Morants Bläuling – Männchen
Von Morants Bläuling sind lediglich drei Exemplare erhalten – allesamt Männchen.

Morants Bläuling – Wie die Weibchen aussahen, ist ungewiss

Drei männliche Exemplare

Walter Morant, vermutlich ein engagierter Sammler und Naturbeobachter in der damaligen britischen Kolonie Natal im südlichen Afrika, gehörte zu den frühen Mitgliedern der 1868 gegründeten Natural History Association of Natal. Dort hielt er Vorträge und stellte Insekten aus – mit besonderem Interesse an der südafrikanischen Schmetterlingsfauna.

Am 21. September 1870 entdeckte Morant zwei ihm unbekannte Falter und sandte sie an den Lepidopterologen Roland Trimen. Dieser, damals Kurator am South African Museum, beschrieb die Art gemeinsam mit Henry James Bowker 1887 in der Monographie South African Butterflies als Lycaena hypopolia. Zu Ehren ihres Entdeckers erhielt sie den Namen Morant’s blue bzw. Morants Bläuling.

Die Art ist nur durch drei männliche Exemplare belegt. Zwei vollständige Tiere gehen auf Morant zurück; ein drittes, unvollständig erhaltenes Exemplar, dem ein Bein fehlt, wurde 1879 von dem Ornithologen Thomas Ayres gefunden. Heute befinden sich die beiden vollständigen Exemplare im Natural History Museum in London, während das dritte im Iziko South African Museum in Kapstadt aufbewahrt wird.

Berichte über ein mögliches weibliches Exemplar, das von C. W. Morrison nahe Estcourt in der heutigen Provinz KwaZulu-Natal gesammelt worden sein soll, konnten bislang nicht bestätigt werden. Bis heute sind lediglich drei männliche Exemplare bekannt.

Die IUCN führt Morants Bläuling seit 1994 als ausgestorben. Bereits im South Africa Red Data Book – Butterflies wurde die Art 1989 von Henning und Henning als ausgestorben eingestuft.

Morants Bläuling – Steckbrief

alternative BezeichnungenMorant-se-bloutjie, Morant-bloutjie, Verlore Ratsbloutjie
wissenschaftliche NamenLepidochrysops hypopolia, Lycaena hypopolia, Cupido hypopolia, Neochrysops hypopolia
englische NamenMorant’s blue, Lost nimble blue
ursprüngliches VerbreitungsgebietSüdafrika
Zeitpunkt des Aussterbensum 1879
Ursachen für das Aussterbenunklar, möglicherweise Lebensraumverlust
IUCN-Statusausgestorben

Verbreitungsgebiet: weitgehend unbekannt

Fundorte Lepidochrysops hypopolia
Die drei bekannten Exemplare von Morants Bläuling stammen aus zwei Fundorten: Blue Bank nahe Ladysmith in KwaZulu-Natal (1870) und der Region Potchefstroom in der Nordwestprovinz (1879).

Über das Verbreitungsgebiet von Morants Bläuling ist nur wenig bekannt. Die wenigen Hinweise stammen ausschließlich von den Fundorten der drei bekannten Exemplare. Entdeckt wurden die Falter im Grasland Südafrikas, und zwar bei Blue Bank nahe Ladysmith in der heutigen Provinz KwaZulu-Natal sowie im Raum Potchefstroom in der Nordwestprovinz (North West) – zwei Regionen, die mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt liegen. Ob Morants Bläuling ein zusammenhängendes Verbreitungsgebiet besaß oder in isolierten Populationen vorkam, ist daher unklar.

Der Entomologe Jonathan Bradford Ball (2006) konkretisiert diese Annahme in seiner Masterarbeit an der Universität Stellenbosch und nennt als mögliche Lebensräume das KwaZulu-Natal Highland Thornveld sowie das Carletonville Dolomite Grassland – beides Graslandtypen innerhalb des südafrikanischen Graslandbioms. Diese Lebensräume sind durch offene Vegetation geprägt und beherbergen eine Vielzahl spezialisierter Insektenarten.

Die bekannten Funde stammen aus den Jahren 1870 (Morant) und 1879 (Ayres); genauere Fundorte sind jedoch nicht überliefert. Sollte sich der angebliche Fund eines Weibchens bei Estcourt bestätigen, würde dies das vermutete Verbreitungsgebiet innerhalb von KwaZulu-Natal erweitern, ohne das Gesamtbild grundlegend zu verändern. Vielmehr spräche es dafür, dass Morants Bläuling in den Grasländern der Region etwas weiter verbreitet war, als die wenigen bekannten Funde bislang vermuten lassen. Das tatsächliche Verbreitungsgebiet von Morants Bläuling bleibt daher bis heute weitgehend unklar.

Über die Lebensweise von Morants Bläuling ist praktisch nichts bekannt. Weder zur Entwicklung der Raupen noch zu möglichen Wirtspflanzen liegen Informationen vor. Alle bekannten Funde stammen aus dem Monat September, was auf eine kurze Flugzeit hindeuten könnte. Zudem war die Art vermutlich extrem lokal verbreitet, was ihre Anfälligkeit gegenüber Umweltveränderungen zusätzlich erhöht haben dürfte.

Wie sah Morants Bläuling aus?

Die Flügeloberseiten von Morants Bläuling schimmerten in einem matten, blass violett-blauen Ton – deutlich weniger leuchtend als bei vielen anderen Bläulingen. Entlang der Flügelränder verlief ein schmaler, dunkler Saum. Auffällig war ein kleiner schwarzer Fleck am Hinterflügel, der von einem blassgelben Halbmond umgeben war. Anders als manche verwandte Arten besaß Morants Bläuling keinen „Schwanz“ am Hinterflügel.

Sexualdichroismus bei Morants Bläuling (Lepidochrysops hypopolia)
Männlicher Morants Bläuling: Die Flügeloberseite (links) ist violett-bläulich gefärbt, die Flügelunterseite (rechts) ist heller mit charakteristischen Flecken und Linien.
G Bethune Baker, Public domain, via Wikimedia Commons)

Die Unterseite war grauweiß und wirkte leicht „bereift“. Sie zeigte mehrere Reihen kleiner Flecken und halbmondförmiger Zeichnungen in ocker-gelben und weißlichen Tönen. Diese Muster waren jedoch insgesamt eher schwach ausgeprägt und verliehen dem Falter ein zurückhaltendes Erscheinungsbild. Mit einer Flügelspannweite von etwa vier Zentimetern („1 Zoll 6–7 Linien“ in Trimen & Bowker 1887) war Morants Bläuling mittelgroß für einen Vertreter der Bläulinge (Lycaenidae).

Über die weiblichen Exemplare ist nichts bekannt. Wir wissen aber, dass viele männliche Bläulinge an den Flügeloberseiten blau sind – daher auch der Name. Die weiblichen Tiere hingegen besitzen oft eine andere, nicht selten bräunliche Flügelfärbung. Dieses Phänomen unterschiedlicher Färbungen beider Geschlechter nennt sich Sexualdichroismus.

Ist Morants Bläuling ein Highveld-Bläuling?

Lepidochrysops praeterita (Highveld Bläuling) - verwandt mit Morants Bläuling?
Der ebenfalls in Südafrika endemische Highveld-Bläuling (Lepidochrysops praeterita) – eng verwandt oder identisch mit dem ausgestorbenen Morants Bläuling?
JMK, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Es wurde wiederholt diskutiert, ob es sich bei Morants Bläuling lediglich um eine – möglicherweise durch Präparation chemisch veränderte – Form des Highveld-Bläulings (Lepidochrysops praeterita) handelt. In diesem Fall wären beide keine eigenständigen Arten, sondern identisch.

Ausgangspunkt dieser Überlegung sind Funde aus den späten 1950er-Jahren: Der Entomologe David Swanepoel suchte gezielt nach Morants Bläuling und entdeckte schließlich bei Carletonville einen großen Bläuling. Er sandte die Exemplare an das British Museum in London, wo man feststellte, dass sie nicht exakt mit den bekannten Exemplaren von Morant oder Ayres übereinstimmten. Auf dieser Grundlage entschied sich Swanepoel, die Tiere 1962 als neue Art zu beschreiben – den Highveld-Bläuling.

Spätere Funde bei Potchefstroom – also in einer Region, in der auch Morants Bläuling nachgewiesen wurde – verstärkten die Vermutung, dass es sich möglicherweise um dieselbe Art handeln könnte. Einige Autoren argumentierten zudem, dass die auffällig helle Unterseite von Morants Bläuling nicht natürlich sei, sondern durch chemische Präparation der historischen Exemplare verursacht worden sein könnte. Als zentrales Unterscheidungsmerkmal gilt insbesondere die deutlich hellere graue Unterseite von L. hypopolia. Zwischen den Funden beider Formen liegen jedoch rund 80 Jahre – ein Zeitraum, der kaum ausreicht, um solche Unterschiede auf natürlichem Wege entstehen zu lassen, was die Hypothese einer chemischen Veränderung zusätzlich stützt.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Highveld-Bläuling eng mit Morants Bläuling verwandt ist und möglicherweise dessen Schwesterart darstellt. Ball (2006) weist darauf hin, dass mehrere Merkmale gegen eine gemeinsame Identität sprechen: Die Unterseiten von Morants Bläuling sind deutlich heller, die Oberseiten nicht gebleicht, und die Außenränder der Vorderflügel sind bei den Männchen stärker konvex geformt. Es bestehen somit sowohl farbliche als auch morphologische Unterschiede zwischen den beiden Arten, die sich nicht allein durch Präparation erklären lassen.

Brenton blue (Orachrysops niobe)
Möglicherweise bereits ausgestorben: der Brenton-Bläuling.
Die IUCN Rote Liste führt die Schmetterlingsart als vom Aussterben bedroht.
Bethune Baker, Public domain, via Wikimedia Commons)

Bereits in der Erstbeschreibung merkten Trimen und Bowker an, dass Morants Bläuling am ehesten dem Brenton-Bläuling (Orachrysops niobe, beschrieben 1858) sowie dem King blue (Lepidochrysops tantalus, beschrieben 1887) ähnelt. Beide Arten sind jedoch kleiner und auf der Unterseite dunkler gefärbt.

Der Brenton-Bläuling gilt heute selbst als möglicherweise ausgestorben: Von den beiden bekannten Fundorten ist die Art in Nature’s Valley bereits verschwunden, und auch im Brenton Blue Butterfly Reserve bei Knysna könnte sie inzwischen erloschen sein.

Als zentrale Bedrohungen gelten unvorhersehbare Ereignisse wie Großbrände, langanhaltende Dürren – die insbesondere die Wirtspflanzen beeinträchtigen –, der Verlust genetischer Vielfalt sowie der Klimawandel. Ein verheerender Brand bei Knysna im Jahr 2017 könnte das endgültige Verschwinden der Art verursacht haben. Allerdings besteht noch die Hoffnung, dass Larven im Boden überdauert haben könnten.

Warum ist Morants Bläuling ausgestorben?

Die genauen Ursachen für das Aussterben von Morants Bläuling sind unbekannt. Bereits zum Zeitpunkt seiner Entdeckung im Jahr 1870 muss die Art äußerst selten gewesen sein – nach dem letzten Nachweis 1879 konnte kein weiteres Exemplar mehr gefunden werden.

Dass auch andere Bläulinge ausgestorben sind, zeigt jedoch, wie anfällig diese Schmetterlinge sein können. Ein bekanntes Beispiel ist der Xerces-Bläuling aus San Francisco, der in den 1940er-Jahren verschwand. Mit der fortschreitenden Urbanisierung wurde sein Lebensraum vollständig zerstört, wodurch auch seine Wirtspflanze verloren ging – eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung seiner Raupen. Ähnlich erging es vermutlich auch dem Mauritius-Schnauzenfalter, der bereits 1865 ausstarb.

Ob vergleichbare Prozesse auch zum Verschwinden von Morants Bläuling führten, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Sicher ist jedoch, dass sich die Vegetation im ehemaligen Verbreitungsgebiet seit den 1870er-Jahren deutlich verändert hat – ein Umstand, den auch die IUCN hervorhebt. Vor dem Hintergrund der intensiven Nutzung natürlicher Ressourcen in Südafrika liegt es nahe, dass Lebensraumveränderungen eine Rolle gespielt haben könnten.

Highveld South Africa
Offenes Grasland in Südafrika – Lebensräume wie diese könnten einst von Morants Bläuling besiedelt worden sein.
User:Katangais, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Exkurs: Kolonisierung und Landschaftswandel in Südafrika

Mit der Gründung der ersten dauerhaften europäischen Siedlung am Kap der Guten Hoffnung im Jahr 1652 begann ein tiefgreifender Wandel der südafrikanischen Landschaft. In den folgenden Jahrhunderten breiteten sich europäische Siedler – zunächst unter niederländischer, später unter britischer Herrschaft – zunehmend ins Landesinnere aus. Für Landwirtschaft, Viehzucht und Siedlungen wurden Wälder gerodet, Grasländer umgewandelt und Wildtiere intensiv bejagt.

Diese Eingriffe hatten weitreichende ökologische Folgen. Überweidung durch eingeführte Nutztiere, großflächige Landnutzung und Monokulturen führten vielerorts zu Bodenerosion und zur Degradierung ganzer Ökosysteme. Zahlreiche Tierarten verschwanden bereits im 18. und 19. Jahrhundert aus weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets oder wurden vollständig ausgerottet. Zu den bekanntesten Beispielen zählen der Blaubock († um 1800), das Quagga († 1883) und der Kaplöwe, der im 19. Jahrhundert verschwand. Auch Elefanten wurden im Süden Afrikas stark zurückgedrängt und lokal ausgerottet.

Die ersten Schutzmaßnahmen entstanden nicht primär aus Naturschutzgedanken, sondern aus wirtschaftlichen Interessen. Frühe Schutzgebiete dienten dazu, Wildbestände für die Jagd zu sichern, wichtige Wassereinzugsgebiete zu erhalten oder wertvolle Holzressourcen zu schützen. Dennoch markieren sie den Beginn organisierter Schutzbemühungen.

Ein erstes Umdenken setzte Mitte des 19. Jahrhunderts ein: 1846 wurde in der Kapkolonie ein Gesetz zum Schutz von Böden vor Erosion erlassen. Mit dem Forest and Herbage Preservation Act von 1858 folgten weitere Regelungen zum Schutz von Vegetation. Bis 1914 entstanden in Südafrika mehrere Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von rund 30.000 Quadratkilometern – sie bildeten die Grundlage vieler heutiger Nationalparks und Reservate.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass tiefgreifende Landschaftsveränderungen bereits im 19. Jahrhundert stattfanden – also genau in der Zeit, in der Morants Bläuling zuletzt nachgewiesen wurde. Auch wenn ein direkter Zusammenhang nicht belegt ist, könnten solche Eingriffe zum Verschwinden der Art beigetragen haben.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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