Wolterstorff-Molch (Cynops woltertorffi) - Natural History Museum (London)
Der Wolterstorff-Molch wurde von George Albert Boulenger (1905) zu Ehren des deutschen Geologen und Zoologen Willy Wolterstorff benannt, der sich intensiv mit der Systematik der Schwanzlurche beschäftigte. (© "1946.9.6.32-pic1" - Cynops wolterstorffi (Boulenger, 1905) Collected in China by The Trustees of the Natural History Museum, London, CC BY 4.0, via GBIF)

Wolterstorff-Molch – ein schlecht dokumentiertes Aussterben

Ein Molch mit fischartigem Aussehen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sammelte John Graham in der südwestchinesischen Provinz Yunnan mehrere der Wissenschaft bislang unbekannte Tierarten. Die Funde schickte er nach London, wo sie von George Albert Boulenger am Natural History Museum in London untersucht wurden. Boulenger, einer der produktivsten Zoologen seiner Zeit, beschrieb im Laufe seines Lebens über 2.000 neue Arten, darunter auch den Wolterstorff-Molch.

Im Jahr 1905 lagen ihm sechs Exemplare eines zuvor unbekannten Molchs vor, die Graham in Yunnan-Fu (heute Kunming) in rund 1.900 Metern Höhe gesammelt hatte. Boulenger beschrieb die Art unter dem Namen Molge wolterstorffi. Die Tiere zeichneten sich durch einen kräftigen Körperbau, eine glatte, glänzende Haut und eine auffällige Färbung aus. Die Oberseite war dunkel schwarzbraun, während die Unterseite ein intensives Orange bis Rot mit dunkler Zeichnung zeigte. Ein orange-roter Streifen verlief über Rücken und einen Großteil des Schwanzes, ergänzt durch Flecken an den Flanken. Hinter dem Auge, am Mundwinkel, befand sich zudem ein auffälliger orangefarbener bis roter Fleck.

Mit einer Gesamtlänge von etwa 11 bis 12 Zentimetern bei Männchen und 14 bis 16 Zentimetern bei Weibchen gehörte der Wolterstorff-Molch zu den größeren Vertretern der Feuerbauchmolche (Cynops). Auffällig ist, dass Boulenger in seiner Erstbeschreibung keine klaren geschlechtsspezifischen Unterschiede – abgesehen von der Körpergröße – hervorhob. Die begleitende Tafel zeigt zwar Variationen in der Färbung, diese deutete er jedoch nicht als Sexualdimorphismus, sondern als individuelle Unterschiede:

Boulenger (1905): Molge wolterstorffi – der Wolterstorff-Molch
Darstellung des Wolterstorff-Molchs in der Erstbeschreibung (Boulenger, 1905): oben das kleinere Männchen, unten das größere Weibchen – ein Hinweis auf den Größenunterschied zwischen den Geschlechtern.
Boulenger, Public domain, via Wikimedia Commons)

Bemerkenswert ist zudem der Körperbau der Tiere: Der seitlich stark abgeflachte, etwa körperlange Schwanz und die insgesamt aquatische Erscheinung verliehen dem Molch ein ungewöhnliches Aussehen. Der deutsche Zoologe Willy Wolterstorff, nach dem die Art benannt wurde, beschrieb dieses Erscheinungsbild in seinem Artikel Über die Gattung Hypselotriton (1934) als „fischartig“ und deutete es als Anpassung an ein vollständig wassergebundenes Leben.

In seiner Erstbeschreibung wies Boulenger außerdem auf Ähnlichkeiten zu anderen Molcharten hin, darunter der Spanische Wassermolch (Lissotriton boscai) und der Japanische Feuerbauchmolch (Cynops pyrrhogaster). Gemeinsame Merkmale sind unter anderem das Fehlen eines Rückenkamms, nicht verwachsene Zehen sowie bestimmte Übereinstimmungen im Schädelbau.

Wolterstorff-Molch – Steckbrief

wissenschaftliche NamenCynops wolterstorffi, Hypselotriton wolterstorffi, Molge wolterstorffi, Triturus wolterstorffi, Triton wolterstorffi, Hypselotriton chenggongensis
englische NamenYunnan lake newt, Yunnan newt, Wolterstorff’s newt, Kunming lake newt, Kunming hypselotriton
ursprüngliches VerbreitungsgebietDian-See (Yunnan, China)
Zeitpunkt des Aussterbensfrühestens 1979
Ursachen für das AussterbenLebensraumverlust (Verschmutzung & Bebauung), eingeschleppte Arten
IUCN-Statusausgestorben

Lebensraum, Lebensweise und Anpassungen

Karte: China, Yunnan, Dianchi, Kunming
Der Dian-See in der südwestchinesischen Provinz Yunnan war das einzige bekannte Verbreitungsgebiet des Wolterstorff-Molchs und befindet sich südlich der Provinzhauptstadt Kunming.

Der Wolterstorff-Molch war auf den Dian-See (auch Dianchi oder Kunming-See genannt) im Hochland von Yunnan beschränkt. Der See liegt auf etwa 1.886 m Höhe im Einzugsgebiet der Stadt Kunming auf dem Yunnan-Guizhou-Plateau. Es handelte sich damit um eine endemische Art, die ausschließlich in diesem Gewässer vorkam.

Innerhalb des Sees lebte der Molch vor allem in den flachen, pflanzenreichen Uferzonen des nördlichen Bereichs, eingebettet in dichte Unterwasservegetation. Historische Berichte deuten darauf hin, dass die Art nicht nur im See selbst, sondern auch in angrenzenden Lebensräumen wie Bewässerungskanälen, Teichen und Sümpfen vorkam (Raffaëlli 2014; AmphibiaWeb 2025). Die Winterruhe verbrachte sie vermutlich in tieferen, stabileren Wasserschichten des Sees.

Über die Lebensweise ist insgesamt nur wenig bekannt. Während der Fortpflanzungszeit im Frühjahr (April und Mai) hielten sich die Tiere in den flachen Uferzonen auf, wo sie zwischen Wasserpflanzen schwammen. Die Fortpflanzung verlief vermutlich ähnlich wie bei Molchen der Gattung Triturus ab: Das Männchen zeigte Balzverhalten mit Schwanzbewegungen, und die Eier wurden einzeln an Wasserpflanzen abgelegt (AmphibiaWeb 2025). Bei einem Weibchen wurden im Bauch 442 Eier gefunden (IUCN SSC Amphibian Specialist Group 2020), was auf eine relativ hohe Reproduktionsleistung hinweist.

Neotenie und aquatische Lebensweise

Eine Besonderheit des Wolterstorff-Molchs ist seine ausgeprägte Neotenie – also das Erreichen der Geschlechtsreife bei gleichzeitiger Beibehaltung larvaler Merkmale. Bereits in der Erstbeschreibung stellte Boulenger fest, dass viele Individuen ihre äußeren Kiemen in unterschiedlichem Ausmaß behalten hatten. Gleichzeitig war der Schädel vollständig verknöchert, was eindeutig zeigt, dass es sich dennoch um ausgewachsene Tiere handelte.

Diese Kombination deutet darauf hin, dass der Wolterstorff-Molch vollständig an ein dauerhaft aquatisches Leben angepasst war. Auch Wolterstorff (1934) beschrieb die Art als rein wasserlebend. Im Gegensatz zu vielen anderen Molchen fehlten typische Merkmale der Landphase weitgehend. So waren etwa ein ausgeprägter Rückenkamm oder andere deutliche sekundäre Geschlechtsmerkmale der Männchen nur schwach oder gar nicht entwickelt. Stattdessen wird ein bläulicher Streifen am seitlichen Schwanzbereich des Männchens während der Fortpflanzungszeit erwähnt.

Die Neotenie steht vermutlich im Zusammenhang mit den Umweltbedingungen des Dian-Sees. In Hochlagen herrschen oft kühle, relativ stabile Gewässerbedingungen, die eine dauerhafte aquatische Lebensweise begünstigen. Unter solchen Bedingungen kann es für Amphibien energetisch günstiger sein, im Larvenstadium zu verbleiben, anstatt eine vollständige Metamorphose zum Landleben durchzuführen. Die Neotenie des Wolterstorff-Molchs ist daher nicht als „Fehler“ oder Entwicklungsstörung, sondern als evolutionäre Anpassung an den Lebensraum zu verstehen. Wenn das Larvenstadium bereits optimal ist, lohnt sich die Weiterentwicklung nicht.

Dianchi / Dian-See in Yunnan, China
Einstiger Lebensraum des Wolterstorff-Molchs:
Der Süßwassersee Dianchi (auch „Dian“ oder gelegentlich „Kunming-See“ genannt – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Parksee im Sommerpalast in Peking) liegt in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Mit einer Länge von rund 40 km, einer durchschnittlichen Breite von etwa 7 km und einer Uferlinie von ca. 150 km ist er der größte See der Region. Trotz seiner Ausdehnung ist er vergleichsweise flach: Im Norden beträgt die durchschnittliche Tiefe etwa 2,5 m, im Süden rund 4,4 m.
Yumeto, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Seit 1979 kein sicherer Nachweis mehr

Der Wolterstorff-Molch war am Dian-See offenbar noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein häufig. Spätere Darstellungen, die sich auf He (1998) berufen, geben an, dass die Art vor den 1960er-Jahren im Flachwasser des Sees noch mit einer Dichte von mehr als einem Tier pro zehn Quadratmeter beziehungsweise rund 1.000 Individuen pro Hektar vorkam. Auch Sparreboom (2014) verweist auf entsprechende Angaben und erwähnt zudem Berichte, nach denen Molche noch bis in die 1970er-Jahre an die Wasseroberfläche kamen, um Fischköder zu fressen, die ihnen Fischer hinhielten.

Auch aus anderen Quellen ergibt sich, dass die Art in den 1950er-Jahren noch keineswegs selten gewesen sein dürfte. AmphibiaWeb (2025) zufolge wurden um 1950 während der Paarungszeit im April und Mai noch tausende Tiere in den flachen, pflanzenreichen Uferbereichen des Sees beobachtet. Diese Angaben sprechen dafür, dass der Wolterstorff-Molch damals noch in großer Zahl im Dianchi vorkam.

Der Zusammenbruch der Bestände scheint sich anschließend rasch vollzogen zu haben. In späteren chinesischen Darstellungen, die auf He (1998) zurückgehen, wird berichtet, dass sich die Situation ab 1969 infolge von Eindeichung, Entwässerung, Landgewinnung und massiven Abwassereinleitungen deutlich verschlechterte.

Als besonders wichtig gilt der Umstand, dass die Art seit 1979 nicht mehr sicher nachgewiesen wurde. Seit diesem Jahr fanden Befragungen lokaler Fischer und zahlreiche umfassende Suchen in bekannten und/oder vermuteten Lebensräumen zu den geeigneten Jahreszeiten im gesamten historischen Verbreitungsgebiet statt, ohne dass ein Exemplar gefunden wurde (IUCN SSC Amphibian Specialist Group 2020). Daneben existiert ein einzelner, unbestätigter Spätbericht: Ein Fischer soll 1984 angegeben haben, noch einen Wolterstorff-Molch gesehen zu haben. Diese Beobachtung wurde jedoch nie verifiziert.

Insgesamt spricht die Quellenlage dafür, dass der Wolterstorff-Molch vermutlich zwischen dem späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren aus dem Dian-See verschwand. Ganz eindeutig ist der Ablauf dennoch nicht. Zum einen beruhen einige Angaben zur früheren Häufigkeit und zum zeitlichen Verlauf nur auf späteren Zusammenfassungen. Zum anderen bleibt unklar, in welchem Umfang die Umgebung des Dian-Sees systematisch nach möglichen Restlebensräumen abgesucht wurde.

Die IUCN betrachtet das Jahr 1979 als letzten gesicherten Nachweis des Wolterstorff-Molchs; seit 2004 wird die Art offiziell als ausgestorben geführt.

Wolterstorff-Molch (Hypselotriton, woltertorffi) - Natural History Museum (London)
Syntyp des Wolterstorff-Molchs (Natural History Museum, London)
Auffällig sind die erhaltenen äußeren Kiemen eines geschlechtsreifen Tieres – ein charakteristisches Merkmal der Neotenie und der vollständig aquatischen Lebensweise dieser Art.
(© „1946.9.6.33-pic1“ – Cynops wolterstorffi (Boulenger, 1905) Collected in China by The Trustees of the Natural History Museum, London, CC BY 4.0, via GBIF)

Warum ist der Wolterstorff-Molch ausgestorben?

In der Literatur (u. a. Sparreboom 2014; Regalado 2015) werden drei Hauptursachen für das Aussterben des Wolterstorff-Molchs genannt: Gewässerverschmutzung, Lebensraumverlust und die Einführung nicht-heimischer Arten. Diese sich gegenseitig verstärkenden Faktoren beeinträchtigten den Lebensraum, das Nahrungsangebot und die Fortpflanzung der Art massiv und führten letztlich zu ihrem Verschwinden (He 1998).

Die Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit einem grundlegenden Wandel der Region: Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 begann eine Phase intensiver Industrialisierung und wirtschaftlicher Entwicklung, die vor allem im Raum Kunming tiefgreifende Veränderungen des Dian-Sees auslöste.

Lebensraumverlust und Gewässerverschmutzung

Die Provinz Yunnan war lange Zeit überwiegend landwirtschaftlich geprägt, entwickelte sich jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend zu einer Industrieregion. Im Einzugsgebiet des Dian-Sees kam es zu starkem Bevölkerungswachstum und wachsender Urbanisierung, wodurch der Druck auf das Gewässer stetig zunahm.

In zunehmendem Maße wurden industrielle Abfälle und häusliche Abwässer in den See eingeleitet; bis 1990 gelangten rund 90 % der Abwässer der Stadt Kunming ungeklärt in den Dian-See. Gleichzeitig griff der Mensch direkt in die Struktur des Sees ein. Uferbereiche wurden eingedeicht, Feuchtgebiete trockengelegt und Flächen durch Landgewinnung neu erschlossen. Besonders betroffen waren die flachen Uferzonen im nördlichen Teil des Sees, also genau jene Bereiche, in denen der Wolterstorff-Molch hauptsächlich vorkam.

Wolterstorff-Molch im Naturhistorischen Museum Wien
Wolterstorff-Molche im Naturhistorischen Museum Wien
Beide Tiere gelangten 1906 in die Sammlung.
(© Doreen Fräßdorf)

Bereits ab den 1960er-Jahren verschlechterten sich die Umweltbedingungen deutlich, wie Zhang et al. (2014) in einer Studie zeigen. Während sich Seen unter natürlichen Bedingungen über lange Zeiträume hinweg nur langsam verändern, wurde dieser Prozess hier durch menschliche Eingriffe erheblich beschleunigt. Die Kombination aus zunehmender Bautätigkeit, Bodenerosion und Sedimenteintrag führte dazu, dass sich die Wasserqualität bereits früh spürbar verschlechterte. Parallel dazu intensivierten sich Landwirtschaft und Fischerei, wodurch zusätzliche Stoffe in den See gelangten.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die fortschreitende Eutrophierung. Durch den Eintrag von Stickstoff- und Phosphorverbindungen aus Abwässern, Düngemitteln und Oberflächenabfluss wurde das Gewässer zunehmend überdüngt. Dies führte zu starkem Algenwachstum, trübem Wasser, dem Rückgang von Unterwasserpflanzen und zu Sauerstoffmangel, insbesondere in tieferen Wasserschichten. Für aquatische Arten wie den Wolterstorff-Molch, die auf klare, strukturreiche Flachwasserbereiche mit dichter Vegetation angewiesen waren, bedeuteten diese Veränderungen den Verlust zentraler Lebensgrundlagen. Rückzugsräume, Laichplätze und Teile des Nahrungsangebots verschwanden.

Verstärkt wurde diese Entwicklung laut Zhang et al. durch die natürlichen Eigenschaften des Dian-Sees: Als flacher See mit geringer Wasserzirkulation und langer Verweilzeit des Wassers konnte er eingetragene Schadstoffe nur unzureichend abbauen. Nährstoffe und Schadstoffe reichern sich daher über lange Zeiträume an. Gleichzeitig bildeten sich im Sediment große Mengen organischer und nährstoffreicher Ablagerungen, die später wieder freigesetzt werden konnten. Der See entwickelte sich so zu einer dauerhaften internen Quelle der Verschmutzung, wodurch sich die Situation selbst dann nicht stabilisierte, wenn einzelne Einträge zurückgingen.

Auch Veränderungen im Einzugsgebiet trugen zur weiteren Verschlechterung bei. Die Ausdehnung landwirtschaftlicher Flächen, der intensive Einsatz von Düngemitteln und der Verlust natürlicher Pufferzonen wie Feuchtgebiete führten zu zusätzlichen Nährstoffeinträgen und verstärkten den Oberflächenabfluss in den See.

Für den Wolterstorff-Molch hatte dies weitreichende Folgen. Die Umwandlung klarer, pflanzenreicher Flachwasserbereiche in trübe, eutrophe Gewässer führte zum Verlust geeigneter Lebensräume. Gleichzeitig wirkte sich der zunehmende Sauerstoffmangel besonders negativ auf die Art aus, da sie als dauerhaft aquatische, neotene Amphibie vollständig an das Wasser gebunden war. Auch die Nahrungsnetze veränderten sich grundlegend: Empfindliche Beutetiere verschwanden, während wenige tolerante Arten dominierten.

Das Aussterben des Wolterstorff-Molchs war somit kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis eines langsamen, kumulativen Prozesses. Über Jahrzehnte hinweg führten Gewässerverschmutzung, Lebensraumverlust und die daraus resultierenden ökologischen Veränderungen zu einem schleichenden Zusammenbruch seines Lebensraums – und letztlich zum Verschwinden der Art.

Wolterstorff-Molch (Cynops woltertorffi) - Natural History Museum (London)
Syntyp des Wolterstorff-Molchs (Natural History Museum, London)
Sichtbar ist die charakteristische Bauchfärbung mit kontrastreichen dunklen Flecken – ein zentrales Merkmal der Art, das bereits Boulenger (1905) beschrieb.
(©  „1946.9.6.31-pic3“ – Cynops wolterstorffi (Boulenger, 1905) Collected in China by The Trustees of the Natural History Museum, London, CC BY 4.0, via GBIF)

Natürliche und eingeschleppte Fressfeinde

Neben der fortschreitenden Verschlechterung des Lebensraums dürfte auch die Einführung nicht-heimischer Tierarten zum Rückgang des Wolterstorff-Molchs beigetragen haben. Besonders im Dian-See wurden verschiedene Fischarten, der Nordamerikanische Ochsenfrosch (Lithobates catesbeianus) sowie Hausenten eingebracht, die das ökologische Gleichgewicht nachhaltig veränderten.

Diese Arten wirkten nicht nur als potenzielle Fressfeinde von Eiern und Larven, sondern vor allem indirekt durch die Umgestaltung des Lebensraums. Eine zentrale Rolle spielte dabei der gezielt eingesetzte Graskarpfen (Ctenopharyngodon idellus), der große Mengen an Wasserpflanzen frisst und dadurch dichte Unterwasservegetation stark reduziert (Raffaëlli 2014). Da solche Pflanzenbestände für viele aquatische Organismen – auch für den Wolterstorff-Molch – als Rückzugsraum, Laichplatz und Nahrungsgrundlage dienen, führte ihr Verlust zu einer erheblichen Verschlechterung der Habitatqualität.

Auch die Haltung von Hausenten zur Nahrungsmittelproduktion in den flachen Uferbereichen verstärkte diese Entwicklung. Durch Fraß an Wasserpflanzen, zusätzliche Nährstoffeinträge und das Aufwirbeln von Sedimenten trugen sie zur Trübung des Wassers und zur weiteren Eutrophierung bei. Zudem können sie Eier und Larven aquatischer Tiere fressen. Konkrete Nachweise für eine direkte Dezimierung des Wolterstorff-Molchs fehlen zwar, doch ist davon auszugehen, dass diese Faktoren den bereits geschwächten Bestand zusätzlich belasteten.

Die Einführung nicht-heimischer Arten ging mit einer grundlegenden Umstrukturierung des gesamten Ökosystems einher. Der Dian-See zählt nicht nur zu den artenreichsten Süßwasserökosystemen Südwestchinas, sondern auch zu den am stärksten veränderten. Eine Auswertung (2013) historischer Daten zeigt, dass seit den 1950er-Jahren rund 46 % der einheimischen Wasserpflanzen und 84 % der einheimischen Fischarten verschwunden sind. Besonders gravierend ist der Verlust endemischer Fischarten, von denen etwa 90 % im Dian-See als ausgestorben gelten.

Heute gilt nur noch eine der ursprünglich zehn endemischen Fischarten als sicher im See vorkommend, Anabarilius alburnops, die jedoch selbst als stark gefährdet eingestuft ist. Die übrigen Arten wurden spätestens seit den 1980er-Jahren nicht mehr nachgewiesen. Gleichzeitig dominieren eingeführte Arten heute die Fischfauna und machen etwa 87 % der Arten aus. Diese Entwicklung führte zu einer zunehmenden biologischen Vereinheitlichung des Systems, bei der lokal angepasste, empfindliche Arten verschwinden und durch wenige, robuste Arten ersetzt werden.

Der Rückgang des Wolterstorff-Molchs steht nicht isoliert, sondern ist Teil dieses umfassenden Biodiversitätsverlusts. Auch andere endemische Arten der Region sind verschwunden oder stark zurückgegangen, darunter der Yunnan-Weißhandgibbon († um 2000) sowie der Yilong-Karpfen, der bis in die frühen 1990er-Jahre im Yilong-See vorkam.

Auch wenn direkte Belege für eine gezielte Ausrottung durch Fressfeinde fehlen, ist es sehr wahrscheinlich, dass eingeschleppte Arten den bereits durch Verschmutzung und Lebensraumverlust geschwächten Bestand des Wolterstorff-Molchs zusätzlich unter Druck setzten – durch Prädation, Konkurrenz und vor allem durch die tiefgreifende Umgestaltung seines Lebensraums.

Zur Taxonomie des Wolterstorff-Molchs

Die taxonomische Einordnung des Wolterstorff-Molchs ist bis heute nicht abschließend geklärt. Zwei Fragen stehen dabei oft im Mittelpunkt: Handelt es sich um eine eigenständige Art oder lediglich um eine Lokalform einer verwandten Art? Und: Gehört sie zur Gattung Cynops oder Hypselotriton?

Seit der Erstbeschreibung durch Boulenger im Jahr 1905 wurde die Art unterschiedlich interpretiert. Grundlage dieser Diskussion sind vor allem morphologische Untersuchungen, insbesondere des Schädels. Frühere Arbeiten – etwa von Willy Wolterstorff und Wolf Herre – zeigten, dass sich einzelne Merkmale zwar unterscheiden, jedoch nicht eindeutig von verwandten Arten abgrenzen lassen. Wie bei vielen Salamandriden treten auch hier fließende Übergänge in den Merkmalen auf, was die Artabgrenzung erschwert.

Hinzu kommt, dass nur wenige historische Exemplare des Wolterstorff-Molchs existieren, und bis heute fehlen molekulargenetische Daten. Die phylogenetische Stellung der Art bleibt daher unsicher.

Cynops oder Hypselotriton?

In den frühen 1930er-Jahren war die Systematik asiatischer Molche noch unklar. Viele Arten wurden pauschal europäischen Gattungen wie Triturus zugeordnet, obwohl sich ostasiatische Formen deutlich unterschieden.

Schädel Wolterstorff-Molch (Herre 1939)
Schädel des Wolterstorff-Molchs von oben, von unten und von der Seite. Die Darstellungen nach Wolf Herre basieren auf Museumsexemplaren aus London und dienten als Grundlage für die taxonomische Einordnung der Art.
(© Herre, 1939)

Willy Wolterstorff griff dieses Problem 1934 auf und stellte die neue Gattung Hypselotriton auf. Grundlage waren morphologische und biogeographische Unterschiede: Ostasiatische Feuerbauchmolche besitzen unter anderem einen schlankeren Körperbau, eine glattere Haut, eine charakteristische rot-orange Bauchfärbung sowie Unterschiede in der Zahnstellung und im Schädelbau. Zudem sind sie geografisch klar von europäischen Molchen getrennt. Wolterstorff betrachtete diese Merkmale als ausreichend, um eine eigenständige evolutionäre Linie anzunehmen, und bestimmte den Wolterstorff-Molch zur Typusart der neuen Gattung.

Bereits 1936 synonymisierte der chinesische Herpetologe Mangven Chang jedoch Hypselotriton mit Cynops, wodurch die ostasiatischen Arten wieder in einer gemeinsamen Gattung zusammengefasst wurden.

Sehr viel später wurde diese Entscheidung erneut hinterfragt: Alain Dubois und Jean Raffaëlli trennten beide Gattungen 2012 wieder, da neuere phylogenetische Erkenntnisse darauf hindeuten, dass die traditionellen Cynops-Arten keine einheitliche Abstammungslinie bilden. Im Gegensatz zu früheren, rein morphologisch orientierten Ansätzen folgen sie einem strikt phylogenetischen Konzept, nach dem Gattungen monophyletische Gruppen darstellen sollen.

Allerdings bleibt auch diese Einordnung nicht unumstritten. Einige Autoren – etwa Sparreboom (2014) – fassen die chinesischen Arten weiterhin unter Cynops, während andere sie wieder Hypselotriton zuordnen. Die Gattungszugehörigkeit des Wolterstorff-Molchs ist daher bis heute nicht einheitlich geklärt. Je nach Autor ist also von Cynops wolterstorffi oder Hypselotriton wolterstorffi die Rede.

Eigenständige Art oder Lokalform?

Unabhängig von der Gattungsfrage ist auch der Artstatus umstritten. Bereits früh wurde darauf hingewiesen, dass sich morphologische Unterschiede bei Salamandriden oft graduell über geografische Räume hinweg verändern. Der Zoologe Wolf Herre (1936) betonte, dass selbst deutlich unterschiedliche Formen durch fließende Übergänge miteinander verbunden sein können und die Abgrenzung als eigene Art häufig eine Frage der Interpretation bleibt.

Vor diesem Hintergrund wurde der Wolterstorff-Molch in der älteren Literatur teilweise nicht als eigenständige Art angesehen, sondern als besonders große Lokalform bzw. Variante des vermutlich nah verwandten KweichowFeuerbauchmolchs (Cynops cyanurus). Diese Einschätzung beruhte vor allem auf morphologischen Ähnlichkeiten, etwa im Körperbau, der Färbung, der Hautstruktur, des Schädelbaus und der Zahnstellung. Außerdem waren beide Arten in der Yunnan-Region endemisch, was damals ein wichtiges Argument war: räumliche Nähe war sozusagen gleichbedeutend mit evolutionärer Nähe. Entsprechend ordneten ihn einige Autoren (z.B. Chang 1936) innerhalb der Gattung Cynops ein.

Hypselotriton yunnanensis bzw, Cynops cyanurus
Kweichow-Feuerbauchmolch (Cynops cyanurus, teils Hypselotriton cyanurus)
Morphologische Ähnlichkeiten zu dieser Art führten dazu, dass der Wolterstorff-Molch in der Literatur zeitweise als Lokalform interpretiert wurde.
(© 渔喵 / fishingcatt, CC BY-NC-SA, via iNaturalist)

Andere Arbeiten, insbesondere solche mit Fokus auf Schädelmerkmale (etwa Herre 1939), betonten hingegen Unterschiede, die für eine eigenständige Art sprechen könnten. Spätere Autoren führten die Art wieder unter Hypselotriton, darunter die IUCN.

Heute wird der Wolterstorff-Molch in der Regel als eigenständige Art betrachtet. Eine endgültige Klärung steht jedoch weiterhin aus. Der entscheidende Grund dafür ist das Fehlen genetischer Daten: Da nur wenige Museumsexemplare existieren, konnten bislang keine molekularen Analysen durchgeführt werden. Solche Untersuchungen könnten künftig zeigen, wie eng die Art tatsächlich mit dem Kweichow-Feuerbachmolch und anderen Feuerbauchmolchen verwandt ist (Sparreboom 2014).

Die Gattung der Feuerbauchmolche (Cynops) wird je nach taxonomischem Konzept unterschiedlich abgegrenzt. In einer engen Auffassung umfasst sie lediglich zwei japanische Arten, während chinesische Formen in neueren Klassifikationen häufig der Gattung Hypselotriton zugeordnet werden.

Der Wolterstorff-Molch nimmt innerhalb dieser Gruppe eine besondere Stellung ein. Er weist eine im Vergleich zu verwandten Arten ungewöhnlich glatte Haut und eine stark an das Wasserleben angepasste Körperform auf, was seine taxonomische Einordnung zusätzlich erschwert.

Was vom Wolterstorff-Molch geblieben ist

Der Wolterstorff-Molch ist heute nur noch aus wenigen historischen Museumsexemplaren bekannt. Da die Art bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand und offenbar nie in größerem Umfang gesammelt wurde, existieren weder umfangreiche Vergleichsserien noch genetisches Material. Diese begrenzte Datenlage erschwert die genaue taxonomische Einordnung und macht die Art zu einem Beispiel für ein schlecht dokumentiertes Aussterben.

Bemerkenswert ist auch, dass es keine Fotografien lebender Exemplare gibt (Sparreboom 2014). Auch Haltungen in menschlicher Obhut sind nicht bekannt. Unser gesamtes Wissen über das Erscheinungsbild und die Biologie der Art basiert daher ausschließlich auf konservierten Tieren und den Beschreibungen weniger früher Arbeiten.

Die ursprünglich von Boulenger untersuchten Exemplare werden heute im Natural History Museum in London aufbewahrt (BMNH 1946.9.6.30–34). Da mehrere Tiere gleichzeitig beschrieben wurden, existiert kein einzelner Holotyp, sondern eine Serie sogenannter Syntypen. Weitere Exemplare befinden sich in verschiedenen naturkundlichen Sammlungen weltweit, darunter in Wien, im Museum Koenig (Bonn), im Naturalis Biodiversity Center (Leiden), an der Nanjing Normal University, im Museum of Comparative Zoology (Harvard), im Muséum national d’Histoire naturelle (Paris), im Chengdu Institute of Biology der Chinese Academy of Sciences, im American Museum of Natural History (New York City) sowie im Field Museum of Natural History (Chicago).

Trotz dieser verstreuten Belege bleibt das Bild der Art fragmentarisch. Wichtige Fragen – etwa zur genetischen Stellung, zur innerartlichen Variation oder zu Details der Lebensweise – lassen sich heute kaum mehr beantworten. Der Wolterstorff-Molch steht damit exemplarisch für viele Arten, die verschwinden, bevor sie wissenschaftlich ausreichend dokumentiert sind.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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