu sammeln. So konnten im Jahr 2023 mithilfe von Fotos auf Social Media sechs neue Arten fleischfressender Pflanzen wiederentdeckt werden.

Die Wiederentdeckung der Zikadenart Okanagana arctostaphylae verdeutlicht das Potenzial der Bürgerwissenschaften. Durch die Beobachtung und Dokumentation einer Naturliebhaberin konnte diese Art nach über 100 Jahren wiederentdeckt werden. Die Kombination aus professioneller Forschung und dem Engagement von Hobbyforschern und Naturfotografen kann die Zikadenforschung im Westen der USA vorantreiben.

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