Rodrigues-Riesenschildkröte

Cylindraspis peltastes Rodrigues-Riesenschildkröte
Zeichnung der Rodrigues-Riesenschildkröte von etwa 1770. (© Paul Jossigny, Public domain, via Wikimedia Commons)
Rodrigues-Riesenschildkröte – Steckbrief
alternative Bezeichnung Rodriguez-Riesenschildkröte
lateinische Namen Cylindraspis peltastes, Geochelone peltastes, Geochelone (Geochelone) rotunda, Testudo peltastes, Chersine rotunda, Testudo rotunda
englische Namen Domed Rodrigues Giant Tortoise, Domed Rodriguez Giant Tortoise
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Rodrigues (Maskarenen, Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens  1802
Ursachen für das Aussterben Bejagung, auf Insel eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust

Eine der kleinsten Riesenschildkröten im Indischen Ozean

Angesichts ihrer eigentlichen Körpergröße ist der Name Rodrigues-Riesenschildkröte wirklich irreführend. Tatsächlich erreichte die Art nämlich lediglich eine Panzerlänge von 40 Zentimetern und ein Gewicht von knapp zwölf Kilogramm. Sie gehörte damit zu den kleinsten Riesenschildkröten des Indischen Ozeans.

Die Rodrigues-Riesenschildkröte teilte sich mit ihrer sehr viel größeren Verwandten, der Rodrigues-Sattelrücken-Riesenschildkröte (Cylindraspis vosmaeri), die Grasländer der Maskarenen-Insel Rodrigues. Beide Schildkrötenarten von Rodrigues stammen von einem frühen Vorfahren der Mauritius-Sattelrücken-Riesenschildkröte (Cylindraspis inepta) ab. Dieser Vorfahre gelangte vor Millionen von Jahren auf die Insel Rodrigues, wo sich die zwei unterschiedlichen Arten schließlich herausbildeten.

Der Schriftsteller David Quammen bezeichnet die Riesenschildkröten, die einst auf Rodrigues, Mauritius und Réunion lebten, in Der Gesang des Dodo (1996) als Maskarenensippe, da alle eng miteinander verwandt sind.

Vom Aussterben der Riesenschildkröten

Panzer-Ansichten der Rodrigues-Riesenschildkröte aus einem Katalog (1893) des Muséum national d’histoire naturelle, ein Naturkundemuseum mit Hauptsitz in Paris. (© Muséum national d’histoire naturelle (France), No restrictions, via Wikimedia Commons)

Bis ins 16. Jahrhundert haben drei Gruppen von Riesenschildkröten der Gattung Geochelone überlebt. Eine Gruppe lebte auf den Galápagos-Inseln im Pazifischen Ozean, eine zweite auf den Maskarenen im Indischen Ozean und eine dritte Gruppe war auch im Indischen Ozean beheimatet, aber weit entfernt von Rodrigues, Réunion und Mauritius. Diese Gruppe lebt verstreut in einem Gebiet, das von den Seychellen bis zum Korallenatoll Aldabra reicht.

Außer auf Aldabra waren spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts alle Riesenschildkröten des Indischen Ozeans zumindest in der Wildnis ausgestorben. Auf der Insel Mauritius sind Cylindraspis inepta und C. triserrata ausgestorben, auf Réunion C. indica und auf Rodrigues eben C. vosmaeri und C. peltastes.

Abschlachterei führte zum Aussterben der Rodrigues-Riesenschildkröten

Als die Franzosen Ende des 17. Jahrhunderts begannen, Rodrigues zu besiedeln, bevölkerten, Berichten des französischen Entdeckers François Leguats zufolge, Herden mit Tausenden von Riesenschildkröten die Insel. Wie viele andere Tierarten, die nie in Berührung mit Menschen gekommen sind, entgegneten sie den Kolonisten freundlich, neugierig und keineswegs ängstlich.

Die Ausbeutungsphase der Riesenschildkröten begann im 17. Jahrhundert und dauerte bis ins 18. Jahrhundert hinein, so Quammen. In dieser Zeit „herrschte auf Réunion und Rodrigues ebenso wie auf Mauritius eine direktere Abschlachterei vor“.

Die neuen Einwohner von Rodrigues bejagten die Schildkröten massiv und exportierten ihr Fleisch. Hunderttausende von Riesenschildkröten wurden in Schiffe verladen, um als Reiseproviant zu dienen, oder um zur 600 Kilometer entfernten Insel Mauritius transportiert zu werden. Dort verbrannte man die Schildkröten, um Fett und Öl zu erhalten.

Quammen schreibt weiter: „Etwa (…) um 1780 waren die Schildkröten von Rodrigues, Réunion und Mauritius (…) zum größten Teil aufgegessen und bis zum Punkte extremer Seltenheit dezimiert. Binnen einer weiteren Generation waren sie in freier Wildbahn verschwunden, vielleicht sogar (…) ausgestorben.“

Für das Jahr 1795 existiert ein Bericht, dass eine lebende Rodrigues-Riesenschildkröte am Boden einer Schlucht gesehen wurde. Und noch 1802 soll es überlebende Schildkröten auf Rodrigues gegeben haben, die dann allerdings in den riesigen Feuern gestorben sind, die der Beseitigung der Inselvegetation und zur Schaffung von Ackerland dienen sollten.

Auch die IUCN geht davon aus, dass die nur auf der Insel Rodrigues existierenden Rodrigues-Riesenschildkröten um 1800 herum ausgerottet wurden. Zudem habe neben der Ausbeutung der Reptilien durch den Menschen und der direkten Zerstörung des Lebensraums auch das Einschleppen invasiver Tierarten für einen raschen Rückgang der Bestandszahlen gesorgt.

Ein Ersatz für die Rodrigues-Riesenschildkröte

Die Biologen Anthony Cheke und Julian P. Hume verweisen in Lost Land of the Dodo (2008) auf die wichtige Rolle, die die Riesenschildkrötenherden vor der menschlichen Besiedlung innerhalb des Ökosystems der Insel und bei der Regeneration der Wälder gespielt haben. Da die beiden endemischen Schildkrötenarten auf Rodrigues heute ausgestorben sind, suchten Wissenschaftler nach Ersatz in Form ähnlicher Arten, um so das zerstörte Ökosystem wieder aufzubauen.

Der Projektbeauftrage des französischen Agrarforschungszentrums CIRAD, Miguel Pedrono, beschreibt in Using a surviving Lineage of Madagascar’s vanished Megafauna for ecological Restoration (2013) am Beispiel von Madagaskar und Rodrigues, wie durch die Übersiedlung von Schildkröten ein Ökosystem erhalten beziehungsweise wiederaufgebaut werden kann.

Im Jahr 2006 siedelten Wissenschaftler im François Leguat Reserve auf Rodrigues 553 Aldabra-Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea) und 97 Strahlenschildkröten (Astrochelys radiata) an. Letztere ersetzt die Rodrigues-Riesenschildkröte, da sie mit 42 Zentimetern Panzerlänge und ihren Verhaltensweisen viel mit der ausgestorbenen Art gemeinsam hat. Die Aldrabra-Riesenschildkröte dient als Ersatz für die ausgestorbene Rodrigues-Sattelrücken-Riesenschildkröte.

Die Restaurierung des Ökosystems von Rodrigues

Aldabra Giant Tortoise als Ersatz für die Rodrigues-Riesenschildkröte
Aldabra-Riesenschildkröten können über 200 Jahre alt werden. (© SIF, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Für das Projekt war es nicht nur wichtig, die ausgestorbene Fauna wiederherzustellen, sondern auch die Flora musste in ihren Urzustand versetzt werden. Deshalb entfernte man zunächst die sich mittlerweile dort befindliche Inselvegetation und pflanzte 160.000 einheimische Bäume und Büsche. So sollte ein Teil von Rodrigues‘ einmaligem Wald-Ökosystem wiedererlangt werden. Die ursprüngliche Vegetation der Insel ist mit ihrer Besiedlung Ende des 17. Jahrhunderts fast vollständig verschwunden.

In Rodrigues sind bereits erste Projekterfolge sichtbar: Die Ersatz-Schildkröten sowie die Umgestaltung des Lebensraums konnten tatsächlich die fehlenden Samenverbreitungs- und Weideprozesse auf der Insel wiederaufleben lassen. Mit dem Restaurierungsprojekt konnte auch der Verlust seltener Pflanzenarten verhindert werden. Die neuen Schildkröten ernähren sich nämlich von exotischen, invasiven Pflanzen, die mit den einheimischen Arten konkurrieren, während sie die einheimische Flora nicht fressen.

Im Rahmen einer Vereinbarung mit der Regierung von Madagaskar wurde kürzlich eine dritte Schildkrötenart angesiedelt: die Madagassische Schnabelbrustschildkröte (Astrochelys yniphora). Vor allem der illegale Handel mit den Reptilien hat dazu geführt, dass die IUCN diese auf Madagaskar heimische Art als ‚vom Aussterben bedroht‘ klassifiziert. Ziel der Vereinbarung ist, die Erhaltung der Art. Man hofft, die fast ausgestorbene Schnabelbrustschildkröte auf Rodrigues züchten zu können, um die Tiere schließlich wieder zurück nach Madagaskar zu bringen.