Sardischer Pfeifhase

sardischer pfeifhase prolagus sardus

So könnte der Sardische Pfeifhase ausgesehen haben. (© Prolagussardus, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Sardischer Pfeifhase – Steckbrief
lateinische Namen Prolagus sardus, Prolagus corsicanus
englischer Name Sardinian Pika
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Sardinien, Korsika (Mittelmeer)
Zeitpunkt des Aussterbens unklar (vor 2.000 Jahren oder spätestens Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts)
Ursachen für das Aussterben Bejagung, auf Inseln eingeschleppte Säugetiere, Lebensraumverlust

Sardischer Pfeifhase – Vor 2.000 oder vor 300 Jahren ausgestorben?

Sicher, aber nicht präzise ist, der Sardische Pfeifhase starb innerhalb der letzten 2.000 Jahre aus. Darauf verweisen zumindest fossile Funde. Wenn es um eine genauere Eingrenzung geht, herrscht Uneinigkeit. So vermuten einige Wissenschaftler, die Art sei noch in der Römerzeit ausgestorben. Also spätestens im 7. Jahrhundert, denn bis dahin existierte das Römische Reich. Historische Schriften wiederum deuten an, dass der Sardische Pfeifhase auf Tavolara, ein der Insel Sardinien vorgelagertes sechs Quadratkilometer kleines Eiland, bis ins 18. oder sogar frühe 19. Jahrhundert überlebt haben könnte.

Der antike griechische Geschichtsschreiber Polybius beschreibt in seinem teilweise überlieferten Hauptwerk Historíai ein „die meiste Zeit unter der Erde lebendes“ Tier, das die Einheimischen Kyniklos nennen. Kyniklos sieht „von Weitem wie ein kleiner Hase aus, aber hat man ihn gefangen, ist er dem Hasen weder im Aussehen noch im Geschmack ähnlich“. Da zu Lebzeiten des Polybius, zwischen 200 und 120 vor Christus, keinerlei Hasen oder Hasenartige auf Korsika lebten, ist möglicherweise vom Sardischen Pfeifhasen die Rede.

Sardische Schreiber liefern unterschiedliche Hypothesen zur Überlebensdauer

Wissenschaftler zogen eine Menge zeitgenössischer Schriften späterer sardischer Autoren heran, anhand derer sie die Hypothese aufstellten, der Sardische Pfeifhase hätte bis in die moderne Zeit hinein überlebt. Manchmal war vielleicht der Wunsch, die Art hätte möglichst lange existiert, größer, als jede anatomische Diskrepanz zwischen dem vom Autor beschriebenen Tier und dem Sardischen Pfeifhasen.

Im mittelalterlichen Gedicht Dittamondo, 1360 verfasst von einem Poeten namens Fazio Degli Uberti heißt es, es lebe ein kleines, scheues Tier auf Sardinien, das man Solifughi nennt. Der Name bedeutet „sich vor der Sonne verstecken“, was ja tatsächlich eine Anspielung auf das Leben der Pfeifhasen in Erdbauten sein könnte. Oder auf andere Tiere in Erdbauten.

Und 1774 schrieb der italienische Jesuit und Zoologe Francesco Cetti in Storia Naturale di Sardegna, auf Tavolara gäbe es „riesige Ratten, deren Erdbauten so häufig sind, dass man meinen könnte, der Erdboden wäre kürzlich von Schweinen durchwühlt worden“. Dieses Cetti-Zitat wird häufig als Referenz auf den Sardischen Pfeifhasen verstanden, die Archäozoologin Barbara Wilkens stellte das jedoch kürzlich infrage. In einer Untersuchung (2020) vergleicht sie Skelettteile des Sardischen Pfeifhasen mit Wanderratten (Rattus norvegicus) und schlussfolgert, dass Cetti über Ratten geschrieben habe.

Die IUCN weist noch auf eine weitere Hypothese hin, der zufolge eine kleine Pfeifhasen-Population in den Bergen Sardiniens bis vor gar nicht so langer Zeit existiert haben soll. Beweise gibt es dafür allerdings keine.

Da erscheint Cettis vermeintlicher Hinweis auf Sardische Pfeifhasen, die auf der kleinen Insel Tavolara leben, viel wahrscheinlicher. Für diese Theorie spricht immerhin auch, dass Tavolara bis Anfang des 19. Jahrhunderts unbewohnt war.

Der letzte Überlebende der Gattung Prolagus

Himalaya-Pfeifhase (Ochotona himalayana) - heutiger noch existierender Verwandter von Prolagus sardus (Sardischer Pfeifhase)

Der Himalaya-Pfeifhase (Ochotona himalayana) ist ein heute noch existierender Verwandter des Sardischen Pfeifhasen.(© Akash Maity, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Der Sardische Pfeifhase war der letzte Überlebende der Gattung Prolagus. Dieser gehörten Pfeifhasen an, die während des Miozäns und Pliozäns im Westen Eurasiens und Nordafrika weit verbreitet waren. Die meisten fossilen und subfossilen Überreste des Sardischen Pfeifhasen fand man an mehreren Stellen auf den Inseln Korsika und Sardinien, daher geht die Wissenschaft davon aus, dass er dort endemisch war. Er bewohnte Gras- und Buschland und grub Erdbauten.

Lange Zeit galt der ebenfalls ausgestorbene Korsische Pfeifhase oder Prolagus corsicanus als eigene Art innerhalb der Prolagus-Gattung, die auf Korsika lebte. Heute betrachtet man sie indes als Unterart des Sardischen Pfeifhasen beziehungsweise P. corsicanus als Synonym von P. sardus.

Als die nächsten lebenden Verwandten gelten Pfeifhasen der Gattung Ochotona, die oft auch als Pikas bezeichnet werden. Der Gattung gehören rund 30 verschiedene Arten an, die auf der Nordhalbkugel in kälteren Regionen oder in Gebirgen leben.

Sardischer Pfeifhase: Stämmiger und größer als heutige Pikas

Dank unzähliger Knochenfunde in der Corbeddu-Höhle auf Sardinien waren Wissenschaftler 1967 in der Lage, ein komplettes Skelett des Sardischen Pfeifhasen zu konstruieren. Heute weiß man, dass der ausgestorbene Pfeifhase um einiges stämmiger und kräftiger als heute noch existierende Pikas war. Die US-amerikanische Paläontologin Mary R. Dawson beschrieb den Sardischen Pfeifhasen in Osteology of Prolagus sardus (1969) als eine Kreuzung aus riesigem Wildkaninchen und heutigem Pika.

Der Sardische Pfeifhase war größer als die meisten anderen Pfeifhasen auf dem Festland und auch größer als sein Vorfahr Prolagus figaro, der als einziger Angehöriger der Prolagus-Gattung ebenfalls auf Sardinien nachgewiesen wurde. Wahrscheinlich erreichte der Sardische Pfeifhase ein Gewicht von 504 bis 525 Gramm, sein Vorfahr wog zwischen 398 und 436 Gramm. Dies geht aus einer Studie (2016) hervor, die die Körpermaße endemischer Prolagus-Arten auf Sardinien vergleicht.

Verglichen mit Zeitgenossen auf dem Festland wies der Sardische Pfeifhase Unterschiede seine Zähne betreffend auf. So besaß dieser etwa hochkronige Backenzähne, die man vor allem bei pflanzen- oder körnerfressenden Säugern findet, da sie dem vermehrten Abrieb beim Kauen länger standhalten als niederkronige Zähne. Mit seinem Gebiss war der Pfeifhase vermutlich an das Leben in der trockenen und offenen Landschaft Korsikas und Sardiniens angepasst. Zudem ernährte er sich ausschließlich von Pflanzen.

Die Weiterentwicklung der Sardischen Pfeifhasen

Prolagus sardus - Sardischer Pfeifhase Skelett

Das Skelett des Sardischen Pfeifhasen. (© Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons)

Da Wissenschaftler mehrfach auf Knochenlager stießen, gehen sie davon aus, dass die Populationsdichte der Pfeifhasen sehr hoch gewesen sein muss. Als Fressfeinde des Pfeifhasen kamen auf den Inseln höchstens Greifvögel  infrage sowie Cynotherium sardous, ein einst auf Sardinien lebender Hund, der sich von Kleinsäugern ernährte. Und natürlich Menschen.

Eine italienische Studie (2008) untersuchte anhand fossiler Überreste die Evolution des Sardischen Pfeifhasen auf Sardinien und stellte morphologische Unterschiede zwischen einzelnen Populationen fest. Der Grund dafür ist ein anagenetisches Evolutionsmuster. Das heißt, der Sardische Pfeifhase veränderte oder entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter, ohne dass eine neue Art entstand. Durch die sogenannte Anagenese kommt es zur Umwandlung einer Art, sodass mehrere zeitlich nacheinander voneinander leicht unterschiedliche Artgenossen (Chronospezies) hervorgehen. Dank dieser Erkenntnisse, lassen sich fossile Prolagus-Funde nun zeitlich präziser einordnen.

Bejagung könnte eine der Hauptursachen für das Verschwinden der Art gewesen sein

Die Inseln Korsika und Sardinien wurden schon früh von Menschen besiedelt. Es finden sich unzählige Spuren älterer Kulturen dort. Die Geschichte der Inseln ist seit der Antike dokumentiert. Sardische Pfeifhasen haben daher wohl schon sehr lange Zeit Seite an Seite mit Menschen gelebt.

Die Anwesenheit des Sardischen Pfeifhasen machte es den Menschen sicherlich auch einfacher, sich überhaupt auf den Inseln niederzulassen. Der Archäozoologe Jean-Denis Vigne fand 2012 eindeutige Beweise dafür, dass der Sardische Pfeifhase von Menschen gejagt und verspeist wurde. Viele der gefundenen Knochen weisen Biss- und Kauspuren auf und seien zudem zerbrochen und an einer Seite verkohlt gewesen. Vigne zufolge, wurde bereits in der Jungsteinzeit das Fleisch der Pfeifhasen über dem Feuer geröstet. Und auch der antike Schreiber Polybius merkte ja seinerzeit schon an, dass der Pfeifhase anders als ein Hase schmecke.

Neben der Bejagung des Sardischen Pfeifhasen spielten sicherlich noch weitere Aspekte, die mit der Besiedlung Korsikas und Sardiniens einhergehen, beim Verschwinden der Art eine Rolle. Genannt seien die Veränderungen des Lebensraums durch die sich entwickelnde Landwirtschaft sowie die Einschleppung fremder Arten.

Die neuen Siedler brachten einerseits Fressfeinde wie Hunde, Katzen und Marder und andererseits Nahrungskonkurrenten wie Feldhasen, Kaninchen oder andere Nagetiere auf die Inseln. Mit den invasiven Arten gelangten auch Krankheiten, übertragen durch Hasen und Kaninchen, nach Korsika und Sardinien. Auch das hatte sicherlich einen negativen Einfluss auf das Überleben der Pfeifhasen.