Neofelis nebulosa brachyura
Der Taiwanische Nebelparder war eine mittelgroße Katze mit einem Gewicht von elf bis 23 Kilogramm. Seine Kopf-Rumpf-Länge lag bei 70 bis 110 Zentimetern; sein Schwanz maß zusätzlich 60 bis 90 Zentimeter. Joseph Wolf, Public domain, via Wikimedia Commons)

Taiwanischer Nebelparder

Existiert der Nebelparder auf Taiwan doch noch?

Aus historischen Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrhundert geht hervor, dass Nebelparder schon damals auf der im Westpazifik liegenden Insel Taiwan, die nur durch die Formosastraße vom chinesischen Festland getrennt ist, gelebt haben. Das 19. und das frühe 20. Jahrhundert waren von einem florierenden Handel mit Fellen von Nebelpardern, die im Landesinneren in den Gebirgen Taiwans erlegt wurden, geprägt. Heute gehört der Taiwanische Nebelparder zu den ausgestorbenen Raubtieren des Landes.

Clouded leopard coat
Alter Mantel aus Nebelparderfell. Aufgrund der Fellzeichnung wurde das Fell auch als Schildkrötleopard oder Schildkrötenleopard gehandelt. (© Kürschner, Public domain, via Wikimedia Commons)

Nichtsdestotrotz halten sich hartnäckig Gerüchte über Sichtungen der Großkatze (Pantherinae) und viele Menschen glauben fest daran, dass der Taiwan-Nebelparder in einigen Gebieten der Insel überlebt haben könnte. Die letzte bestätigte Sichtung des Taiwanischen Nebelparders stammt aus dem Jahr 1983 und 1989 tauchte das Fell eines jungen Nebelparders im Taroko-Nationalpark im Osten der Insel auf.

Um 2018 oder 2019 meldeten zwei Gruppen von Wildhütern unabhängig voneinander, in einem abgelegenen Gebiet im Südwesten Taiwans Nebelparder gesichtet zu haben, Taiwan News berichtete darüber. Eine der Gruppen gab an, einen auf einen Baum kletternden Nebelparder gesehen zu haben, der auf einer Klippe nach Ziegen jagte. Die anderen Ranger sagten, sie hätten die Raubkatze in der Nähe ihrer Roller gesehen, bevor sie auf einen Baum verschwand.

Gegenüber dem Focus Taiwan News Channel äußerte Liu Chiung-hsi, Ökologe an der National Taitung University, „Ich glaube, dass dieses Tier noch immer existiert“. Es überrasche ihn nicht, dass niemand dem Taiwanischen Nebelparder in den letzten Jahrzehnten begegnet ist, denn die Raubkatzen bevorzugen dichte Wälder als Lebensraum, seien sehr wachsam und schwer zu fangen. Liu gab zudem an, dass er 1998 mit Jägern des indigenen Volkes Bunun sprach, die ihm anvertrauten, sie hätten Taiwan-Nebelparder gefangen, verbrannten jedoch ihre Körper aus Angst, nach dem Wildlife Conservation Act strafrechtlich verfolgt zu werden.

Taiwanischer Nebelparder – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Taiwan-Nebelparder, Li’uljaw
wissenschaftliche Namen Neofelis nebulosa, Neofelis nebulosa brachyura, Leopardus brachyurus, Felis nebulosa 
englischer Name Formosan Clouded Leopard
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Taiwan (Westpazifik)
Zeitpunkt des Aussterbens 1983
Ursachen für das Aussterben Bejagung, Lebensraumverlust

Auf der Suche nach Taiwanischen Nebelpardern

Taiwanischer Nebelparder Museumsexemplare
Fünf Exemplare Taiwanischer Nebelparder unterschiedlichen Alters im National Taiwan Museum. (© SSR2000, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Der US-amerikanische Zoologe Alan Rabinowitz reiste 1986 durch Taiwan, um herauszufinden, ob der Nebelparder noch existiert oder nicht. Seine Befragung 70 indigener taiwanesischer Jäger zeigte, dass diese den Taiwan-Nebelparder zuletzt 1983 im Gebiet des Tawu-Berges gesichtet haben. Rabinowitz konnte also davon ausgehen, dass die Population des Taiwanischen Nebelparders sehr klein oder er bereits ausgestorben ist.

Po-Jen Chiang, Wissenschaftler der National Taiwan University, suchte zwischen 2000 und 2004 für seine Dissertation (2007) nach Anzeichen von Nebelpardern in Taiwan im größten noch existierenden Primärwald im Süden der Insel. An 377 verschiedenen Orten stellten er und sein Team Kamerafallen auf. Über die ganze Zeit hinweg konnte kein einziger Nebelparder fotografiert werden.

In einer zweiten 2015 veröffentlichten Studie ging Chiang zusammen mit Kollegen ebenfalls auf die Suche nach dem Taiwan-Nebelparder. Die Forscher führten dafür zwischen 1997 und 2012 eine landesweite Untersuchung mit Kamerafallen durch, wobei sie auch das Vorhandensein von Beutetieren und Lebensraum für die Raubkatze bewerteten. Im ganzen Land – von der Meeresküste bis zu einer Höhe von fast 3.800 Metern und verschiedene Vegetationen abdeckend – stellten die Forscher 1.249 Kamerafallen auf. Das Ergebnis: Während eines Zeitraums von 128.394  Kamerafallentagen konnten keine Nebelparder fotografiert werden. Dies veranlasste Wissenschaftler schließlich dazu, den Taiwanischen Nebelparder 2013 für ausgestorben zu erklären.

Taiwans Natur erholt sich

Taiwan map
Taiwan, manchmal auch Formosa genannt, ist eine Insel im Westpazifik, die vor dem chinesischen Festland liegt und zu Ostasien gehört. (© Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons)

In den 1970er-Jahren führte die Regierung Taiwans Gesetze ein, die die Jagd auf Wildtiere sowie auch den Besitz neuer Schusswaffen einschränkten. Auch wenn die meisten Jäger angaben, Nebelparder nicht gezielt gejagt zu haben, gaben sie doch zu, welche getötet zu haben, sofern sie ihnen begegneten. Als die Jagd mit Schusswaffen nicht mehr ohne Weiteres möglich war, stiegen viele Jäger auf Schlingen und Fangeisen um, denn diese gab es in den örtlichen Geschäften zu kaufen.

Wilderei und die Zerstörung der Wälder auf Taiwan führten nicht nur zum Rückgang oder Verschwinden des Taiwanischen Nebelparders, sondern auch von anderen großen Wildtieren wie dem Taiwanischen Schwarzbären (Ursus thibetanus formosanus) oder der auf der Insel endemischen Sambarhirsch-Unterart Rusa unicolor swinhoei. Dank neu eingeführter Gesetze zum Schutz der Wildtiere Taiwans konnten sich die Bestände vieler Großsäuger nun nach einer langen Zeit der Ausbeutung erholen. Das konnte auch Po-Jen Chiang feststellen: Für seine 2007 und 2015 veröffentlichten Studien fand er zwar keinerlei Hinweise, die auf eine Anwesenheit von Nebelpardern schließen lassen, wohl aber dokumentierte er steigende Bestandszahlen anderer Wildtiere wie etwa Hirsche, Wildschweine, Affen und kleine Fleischfresser.

Chiang und seine Kollegen ermittelten in der 2015er-Studie ein Gebiet von 6.734 Quadratkilometern, das sich als Lebensraum für Nebelparder auf Taiwan eignen würde. In tiefer gelegenen Regionen mit weniger menschlichen Eingriffen und wenig Bejagung existiere eine besonders hohe Biomasse an typischen Beutetieren für den Nebelparder. Insgesamt konnten mithilfe von Kamerafallen zwölf potenzielle Beutetierarten für den Nebelparder ausfindig gemacht werden: Formosa-Makaken (Macaca cyclopis), Zwergmuntjaks (Muntiacus reevesi), Taiwan-Seraue (Capricornis swinhoei), Sambarhirsche, Swinhoefasane (Lophura swinhoii) sowie verschiedene Nagetierarten.

Die Forscher geben zu Bedenken, dass sich ohne die Existenz großer fleischfressender Säuger die Zahl der Beutetiere der Nebelparder Überhand nehmen würde. Chiang ist daher für eine angemessene Regulierung der Jagd und eine Wiederherstellung zerstörten Lebensraum zur Schaffung von Rückzugsorten, um Nebelparder in Taiwan wieder ansiedeln zu können.

Kulturelle und mythologische Bedeutung des Nebelparders auf Taiwan

Taiwanesischer Ureinwohner mit Nebelparderfell
Das vermutlich um 1900 entstandene Foto zeigt einen Ureinwohner Taiwans, der das Fell eines Nebelparders trägt. Die Stammeszugehörigkeit des Mannes ist unklar; die Gesichtszüge und seine Frisur ähneln jedoch Angehörigen des Volkes der Rukai, die auch ähnliche Felle trugen. (© anthropologist Torii Ryūzō (1870-1953)., Public domain, via Wikimedia Commons)

Der Taiwan-Nebelparder nahm in der Mythologie des im Süden Taiwans lebenden indigenen Volkes der Rukai eine wichtige Rolle ein. Die Rukai glaubten nämlich, dass ihre Vorfahren einem Nebelparder folgten, um in ihr angestammtes Land zu gelangen. Zudem galt für sie die Jagd auf Nebelparder als ein Tabu. Und in der Kultur der Pawain, einem anderen indigenen Volk Taiwans, darf das Fell eines Nebelparders ausschließlich von Adligen getragen werden.

Beide Kulturen glauben daran, dass Taiwanische Schwarzbären und Nebelparder einst weiß waren – bis sie beschlossen, sich gegenseitig zu bemalen. Dabei bemalte der Bär den Nebelparder akribisch mit exquisiten Wolkenmustern, während der Nebelparder den Bären bis auf ein v-förmiges weißes Band am Hals ganz schwarz anmalte. Aus welchem Grund ein Teil des Schwarzbären weiß blieb, variiert je nach Version der überlieferten Geschichte. Als Entschuldigung für ihre schlechte Arbeit und dafür, sich beim Bemalen weniger Mühe gegeben zu haben als die Bären, versprachen die Nebelparder, nur noch einen Teil ihrer Beute zu fressen und den Rest den Schwarzbären zu überlassen.

Ursprünglich nutzte vor allem die indigene Bevölkerung Taiwans das Fell des Nebelparders für Umhänge von Jägern und Kriegern. Erst später wurden Nebelparder für den internationalen Handel gejagt – als Jagdtrophäen, Wandschmuck, Vorleger oder Felldecken. Während der 1950er- bis Anfang der 1970er-Jahre wurde Nebelparderfell in der westlichen Welt zu Kleidung verarbeitet. Schon damals erfolgte die Verarbeitung des Fells nur im geringen Umfang, da die Tiere bereits sehr selten waren.

Der Taiwanische Nebelparder war nach dem Schwarzbären das zweitgrößte Raubtier auf Taiwan. Der Schwarzbär genießt heute, nachdem die Zahl der wildlebenden Tiere auf 200 bis 300 geschätzt wurde, Schutzstatus. Neben der Lebensraumzerstörung wurde ihm die traditionelle chinesische Medizin beinahe zum Verhängnis. Zudem galten Bärentatzen früher als Delikatesse, so eine taiwanesische Untersuchung (2017) zum Status des Taiwanischen Schwarzbären.

Taiwanischer Nebelparder – Eine Population des Festland-Nebelparders?

Neofelis nebulosa
Nebelparder vom asiatischen Festland. Die großen unregelmäßig geformten Flecken auf dem Fell der Raubkatze ähneln Wolken, weshalb er im Englischen auch als Clouded Leopard bezeichnet wird. (© Neofelis nebulosa, via Wikimedia Commons)

Lange galt der auf der Insel Taiwan heimische Nebelparder als Unterart des Nebelparders, der auf dem südostasiatischen Festland endemisch ist. Der Naturforscher Edward Griffith beschrieb als erster einen aus China stammenden Nebelparder 1821 und schlug als Namen Felis nebulosa vor. Im Jahre 1862 beschrieb dann der britische Zoologe Robert Swinhoe einen Nebelparder aus Formosa (Taiwan) unter dem wissenschaftlichen Namen Leopardus brachyurus. Diesen Nebelparder hielt man später für eine Unterart der durch Griffith beschriebenen Spezies: Neofelis nebulosa brachyura.

Als Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Nebelparder des asiatischen Festlandes und dem Taiwanischen Nebelparder zog Swinhoe seinen nur halb so langen Schwanz heran. Wissenschaftler zweifelten später an, dass die Schwanzlänge ein verlässliches Unterscheidungsmerkmal sei. So weist etwa der Zoologe Andrew W. Kitchener in einer Studie 2006 darauf hin, dass der Holotyp lediglich ein aus dem Tierhandel stammendes Exemplar war, dessen Schwanz teilweise fehlte.

Traditionellerweise unterscheiden Wissenschaftler vier Nebelparder-Unterarten: der Taiwanische Nebelparder, der Sunda-Nebelparder (N. n. diardi), der Nordindische Nebelparder (N. n. macrosceloides) und der Indochina-Nebelparder (N. n. nebulosa). Sowohl eine molekulargenetische Untersuchung (2006) als auch die Studie von Kitchener, die sich mit den morphologischen und geografischen Variationen des Nebelparders auseinandersetzt, kommen zu dem Schluss, dass es sich bei Neofelis nebulosa um eine monotypische Art handelt. Das heißt, der Nebelparder auf dem asiatischen Festland ist der einzige seiner Gattung. Der Nordindische und der Taiwanische Nebelparder stellen nur eine Population des Festland-Nebelparders dar.

Die genetischen Analysen legen nahe, dass der in Indonesien vorkommende Nebelparder N. diardi eine eigene Art darstellt und dass er keine Unterart des Festland-Nebelparders ist. Er unterscheidet sich in seiner Fellzeichnung von anderen Nebelpardern, denn er ist dunkler und besitzt einen doppelten Aalstrich. Auch die IUCN Cat Specialist Group schlägt in ihrer 2017 veröffentlichten überarbeiteten Taxonomie von Katzen (Felidae) vor, N. nebulosa und N. diardi aufgrund morphologischer und genetischer Unterschiede als separate Arten zu betrachten.

Basierend auf genetischen Analysen schlug die IUCN Specialist Group in dieser Publikation auch vor, dass es nur noch zwei statt neun Tiger-Unterarten geben soll: Sunda-Tiger (Panthera tigris sondaica), wozu unter anderem auch die ausgestorbene Population der Bali-Tiger gehört, und Festland-Tiger (Panthera tigris tigris).