Ein Irrtum mit Folgen
Lange schien der Fall eindeutig: Der Mono-Lake-Tauchkäfer lebte – so nahm man an – im Mono Lake in der Sierra Nevada Kaliforniens. Ein See, der kaum lebensfeindlicher sein könnte: stark alkalisch, extrem salzhaltig, und mit Bedingungen, an die sich nur wenige spezialisierte Organismen anpassen können.
Doch genau dort fand man den Käfer nie wieder. Über Jahrzehnte suchten Forschende im Mono Lake nach der Art – ohne Erfolg. Der US-amerikanische Entomologe Russell D. Anderson schrieb 1983:
„Ich habe im alkalischen Mono Lake gesammelt und Sammlungen zahlreicher anderer Forscher aus der Region untersucht, aber ich habe keine weiteren Exemplare dieser Art gesehen.“
Zwei Jahre später ging er noch weiter und erklärte, der Mono-Lake-Tauchkäfer sei „ausschließlich aus den alkalischen Gewässern des Mono Lake bekannt“. Eine Quelle für diese Annahme nennt er jedoch nicht. Dennoch prägte diese Einschätzung über Jahrzehnte das Bild der Art – und trug dazu bei, dass sie ab 1986 von der IUCN als „ausgestorben?“ und später, seit 1996, als „ausgestorben“ eingestuft wurde.
Dabei beginnt die Geschichte eigentlich ganz anders. Als der Entomologe Henry Clinton Fall die Art 1919 erstmals wissenschaftlich beschreibt, liegt ihm nur ein einziges männliches Exemplar vor. Ein kleines Tier, schlank gebaut, mit gelblich-brauner Färbung und fein punktierten Flügeldecken. Gesammelt wurde es am 12. Juni 1917, vermutlich von Frank Ellsworth Blaisdell, dessen Name Fall als Quelle des Typusmaterials angibt. Unklar ist, ob Blaisdell das Exemplar selbst gesammelt hat oder es aus seiner Sammlung stammte.
Auffällig ist jedoch weniger, was Fall beschreibt, sondern was er nicht erwähnt: Mit keinem Wort schreibt er, dass der Käfer im Mono Lake lebt. Als Fundort nennt er in der Erstbeschreibung lediglich „Mono County, California“. Und dennoch setzte sich später genau diese Vorstellung durch.
Warum es zu dieser Fehlannahme kam, lässt sich heute nicht mehr vollständig rekonstruieren. Eine zentrale Rolle spielte jedoch vermutlich die Arbeit von Russell D. Anderson. Er ging davon aus, dass der Käfer im Mono Lake lebt, und suchte gezielt in dessen alkalischen Gewässern – ohne Erfolg. Diese Interpretation wurde in der Folge von anderen Arbeiten übernommen und prägte über Jahrzehnte die Wahrnehmung der Art.
Möglicherweise wurde diese Vorstellung zusätzlich durch den später gebräuchlichen englischen Trivialnamen Mono Lake diving beetle verstärkt. In der wissenschaftlichen Literatur verfestigte sich die Annahme schließlich zunehmend – und mit ihr die Suche am falschen Ort.
Der Mono-Lake-Tauchkäfer gehört zur Familie der Schwimmkäfer (Dytiscidae), von der weltweit rund 3.200 Arten beschrieben sind. Schwimmkäfer atmen Luft, die sie an der Wasseroberfläche aufnehmen und unter ihren Flügeldecken speichern. Viele größere Arten müssen daher regelmäßig auftauchen, während kleinere Arten auch längere Zeit unter Wasser bleiben können. Der Mono-Lake-Tauchkäfer gehört mit einer Körperlänge von nur rund drei Millimetern zu den kleineren Vertretern dieser Gruppe.

(© Ron Reiring, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Mono-Lake-Tauchkäfer – Steckbrief
| alternative Bezeichnung | Mono-See-Schwimmkäfer |
| wissenschaftliche Namen | Hygrotus artus, Leptolambus artus, Coelambus artus |
| englische Namen | Mono Lake diving beetle, Mono Lake hygrotus diving beetle |
| Verbreitungsgebiet | Süßwasserhabitate in der Umgebung des Mono Lake (Kalifornien, USA) |
| Zeitpunkt des Aussterbens | nach 1917 – 2017 wiederentdeckt! |
| Ursachen für das Aussterben | unklar |
| IUCN-Status | ausgestorben |
Der entscheidende Hinweis – und die Suche am richtigen Ort
Über Jahrzehnte war der Mono-Lake-Tauchkäfer ausschließlich durch ein einziges Exemplar bekannt, den 1917 gesammelten Holotyp. Erst rund ein Jahrhundert später, im Zuge von Untersuchungen zur Gattung Hygrotus, stießen die Entomologen Gil Challet und Hans Fery auf ein Detail, das lange übersehen worden war.

(© „MCZ:Ent:23892 Hygrotus artus labels“ – Hygrotus artus (Fall, 1919) Collected in United States of America
by © President and Fellows of Harvard College, CC BY-NC-SA 3.0, via GBIF)
Neben dem bekannten Etikett „Mono Co., Cal.“ (Mono County, Kalifornien) befindet sich auf dem Holotyp ein weiteres mit der Aufschrift „Farrington, Mono Lake“ – vermutlich handschriftlich von Blaisdell selbst ergänzt. Dieses Etikett war zuvor weder von Anderson noch von anderen Autoren berücksichtigt worden.
Die Spur führte zu einer entscheidenden Erkenntnis: „Farrington“ verweist auf die ehemalige Farrington Ranch, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert rund fünf Kilometer vom Mono Lake entfernt lag. Damit ergab sich ein völlig neues Bild: Der Käfer war sehr wahrscheinlich nie im See selbst gefunden worden, sondern in dessen Umgebung.
Challet und Fery zogen daraus die naheliegende Konsequenz – und änderten die Suchstrategie grundlegend. Statt weiterhin im stark alkalischen Mono Lake dem verschollenen Käfer zu suchen, konzentrierten sie sich auf die umliegenden Süßwasserhabitate: kleine Bäche, Tümpel und andere nicht-alkalische Gewässer der Region.
Mehrere Versuche bleiben zunächst erfolglos, doch im August 2017 – genau 100 Jahre nach der Entdeckung der Art – gelang schließlich der Durchbruch: Etwa 700 Meter südlich der Überreste der Farrington Ranch fanden sie fünf Exemplare von Hygrotus artus. Der Mono-Lake-Tauchkäfer war wiederentdeckt.
Die 2020 veröffentlichten Ergebnisse bestätigten nicht nur die Identität der Art, sondern auch eine zentrale Erkenntnis: Der Käfer lebt nicht im Mono Lake selbst, sondern in den nicht-alkalischen Gewässern seiner Umgebung. Er war nie verschwunden – man hatte lediglich am falschen Ort gesucht.
Challet und Fery weisen zudem darauf hin, dass der Mono-Lake-Tauchkäfer „im Mono County (Kalifornien) recht weit verbreitet“ ist.
Der Mono-Lake-Tauchkäfer – eine Lazarus-Art
Dass der Mono-Lake-Tauchkäfer so lange als verschollen oder ausgestorben galt, ist weniger ein biologisches als ein erkenntnistheoretisches Problem. Eine einmal etablierte Annahme – der Käfer lebe im Mono Lake – wurde über Jahrzehnte hinweg nicht mehr hinterfragt. Sie bestimmte, wo gesucht wurde, und damit auch, was überhaupt gefunden werden konnte.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie leicht sich solche Fehlannahmen verselbstständigen können – und welche Folgen das haben kann. Wird eine Art vorschnell für ausgestorben erklärt, werden Schutzmaßnahmen häufig eingestellt. In der Naturschutzbiologie spricht man in diesem Zusammenhang vom Romeo-und-Julia-Effekt, benannt nach Shakespeares Tragödie, in der eine falsche Annahme über den Tod letztlich erst zur Katastrophe führt. Übertragen auf den Artenschutz bedeutet das: Eine Art wird aufgegeben, weil man sie für verloren hält – und genau dadurch kann sie tatsächlich verloren gehen.
Der Mono-Lake-Tauchkäfer ist damit kein Beispiel für ein endgültiges Aussterben, sondern für eine sogenannte Lazarus-Art – eine Art, die lange als verschwunden galt und später wiederentdeckt wurde. Solche Fälle zeigen, wie wichtig es ist, Daten kritisch zu prüfen, historische Quellen ernst zu nehmen und auch scheinbar gesicherte Annahmen immer wieder zu hinterfragen.
Taxonomie: Von Coelambus zu Hygrotus
Die taxonomische Einordnung des Mono-Lake-Tauchkäfers wurde im Zuge neuer systematischer Untersuchungen präzisiert. Ursprünglich beschrieb Henry Clinton Fall die Art 1919 als Coelambus artus. Heute wird sie als Hygrotus (Leptolambus) artus geführt.

(© „MCZ:Ent:23892 Hygrotus artus habitus dorsal view“ – Hygrotus artus (Fall, 1919) Collected in United States of America
by © President and Fellows of Harvard College, CC BY-NC-SA 3.0, via GBIF)
Grundlage dafür ist eine umfassende Revision der Schwimmkäfer-Tribus Hygrotini durch Ignacio Ribera Villastrigo und seinem Team (2017), die auf molekularen und morphologischen Daten basiert. Die Studie zeigte, dass mehrere zuvor verwendete Gattungen keine natürlichen Verwandtschaftsgruppen darstellten. In der Folge wurde die Systematik neu geordnet: Coelambus wurde in die Gattung Hygrotus integriert und mit Leptolambus ein differenziertes Untergattungskonzept eingeführt.
Heute gilt der Mono-Lake-Tauchkäfer, Hygrotus artus, als klar abgegrenzte, eigenständige Art. Frühere Vermutungen, sie könne mit Arten wie Hygrotus sharpi oder Hygrotus fumatus identisch sein, konnten bereits durch die Untersuchung des Holotyps widerlegt werden: Anderson zeigte anhand der Genitalmorphologie deutliche Unterschiede. Auch die Wiederentdeckung durch Challet und Fery (2020) bestätigte den Artstatus.
Hygrotus artus war also nie ein taxonomisches Phantom und auch keine verschwundene Art, sondern eine real existierende, nur lange missverstandene Spezies. Andere als ausgestorben geltende Schwimmkäfer sind hingegen wahrscheinlich tatsächlich für immer verschwunden, darunter der Neuguinea-Tauchkäfer (Rhantus papuanus), der Brasilianische Tauchkäfer und Perrins Höhlentauchkäfer aus Frankreich.
Quellen
- Anderson, R. D. (1983). Revision of the Nearctic species of Hygrotus groups IV, V and VI (Coleoptera: Dytiscidae). Annals of the Entomological Society of America 76(2), 173–196.
- Anderson, R. D. (1985). Proposed faunal affinities of the Great Basin Dytiscidae (Coleoptera). Proceedings of the Academy of Natural Sciences of Philadelphia 137(1), 12–21.
- Anonymous (2020). A register of extinct beetles. Latissimus 45, 26–28.
- Challet, G., & Fery, H. (2020). Rediscovery of Hygrotus (Leptolambus) artus (Fall, 1919), description of Hygrotus (L.) yellowstone nov. sp. and notes on other species of the genus (Coleoptera, Dytiscidae, Hydroporinae, Hygrotini). Linzer biologische Beiträge, 52(1), 37–79.
- Fall, H. C. (1919). The North American species of Coelambus. John D. Sherman, Jr.
- Villastrigo, A., Ribera, I., Manuel, M., Millán, A., & Fery, H. (2017). A new classification of the tribe Hygrotini Portevin, 1929 (Coleoptera: Dytiscidae: Hydroporinae). Zootaxa 4317(3), 499–529. https://doi.org/10.11646/zootaxa.4317.3.4
- World Conservation Monitoring Centre. 1996. Hygrotus artus. The IUCN Red List of Threatened Species 1996: e.T10345A3195883. https://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.1996.RLTS.T10345A3195883.en
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