Viesca-Klappschildkröte

Viesca-Klappschildkröte – Steckbrief
lateinische Namen Kinosternon hirtipes megacephalum, Kinosternon megacephalum
englischer Name Viesca Mud Turtle
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Mexiko
Zeitpunkt des Aussterbens um 1970
Ursachen für das Aussterben Lebensraumverlust durch Austrocknung, Gewässerverschmutzung

Auf der Suche nach den Klappschildkröten

Lake-Chapala-Klappschildkröte (Kinosternon hirtipes chapalaense)

Die Lake-Chapala-Klappschildkröte (Bild) ist wie die ausgestorbene Viesca-Klappschildkröte eine Unterart der Rauhfuß-Klappschildkröten. (© JohnnyFizzel, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Da die Gewässer nahe der Ortschaft Viesca im mexikanischen Bundesstaat Coahuila in den 1960er-Jahren austrockneten, schlussfolgerten Biologen, dass die dort in ruhigen Flüssen und Sümpfen lebende Viesca-Klappschildkröte zu dieser Zeit ausgestorben sein muss. Allerdings hat niemand versucht, andere ganzjährige Gewässer in den umliegenden Gebieten zu finden, in denen die Viesca-Klappschildkröte möglicherweise noch vorkommt. Zumindest bis 2010 und 2011 – da begaben sich die Herpetologen Jacobo Reyes-Velasco, John B. Iverson und Oscar Flores-Villela in Nord- und Zentralmexiko auf die Suche nach überlebenden Klappschildkrötenpopulationen. Sie konzentrierten sich bei ihrer Expedition auf die Viesca-Klappschildkröte und zwei weitere Unterarten, die zu diesem Zeitpunkt seit 30 Jahren nicht mehr gesichtet wurden: die Lake-Chapala- (K. h. chapalaense) und die San-Juanico-Klappschildkröte (K. h. magdalense).

Die Ergebnisse der Feldstudie haben Reyes-Velasco, Iverson und Flores-Villela in The Conservation Status of Several Endemic Mexican Kinosternid Turtles (2013) zusammengefasst. Die Suche erwies sich (zumindest teilweise) als erfolgreich: Am Lake Chapala machten sie eine männliche und eine weibliche Klappschildkröte ausfindig – das erste Lebenszeichen der Lake-Chapala-Klappschildkröte seit den späten 1970er-Jahren. Und am See Presa San Juanico und am Fluss Cotija konnten sie immerhin acht Exemplare der San-Juanico-Klappschildkröte, die seit 1978 nicht mehr gesichtet wurde, aufspüren.

Und dann erreichten Iverson und Kollegen Viesca…

Umland von Viesca, Mexiko

So sieht das Umland von Viesca aus. Der Ort liegt im Südwesten des größtenteils halbwüsten- oder wüstenartigen mexikanischen Bundesstaates Coahuila. Regen fällt fast nur im Sommerhalbjahr. (© Amante Darmanin from Malta, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Reyes-Velasco, Iverson und Flores-Villela durchforsteten die Berge südlich, östlich und westlich von Viesca sowie auch das Gebiet rund um die Stadt Parras im Osten von Viesca, denn überall dort existierten einst natürliche Gewässer. Sie begannen ihre Suche in einem Gebiet südlich von Viesca, da dort die Viesca-Klappschildkröte 1961 entdeckt wurde.

Die Wissenschaftler folgten ausgetrockneten Flussbetten und Hinweisen von Ortsansässigen, dass irgendwo künstliche Seen seien oder dass an einer Stelle in den Bergen ein Fluss entspringe. Fast alle Quellen und Seen, die die Experten aufsuchten, waren bereits ausgetrocknet und fanden sie doch einmal einen künstlich angelegten See mit Wasser, stellten sie Fallen auf und fingen höchstens eine Durango-Schlammschildkröte (Kinosternon durangoense).

Ihre größte Hoffnung war die Existenz eines Flusses, der in den Bergen der Sierra de Jimulca entspringen soll. Am Fluss angekommen, stellten die drei Biologen enttäuscht fest, dass das Wasser geleitet wurde und der Fluss viel zu klein war, als dass dort Schildkröten leben könnten.

Am Ende ihrer Suche begaben sie sich nach Parras und in die Berge südlich der Stadt. Die ursprünglichen Gewässer in Parras wurden in riesige Swimmingpools umgewandelt, die von Zeit zu Zeit zur Säuberung ausgetrocknet werden. Keine Schildkröten. Auch weiter im Süden gab es nur ein ausgetrocknetes Flussbett und nirgends Wasser. Die Suchexpedition von Reyes-Velasco, Iverson und Flores-Villela hat ergeben, dass es keine ganzjährigen Gewässer rund um Viesca gibt. Die Viesca-Klappschildkröte ist somit mit großer Sicherheit ausgestorben.

Anthropogener Einfluss auf das Wasserökosystem führt zum Artensterben

Coahuila in Mexiko

Das Verbreitungsgebiet der Viesca-Klappschildkröte war ausschließlich auf das Umland der Ortschaft Viesca im mexikanischen Bundesstaat Coahuila (rot) beschränkt. (© TUBS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Ein Großteil des Lebensraums der meisten Klappschildkrötenarten hat sich in den vergangenen 200 Jahren stark verändert. Die Gründe dafür sind vielfältig: Das Städte- und Bevölkerungswachstum, die Verschmutzung der Gewässer sowie die Einfuhr fremder Tierarten gehören dazu. Am schlimmsten wirkt sich auf den Lebensraum jedoch die Ausbeutung von Grundwasserreservoirs, Quellen, Flüssen und Seen aus. Vor allem im trockenen Norden Mexikos werden Unmengen an Grundwasser zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen hochgepumpt, ständig neue Brunnen gebohrt und Gewässer leergepumpt. Dies führt früher oder später zur Austrocknung der Wasserquellen und zum Verlust des Lebensraums der im Wasser lebenden Organismen.

Das übermäßige Hochpumpen von Grundwasser aus der Erde in Wüstengebieten ist ein häufig angewandtes Verfahren, gleichwohl es enorme Auswirkungen auf nahegelegene natürliche Quellen hat. So auch auf das Viesca-Becken, das bereits ausgetrocknet ist, oder das Cuatro-Cienegas-Becken, ein offizielles Naturschutzgebiet im Norden von Coahuila, dem die Austrocknung droht.

Verschmutzung und die übermäßige Entnahme von Wasser sowie physische Veränderungen des Lebensraums (etwa Dämme oder Flussbegradigungen) wirken sich negativ auf Wasserökosysteme aus und führen zum Verlust der biologischen Vielfalt. Schätzungen zufolge, sind in Nordamerika allein in den letzten 100 Jahren rund 30 Süßwasserfischarten ausgestorben.

Eine der sechs Unterarten der Rauhfuß-Klappschildkröte

Die Viesca-Klappschildkröte war eine der sechs bekannten Unterarten der Rauhfuß-Klappschildkröte (Kinosternon hirtipes). Die kaum erforschten Reptilien gehören zur Familie der Schlammschildkröten (Kinosternidae), sind klein oder mittlerer Größe und bewohnen meistens Süßwasser. Alle 27 Arten aus vier Gattungen leben in Nordamerika, Mittelamerika und im Norden Südamerikas. Klappbrustschildkröten (Kinosternon) sind in der Lage, Vorder- und Hinterteil des Bauchpanzers hochzuklappen und so den Panzer zu schließen.

Die Viesca-Klappschildkröte ist nur von acht Exemplaren bekannt, die 1961 in den Gewässern südlich von Viesca gesammelt wurden. Zu dieser Zeit begann bereits die Austrocknung ihres Lebensraums. Sämtliche Exemplare fand man in oder nahe der Viesca-Lagune, dem Endsee des Aguanaval-Flusses, ein durch menschliche Eingriffe gestörtes internes Entwässerungssystem, das zeitweise austrocknet. Der Fluss Nazas endet in der Mayran-Lagune westlich und nördlich der Viesca-Lagune. In Zeiten mit höherem Wasser flossen diese beiden Becken wahrscheinlich zusammen. Heute sind beide vollständig ausgetrocknet.

Biologen gehen davon aus, dass die Schildkröten im Viesca-Becken relativ klein waren. Von den gesammelten Tieren wies das größte männliche Exemplar eine Länge von 9,9 Zentimetern auf und das größte Weibchen maß 11,7 Zentimeter. Ihr Plastron, die weiche Bauchschale, war sehr klein und die knöcherne Brücke, die die Bauchschale mit dem gewölbten Rückenpanzer verbindet, war relativ kurz.

Die Viesca-Klappschildkröte war ein Nahrungsspezialist

Malaysische Sumpfschildkröte (Malayemys subtrijuga)

Die Malaysische Sumpfschildkröte (Malayemys subtrijuga) besitzt wie auch die Viesca-Klappschildkröte einen sehr großen Kopf und einen kräftigen Kiefer. Sie hat sich auf das Knacken von Gehäuseschnecken spezialisiert. (© Len Worthington, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Der wissenschaftlichen Erstbeschreibung (1981) der Viesca-Klappschildkröte durch Iverson ist zu entnehmen, dass die Reptilien aus dem Viesca-Becken, vor allem die weiblichen Tiere, besonders große Köpfe besaßen. Darauf weist auch ihr Artepitheton megacephalum hin, was übersetzt in etwa riesiger (mega) Kopf (kephale) bedeutet.

Der andersartige Bau des Kiefers und seiner Muskulatur bei der Viesca-Klappschildkröte deute zudem darauf hin, dass es sich bei der Unterart um einen Nahrungsspezialisten handelt. Die kräftigen Kieferleisten zum Zerkleinern von Nahrung sind auffallend großflächig und ihre Kiefermuskulatur war hypertrophiert. Bei mehreren anderen nicht mit der Viesca-Klappschildkröte verwandten Schildkrötengruppen findet man ebenfalls Makrozephalie und eine hypertrophierte Kaumuskulatur, so die Schildkrötenforscher John M. Legler und Richard C. Vogt in The Turtles of Mexico (2013). Und fast alle dieser Reptilien sind zugleich durophag beziehungsweise sogenannte Schalenknacker, die sich von Weichtieren wie Muscheln oder Schnecken ernähren

Der Herpetologe Philip C. Rosen stellt 2008 in einem Artikel über Schildkröten fest, dass es sich bei der Viesca-Klappschildkröte vermutlich um die einzige nicht auf einer Insel lebende Schildkrötenart handelt, die in historischer Zeit ausgestorben ist. Bekannte inselbewohnende Schildkröten, die als ausgestorben gelten, sind etwa die Réunion-Riesenschildkröte, die Rabida-Riesenschildkröte, die Mauritius-Sattelrückriesenschildkröte, die Rodrigues-Riesenschildkröte oder die Floreana-Riesenschildkröte.

Die ersten 1961 entdeckten Exemplare der Viesca-Klappschildkröte waren zugleich auch die letzten. Biologen nehmen an, dass die Reptilien um das Jahr 1970 ausgestorben sind. Manche Wissenschaftler spekulieren, ob die Viesca-Klappschildkröte keine Unterart, sondern eine eigene Art darstellt.