Kapverdischer Riesenskink

Kapverdischer Riesenskink

Illustration des Kapverdischen Riesenskinks von J. Terrier aus dem Jahr 1885. Männchen konnten eine Körperlänge von rund 50 Zentimeter erreichen, die Weibchen von knapp 43 Zentimeter (inklusive Schwanz). Das Gewicht der Tiere lag bei fast einem halben Kilo. (© J. Terrier, Public domain, via Wikimedia Commons)

Kapverdischer Riesenskink – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Kapverden-Riesenskink, Lagarto
lateinische Namen Chioninia coctei, Macroscincus coctei, Charactodon coctei, Euprepes coctei, Gongylus coctei, Macroscincus coctaei
englische Namen Cape Verde Giant Skink, Bibron’s Skink, Cocteau’s Skink, Cocteau’s Lizard
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Kapverdische Inseln (Atlantischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens nach 1912
Ursachen für das Aussterben Bejagung, Lebensraumverlust, auf Inseln eingeschleppte Tiere, Trockenperioden, langsame Reproduktionsrate

Ilhas Desertas – Die Terra typica des Kapverdischen Riesenskinks

Lebewesen, die in isolierten Ökosystemen wie Inseln vorkommen, sind oft an die dort herrschenden extremen Bedingungen angepasst. Sie zeichnen sich zum Beispiel durch Verzwergung oder Gigantismus aus und oft fehlen ihnen aufgrund der Abwesenheit von Fressfeinden Verteidigungsmechanismen, was sie von ihren nahen Verwandten auf dem Festland unterscheidet. Die geografische und ökologische Isolation der Inseltiere macht sie gegenüber zahlreiche Einflüsse besonders empfindlich. Dazu gehören etwa die Bejagung, die Zerstörung ihres Lebensraums und auf die Insel eingeschleppte Raubtiere oder Nahrungskonkurrenten. In historischer Zeit sind vor allem viele vom Inselgigantismus betroffene Spezies ausgestorben, wie zum Beispiel die Rodrigues-Riesenschildkröte, die Galápagos-Riesenratte, der St.-Helena-Wiedehopf oder eben der Kapverdische Riesenskink.

Die Kapverdischen Inseln oder Kapverden bilden die Inselrepublik Kap Verde, die im Atlantischen Ozean liegt. Subfossile Funde lassen vermuten, dass der Kapverdische Riesenskink einst auf allen 15 Kapverdischen Inseln vorkam. Als der Riesenskink 1784 entdeckt wurde, traf man ihn nur noch auf zwei kleinen, unbewohnten Inseln an: auf Ilhéu Branco mit einer Fläche von drei Quadratkilometern und auf der sieben Quadratkilometer großen Ilhéu Raso (Razo).

Möglicherweise kam die Echse anfangs auch noch auf der 34 Quadratkilometer großen, unbewohnten Insel Santa Luzia vor. Das geht unter anderem aus Erzählungen von Fischern hervor. Zudem berichtete der Herpetologe José A. Mateo 2005, einen Unterkieferknochen eines jungen Kapverden-Riesenskinks im Kot einer Katze auf St. Luzia gefunden zu haben. Eine anschließende fünftägige Suche nach überlebenden Riesenskinks auf der Insel verlief jedoch erfolglos. Die Ilhas Desertas, bestehend aus Branco, Raso und St. Luzia, wurden 1990 zum Naturschutzgebiet erklärt.

Dass der Kapverdische Riesenskink zum Zeitpunkt seiner Entdeckung nur noch auf zwei oder drei Inseln vorkam, die noch dazu nicht besiedelt waren, ist kein Zufall. Mit der Kolonialisierung von Kap Verde durch die Europäer ab 1461 verschwand die Vegetation auf den Inseln. Die extensive Landwirtschaft und der Holzbedarf führten zur Bodenerosion und zerstörten den Lebensraum der Glattechsen oder Skinke (Scincidae). Eingeführte Katzen, Hunde, Ratten, Grüne Meerkatzen, Rinder und Schafe trugen ihren Teil zur Verdrängung und Ausrottung des Riesenskinks bei.

Als der britische Naturforscher Charles Darwin 1832 Kap Verde besuchte, zeigte er sich in Anbetracht des Mangels an biologischer Vielfalt, hervorgerufen durch menschliche Eingriffe, bereits besorgt.

Riesenechse mit einigen besonderen Eigenschaften

Chioninia coctei Kapverdischer Riesenskink

Zwei konservierte Exemplare des Kapverden-Riesenskinks im MUSE in Trient, Italien. (© Ghedoghedo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Wegen seines schweren Körperbaus, den kräftigen Gliedmaßen und der langen Finger ähnelt der Kapverden-Riesenskink baumbewohnenden Echsen. Auch sein Greifschwanz, der das Festhalten beim Klettern erleichtert, spricht dafür. Auf Raso und Branco gibt es allerdings keine Bäume und Sträucher. Vielmehr herrschen auf den Inseln halbwüstenähnliche Bedingungen. Der Herpetologe Hans-Hermann Schleich stellt die Vermutung auf, dass der Kapverdische Riesenskink sein „Kletterorgan“ an den Felsabhängen und Steilküsten der Inseln einsetzte.

Der dämmerungs- und teilweise nachtaktive Kapverdische Riesenskink ernährte sich überwiegend pflanzlich von Samen, Blättern und Blüten. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass die Echsen Vogeleier und Jungvögel erbeuteten. Schleich erwähnt, dass der Kapverdische Riesenskink kommensal mit Seevögeln in Felsspalten auf den Inseln lebte. Er soll sich von toten Vögeln ernährt haben.

Eine Besonderheit des Kapverdischen Riesenskinks waren seine frei beweglichen Augenlider. Da sich im Unterlid ein transparentes Fenster befand, konnte der Riesenskink sehen, wenn sich ein Raubtier oder ähnliches von unten näherte, auch wenn seine Augen geschlossen waren.

Interessant ist auch, dass einerseits Eier der Kapverdischen Riesenskinke in unterschiedlichen Museen zu finden sind, und sie demnach ovipar (eierlegend) waren. Andererseits entdeckten Wissenschaftler an konservierten Exemplaren Bauchnabelschlitze, was wiederum darauf hindeutet, dass sie vivipar (lebendgebärend) waren. Brian Lee Schnirel weist 2007 in seiner biometrischen Analyse des ausgestorbenen Riesenskink darauf hin, dass es Skinke gibt, die von vivipar auf ovipar und umgekehrt wechseln können. Möglicherweise traf dies auch auf den Kapverden-Riesenskink zu.

Kapverdischer Riesenskink: Nahrungsquelle, Fettsalbenlieferant und Schuhmaterial

Kapverden-Insel Raso

Der Kapverdische Riesenskink lebte unter anderem auf der Insel Raso, auf der sich kaum Vegetation befindet. Die Küstenlinie zeichnet sich durch Klippen aus. (© Welbergen, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Wie bei vielen anderen Inselarten auch, verursachte eine Kombination natürlicher und anthropogener Faktoren das Aussterben des Kapverdischen Riesenskinks. Dazu gehören sicherlich die aktive Bejagung, auf die Inseln eingeführte Raubtiere und Nahrungskonkurrenten sowie das Auftreten außergewöhnlicher Trockenperioden.

Schleich stellt neben natürlichen klimatischen Veränderungen den Eingriff des Menschen in den Vordergrund, wenn es um das Verschwinden der Reptilienart geht. Er weist auf die verheerenden Auswirkungen hin, die mit dem Aussetzen von Strafgefangenen im Jahr 1833 auf der Insel Branco einhergingen. Die halbverhungerten Männer aßen die dort lebenden Kapverdischen Riesenskinke, was sich massiv auf die Populationszahlen auswirkte. Auch später noch griffen Menschen in Dürrezeiten auf die Echse als Nahrungsmittel zurück.

Zudem lebten die Echsen zusammen mit Seevögeln in Felsspalten, wodurch sie zum „Beifang“ bei Vogelfangaktionen wurden. Schleich berichtet auch von Fischern, die junge, nesthockende Kapverden-Sturmtaucher (Calonectris edwardsii) mit an Bambus- oder Schilfstöcken befestigten Angelhaken aus ihren Nestern unter den Felsspalten ziehen. Nicht selten angelten sie dabei auch Riesenskinke, die sie an Ärzte und Apotheker verkauften. Diese stellten aus dem fettigen Fleisch der Echsen traditionelle Schmerzsalben, etwa zur Behandlung von Gelenkerkrankungen, her. Aus Aufzeichnungen (1873) des portugiesischen Zoologen J. V. Barbosa du Bocage geht außerdem hervor, dass die Riesenechsen ihrer Häute wegen gejagt wurden, um aus ihnen Schuhe anzufertigen. 

Noch heute praktizieren Fischer auf Kap Verde den Vogelfang. Es wird geschätzt, dass jährlich 5.000 junge Vögel aus den Nestern auf Raso und Branco gezogen werden. Die Bestandszahlen des Kapverden-Sturmtauchers sind demzufolge auch im Sinken begriffen. Die IUCN listet die Vogelart derzeit als ‚fast bedroht‘ (near threatened).

Weitere Gründe für das Verschwinden des Riesenskinks

Auf Santa Luzia verursachten invasive, von den Menschen eingeschleppte Tiere das Verschwinden der Riesenskinke. Katzen, Hunde und Ratten gelten als die Raubtiere, die den Echsen besonders gefährlich wurden. Die IUCN weist auch darauf hin, dass in Seevogelkolonien räubernde Ratten und Katzen mit den Echsen um Nahrung konkurrierten.

Auch eine langsame Wachstums- und Reproduktionsrate der Echsen mag dazu beigetragen haben, dass die Bestandszahlen immer weiter sanken. Die Biologen Franco Andreone und Fabio M. Guarino führten 2003 eine Studie zur Altersstruktur der Riesenechsen durch. Nach skeletchronologischen Analysen nehmen die Wissenschaftler für männliche Riesenskinke eine Mindestlebenserwartung von 16 Jahren und für weibliche Tiere von zwölf Jahren an. Ihre Geschlechtsreife erlangten Männchen vermutlich erst im Alter von fünf und Weibchen im Alter von sechs Jahren.

In den Sammlungen der Museen befinden sich fast ausschließlich ausgewachsene Kapverden-Riesenskinke. Andreone und Guarino haben nur zwei Jungtiere ausfindig machen können. Nicht klar ist, ob die Sammler damals ausgewachsene Tiere bevorzugten oder ob die Riesenskink-Populationen vorwiegend aus erwachsenen Tieren bestanden.

Zoologisches Forschungsmuseum Bonn - drei Echsen im Zoo 1912

Frankfurter Zoo 1912: Echsen-Terrarium mit Tannenzapfenechse (Tiliqua rugosa) unten links, Riesen-Gürtelschweif (Cordylus giganteus) unten rechts und Kapverden-Riesenskink oben. (© Internet Archive Book Images, No restrictions, via Wikimedia Commons)

Darüber hinaus interessierten sich Expeditionsreisende, Sammler und Händler seit jeher für den Kapverden-Riesenskink – vermutlich aufgrund seiner eigentümlichen Morphologie und Größe. So nahm Jose Dasilva Fejo 1784, als er den Riesenskink entdeckte, gleich mehrere Exemplare mit nach Lissabon. Knapp hundert Jahre später veranlasste Bocage, dass man ihm drei lebende Skinke nach Lissabon bringen soll. Zwei starben direkt nach ihrer Ankunft, ein Exemplar lebte noch vier Jahre. Der italienische Herpetologe Mario Giacinto Peracca brachte 1891 sogar mehr als 40 Tiere nach Italien, von denen alle starben. 

Vor allem im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verkauften Händler die Reptilien an Naturforscher und Naturhistorische Museen. Um die Jahrhundertwende beherbergten daher zahlreiche Museen Exemplare Kapverdischer Riesenskinke und deren Eier. Auch diverse europäische Zoos erwarben Riesenskinke zu Beginn des 20. Jahrhunderts; in Gefangenschaft haben sich die Tiere allerdings nie fortgepflanzt.

Kapverden-Riesenskink – Wann genau er verschwand, ist ungewiss

Der italienische Zoologe Leonardo Fea reiste 1898 zu den Kapverdischen Inseln und war vermutlich einer der letzten Wissenschaftler, der lebende Kapverdische Riesenskinke in ihrem natürlichen Lebensraum zu Gesicht bekam. Auch Fea nahm übrigens von seiner Expedition neben einigen „seltenen Vögeln auch viele Individuen des fantastischen Riesenskinks“ mit zurück nach Italien, gleichwohl ihm sicherlich bewusst war, dass es nur noch wenige Tiere dieser Art gibt.

Wissenschaftler datieren das Aussterben des Kapverden-Riesenskinks auf einen Zeitraum zwischen 1914 und 1940. Zuletzt lebend gesehen wurde der Kapverdische Riesenskink 1912, so die IUCN. Der jüngste Nachweis eines jungen Riesenskinks stammt aber aus dem Jahr 2005, aus dem Kot einer Katze auf der Insel St. Luzia. Gab es bis 2005 dann noch Exemplare des Kapverdischen Riesenskinks auf der Insel Santa Luzia? Suchen nach überlebenden Kapverden-Riesenskinks auf Santa Luzia verliefen erfolglos. Und es besteht auch wenig Hoffnung, denn die Katzenpopulation hat seit 2005 noch einmal zugenommen, sodass die invasiven Tiere nun überall auf der Insel vorkommen.

Schleich suchte bereits 1979 auf den Inseln Branco, Raso und St. Luzia nach dem Kapverdischen Riesenskink. In Letzte Nachforschungen zum kapverdischen Riesenskink, Macroscincus coctei (1982) fasst er das Ergebnis seiner Suche so zusammen:

„Nach intensiven Recherchen und Befragungen der kapverdischen Bevölkerung
(zumeist Fischer) sowie den Ergebnissen von drei eigenen, zu verschiedenen Jahreszeiten
gestarteten Forschungsreisen zur Terra typica des Riesenskinks (…) ist nicht mehr mit dem Fortbestand der Art zu rechnen.“

Die IUCN hat den Kapverdischen Riesenskink 2013 offiziell in die Liste der ausgestorbenen Tiere aufgenommen, nachdem das Reptil trotz zahlreicher Suchexpeditionen hundert Jahre lang nicht gesichtet wurde.