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Über die Entdeckung der Brillenkormorane und einiger anderer Tiere
Als der dänische Marineoffizier Vitus Bering zusammen mit dem deutschen Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller im Zuge der Zweiten Kamtschatkaexpedition zur Suche nach dem legendären João-da-Gama-Land im Juni 1741 mit der St. Peter und dem Begleitschiff St. Paul aufbrach, ahnte Bering noch nicht, dass dies seine letzte Reise sein würde. Schon kurz nach der Abreise trennte ein Sturm die beiden Schiffe und vier Monate später, ein Großteil der Besatzung war bereits an Skorbut erkrankt und die Wasservorräte waren knapp, lief die St. Peter im November 1741 auf ein Riff auf: Es war die später nach Bering, der etwa einen Monat später dort bestattet wurde, benannte Beringinsel im Nordwestpazifik.

Bild: Leonhard Hess Stejneger, Public domain, via Wikimedia Commons
Die entkräftete Mannschaft beschloss, an der Küste in Erdhütten zu überwintern. Bis der Frühling kam und aus den Resten der St. Peter ein neues Boot gezimmert werden konnte, widmete sich Steller der Flora und Fauna der Insel, die nie zuvor von Menschen betreten wurde. „Allein der Überfluss und die zahme Selbstbehauptung der Tiere weisen deutlich darauf hin, dass es sich um kaum oder vollkommen unbewohntes Land handeln muss“, äußerte sich Steller gegenüber Bering. Unter den Entdeckungen, die Steller auf dem Eiland machte, war „ein besonderer Seeadler“, der später als Riesenseeadler (Haliaeetus pelagicus) identifiziert wurde, eine gigantische Seekuh, der Stellersche Seelöwe (Eumetopias jubatus) und ein riesiger Kormoran, der Brillenkormoran.
Als die Besatzung der St. Peter auf der Beringinsel, die größte der russischen Kommandeurinseln, verweilte, war der Brillenkormoran noch zahlreich vertreten und auch Polarfüchse, Seeotter, Pelzrobben und Rebhühner gab es viele. Wenn zur Wintermitte Seeotter und Pelzrobben weniger wurden und die Eiderenten-Schwärme weit von der Küste entfernt waren, jagten die überlebenden Seemänner Brillenkormorane, um nicht zu verhungern. Angaben Stellers zufolge, reichte das Fleisch eines Vogels aus, um drei hungrige Männer zu sättigen.

Bild: Benedykt Dybowski, Public domain, via Wikimedia Commons
Das Fleisch der Brillenkormorane, das Steller als „schmackhaft und saftig“ beschrieb, wussten später auch andere zu schätzen. Mit der Ankunft des Seeotterjägers Emilian Basovs auf der Insel im Jahr 1743 setzt die Dokumentation der menschlichen Besiedlung und ökologischen Zerstörung ein. Ab 1825 importierte die Russländisch-Amerikanische Kompagnie, eine in der Hauptsache auf Pelzjagden ausgerichtete Handelskompanie des Russischen Reichs, Ureinwohner der Inselgruppe der Aleuten, auf die Beringinsel, um dort zu jagen. Im darauffolgenden Jahr gründete eine weitere Gruppe von Aleuten und Bewohnern Kamtschatkas die erste bekannte dauerhafte Siedlung auf der Insel.
Schnell sprach sich herum, dass die Beringinsel ein profitables Walfanggebiet sei und es dort massenhaft Polarfüchse, Seeotter und andere Tiere mit wertvollen Pelzen gebe, was weitere Walfänger, Robbenjäger und Pelzhändler in das Gebiet lockte. Georg Steller selbst ist nicht ganz unschuldig daran, dass sich die Beringinsel rasch zu einem wichtigen Handelspunkt für Pelzjäger entwickelte. In seinen ersten Briefen und Berichten schrieb Steller, nachdem er zurück in Kamtschatka war, über den potenziellen Profit, der mit den Pelzen von der Beringinsel zu erzielen wäre.
In The Devil’s Cormorant: A Natural History (2013) schreibt der Autor und Illustrator Richard J. King, die Crew der St. Peter kehrte mit fast 900 Pelzen von der Beringinsel zurück nachhause, um diese dort zu verkaufen. Steller musste nahezu alle seine gesammelten Proben auf der Insel zurücklassen, kam aber mit rund 300 Seeotterpelzen zurück. Einige davon kaufte er seinen Schiffskameraden in Kamtschatka ab, andere habe er als Geste der Dankbarkeit geschenkt bekommen, heißt es.
Brillenkormoran – Steckbrief
| alternative Bezeichnungen | Brillen-Kormoran, Pallasscharbe |
| wissenschaftliche Namen | Urile perspicillatus, Phalacrocorax perspicillatus, Compsohalieus perspicillatus, Carbo perspicillatus, Pallasicarbo perspicillatus, Graculus perspicillatus |
| englische Namen | Spectacled cormorant, Pallas’s cormorant, Pallas‘ cormorant, Steller’s spectacled cormorant |
| ursprüngliches historisches Verbreitungsgebiet | Beringinsel (Nordwestpazifik) |
| Zeitpunkt des Aussterbens | um 1852 |
| Ursachen für das Aussterben | Bejagung |
| IUCN-Status | ausgestorben |
Brillenkormorane: Zu naiv, um zu überleben
Brillenkormorane besaßen zwar keinen Pelz, aber ihr Fleisch (und ihre Federn) wurde von den Aleuten und den anderen Bewohnern sehr geschätzt. Der britische Zoologe Lionel Walter Rothschild schreibt 1907 in Extinct Birds darüber:
„Zuvor hieß es, er [der Kormoran] sei zahlreich gewesen, aber die Einwohner liebten sein Fleisch, das ihre Hauptnahrungsgrundlage bildete, wenn es schwierig war, an anderes Fleisch zu kommen. Wahrscheinlich wären sie nicht so schnell ausgestorben, wenn ihre relativ kurzen Flügel nicht zu einer gewissen Langsamkeit der Fortbewegung an Land und in der Luft geführt hätten.“

Bild: Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons
Nicht nur die Langsamkeit der Brillenkormorane machte sie zu leichten Opfern, sondern ihre isolierte Entwicklung auf der unbewohnten Beringinsel, die dazu führte, dass die Vögel die Menschen nicht als Feinde betrachteten. Der Zeitraum von der Entdeckung bis zur Ausrottung der Brillenkormorane war zu kurz, als dass sich die Vögel in ihrem Verhalten an die „neuen Raubtiere“ hätten anpassen können. Der russische Vogelkundler Boris K. Stegmann interpretiert die Inselzahmheit der Brillenkormorane 1936 auf seine Weise:
„Von Angaben über die Lebensweise dieser Vögel weiß man nur, daß sie sehr dumm waren und sich leicht totschlagen ließen, was denn auch von den Einwohnern der Kommandeur-Inseln mit bestem Erfolg besorgt wurde.“
Ueber das Flugvermögen der ausgestorbenen Scharbe Phalacrocorax perspicillatus Pall., 1936, B. K. Stegmann
Eine andere Erklärung für das Aussterben der Brillenkormorane brachte der Ornithologe Ernst Hartert 1920 ins Spiel. In The Birds of the Commander Islands hielt er es zwar für möglich, dass die Art durch menschliche Verfolgung ausgerottet wurde, verwies aber auch auf eine mögliche Krankheit. Als Vergleich nannte er eine spätere Epidemie im Winter 1876/77, bei der auf den Kommandeurinseln Tausende Meerscharben (Urile pelagicus) starben.
Bemerkenswert ist, dass Krankheiten auch von heutigen Forschenden wieder als möglicher zusätzlicher Faktor diskutiert werden. In einem im November 2025 veröffentlichten Interview gegenüber dem Nachrichtenportal Kamchatka-Inform erklärte Arkady Savinetsky es gebe Hinweise darauf, dass Massenepizootien, also die weite Ausbreitung ansteckender Tierkrankheiten, beim Rückgang eine Rolle gespielt haben könnten. Andere Kormoranarten hätten sich von solchen Bestandseinbrüchen wieder erholen können, der Brillenkormoran möglicherweise nicht.
Einen direkten Beleg dafür, dass eine Epidemie zum Aussterben des Brillenkormorans beitrug, gibt es jedoch weiterhin nicht. Die Hypothese ist dennoch interessant, weil bereits Hartert vor mehr als 100 Jahren auf Seuchen als möglichen zusätzlichen Faktor hingewiesen hatte. Als wichtigste Ursache des Aussterbens gilt weiterhin die starke Bejagung einer kleinen, wenig scheuen Inselpopulation.
Der Ornithologe Dieter Luther weist in Die ausgestorbenen Vögel der Welt (1986) außerdem darauf hin, dass die Nachstellungen durch den auf der Beringinsel vorkommenden Polarfuchs (Vulpes lagopus) als natürlicher Feind des Brillenkormorans als beschleunigender Faktor für das Aussterben betrachtet werden kann. Allerdings erst ab dem Zeitpunkt, an dem die Bejagung der Vögel durch den Menschen bereits „zu einer zahlenmäßigen Reduzierung der Population unter ihr Existenzminimum geführt“ hat.
Wann der letzte Brillenkormoran starb, lässt sich nicht mehr genau sagen. Steller beschrieb die Art 1741 und 1742 noch als häufigen Vogel der Beringinsel. Als der Zoologe Leonhard Stejneger Anfang der 1880er-Jahre auf die Kommandeurinseln kam, fand er jedoch keine lebenden Brillenkormorane mehr, sondern nur noch Knochen. Von einheimischen Unangas erfuhr er, dass die letzten Vögel etwa 30 Jahre zuvor verschwunden seien – also um 1852. Eine 2024 erschienene Studie von Theodore Squires und Alexander L. Bond weist allerdings darauf hin, dass alle Angaben nach 1840 nicht durch überprüfbare Belege abgesichert sind. Das Aussterben fällt damit wahrscheinlich in die Mitte des 19. Jahrhunderts, bleibt aber zeitlich unscharf.
Die Ursache war nicht nur einfache Jagd, sondern ein ganzer historischer Prozess. Squires und Bond betonen, dass das Verschwinden des Brillenkormorans wahrscheinlich eng mit dem Zustrom russischer Pelzhändler und den Folgen der erzwungenen Umsiedlung indigener Unangas verbunden war. Nach der Entdeckung der Beringinsel rückte der Nordpazifik immer stärker in den Fokus des Pelzhandels. Seeotter, Pelzrobben und Polarfüchse machten die Region wirtschaftlich interessant. Gleichzeitig wurden indigene Unangas aus dem Aleutenraum ausgebeutet, versklavt oder zwangsweise umgesiedelt und in die Jagd für russische Handelsinteressen eingebunden. In diesem System wurde auch der Brillenkormoran genutzt. Er war groß, fleischreich und wenig scheu. Für eine kleine Inselpopulation konnte regelmäßige Bejagung deshalb schnell verheerend werden.
Was vom Brillenkormoran geblieben ist
Der Riesenalk, ein flugunfähiger im Nordatlantik einst lebender Vogel, verschwand aufgrund seiner rücksichtlosen Bejagung ungefähr zur gleichen Zeit wie der Brillenkormoran. Während vom Riesenalk heute mindestens 78 Bälge oder Präparate, mehr als 20 vollständige Skelette und zahlreiche Eier in Sammlungen und Museen existieren, ist vom Brillenkormoran vergleichsweise wenig erhalten geblieben.
Dass heute so wenig vom Brillenkormoran erhalten ist, macht die Rekonstruktion seiner Geschichte schwierig. Squires und Bond kommen in ihrer Übersicht auf gerade einmal sechs Bälge bzw. Präparate in vier Museen: im Finnish Museum of Natural History in Helsinki, im Naturalis Biodiversity Center in Leiden, im Zoological Institute der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg und im Natural History Museum in Tring. Die Herkunft dieser Stücke ist nicht vollständig geklärt; nach Squires und Bond gelangten sie alle über Sitka, die damalige Hauptstadt Russisch-Amerikas, in wissenschaftliche Sammlungen. Frühere Angaben zu einem Exemplar in Dresden und zu Material im American Museum of Natural History in New York haben sich als falsch herausgestellt.
Hinzu kommen zahlreiche Knochenfunde. Squires und Bond verzeichneten 2024 mehr als 90 bereits bekannte Knochenstücke des Brillenkormorans. Besonders bedeutend sind jedoch 379 weitere Skelettfragmente, die 2021 bei Ausgrabungen auf der Beringinsel geborgen wurden und in ihrer Übersicht noch nicht vollständig ausgewertet werden konnten. Wie die russischen Forscher Arkady Savinetsky und Stanislav Samsonov 2025 in einem Interview berichteten, befinden sich unter den neueren Funden außergewöhnlich gut erhaltene Knochen, aus denen nahezu vollständige Skelette des Brillenkormorans rekonstruiert werden konnten. Dieses Material ermöglicht inzwischen wesentlich genauere Aussagen über Körpergröße, Flugfähigkeit und Lebensweise der ausgestorbenen Art.
In einer 2026 veröffentlichten Studie wurde dieses umfangreiche Knochenmaterial erstmals detailliert osteologisch untersucht und mit heute lebenden Kormoranarten verglichen.
Zum Flugvermögen der Kormorane von der Beringinsel

Bild: Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons
Viele auf kleinen Inseln endemische Vögel, die keinen Fressfeinden ausgesetzt waren, verloren im Laufe der Evolution ihre Flugfähigkeit – auch der Brillenkormoran? Ob er fliegen konnte, wurde lange kontrovers diskutiert. Seine außergewöhnliche Größe, sein Leben auf abgelegenen Inseln und historische Berichte wurden immer wieder als Hinweise auf ein eingeschränktes Flugvermögen interpretiert. So beschreibt David Day ihn in The Doomsday Book of Animals (1981) als „fast flugunfähigen, langsamen und arglosen“ Vogel. Auch die IUCN, die den Brillenkormoran seit 1998 als ausgestorbene Art in ihrer Roten Liste führt, bezeichnet ihn im Zusammenhang mit seinem Verschwinden als „schlechten Flieger“.
Bereits 1936 widersprach Stegmann dieser Vorstellung. In Ueber das Flugvermögen der ausgestorbenen Scharbe verwies er unter anderem darauf, dass sich in der Erstbeschreibung des Vogels durch durch den deutschen Naturforscher Peter Simon Pallas keine Hinweise auf eine stark eingeschränkte Flugfähigkeit finden. Zudem verglich Stegmann Knochen und Körperbau des Brillenkormorans mit denen anderer Kormorane. Er kam zu dem Ergebnis, dass keine osteologischen Merkmale auf eine Reduktion des Flugvermögens hinweisen:
„Im allgemeinen kann man also sagen, daß die osteologischen Merkmale von Ph. perspicillatus durchaus nicht auf eine Reduktion des Flugvermögens dieses Vogels hinweisen. Im Gegenteil, alles weist darauf hin, daß diese Art mit vollständig normal entwickelter und normal arbeitender Flugmuskulatur begabt war, welche nicht funktionslos sein konnte. (…) Man kann also mit Sicherheit sagen, daß Ph. perspicillatus nicht nur überhaupt flugfähig war, sondern auch ein guter Streckenflieger sein mußte (…).“
Stegmanns Auffassung teilen nicht alle. Der Ornithologe Clive Roots verglich den Brillenkormoran in seinem Buch Flightless Birds (2006) mit der einzigen heute lebenden flugunfähigen Kormoranart, der Galápagosscharbe (Nannopterum harrisi). Diese erreicht eine ähnliche Körperlänge und wiegt etwa 2,3 bis vier Kilogramm. Um fliegen zu können, dürfen Vögel nicht zu schwer sein, und wenn die Galápagosscharbe schon zu schwer zum Fliegen ist, müsste es der Brillenkormoran erst recht gewesen sein. Da für den Brillenkormoran damals deutlich höhere Gewichte angenommen wurden, erschien es plausibel, dass auch seine Flugfähigkeit zumindest stark eingeschränkt gewesen sein könnte.
Ähnlich argumentierte Richard J. King in The Devil’s Cormorant (2013). Mit Verweis auf Stellers historische Angaben ging er von einem Körpergewicht von etwa 5,4 bis 6,4 Kilogramm aus und beschrieb den Flug des Brillenkormorans als träge und unbeholfen:
„Wenn der Brillenkormoran tatsächlich derart schwer war, wog er fast zweimal so viel wie die größten heute existierenden fliegenden Kormorane, der große Kormoran [Phalacrocorax carbo], dessen Flügel ungefähr dieselbe Länge aufweisen. Wenn der Brillenkormoran also fliegen konnte, dann sicher nicht besonders effizient.“
Neue Knochenfunde sprechen inzwischen jedoch deutlich gegen eine weitgehende Flugunfähigkeit. Stanislav V. Samsonov und seine Kollegen untersuchten für ihre 2026 veröffentlichte Studie mehr als 450 subfossile Knochen von der Beringinsel, darunter zwei unvollständige Skelette. Es handelt sich um die bislang größte bekannte Knochensammlung des Brillenkormorans. Die Forschenden analysierten unter anderem den Schultergürtel sowie die Proportionen der Flügel- und Beinknochen und verglichen sie mit denen heute lebender Kormorane. Der Brillenkormoran unterschied sich in seinem Flugapparat demnach nicht wesentlich von flugfähigen Kormoranarten. Die für die Galápagosscharbe charakteristische Reduktion des Flugapparates lässt sich bei ihm nicht erkennen.
Bereits im November 2025 hatten Arkady Savinetsky und Stanislav Samsonov vom Severtsov-Institut für Ökologie und Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften in einem Interview über diese Ergebnisse berichtet. Savinetsky erklärte dort, die Frage nach einer möglichen Flugunfähigkeit sei aufgrund der neuen Knochenfunde inzwischen geklärt: Der Brillenkormoran habe normal fliegen können, sei als großer und schwerer Vogel aber möglicherweise nur wenig geflogen. Samsonov betonte, dass der Vergleich mit der flugunfähigen Galápagosscharbe deutliche anatomische Unterschiede zeige und beim Brillenkormoran keine Anzeichen einer Reduktion des Flugapparates gefunden wurden.
Auch die frühere Vorstellung von einem besonders schweren Vogel wurde durch die neuen Funde relativiert. Anhand des Umfangs der Oberschenkelknochen schätzt Samsonov die Körpermasse des Brillenkormorans auf etwa 3,8 Kilogramm. Damit war er zwar erheblich schwerer als die Meerscharbe (Urile pelagicus) oder die Rotgesichtscharbe (U. urile), aber deutlich leichter als die früher häufig genannten 5,4 bis 6,4 Kilogramm.
Nach heutigem Forschungsstand spricht daher vieles dafür, dass der Brillenkormoran voll flugfähig war. Wie häufig, wie weit oder wie effizient er tatsächlich flog, lässt sich aus den Knochen allerdings nicht bestimmen. Die neuen Untersuchungen zeigen jedoch, dass sein Flugapparat – anders als bei der Galápagosscharbe – keine Anpassungen an einen Verlust der Flugfähigkeit erkennen lässt.
Steller war der einzige, der den Brillenkormoran lebend studierte

Bild: Naturalis Biodiversity Center, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Georg Steller war der einzige Naturforscher, der die Brillenkormorane jemals lebendig studieren konnte. Fast alles, was wir über das Aussehen und Verhalten des lebenden Brillenkormorans wissen, stammt aus seinen Notizen, die er 1741 und 1742 auf der Beringinsel machte. Allerdings ist sein Originalmanuskript heute verschollen und die Beschreibungen sind nur aufgrund der Übersetzungen durch Pallas, der sich Ende des 18. Jahrhunderts als erster mit Stellers Manuskripten auseinandersetzte, überliefert. Bis 1837, als die ersten präparierten Exemplare des Vogels nach Alaska gebracht wurden, waren Stellers Aufzeichnungen die einzigen, die die Wissenschaft über den Brillenkormoran besaß. Auch Pallas, der den Brillenkormoran 1811 wissenschaftlich beschrieb, tat dies ausschließlich anhand von Stellers Aufzeichnungen. Pallas selbst machte nie Bekanntschaft mit Georg Steller und auch den Brillenkormoran bekam er nie – weder lebendig noch tot – zu Gesicht.
Der ausgestorbene Brillenkormoran gilt mit einer Länge von bis zu einem Meter als der größte Vogel aus der Familie der Kormorane ( Phalacrocoracidae) und wird deshalb manchmal als ein Beispiel für Inselgigantismus genannt. Pallas lieferte auf Grundlage von Stellers Bericht die erste anerkannte Beschreibung der Vogelart:
„Von der Größe einer sehr großen Gans (…) weiße Flecken an den Flanken (…) Der Körper ist gänzlich schwarz (…) Ein paar lange, weiße schmale hängende Federn um den Hals herum, wie bei Reihern (…) Hinterkopf mit einer riesigen Haube (…) Haut um Schnabelbasis nackt, rot, blau und weiß, gemischt, wie bei einem Truthahn (…) Um die Augen ein breiter, nackter weißer Hautbereich (…), wie eine Brille (…) Weibchen kleiner ohne Haube und Brille (Von Steller)“
Extinct Birds, 1907, W. L. Rothschild
Dass die Weibchen tatsächlich kleiner waren, wird inzwischen auch durch die Untersuchung neuer Knochenfunde gestützt. Samsonov und sein Team nahmen für ihre Studie (2026) das umfangreiche Skelettmaterial des Brillenkormorans genau unter die Lupe. Die Größenunterschiede zwischen den untersuchten Individuen sprechen für einen deutlichen Geschlechtsdimorphismus, bei dem die Männchen größer waren als die Weibchen. Damit erhält Stellers mehr als 280 Jahre alte Beobachtung erstmals zusätzliche Unterstützung durch anatomische Befunde. Ob die Weibchen tatsächlich auch keine Haube und keine auffällige „Brille“ besaßen, lässt sich anhand der Knochen allerdings nicht überprüfen.
Über das Verhalten und die Lebensweise des Brillenkormorans ist abgesehen von seiner Langsamkeit und Arglosigkeit Menschen gegenüber nur wenig bekannt. Luther nimmt an, dass seine Lebens- und Verhaltensweisen weitgehend denen anderer Vertreter der Gattung Urile, vor allem der Meerscharbe, entsprachen.
Was Knochen über Jagd und Ernährung verraten
Samsonov und seine Kollegen verglichen Skelettmaterial des Brillenkormorans mit heute lebenden Kormoranarten. Demnach lassen sich Kormorane vereinfacht in Arten unterscheiden, die Fischschwärme im freien Wasser verfolgen, und solche, die eher in Küstennähe und am Meeresboden nach Nahrung suchen. Bei Letzteren ist nicht möglichst hohe Geschwindigkeit entscheidend, sondern die Fähigkeit, sich beim Tauchen kräftig abzustoßen und nahe am Boden zu manövrieren.
Der Brillenkormoran gehörte nach Samsonovs Analyse (2026) zu dieser zweiten Gruppe. Seine Beinknochen ähneln in ihren Proportionen denen seiner nahen Verwandten, der Meerscharbe und der Rotgesichtscharbe. Besonders der vergleichsweise kurze Tarsometatarsus – ein Knochen des unteren Beins – dürfte einen kräftigen Abstoß beim Abtauchen ermöglicht haben. Die Form seiner Hinterbeine spricht daher dafür, dass der Brillenkormoran seine Nahrung vor allem am Meeresboden suchte. Seine größere Körpergröße dürfte ihm zudem ermöglicht haben, tiefer zu tauchen als die kleineren Meerscharben und Rotgesichtscharben.
Zusätzliche Hinweise liefert eine Analyse stabiler Isotope aus den Knochen. Diese Untersuchungen waren zum Zeitpunkt des Interviews 2025 noch nicht abschließend veröffentlicht. Sie erlauben keine Bestimmung einzelner Beutearten, geben aber Hinweise darauf, wo ein Tier seine Nahrung suchte und auf welcher Stufe der Nahrungskette seine Beute stand. Nach den bisherigen Ergebnissen ernährte sich der Brillenkormoran in der Küstenzone und erreichte dabei ungefähr dasselbe trophische Niveau wie die anderen Kormoranarten der Kommandeurinseln. Trotz seiner außergewöhnlichen Körpergröße scheint er also keine besonders große Beute bevorzugt zu haben. Samsonov vermutet, dass vor allem kleinere Fische und Krebstiere zu seiner Nahrung gehörten.
Auch über andere Bereiche seiner Lebensweise ist nur wenig überliefert. Wahrscheinlich hielt sich der Brillenkormoran überwiegend an den Küsten auf und brütete auf vorgelagerten Felsen und kleinen Felseninseln. Solche Brutplätze dürften den Vögeln Schutz vor Polarfüchsen geboten haben, den einzigen ursprünglich auf den Kommandeurinseln vorkommenden landlebenden Säugetieren. Wie seine Nester aussahen, wie viele Eier ein Weibchen legte oder wie lange die Jungvögel versorgt wurden, ist dagegen nicht bekannt.
Brillenkormorane wurden ursprünglich der Gattung Phalacrocorax zugeordnet. Im Jahr 2021 nahm die International Ornithologists‘ Union (IOC) basierend auf einer 2014 erschienenen Studie zur Klassifikation von Kormoranen, jedoch eine Reklassifizierung vor, sodass der ausgestorbene Brillenkormoran und andere nordpazifische Kormoranarten nun der Gattung Urile angehören.
Verbreitungsgebiet: Brillenkormoran als Relikt auf der Beringinsel
Das Verbreitungsgebiet bei der Entdeckung des Brillenkormorans Mitte des 18. Jahrhunderts beschränkte sich auf die zu den Kommandeurinseln gehörende Beringinsel. Die IUCN nennt weiterhin die Möglichkeit, dass sich die Vogelart auch an der nicht weit entfernten Küste der Halbinsel Kamtschatka und auf einigen angrenzenden Inseln aufgehalten haben könnte. Die letzten Brillenkormorane sollen um 1850 Zuflucht auf dem kleinen Eiland Ariy Rock vor der nordwestlichen Spitze der Beringinsel gefunden haben.

Bild: Michiel1972, using demis maps, Public domain, via Wikimedia Commons
Eine 2018 veröffentlichte Studie des Geologen Junya Watanabe deutet darauf hin, dass das historische Verbreitungsgebiet der Brillenkormorane deutlich größer gewesen sein muss. Im Nordosten Japans gefundene fossile Überreste des Brillenkormorans würden zeigen, dass er vor rund 120.000 Jahren dort vorkam. Dies sei der erste vor-holozäne Hinweis darauf, dass die Art auch außerhalb der Beringinsel lebte. Damit erweitere sich sein geografisches Verbreitungsgebiet um etwa 2.400 Kilometer.
Watanabe geht davon aus, dass der Brillenkormoran seit dem Pleistozän und wahrscheinlich vor dem ersten Kontakt mit Menschen eine massive Verkleinerung oder Verschiebung seines Lebensraums erfahren hat. Zurückzuführen sei dies möglicherweise auf einen Abfall der ozeanischen Produktivität und klimatische Veränderungen vor rund 17.000 Jahren, was die lokale Kormoran-Population beeinträchtigt und zu ihrem Verschwinden aus Japan geführt haben könnte. Der Wissenschaftler schlussfolgert, dass die Brillenkormoran-Population auf der Beringinsel zum Zeitpunkt ihrer wissenschaftlichen Entdeckung bereits als Reliktart anzusehen war.
Einige Wissenschaftler stellten in der Vergangenheit Vermutungen zu weiteren Gebieten an, in denen Brillenkormorane gelebt haben sollen. So nahm man 1991 zum Beispiel an, prähistorische Überreste des Vogels auf der Aleuten-Insel Amchitka in Alaska gefunden zu haben. Dies allerdings konnte der US-amerikanische Ornithologe Storrs L. Olson 2005 widerlegen, indem er die gefundenen Knochen der Ohrenscharbe (Nannopterum auritus) zuordnete. Und Stejneger mutmaßte 1890 in Contributions to the History of Pallas‘ Cormorant, dass der Brillenkormoran einst an der Nordostküste Sibiriens vorkam, was Stegmann wiederum als haltlos betrachtete. Bis heute gibt es – abgesehen von der 2018er-Studie – keine eindeutigen Beweise dafür, dass Brillenkormorane außerhalb der Beringinsel lebten.
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