gigarcanum
Nachbildung des Gigarcanum- oder Kawekaweau-Geckos aus dem Lille Natural History Museum in Frankreich. Musée d'Histoire Naturelle de Lille, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Gigarcanum (Riesengecko)

Der größte Gecko der Welt…

Anfang der 1980er-Jahre stieß der französische Museumsmitarbeiter Alain Delcourt im Keller des Naturhistorischen Museums von Marseille auf ein vergessenes Exemplar eines einzelnen ausgestopften riesigen Geckos, das zuvor jahrelang öffentlich ausgestellt worden war. Diese Art war der Wissenschaft bis dahin unbekannt. Die Herkunft des Tieres und der Sammlungszeitpunkt waren ein Rätsel, da das Präparat keinerlei Beschriftung aufwies.

Auch der Konservierungsstil des Tieres war ungewöhnlich – ausgeweidet, getrocknet und auf einem Ast montiert, anstatt ihn in Spiritus aufzubewahren, wie es heute bei konservierten Exemplaren üblich ist. Wissenschaftler schätzten also, dass der Gecko irgendwann zwischen 1833 und 1869 in die Museumssammlung gelangte. Dem Riesengecko fehlten die inneren Organe sowie der größte Teil des Skeletts, ausgenommen Schädel und Gliedmaßen.

Der US-amerikanische Herpetologe Aaron M. Bauer von der Villanova University in Pennsylvania war Doktorand, als er 1983 im Museum ankam, um den geheimnisvollen Riesengecko zu untersuchen. Drei Jahre später veröffentlichten Bauer und der Paläontologe Anthony P. Russel die wissenschaftliche Erstbeschreibung der neuen Art Hoplodactylus delcourti, „des größten bekannten Geckos“. Das Exemplar ist 60 Zentimeter lang und damit 50 Prozent größer als der größte bekannte Gecko der Welt, der 40 Zentimeter messende Neukaledonische Riesengecko (Rhacodactylus leachianus).

Gigarcanum – Steckbrief
alternative Bezeichnung(Kawekaweau-Gecko)
wissenschaftliche NamenGigarcanum delcourti, Hoplodactylus delcourti
englische NamenGigarcanum, Delcourt’s Sticky-toed Gecko, Delcourt’s Giant Gecko, Delcourt’s Gecko, (Kawekaweau)
ursprüngliches VerbreitungsgebietNeukaledonien (Südpazifik)
Zeitpunkt des Aussterbensunklar, möglicherweise Mitte des 19. Jahrhunderts
Ursachen für das Aussterbenunklar, vielleicht auf die Inseln eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust

… aber nicht der Kawekaweau

Wegen seiner morphologischen Merkmale und aufgrund von Übereinstimmungen mit einigen sehr alten mündlichen Überlieferungen der Maori zu einer riesigen Echse gingen Bauer und Russel davon aus, dass der Ursprung des Riesengeckos Neuseeland sein müsste. Sie vermuteten, H. delcourti sei der verlorene Kawekaweau, eine riesige Wald-Echse aus maorischen Legenden.

Es existiert nur ein einziger Bericht, demzufolge ein Mensch einen Kawekaweau-Gecko lebendig gesehen haben will. Aus Aufzeichnungen des Major W. G. Mair aus dem Jahr 1873 geht hervor, dass ein Māori-Häuptling 1870 einen Kawekaweau getötet habe. Diesen hat er unter der Rinde eines toten Rata-Baumes im Waimana-Tal in Te Urewera auf der Nordinsel Neuseelands entdeckt. Mair berichtete, dass der Häuptling das Tier als „zwei Fuß lang und so dick wie ein Männerhandgelenk; Farbe braun, längs gestreift mit stumpfem Rot“ beschrieben habe.

Es sprachen also gleich mehrere Gründe dafür, dass H. delcourti aus Neuseeland stammte: Der Bericht des Maori, der ein solches Tier erlegt hatte, weitere Maori-Überlieferungen über eine ähnlich gefärbte Riesenechse namens kawekaweau sowie morphologische Merkmale, die durchaus mit dem Neuseeländischen Braun- oder Graugecko der Gattung Hoplodactylus übereinstimmen.

Experten waren sich demnach lange Zeit einig, dass H. delcourti die geheimnisvolle Riesenechse Kawekaweau aus Neuseeland ist – bis 2023 eine DNA-Analyse schließlich die wahre Herkunft des Riesengeckos offenbarte.

Aus Kawekaweau wurde Gigarcanum

Hoplodactylus delcourti
Der Gattungsname Gigarcanum ergibt sich aus zwei lateinischen Wörtern: „gigas“ (Riese) und „arcanum“ (Geheimnis oder Mysterium). Die Kombination bezieht sich auf die Größe der Typusart und die unbekannte Herkunft des einzigen bekannten Exemplars.
Musée d’Histoire Naturelle de Lille, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Seit den 1980er-Jahren haben sich die Techniken zur Bergung und Analyse von alter DNA weiterentwickelt, sodass es Wissenschaftlern heute möglich ist, neue Informationen aus degradierten Museumsproben zu gewinnen, auch von ausgestorbenen Arten wie dem Dodo, dem Beutelwolf oder dem Buschmoa.

Der US-amerikanische Herpetologe Matthew P. Heinicke, Bauer und Kollegen haben den mysteriösen Riesengecko deshalb erneut untersucht, indem sie aDNA aus einem seiner Oberschenkelknochen extrahierten und analysierten. Das Ergebnis zeigt, dass der vermeintliche Kawekaweau-Riesengecko nicht einmal eng mit dem existierenden Hoplodactylus oder einem anderen neuseeländischen Gecko verwandt ist. Das bedeutet, es ist nahezu ausgeschlossen, dass es sich bei H. delcourti um den Kawekaweau aus maorischen Erzählungen handelt.

Ergänzende Sequenzdaten von einer breiten DNA-Probe von Doppelfingergeckos (Diplodactylidae) von der südpazifischen Inselgruppe Neukaledonien konnten zeigen, dass H. delcourti Mitglied einer Klade ist, deren lebende Arten in Neukaledonien endemisch sind. Die Doppelfingergeckos von Neukaledonien und die von Neuseeland sind durch etwa 45 Millionen Jahre Evolution getrennt. Basierend auf weiteren phylogenetischen Untersuchungen ordneten Heinicke und Bauer schließlich H. delcourti einer neu ins Leben gerufenen Gattung zu: Gigarcanum.

Neuseeland oder Neukaledonien?

Heinicke und Bauer räumen in ihrer Studie auch ein, dass ihre DNA-Analysen zwar zeigen, dass Gigarcanum auf jeden Fall mindestens einen Vorfahren gehabt haben muss, der in Neukaledonien beheimatet war, dennoch kann nicht hundertprozentig ausgeschlossen, dass der gefundene Riesengecko nicht doch von Neuseeland stammt.

Neukaledonien Australien
Neukaledonien liegt etwa 1.200 Kilometer östlich von Australien. (© TUBS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Doch dafür hätten seine Vorfahren nach Neuseeland gelangen müssen. Eine transozeanische Verbreitung von Doppelfingergeckos ist jedoch unwahrscheinlich: Geckos wie Gigarcanum haben entweder pergamentartige Eier oder sind lebendgebärend, was bedeutet, dass ihre Überlebensfähigkeit auf Treibholz in Salzwasser begrenzt ist und eine erfolgreiche Überquerung des Ozeans unwahrscheinlich ist. Darüber hinaus müsste Gigarcanum, falls er tatsächlich in Neuseeland beheimatet wäre, eine Anpassung an das kühlere Klima dieser Region entwickelt haben. Ob diese Anpassungsfähigkeit vorhanden war, ist jedoch unklar.

Trevor H. Worthy, ein Paläozoologe aus Neuseeland, zeigte sich angesichts der DNA-Analyse von Heinicke und Bauer nicht sonderlich überrascht, denn er hatte zuvor bereits vorgeschlagen, dass der Riesengecko aus Neukaledonien stammen könnte. Er begründet dies mit der Abwesenheit des Riesengeckos im umfangreichen Fossilienarchiv Neuseelands, denn ein solch großes Tier wäre vermutlich gefunden worden. Andere ausgestorbene Geckos, die mit der größten heute noch existierenden neuseeländischen Art, Duvaucels Gecko (H. duvaucelii), verwandt sind, konnten hingegen dokumentiert werden. Worthy lässt bei all dem außer Acht, dass auf wir bislang auch aus Neukaledonien keine (sub)fossilen Überreste von Gigarcanum haben.

Der Conservation Status of New Zealand Reptiles (2021) legt nahe, dass frühere Berichte über große Geckos in Neuseeland wahrscheinlich auf Duvaucels Gecko zurückzuführen sind, der eine Gesamtlänge von 30 Zentimetern erreicht. Allerdings erfüllt Duvaucels Gecko in Bezug auf Größe und Färbung nicht die Beschreibungen des Kawekaweau der Maori, wie es Gigarcanum tut. Es gibt Stand heute auch keine anderen lebenden oder ausgestorbenen Reptilienarten in Neuseeland, die dem Kawekaweau entsprechen.

Von Neukaledonien sind wiederum gar keine Berichte bekannt, die einen Gecko zum Gegenstand haben, der größer als der Neukaledonische Gecko ist. Andererseits gehört Neukaledonien zu Frankreich und das einzige Exemplar des Riesengeckos wurde in einem französischen Museum gefunden.

Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass Gigarcanum von der Inselgruppe Neukaledonien stammt; dafür sprechen sich auch Heinicke und Bauer aus. Die genetischen Analysen sowie die fehlenden subfossilen Überreste in Neuseeland unterstützen diese Annahme. Die unwahrscheinliche Möglichkeit einer transozeanischen Verbreitung und die potenzielle Anpassung an das kühlere Klima lassen Zweifel an einer neuseeländischen Herkunft aufkommen.

Warum ist Gigarcanum ausgestorben?

Die Internationale Naturschutzunion IUCN schätzt, dass die Riesenechse Gigarcanum Mitte des 19. Jahrhunderts, als das einzig bekannte Exemplar gesammelt wurde, ausgestorben ist. Die genauen Ursachen für das Aussterben dieser Art sind unbekannt, jedoch lassen sich mögliche Gründe aus der Geschichte der Besiedlung Neukaledoniens und den damit einhergehenden Umweltveränderungen ableiten.

Gigarcanum /  Kawekaweau-Gecko Größenvergleich
Größenvergleich zwischen dem einzigen bekannten Exemplar von Gigarcanum delcourti (oben) und einem Exemplar des Neukaledonischen Geckos (Rhacodactylus leachianus), dem größten lebenden Gecko. (© Matthew P. Heinicke, Stuart V. Nielsen, Aaron M. Bauer, Ryan Kelly, Anthony J. Geneva, Juan D. Daza, Shannon E. Keating & Tony Gamble, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Bei der Inselgruppe Neukaledonien handelt es sich um einen Hotspot der Biodiversität, denn die Flora und Fauna weist einen besonders hohen Grad an Endemismus auf. Viele Tier- und Pflanzenarten existieren nur dort und sonst nirgends auf der Welt. Der unberührte Lebensraum Neukaledoniens umfasst bei einer Gesamtfläche von mehr als 18.500 Quadratkilometern heute noch knapp 5.000 Quadratkilometer. Hartlaubwälder bedeckten einst 23 Prozent von Neukaledonien, existieren jetzt jedoch nur noch auf einer Fläche von etwa 45 Quadratkilometern.

Die globale Initiative Critical Ecosystem Partnership Fund (CEPF) schreibt, dass Neukaledonien seit der europäischen Besiedlung im 18. Jahrhundert erhebliche Umweltprobleme erlebt, die zum Rückgang oder Aussterben einiger Arten geführt haben. Neben der Bejagung sind der Nickelabbau, der zu ausgedehnter Entwaldung und Habitatzerstörung geführt hat, sowie eingeschleppte invasive Arten die wichtigsten Bedrohungen.

Vor allem die absichtliche oder versehentliche Einführung fremder Arten zu Nahrungs- oder Freizeitzwecken hat verheerende Auswirkungen auf die Inselgruppe. Nahezu 800 fremde Pflanzenarten, mehr als 400 fremde Wirbellose und etwa 35 fremde Wirbeltierarten haben sich auf den Inseln etabliert und verdrängen einen Großteil der ursprünglichen Flora und Fauna. Die meisten Probleme bringen Hausratten (Rattus rattus), der Mähnenhirsch (Rusa timorensis) und die Kleine Feuerameise (Wasmannia auropunctata) mit sich. Des Weiteren sind auf der gesamten Hauptinsel in allen Höhenlagen Schweine und Katzen verbreitet. Ursprünglich waren die einzigen endemischen Säugetiere auf Neukaledonien Fledertiere (Chiroptera).

Die Ursachen für das Aussterben des Gigarcanum-Riesengeckos dürften in der Zerstörung seines Lebensraums durch die Rodung von Wäldern sowie der Bedrohung durch invasive Säugetierarten wie Katzen, Ratten und Schweine liegen, die den Eiern oder Jungtieren des Geckos nachstellen. Sollte der Riesengecko tatsächlich in Neuseeland beheimatet gewesen sein, wären die Aussterbeursachen im Wesentlichen die gleichen.

Gigarcanum: Baumbewohnend und nachtaktiv

Kawekaweau Gecko Gigarcanum delcourti
So hat der Kawekaweau- bzw. der Gigarcanum-Gecko wahrscheinlich ausgesehen. Das Reptil war an der Körperoberseite vermutlich hellbraun mit dunkelroten Längsstreifen; seine Unterseite war beige.
Elena Inka, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Zur Familie der Doppelfingergeckos gehörend, bestieg Gigarcanum wahrscheinlich Bäume – darauf weisen die Polster und langen Krallen an seinen Zehen hin. Heinicke erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die Art ziemlich sicher die maximale Größe erreicht hatte, bei der ein Gecko noch mit seinem charakteristischen klebrigen Griff an vertikalen Flächen haften konnte.

Aufgrund von Vergleichen mit seinen lebenden Verwandten war der Gigarcanum-Riesengecko vermutlich ein nachtaktiver Jäger, der groß genug war, um Vögel, Eidechsen, einschließlich anderer Geckos, zu erbeuten. Seine Hauptnahrung bestand aber wohl aus Wirbellosen (etwa Insekten, Spinnen oder Tausendfüßer), möglicherweise verzehrte er saisonal auch Früchte. Ob es sich beim Gigarcanum um einen eierlegenden oder lebendgebärenden Gecko handelte, ist ungewiss.

Könnte der Riesengecko Gigarcanum noch existieren?

Als die europäischen Entdecker Neukaledonien im späten 18. Jahrhundert erreichten, muss Gigarcanum bereits ausgestorben oder zumindest extrem selten gewesen sein, da es keine Berichte über einen derart riesigen Gecko von dort gibt. Bauer und Russel zogen ihrerseits in der wissenschaftlichen Erstbeschreibung von 1986 in Erwägung, dass eine kleine Reliktpopulation überlebt haben könnte, allerdings gingen die Autoren von der Nordinsel Neuseelands aus. Sie räumen auch ein, dass die Art im Falle des Überlebens seit mehr als einem Jahrhundert nur noch in geringer Zahl vorkommt.

Spätere Autoren waren eher der Ansicht, dass Gigarcanum ausgestorben ist. Da sowohl Neukaledonien als auch Neuseeland herpetologisch gut erforscht sind, konstatieren Heinicke und Bauer in ihrer 2023er-Studie, dass es es sehr unwahrscheinlich sei, dass der Riesengecko Gigarcanum bis heute überlebt habe.

Aber: Auf den Inseln Neukaledoniens werden weiterhin neue Gecko-Arten entdeckt, weshalb es nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, dass Gigarcanum noch existiert. Als nachtaktives Tier, das sich möglicherweise auch unter Baumrinde aufhält, könnte der Riesengecko noch unentdeckt in den abgelegeneren Wäldern von Neukaledonien leben…

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