Iberoporus pluto: ebenfalls ein Grundwasstier wie Perrins Höhlentauchkäfer
Der 2019 in Portugal entdeckte Iberoporus pluto ist wie auch Perrins Höhlentauchkäfer blind und fast farblos. DNA-Analysen zeigen, dass die Arten miteinander verwandt sind. Ribera I, Reboleira ASPS (2019). ZooKeys 813: 21-38, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Perrins Höhlentauchkäfer

Der weltweit erste bekannte Grundwasserkäfer

In der kleinen Gemeinde Le Beausset in Südfrankreich entdeckte ein Apotheker 1904 in einem tiefen Brunnen einen augenlosen, hellen, braungelblichen Käfer. Dem bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten nur 2,25 Millimeter großen Schwimmkäfer verlieh der Hobby-Entomologe Elzéar Abeille de Perrin später den Namen Siettitia balsetensis oder Perrins Höhlentauchkäfer.

Perrins Höhlentauchkäfer ist Teil der Grundwasserfauna (auch Stygofauna genannt). Solche Grundwassertiere sind vollkommen und ausschließlich an einen bestimmten Lebensraum angepasst. Perrins Höhlentauchkäfer war schwach pigmentiert und besaß keine Augen, war also blind. In der Erstbeschreibung (1904) hatte Perrin zwar noch angegeben, der Käfer besäße rudimentäre Ocellen, aber diese erwiesen sich in späteren Untersuchungen als Artefakte.

Perrins Höhlentauchkäfer war nicht nur blind, sondern aufgrund fehlender Hinterflügel auch flugunfähig. Die Tasthaare an der Seite der Deckflügel und des vorderen Brustbereichs (Pronotum) ersetzten die Augen. An der Oberfläche waren die beiden miteinander verwachsenen Deckflügel und die Vorderbrust unbehaart.

Perrin beschrieb mit dem neu entdeckten Höhlentauchkäfer auch gleich eine neue Gattung namens Siettitia, die ihren Namen zu Ehren eines H. Sietti erhielt, einem Zeitgenossen Perrins. Vermutlich war er ebenfalls auf dem Gebiet der Insektenkunde tätig, denn dieser Sietti beschrieb 1903 Melinopterus abeillei, ein Insekt aus der Familie der Blatthornkäfer (Scarabaeidae).

Unter Käferkundlern erlangte Perrins Höhlentauchkäfer schnell Berühmtheit, denn er war der erste bekannte im Grundwasser lebende Käfer weltweit. Eine Reihe von Wissenschaftlern machten sich daher auf nach La Beausset, wo sie weitere Funde machten. Der französische Entomologe Félix Guignot entdeckte dort 1925 auch Siettitia avenionensis. Diese heute noch existierende Schwesterart ist etwas kleiner und weniger rund als Perrins Höhlentauchkäfer. Der Gattung Siettitia gehören nur diese zwei Arten an: S. avenionensis und S. balsetensis.

Perrins Höhlentauchkäfer – Steckbrief

wissenschaftlicher NameSiettitia balsetensis
englische NamenPerrin’s Cave Beetle, Perrin’s Cave Coleoptera
ursprüngliches VerbreitungsgebietSüdfrankreich
Zeitpunkt des Aussterbensnach 1945
Ursachen für das Aussterbenunklar
IUCN-Statusunzureichende Datenlage

Perrins Höhlentauchkäfer: Gründe für das Verschwinden vollkommen unklar

Außer in La Beausset konnte Perrins Höhlentauchkäfer auch noch in der wenige Kilometer südlich liegenden südfranzösischen Stadt La Seyne-sur-Mer nachgewiesen werden. Der Insektenkundler Guy Colas stieß dort 1945 auf den Höhlentauchkäfer. Hierbei handelt es sich auch um den letzten Nachweis dieser Schwimmkäferart, sodass die IUCN sie als ausgestorben listet.

Wahrscheinlich kam Perrins Höhlentauchkäfer ausschließlich in diesem kleinen Gebiet im Rhône-Tal in Südfrankreich vor. Der Käfer lebte im Grundwasser in Klüften aus karstigem Kalkstein, die typisch für diese Region sind. Wahrscheinlich war sein Lebensraum an das Flusssystem des südfranzösischen Flusses Var gebunden. Experten vermuten, dass das Flussbett, das Sediment unter dem Fluss oder das sogenannte hyporheische Interstitial, aus Kalkschotter den primären Lebensraum des Tauchkäfers gebildet hat.

Das Flussbett ist der Übergangsbereich zwischen Flusswasser und Grundwasser. Das in diesem Bereich abgelagerte Lockergestein bildet ein Hohlraumsystem dicht unter dem Oberflächenwasser eines Flusses. Dieses Hohlraumsystem dient als ökologischer Lebensraum, in dem spezifische Umweltbedingungen für Organismen wie dem Höhlentauchkäfer herrschen.

Das hyporheische Interstitial vieler Gewässer ist bedroht. Durch wasserbauliche Maßnahmen gelangen zunehmend Feinsedimente durch Erosion ins Flussbett. In begradigten Fließgewässern können sich die Sedimente aber nicht mehr vollständig absetzen. Durch Sedimentation und Sand- oder Schlammablagerungen am Grund des Gewässers verstopft schließlich das Hohlraumsystem im hyporheischen Interstitial.

Ob derartige oder ähnliche Veränderungen im Lebensraum von Perrins Höhlentauchkäfer zum Verschwinden dieser Insekten geführt haben, kann zu diesem Zeitpunkt niemand sagen. Die Ursache für das Aussterben der Art ist völlig unbekannt.

Perrins Höhlentauchkäfer ist nicht der einzige Tauchkäfer, der als ausgestorben gilt. Andere Beispiele sind der Brasilianische Tauchkäfer, der Südamerikanische Tauchkäfer (Rhantus orbignyi) oder der Mono-Lake-Tauchkäfer aus Kalifornien.

Neue Einstufung der IUCN (2025-2)

Im Oktober 2025 wurde die Art im Rahmen des neuesten Updates der IUCN Roten Liste jedoch nicht länger als „ausgestorben“ geführt. Stattdessen wird sie nun mit dem Status „unzureichende Datengrundlage“ eingestuft. Die IUCN begründet diese Änderung damit, dass bisher keine belastbaren Belege für ein endgültiges Aussterben vorliegen und die unterirdischen Karstsysteme Südfrankreichs nur unvollständig erforscht sind.

Es gilt daher als plausibel, dass kleine Restpopulationen fortbestehen könnten, auch wenn sie bislang unentdeckt geblieben sind. Für eine sichere Bewertung seien weitere Feldstudien erforderlich. Die Neueinstufung zeigt, dass das Wissen über die Grundwasserfauna noch große Lücken aufweist – und dass Arten, die seit Jahrzehnten als verschwunden gelten, mitunter doch noch im Verborgenen überdauern könnten.

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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