Epactoides giganteus
Der Rücken des Blatthornkäfers E. giganteus war vollständig schwarz, an den Seiten war er rotbraun, seine Härchen waren gelb und die Mundwerkzeuge, Füße und Antennen bräunlich. (© Rossini M, Vaz-de-Mello FZ, Montreuil O, Porch N, Tarasov S (2021) <a href="https://doi.org/10.3897/zookeys.1061.70130" target="blank"Extinct before discovered? Epactoides giganteus sp. nov. (Coleoptera, Scarabaeidae, Scarabaeinae), the first native dung beetle to Réunion island. ZooKeys 1061: 75-86.)

Epactoides giganteus (Blatthornkäfer)

Erst ausgestorben, dann entdeckt: der Blatthornkäfer Epactoides giganteus

Den französischen Botaniker Nicolas Bréon verschlug es 1817 auf die zur Inselgruppe der Maskarenen gehörende Insel Réunion, die er erst wieder 1833 aufgrund gesundheitlicher Probleme verlassen sollte. Während seiner Zeit dort war er Direktor des Botanischen Gartens Jardin du Roy (heute Jardin de l’État) und er unternahm zahlreiche Expeditionen in den Südosten von Madagaskar und zur an der madagassischen Ostküste gelegenen Insel Sainte Marie.

Wir wissen, dass Bréon auf Réunion gelegentlich Insekten sammelte und viele davon an das Muséum national d’Histoire naturelle (MNHN) in Paris schickte. Und genau dort fand der Zoologe Michele Rossini 2021 einen einzelnen weiblichen Käfer aus der Blatthornkäfer-Unterfamilie Scarabaeinae, der nicht nur größer als andere Spezies der Gattung Epactoides ist, sondern eine ganze Reihe äußerliche Merkmale aufweist, die ihn von den rund 40 zur Gattung zählenden Arten unterscheiden. Rossini erkannte, dass es sich um eine neue Käferart handeln muss und gab ihr den Namen Epactoides giganteus.

Das Etikett, mit dem der weibliche Holotypus in der Museumssammlung versehen ist, weist auf Bréon als Sammler und Réunion als Fundort hin. Damit würde es sich um den ersten Käfer der Gattung Epactoides handeln, der nicht auf Madagaskar, sondern auf Réunion endemisch ist. Mit der Entdeckung von E. giganteus erweitert sich also mit einem Schlag das Verbreitungsgebiet der Gattung Epactoides – oder doch nicht?

Rossini und sein Team diskutieren in der im zoologischen Fachjournal ZooKeys 2021 veröffentlichten Erstbeschreibung die Herkunft der neuen Blatthornkäferart, denn bei von Bréon gesammelten Exemplaren schien es schon des Öfteren zu Fehlbeschriftungen gekommen zu sein. Diesen Umstand merkte der französische Entomologe Justin P. M. Macquart 1843 in Diptères Exotiques Nouveaux ou peu Connus als erster an. Er stellte fest, dass einige der Fliegen, die Bréon angeblich auf Réunion gesammelt und dann ans MNHN geschickt hat, völlig falsch etikettiert waren. Es handelte sich tatsächlich um in Europa verbreitete Arten. Doch um Bréon nicht ganz unrecht zu tun, muss man anmerken, dass der von ihm gesammelte und mit dem Herkunftsort Réunion versehene Käfer Gymnogaster buphthalma auch wirklich auf der Insel nachgewiesen werden konnte. Nicht alle von Bréon gesammelten Insekten waren demnach falsch beschriftet.

Epactoides giganteus – Steckbrief
wissenschaftlicher NameEpactoides giganteus
ursprüngliches VerbreitungsgebietRéunion (Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbensunklar, möglicherweise im 19. Jahrhundert
Ursachen für das Aussterbenunklar

Typuslokalität: Réunion oder Madagaskar?

La Réunion
La Réunion (bis 1974 Île Bourbon) gehört politisch zu Frankreich. Der größte Teil der Insel wird heute landwirtschaftlich genutzt oder von Menschen bewohnt. (© Fred Antoine, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Aufgrund des Wissens über das Verbreitungsgebiet von Käfern der Gattung Epactoides und über Bréons gelegentliche Fehlbeschriftungen, kommt Rossini zu dem Schluss, dass nicht auszuschließen sei, dass E. giganteus in Madagaskar gesammelt und anschließend falsch etikettiert wurde. Allerdings seien madagassische Scarabaeinae-Käfer in den vergangenen 20 Jahren von mehreren Wissenschaftlern intensiv vor Ort untersucht worden und dabei seien keine weiteren Exemplare von E. giganteus aufgetaucht. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass die Art längst ausgestorben ist. Nicht wirklich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Madagaskar seit 1950 rund 44 Prozent seiner einheimischen Regenwälder einbüßte. Nicht allzu abwegig ist daher, dass E. giganteus als mutmaßlicher Waldbewohner schon lange vor den Blatthornkäfer-Studien der letzten Jahre auf Madagaskar ausgestorben ist.

Blatthornkäfer (Scarabaeidae) sind eine Familie in der Ordnung der Käfer (Coleoptera), zu der sehr viele und sehr unterschiedliche Tiere gehören. Die Blatthornkäfer-Familie besteht wiederum aus mehreren Unterfamilien; eine diese Unterfamilien ist Scarabaenae. Zu dieser gehören verschiedenartige Pillenwälzer oder Pillendreher, Kotkäfer, Dungkäfer, Nashornkäfer und Epactoides giganteus.

Da Rossini direkte Beweise für eine falsche Etikettierung des Holotypus von E. giganteus fehlen würden, entscheidet er sich, Réunion als Herkunftsort der neuen Käferart zu betrachten. Ein Grund, der dafür spricht, sei, dass diese Insel des Maskarenen-Archipels bis heute die meisten Waldlebensräume bewahrt habe. Etwa ein Drittel der Insel sei von einheimischer Vegetation bedeckt. Rossini hält es für möglich, dass Réunion ScarabaeinaeBlatthornkäfer beherbergen konnte und kann. Schließlich gibt oder gab es auf den anderen Maskarenen-Inseln auch Käfer aus der Unterfamilie Scarabaeinae: Auf Mauritius sind fünf rezente Arten der Gattungen Nesovinsonia und Nesosisyphus beschrieben. Von Rodrigues wissen wir von keinen rezenten, aber von rund zwölf dort entdeckten subfossilen Scarabaeinae-Spezies. Das beweist, das lokale Ökosystem von Rodrigues muss in der Vergangenheit eine ziemlich reiche Scarabaeinae-Fauna besessen haben.

Wie E. giganteus von Madagaskar nach Réunion kam

Möglichweise ist E. giganteus also der erste endemische Käfer aus der Unterfamilie Scarabaeinae, der auf Réunion entdeckt wurde. Doch wie gelangte er auf die 550 Kilometer entfernte Insel Réunion, wenn die Gattung Epactoides madagassischen Ursprungs ist? Rossini vermutet, dass E. giganteus oder seine Vorfahren, wie auch andere Arten aus Madagaskar, mittels ozeanischer Ausbreitung nach Réunion gekommen seien. Dabei gelangen Landlebewesen (Tiere, Pflanzen, aber auch Samen) durch das Überqueren von Wasser von einer Landmasse zu einer anderen. Das funktioniert zum Beispiel, indem sie auf schwimmender Vegetation oder Baumstämmen reisen.

Karte: Maskarenen und Madagaskar
Die Maskarenen-Inseln (grün) liegen ungefähr 850 Kilometer östlich von Madagaskar im Indischen Ozean. Zu den Maskarenen gehören die Insel Mauritius, das französische Überseedépartement La Réunion und die zum Staat Mauritius gehörende Insel Rodrigues. (© Sebastian Wallroth, Public domain, via Wikimedia Commons)

Da die Maskarenen-Inselkette, die auf einem untermeerischen Hochplateau liegt, seit ihrer Entstehung nie mit anderen Landmassen verbunden war, kann der Ursprung sämtlicher Tiere und Pflanzen des Archipels nur in der Ausbreitung über Wasser liegen. Gemäß Rossini sind zudem in den letzten 65 Millionen Jahren im nördlichen Teil des Maskarenen-Plateaus einige jetzt untergetauchte Kontinentalfragmente entstanden. Diese können die Ausbreitung von Madagaskar zur Insel Mauritius, die vor acht bis zehn Millionen entstanden ist, erleichtert haben. Von Mauritius aus sind Lebewesen dann wahrscheinlich auf die erst vor zwei Millionen Jahren entstandenen, geologisch jüngeren Inseln Réunion und Rodrigues gelangt.

E. giganteus unterscheidet sich von madagassischen Artgenossen

Epactoides frontalis
Der in Madagaskar endemische Blatthornkäfer Epactoides frontalis, der derselben Gattung wie E. giganteus angehört. (© Rossini M, Vaz-de-Mello FZ, Montreuil O, Porch N, Tarasov S (2021) Extinct before discovered? Epactoides giganteus sp. nov. (Coleoptera, Scarabaeidae, Scarabaeinae), the first native dung beetle to Réunion island. ZooKeys 1061: 75-86.)

Käfer aus der Gattung Epactoides unterscheiden sich äußerlich: Manche sind gleichmäßig dunkel gefärbt, andere besitzen zusätzlich große und symmetrische gelbe Flecken. Einige erscheinen glänzend, andere wiederum matt. Aber eines haben alle gemeinsam: Mit einer Körperlänge von zwei bis fünf Millimetern sind sie sehr klein. Nicht so bei E. giganteus, dieser ist aufgrund seiner Körperlänge von neun Millimetern einfach von seinen madagassischen Artgenossen zu unterscheiden.

Dass E. giganteus tatsächlich zur Gattung Epactoides gehört, begründet Rossini, dessen Erstbeschreibung der Art ausschließlich auf einem gut erhaltenen weiblichen Exemplar basiert, mit seiner äußeren Morphologie, die in vielerlei Hinsicht mit der anderer Käfer der Gattung übereinstimme, wie etwa der ovale Körper oder dass er vom Rücken zum Bauch hin eher flach ist. Trotz allem weise E. giganteus auch eine Reihe für diese Gattung einzigartige äußere Merkmale auf. Rossini nennt hier unter anderem das Kopfschild (Clypeus) mit vier Zähnen, was in dieser Form bei keinem anderen Käfer der Gattung vorkomme. Und während E. giganteus große Augen aufweise, besäßen die anderen Epactoides-Käfer eher schmale.

Die phänotypischen Merkmale, die E. giganteus von seinen madagassischen Artgenossen unterscheiden, sprechen dafür, dass Bréon ihn tatsächlich auf der Insel Réunion gesammelt hat. Möglicherweise handelt es sich dabei um spezielle Anpassungen an den Lebensraum, die sich, nachdem er von Madagaskar nach Réunion gelangt ist, entwickelt haben. Vielleicht ist seine enorme Größe, die ja mehr als das Doppelte der Epactoides-Arten von Madagaskar betragen kann, auch eine Form der Anpassung an die Gegebenheiten der kleineren Insel (Inselgigantismus).

Warum ist Epactoides giganteus ausgestorben?

Auch wenn Réunion als die Insel der Maskarenen gilt, die heute den größten Anteil ursprünglicher Vegetation aufweist, sind dort seit der Ankunft der Europäer 1665 etwa 70 Prozent der endemischen Landwirbeltiere ausgestorben. Dazu gehören unter anderem Borys Weiße Fledermaus, der Rauchgraue Flughund, die Réunion-Hausfledermaus, die Réunion-Taube, der Réunion-Ibis, der Réunion-Nachtreiher, das Réunion-Purpurhuhn und die Réunion-Riesenschildkröte. Welche Auswirkungen die Besiedlung der Insel auf wirbellose Tiere und insbesondere Insekten gehabt hat, ist kaum bekannt. Tropidophora carinata, eine Landschnecke, die auf Mauritius und Réunion vorkam, starb jedenfalls Ende des 19. Jahrhunderts aus – vermutlich aufgrund von Lebensraumverlust.

Onthophagus coenobita
Der Mönchs-Kotkäfer (Onthophagus coenobita) ist ebenfalls ein Blatthornkäfer aus der Unterfamilie Scarabaeinae. Die Art ernährt sich von verschiedenen Kot-Arten, Aas oder fauligen Pilzen. (© entomart, via Wikimedia Commons)

Die Ornithologen Anthony Cheke und Julian P. Hume verdeutlichen in Lost Land of the Dodo (2008), welch einen massiven Wandel der Maskarenen-Archipel seit der Besiedlung durch die Menschen erfahren hat. Früheren Berichten und ökologischen Untersuchungen zufolge, seien die drei Maskarenen-Inseln zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung vollständig mit dichten Wäldern bedeckt gewesen. Unkontrolliertes Abholzen, übermäßige Jagd, versehentliche und absichtliche Einfuhr fremder Tierarten und Unmengen invasiver Pflanzenarten hatten verheerende Auswirkungen auf die lokale Flora und Fauna. Heute ist es vor allem der Zuckerrohranbau, der die Ökosysteme verändert.

Es kommen also eine Menge Ursachen infrage, die zum Verschwinden von E. giganteus geführt haben können. Rossini weist darauf hin, dass man zukünftig Untersuchungen zur Blatthornkäfer-Unterfamilie Scarabaeinae auf Réunion anstellen müsste, um die Möglichkeit zu bestätigen oder zu widerlegen, dass E. giganteus dort endemisch ist oder war. In den letzten Jahrzehnten seien verschiedene Käfergruppen auf der Insel entdeckt worden, allerdings wurde bislang kein systematisches und geografisches Monitoring zum Aufspüren von Blatthornkäfern durchgeführt. Bei den händischen Sammelaktionen ohne standardisierte Methoden seien auf Réunion aber bereits einige eingeschleppte Scarabaeinae-Blatthornkäfer der Gattung Onthophagus erfasst worden.

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