Kupferfadenelfe (Discosura letitiae)
1855 veröffentlichte Illustration der Kupferfadenelfe von John Gould und Henry Constantine Richter Bild: John Gould, Public domain, via Wikimedia Commons

Kupferfadenelfe – einer der mysteriösesten Kolibris

Inhaltsverzeichnis

Ein Vogel, von dem fast nichts bekannt ist

Von der Kupferfadenelfe oder Kupferelfe sind bis heute nur zwei männliche Museumspräparate bekannt. Wo und wann die beiden Vögel gefunden wurden, ist nur teilweise überliefert: Das Typusexemplar muss vor der wissenschaftlichen Beschreibung im Jahr 1852 gesammelt worden sein, das Sammeldatum des zweiten Exemplars ist unbekannt. Als Herkunft wurde zwar Bolivien angegeben, doch selbst diese Angabe gilt als unsicher.

Auch wann die Kupferfadenelfe zuletzt lebend nachgewiesen wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Der zweite bekannte Balg ist spätestens 1878 sicher dokumentiert, als der Ornithologe Daniel Giraud Elliot ihn als Teil seiner Sammlung erwähnte. Seitdem ist kein weiteres Exemplar bekannt geworden. Ein verlässlicher Bericht über die Beobachtung eines lebenden Vogels ist ebenfalls nicht überliefert. Über Lebensraum und Lebensweise der Art wissen wir praktisch nichts – selbst das Aussehen der Weibchen ist unbekannt.

Der britische Ornithologe Julian P. Hume (2017) bezeichnet die Kupferfadenelfe als „wahrscheinlich ausgestorben“. John C. Mittermeier et al. (2022) zählen sie dagegen zu einer kleinen Gruppe besonders rätselhafter neotropischer Vogelarten, den sogenannten Mysteries. Bei diesen Arten könnten erst weitere Untersuchungen historischer Quellen und alter Museumsexemplare helfen, ihre Herkunft, ihren taxonomischen Status und möglicherweise auch ihr Schicksal zu klären.

Die Geschichte der Kupferfadenelfe beginnt – und endet bis auf Weiteres – mit zwei alten Vogelbälgen in europäischen und amerikanischen Museumssammlungen.

Kupferfadenelfe – Steckbrief

alternative BezeichnungKupferelfe
wissenschaftliche NamenDiscosura letitiae, Popelairia letitiae, Gouldia laetitiae, Trochilus letitiae, Prymnacantha letitiae
englische NamenCoppery thorntail, Letitia’s thorntail, Letitia’s coquette
Verbreitungsgebietunklar, möglicherweise Bolivien (Südamerika)
Zeitpunkt des Verschwindensunbekannt, vermutlich im 19. Jahrhundert
mögliche Gefährdungenunbekannt
IUCN-StatusDatenlage unzureichend

Die beiden bekannten Exemplare

Das Typusexemplar der Kupferfadenelfe befindet sich heute im Natural History Museum in Tring (BMNH 1888.7.25.83). Es gehörte ursprünglich dem französischen Ornithologen Jules Bourcier, der den Vogel 1852 gemeinsam mit Étienne Mulsant wissenschaftlich beschrieb. Später gelangte das Präparat in die Sammlung des britischen Ornithologen John Gould und schließlich in das damalige British Museum (Graves, 1999).

Das zweite Exemplar wird im American Museum of Natural History in New York aufbewahrt (AMNH 38060). Es gehörte zur Sammlung von Daniel Giraud Elliot und ist spätestens 1878 sicher dokumentiert. Auf dem Etikett des New Yorker Exemplars findet sich der Vermerk „Verreaux“. Die Brüder Jules und Édouard Verreaux betrieben im 19. Jahrhundert in Paris einen bedeutenden Handel mit naturhistorischen Präparaten.

Ein neuer Kolibri aus „Bolivien“

Im Jahr 1852 beschrieben die französischen Naturforscher Jules Bourcier und Étienne Mulsant die Kupferfadenelfe erstmals wissenschaftlich. In einem Aufsatz, in dem sie mehrere neue Kolibriarten vorstellten, erhielt sie den Namen Trochilus letitiae. Über die Herkunft des Vogels machten die Autoren lediglich die knappe Angabe „Bolivia“ – einen genaueren Fundort, ein Sammeldatum oder Informationen über seinen Lebensraum nannten sie nicht.

Kupferfadenelfe (Discosura letitiae) von John Gould
Ausschnitt aus der Darstellung der Kupferfadenelfe aus John Goulds Kolibri-Monografie (Tafel 130, 1855 (später in Band 3, 1861). Da kein Weibchen bekannt war, ließ Gould das einzige ihm vorliegende männliche Exemplar in zwei verschiedenen Positionen darstellen.
Bild: John Gould & Henry Constantine Richter, Public domain, via Wikimedia Commons

Erst einige Jahre später erfahren wir durch John Gould, dass Bourcier nur dieses eine Exemplar besaß, auf dem somit die Erstbeschreibung beruhte. Gould bezeichnete den Vogel als Bourciers „unique specimen“ und durfte ihn für seine große Monografie über Kolibris (1861) untersuchen und abbilden. Dieser Balg aus Bourciers Sammlung ist das heutige Typusexemplar in Tring. Wer den Vogel ursprünglich gesammelt oder Bourcier beschafft hatte, ist unbekannt (Graves, 1999).

Gould erklärte, warum seine 1855 veröffentlichte Tafel zwei Vögel zeigt:

„Zu meinem Bedauern ist das Weibchen bislang unbekannt; daher habe ich das Männchen auf der Tafel in zwei Positionen dargestellt.“

Die Erstbeschreibung von 1852 beschränkt sich im Wesentlichen auf die äußeren Merkmale des präparierten Vogels und seine Maße. Bourcier und Mulsant beschrieben unter anderem das glänzend grüne Gefieder an Kopf und Unterseite, die gold- bis kupferfarben schimmernde Oberseite, das weiße Band am Bürzel sowie Färbung und Form des Schwanzes. Die Gesamtlänge gaben sie mit rund neun Zentimetern an. Gould (1855) hob später besonders den vollständig glänzenden Kopf, den vergleichsweise kurzen Schwanz und dessen zugespitzte äußere Steuerfedern hervor.

Auch das Artepitheton letitiae wird in der Erstbeschreibung erklärt. Bourcier und Mulsant widmeten den Vogel Letizia del Gallo Roccagiovine (1848–1863), einer Enkelin des bekannten Ornithologen Charles Lucien Bonaparte. Sie war außerdem eine Urgroßnichte Napoleon Bonapartes.

Ist die Kupferelfe überhaupt eine eigenständige Art?

Von der Kupferfadenelfe sind nur zwei alte Museumspräparate bekannt. Ihr Status als eigenständige Art war zwar lange weitgehend akzeptiert, doch bei Kolibris hatten sich mehrere ähnlich seltene, nur von einzelnen Exemplaren bekannte Formen später als Hybriden oder ungewöhnliche Varianten anderer Arten erwiesen. Für den amerikanischen Ornithologen Gary R. Graves war dies Ende der 1990er-Jahre Anlass, den taxonomischen Status der Kupferfadenelfe noch einmal grundlegend zu überprüfen.

Diskuselfe (Discosura longicauda)
Diskusfadenelfe (Discosura longicauda) – vermutlich eine nahe Verwandte der Kupferfadenelfe, der diese äußerlich besonders ähnelt.
Bild (Ausschnitt): Discosura longicaudus (J. F. Gmelin, 1788) observed in Suriname by Niall Perrins, CC BY-NC 4.0, via GBIF

Graves untersuchte in seiner Studie von 1999 vier Möglichkeiten: Bei den beiden Vögeln könnte es sich um das Jugendkleid der Diskusfadenelfe (Discosura longicauda), um eine geografische Variante dieser Art, um Hybriden oder tatsächlich um Vertreter einer eigenständigen Art handeln. Dazu verglich er Gefiederfärbung, Körpermaße und die Form einzelner Federn mit anderen Fadenelfen und verwandten Kolibris.

Zunächst stellte Graves fest, dass beide bekannten Exemplare Männchen im definitiven Adultgefieder sind. Dafür sprechen unter anderem die glänzenden Kehl- und Scheitelfedern sowie die verlängerten Steuerfedern. Damit ließ sich die Vorstellung, bei der Kupferfadenelfe könne es sich lediglich um das Jugendkleid der Diskusfadenelfe handeln, bereits ausschließen.

Zwar ähnelt die Kupferfadenelfe der Diskusfadenelfe deutlich, in mehreren Merkmalen unterscheidet sie sich jedoch klar von ihr. Der Kupferfadenelfe fehlt beispielsweise der schwarze Kinnfleck der Diskusfadenelfe, Rücken und Bürzel sind stärker kupfer- bis bronzefarben, und ihre äußeren Schwanzfedern sind anders geformt. Auch Flügel und Steuerfedern sind deutlich kürzer. Nach Graves (1999) übersteigen diese Unterschiede die übliche geografische Variation innerhalb vergleichbarer Kolibriarten. Er hält die Kupferfadenelfe daher weder für eine junge noch für eine regionale Form von D. longicauda. Die große Ähnlichkeit beider Vögel könnte vielmehr darauf hindeuten, dass sie nahe miteinander verwandt oder sogar Schwesterarten sind.

Auch für eine Entstehung durch Hybridisierung fand Graves keine überzeugenden Hinweise. Er bezog verschiedene Fadenelfen und Schopfkolibris (Lophornis) als mögliche Elternarten in seinen Vergleich ein. Keine denkbare Kombination konnte jedoch die Gesamtheit der Merkmale der Kupferfadenelfe erklären. So fehlen etwa Gefiedermerkmale, die bei einer Beteiligung bestimmter Lophornis-Arten zu erwarten wären, während andere potenzielle Elternarten wesentlich längere äußere Steuerfedern besitzen.

Schwarzschopfelfe (Lophornis helenae)
Schwarzschopfelfe (Lophornis helenae) – eine Coquette. Ihre relativ kurzen und breiten Schwanzfedern unterscheiden sich stark von den verlängerten, schmalen äußeren Steuerfedern typischer Fadenelfen.
Bild (Ausschnitt): lwolfartist, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Für eine eigenständige Art spricht außerdem, dass sich die beiden Kupferfadenelfen untereinander ausgesprochen ähnlich sind. Ihre Flügellängen unterscheiden sich lediglich um etwa 0,5 %; auch Gefiedermuster und Färbung stimmen bis in kleine Details wie die Befiederung der Beine und die Unterschwanzdecken überein. Die Unterschiede zwischen den beiden Exemplaren liegen nach Graves (1999) innerhalb der normalen individuellen Variation von Kolibris. Zwei unabhängig entstandene Hybriden mit einer derart ähnlichen Merkmalskombination wären dagegen schwer zu erklären.

Graves kam deshalb zu dem Schluss, dass die Kupferfadenelfe als eigenständige Art anzusehen ist, solange keine widersprechenden Befunde vorliegen. Auch heute wird Discosura letitiae in den maßgeblichen taxonomischen Listen als eigene Art geführt.

Graves (1999) schlug außerdem vor, den englischen Trivialnamen in Letitia’s Coquette zu ändern. Die Form der Schwanzfedern erinnere stärker an die sogenannten Coquettes – kleine, häufig auffällig geschmückte Kolibris vor allem der Gattung Lophornis – als an typische Fadenelfen. Damit wollte Graves die Kupferfadenelfe allerdings nicht taxonomisch zu Lophornis stellen; sein Vorschlag bezog sich lediglich auf den englischen Namen und die ungewöhnliche Schwanzform.

Ganz abgeschlossen ist die Frage dennoch nicht. Graves‘ Untersuchung beruhte auf Gefiedermerkmalen, Federformen und Körpermaßen. Genetische Daten der beiden Museumspräparate liegen bislang nicht vor (Foster, 2025). Moderne DNA-Untersuchungen könnten Graves‘ morphologische Einordnung erstmals genetisch überprüfen und zeigen, wie die Kupferfadenelfe innerhalb der Fadenelfen tatsächlich einzuordnen ist.

Von Trochilus zu Discosura

Grünfadenelfe (Discosura conversii)
Grünfadenelfe (Discosura conversii) – bereits Bourcier und Mulsant (1852) hielten sie der Kupferfadenelfe für nahestehend. Gemeinsamkeiten sind etwa das glänzend grüne Gefieder und das helle Band am Bürzel.
Bild (Ausschnitt): Andy Reago & Chrissy McClarren, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Als Bourcier und Mulsant die Kupferfadenelfe 1852 beschrieben, stellten sie sie zunächst in die damals sehr weit gefasste Gattung Trochilus. Schon damals merkten sie Ähnlichkeiten zu Trochilus conversii an – der heutigen Grünfadenelfe (Discosura conversii). Damit erkannten die Erstbeschreiber bereits eine Nähe zu jener Gruppe von Kolibris, der die Kupferfadenelfe auch heute zugerechnet wird.

In den folgenden Jahrzehnten wechselte ihre Gattungszuordnung mehrfach. John Gould führte die Art als Gouldia laetitiae, später wurde sie gemeinsam mit mehreren anderen Fadenelfen der Gattung Popelairia zugerechnet. Graves (1999) wies darauf hin, dass sich Popelairia bei einer Zusammenfassung mit Discosura nomenklatorisch nicht halten ließe: Popelairia Reichenbach, 1854 ist jünger als Discosura Bonaparte, 1850 und würde daher zu dessen jüngerem Synonym.

Heute heißt die Kupferfadenelfe daher Discosura letitiae. Zur Gattung gehören außerdem die Grünfadenelfe (D. conversii), die Brustband-Fadenelfe (D. langsdorffi), die Haubenfadenelfe (D. popelairii) und die Diskusfadenelfe (D. longicaudus).

Graves (1999) vermutete aufgrund der großen äußerlichen Ähnlichkeit, dass Kupferfadenelfe und Diskusfadenelfe möglicherweise Schwesterarten sind – also besonders eng miteinander verwandt. Ob sich diese Vermutung genetisch bestätigen lässt, ist bislang unbekannt.

Wo hat die Kupferfadenelfe gelebt?

Wo die beiden bekannten Kupferfadenelfen gesammelt wurden, bleibt bis heute ein Rätsel. Bourcier und Mulsant (1852) nannten in ihrer Erstbeschreibung lediglich „Bolivia“ als Herkunft. Einen genaueren Fundort oder nähere Angaben machten sie nicht. Auch die Etiketten der beiden erhaltenen Museumspräparate liefern keine präziseren Informationen zur Herkunft.

Fundort der Kupferfadenelfe (Discosura letitiae) in Bolivien?
Eine mögliche Herkunftsregion der Kupferfadenelfe im Norden und Nordosten Boliviens. Der tatsächliche Fundort der beiden bekannten Exemplare ist unbekannt; die dargestellte Region beruht auf früheren Vermutungen über das mögliche Vorkommen der Art.
Karte (modifiziert): Cephas, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Hinzu kommt, dass sich die politischen Grenzen in der Region seit dem 19. Jahrhundert verändert haben. Gebiete des Amazonasraums, die früher Bolivien zugerechnet wurden, gehören heute zu Brasilien (BirdLife International, 2023). Selbst wenn die historische Angabe „Bolivia“ grundsätzlich stimmen sollte, muss sie daher nicht exakt dem heutigen Staatsgebiet Boliviens entsprechen.

Dass selbst die Landesangabe unsicher sein könnte, betonte Graves (1999). Fundortangaben auf Kolibribälgen des 19. Jahrhunderts waren nicht immer zuverlässig. Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich sogar in derselben Veröffentlichung, in der die Kupferfadenelfe beschrieben wurde: Bourcier und Mulsant gaben für den Bronzeschwanz-Schattenkolibri (Ramphodon dohrnii) Ecuador als Herkunft an. Heute wissen wir aber, dass diese Art im atlantischen Küstenwald Brasiliens vorkommt. Graves warnt deshalb davor, eine Suche nach der Kupferfadenelfe allein auf Bolivien zu beschränken.

Trotzdem gibt es Vermutungen darüber, wo die Art gelebt haben könnte. James V. Remsen und Melvin A. Traylor schlugen 1989 Nordost-Bolivien als möglichen Herkunftsort vor. Joseph A. Tobias und sein Team hielten in einem 2006 veröffentlichten Artikel insbesondere die damals ornithologisch noch vergleichsweise wenig bekannten Tieflandwälder im Norden und Nordosten Boliviens für denkbar. Dafür spricht zumindest die Ökologie verwandter Arten: Mit der Brustband-Fadenelfe kommt eine andere Art derselben Gattung im westlichen Amazonas-Tiefland einschließlich Nordboliviens vor, und drei der vier übrigen Discosura-Arten bewohnen ebenfalls Tieflandregionen oder deren Randbereiche. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass auch die Kupferfadenelfe an solche Lebensräume angepasst war.

Sollte die Kupferfadenelfe noch existieren, vermuteten Tobias et al. (2006) sie vor allem in den oberen Waldschichten sowie an den Rändern von Primär- und Sekundärwäldern. Sie empfahlen deshalb, Fadenelfen nicht nur in Bolivien selbst, sondern im gesamten Amazonastiefland und in den angrenzenden Vorbergen rund um Bolivien besonders aufmerksam zu prüfen.

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Auch neuere Arbeiten bleiben entsprechend zurückhaltend. Thomas Züchner, Peter F. D. Boesman und Christopher J. Sharpe betonen 2020, dass die Verbreitung der Kupferfadenelfe wegen der unsicheren Herkunft der beiden bekannten Präparate nicht geklärt ist. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass die Art außerhalb Boliviens vorkam oder möglicherweise noch unentdeckt existiert.

Wann wurde die Art zuletzt nachgewiesen?

Das Typusexemplar, auf dem die Erstbeschreibung beruhte, muss 1852 oder früher gesammelt worden sein. Beim zweiten bekannten Exemplar ist der Sammelzeitpunkt dagegen unbekannt. Sicher dokumentiert ist dieser Balg seit 1878. Daniel Giraud Elliot schrieb damals in A classification and synopsis of the Trochilidae über die Kupferfadenelfe:

„Von dieser Art wurden nur zwei Exemplare erhalten; eines befindet sich in meiner Sammlung und eines in der von Mr. Gould.“

Wann Elliot sein Exemplar erhielt oder wann der Vogel tatsächlich gesammelt wurde, wissen wir nicht. Dennoch geben Tobias et al. (2006), Hume (2017) und weitere jüngere Quellen an, dass beide Exemplare bereits vor 1852 gesammelt worden seien. Martin et al. (2023) führen 1852 als letzten Nachweis, Kittelberger et al. (2024) hingegen 1851. Worauf die Datierung des zweiten Exemplars auf die Zeit vor 1852 beruht, lässt sich aus den bislang überprüften Quellen nicht nachvollziehen. Graves (1999) nennt für den New Yorker Balg kein Sammeldatum; eindeutig in der Literatur belegt ist er erst durch Elliot (1878).

Einen möglichen Hinweis auf eine ähnliche Entstehungszeit liefert die Präparation der beiden Vögel. Graves (1999) stellte fest, dass beide Bälge in einem sehr ähnlichen taxidermischen Stil angefertigt wurden. Das New Yorker Exemplar trägt außerdem den Vermerk „Verreaux“. Möglicherweise stammen beide Präparate daher aus demselben Umfeld des Pariser Naturalienhandels der Brüder Verreaux. Daraus lässt sich jedoch weder schließen, dass die beiden Vögel gemeinsam gesammelt wurden, noch dass auch das zweite Exemplar vor 1852 gesammelt wurde.

Ein genaues Jahr des letzten Nachweises lässt sich für die Kupferfadenelfe daher nicht angeben. Fest steht lediglich, dass die letzten bekannten Belege aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Ausgestorben oder noch verschollen?

Ob die Kupferfadenelfe heute noch existiert, lässt sich aktuell nicht beantworten. Seit dem 19. Jahrhundert ist kein neuer verlässlicher Nachweis der Art bekannt geworden. Es gibt weder Fotos noch Tonaufnahmen oder jüngere Museumsbelege. Das Projekt Search for Lost Birds führt sie deshalb weiterhin als „Lost Bird“ und nennt 1852 als letzten dokumentierten Nachweis. „Verschollen“ ist allerdings keine offizielle Gefährdungskategorie, sondern bezeichnet hier Vogelarten, die seit mindestens zehn Jahren nicht mehr zuverlässig dokumentiert wurden.

Dass über einen derart langen Zeitraum kein weiterer Vogel gefunden wurde, spricht dafür, dass die Art ausgestorben sein könnte. Mehrere Autoren bezeichnen sie entsprechend als „probably extinct“, also wahrscheinlich ausgestorben (Hume, 2017; Maillard et al., 2022). Für eine formelle Einstufung als ausgestorben reicht die Datenlage jedoch bislang nicht aus. Die IUCN führt die Kupferfadenelfe als Data Deficient (DD) – es fehlen also ausreichende Informationen, um ihren Gefährdungsstatus zuverlässig einzuschätzen (BirdLife International, 2023). Auch Adams und Berryman (2026) führen sie in ihrer aktuellen Übersicht ausgestorbener und gefährdeter Vogelarten weiterhin als Data Deficient.

Der ungewöhnlich lange Zeitraum ohne Nachweis ist bei dieser Art besonders schwer zu bewerten, weil von den beiden bekannten Exemplaren nicht einmal der genaue Fundort bekannt ist. Sie sollen aus „Bolivien“ stammen, doch selbst diese Angabe gilt als unsicher. Damit fehlt eine entscheidende Voraussetzung für eine gezielte Suche: Man weiß weder, wo nach der Art gesucht werden müsste, noch welchen Lebensraum sie bewohnte. Möglicherweise kam Discosura letitiae sogar außerhalb des heutigen Boliviens vor.

Kupferfadenelfe (Discosura letitiae) - KI-Rekonstruktion
KI-gestützte Rekonstruktion der Kupferfadenelfe auf Grundlage der Erstbeschreibung von Bourcier und Mulsant (1852), Goulds Illustration und Fotografien der beiden bekannten Museumsexemplare.

Eine digitale Suche nach der verschollenen Kupferfadenelfe

2022 suchten John C. Mittermeier und seine Kollegen systematisch nach modernen Belegen für verschollene Vogelarten der Neotropis. Ausgangspunkt waren Beobachtungen bei eBird und Medienbestände der Macaulay Library. Für Arten ohne aktuelle Belege durchsuchten die Forschenden zusätzlich Xeno-canto, WikiAves, iNaturalist, Google Scholar und Google nach überprüfbaren Fotos, Tonaufnahmen oder Hinweisen auf genetisches Material.

Bei der Kupferfadenelfe blieb die Suche ohne Ergebnis. Mittermeier et al. (2022) fanden keinen modernen Mediennachweis und ordneten sie zusammen mit drei weiteren Arten einer Gruppe besonders rätselhafter Mysteries zu. Neben der Kupferfadenelfe gehören dazu die Cayenne-Nachtschwalbe (Setopagis maculosa), die Weißschwanz-Tityra (Tityra leucura) und die Duidagrastangare (Emberizoides duidae). Gemeinsam ist diesen Arten, dass sie nur durch wenige Exemplare oder lückenhafte historische Angaben bekannt und als Data Deficient eingestuft sind.

Die Forschenden betonen, dass bei solchen Arten Feldsuchen allein möglicherweise nicht ausreichen. Museums- und Archivrecherchen könnten helfen, ihre tatsächliche Herkunft und ihren taxonomischen Status zu klären. Manche vergleichbaren Fälle könnten sich letztlich als Hybriden oder Unterarten erweisen. Zugleich könnten Fortschritte bei der genetischen Untersuchung alter Museumsbälge dazu beitragen, solche jahrhundertealten Rätsel zu lösen.

Warum könnte die Kupferfadenelfe ausgestorben sein?

Über mögliche Ursachen für das Verschwinden der Kupferfadenelfe ist nichts bekannt. Da wir weder ihr tatsächliches Verbreitungsgebiet noch ihr Lebensraum sicher kennen, lässt sich auch nicht rekonstruieren, welchen Gefährdungen die Art ausgesetzt gewesen sein könnte.

BirdLife International (2023) weist entsprechend darauf hin, dass mögliche Bedrohungen nicht untersucht wurden. Sollte die Kupferfadenelfe jedoch tatsächlich in den Amazonas-Tieflandwäldern gelebt haben und dort noch vorkommen, könnte sie durch Lebensraumverlust gefährdet sein. Dabei handelt es sich um eine Hypothese über eine mögliche noch bestehende Population – nicht um eine nachgewiesene Ursache für das Verschwinden der Art.

Zwischen Hybriden, Synonymen und verschollenen Arten

Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden zahlreiche neue Kolibri-Taxa anhand einzelner oder weniger Museumspräparate beschrieben. Bei manchen stellte sich später heraus, dass sie keine eigenständigen Arten waren, sondern Synonyme bereits bekannter Arten oder Hybriden. In der Datenbank Recently Extinct Plants and Animals finden sich mehrere ursprünglich als eigene Formen beschriebene Kolibris, die heute als Hybriden gelten, darunter der Táchira-Kolibri (Amazilia distans), Isaacsons Schneehöschen (Eriocnemis isaacsonii), die Grünkehl-Sonnennymphe (Heliangelus squamigularis) und die Smaragdkehl-Sonnennymphe (H. zusii).

Das bedeutet nicht, dass Kolibris grundsätzlich besonders schwer voneinander zu unterscheiden wären. Problematisch war häufig vielmehr die extrem kleine Vergleichsgrundlage. Bei einem einzelnen alten Balg lässt sich nur schwer beurteilen, ob ungewöhnliche Merkmale tatsächlich eine eigene Art kennzeichnen oder auf Alter, Geschlecht, individuelle Variation oder Hybridisierung zurückgehen. Hinzu kommt das metallisch schimmernde Gefieder vieler Kolibris, dessen Farbe sich je nach Lichteinfall verändern kann. Bei historischen Handelsbälgen war zudem mitunter nicht einmal zuverlässig bekannt, wo die Vögel gesammelt worden waren.

Auch die Gattungszuordnung beruhte lange vor allem auf äußeren Merkmalen; besonders auffällige Gefiederstrukturen der Männchen spielten dabei eine große Rolle. In der von Graves (1999) herangezogenen damaligen Klassifikation wurden 109 Kolibrigattungen unterschieden; mehr als ein Viertel davon enthielt nur eine einzige Art. Spätere phylogenetische Untersuchungen führten dazu, dass zahlreiche dieser Gattungsgrenzen neu bewertet wurden.

Isaacsons Schneehöschen (Eriocnemis isaacsonii)
Isaacsons Schneehöschen (Eriocnemis isaacsonii) wurde 1845 zuächst als eigenständige Kolibriart beschrieben, später jedoch als Hybrid erkannt.
Bild: Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons

Noch komplizierter wird die Beurteilung sehr seltener Kolibris dadurch, dass eine jahrzehntelange Abwesenheit von Nachweisen nicht zwangsläufig Aussterben bedeutet. So wurde etwa der Vilcabamba-Inka (Coeligena eisenmanni) 2024 erstmals seit 1967 wieder dokumentiert. Und zwei Jahre zuvor gelang die Wiederentdeckung des Santa-Marta-Degenflügels (Campylopterus phainopeplus), nachdem die Art 2010 zuletzt gesichtet worden war. Wiederentdeckungen wie diese machen deutlich, dass selbst über Jahrzehnte fehlende Nachweise nicht zwingend bedeuten, dass eine Art verschwunden ist.

Andererseits gibt es mehrere Kolibris, deren Geschichte auffällige Parallelen zur Kupferfadenelfe zeigt. Der Bracesmaragdkolibri (Riccordia bracei) ist nur durch einen einzigen, 1877 auf New Providence gesammelten Balg bekannt. Auch vom Gouldsmaragdkolibri (R. elegans) existiert lediglich ein Exemplar, dessen genaue Herkunft unbekannt ist. Von Amazilia alfaroana kennt man ebenfalls nur den Holotypus von 1895. Bei diesem Vogel wurde lange darüber diskutiert, ob er überhaupt eine eigene Art oder doch ein Hybrid sei; Kirwan und Collar (2016) kamen nach erneuter Untersuchung zu dem Ergebnis, dass er am ehesten als eigene, möglicherweise inzwischen ausgestorbene Art anzusehen ist.

Eine weitere Parallele bietet der Türkiskehl-Höschenkolibri (Eriocnemis godini). Bourcier beschrieb ihn 1851, nur ein Jahr vor der Kupferfadenelfe. Auch diese Art ist lediglich durch wenige historische Museumsstücke bekannt. Von sechs bekannten Exemplaren besitzt nur der 1850 gesammelte Typus eine sichere Fundortangabe aus Nordecuador; andere Stücke gelangten als sogenannte „Bogotá“-Handelsbälge in europäische Sammlungen. Seit dem 19. Jahrhundert fehlt ein bestätigter Nachweis, abgesehen von einer unbestätigten Beobachtung aus dem Jahr 1976.

Die Kupferfadenelfe steht damit also keineswegs allein da. Einige Kolibris sind nur durch ein oder wenige historische Präparate bekannt, deren Herkunft teilweise unsicher ist. Andere vermeintliche Arten erwiesen sich später als Hybriden oder Synonyme, während wiederum andere nach Jahrzehnten überraschend wiederentdeckt wurden. Solche Fälle zeigen, wie schwierig ein endgültiges Urteil bei der Kupferfadenelfe ist: Zwei Museumsbälge belegen, dass dieser Kolibri existiert hat – sie verraten aber kaum, wo er lebte, wie er mit anderen Kolibris verwandt war oder ob irgendwo noch eine Population überdauert haben könnte.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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