Pholidoscelis cineraceus
Ein im Muséum national d'Histoire Naturelle in Paris aufbewahrtes Exemplar der ausgestorbenen Guadeloupe-Ameive. Laure Pierre, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Guadeloupe-Ameive

Ein Hurrikan vernichtete die letzten Tiere

Letztendlich verantwortlich für das Verschwinden der zur Familie der Schienenechsen (Teiidae) zählenden Guadeloupe-Ameive war der Okeechobee-Hurrikan, welcher im September 1928 auf der Insel Guadeloupe wütete. Der tropische Wirbelsturm erreichte am 12. September 1928 mit Windgeschwindigkeiten von 240 Kilometern pro Stunde die zu den Kleinen Antillen gehörende Insel Guadeloupe und richtete dort Schäden in besonderem Ausmaß an. Allein dort starben rund 1.200 Menschen, bis zu 95 Prozent der Bananenstauden, 70 bis 80 Prozent der Obstbäume und 40 Prozent der Zuckerrohrernte wurden vernichtet, so Don R. Hoy in Agricultural Land Use of Guadeloupe (1961).

Es ist nicht verwunderlich, dass ein Sturm dieses Ausmaßes die existierenden Guadeloupe-Ameiven vernichtet hat, doch der allmähliche Rückgang der Population erfolgte schon viel früher.

Robert Powell und Robert W. Henderson weisen 2005 in ihrem Artikel Conservation Status of Lesser Antillean Reptiles darauf hin, dass vor allem durch Menschen auf die Insel eingeschleppte Mangusten (Herpestidae) für das Verschwinden vieler Reptilienarten auf den Kleinen Antillen verantwortlich waren. Aber auch die Inselbewohner selbst trugen durch Zerstörung des Lebensraums der Echsen zum Populationsrückgang bei. Auch die mit der Guadeloupe-Ameive verwandte Martinique-Ameive und der Antigua-Glattkopfleguan starben auf den Kleinen Antillen aus.

Guadeloupe-Ameive – Steckbrief

wissenschaftliche NamenPholidoscelis cineraceus, Ameiva cineracea
englischer NameGuadeloupe ameiva
ursprüngliches VerbreitungsgebietGuadeloupe (Kleine Antillen)
Zeitpunkt des Aussterbens1928
Ursachen für das Aussterbenauf Insel eingeschleppte Mangusten, Lebensraumverlust, Hurrikan

Guadeloupe-Ameive: Nur wenige Exemplare erhalten

Der Botaniker Jean-Baptiste Du Tertre erwähnte bereits 1667 in der Histoire Generale des Antilles Habitées par les François, dass es auf der Insel Guadeloupe Ameiven gibt. Doch wissenschaftlich beschrieben wurde die Art erst 1915 anhand von drei Exemplaren, welche im Jahr zuvor auf der zum Überseedépartement Guadeloupe gehörenden Insel Basse-Terre gesammelt wurden. Diese drei gesammelten Tiere stellen bis heute die einzigen bekannten Exemplare dar.

Museumsexemplar Guadeloupe-Ameive
Von der Guadeloupe-Ameive sind möglicherweise nur vier Präparate erhalten geblieben. Sie befinden sich heute im Museum of Comparative Zoology der Harvard University (Cambridge, Massachusetts, USA) und im Naturkundemuseum in Paris.
Laure Pierre, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung nahmen der Herpetologe Thomas Barbour und der Zoologe Gladwyn Kingsley Noble vor. Die Schrift trägt den Titel Lizards of the Genus Ameiva und erschien im Bulletin of the Museum of Comparative Zoology at Harvard College.

Das wenige, was man heute über die Lebensweise der Guadeloupe-Ameive weiß, entstammt dem Werk von Du Tertre. So hielten sich die bodenlebenden Echsen tagsüber unter dem Boden auf, um der Hitze zu entgehen. Es heißt, ihre Nahrung umfasste sowohl pflanzliche als auch tierische Kost. Zudem sollen sie sich von Aas und Abfall ernährt haben – auch von toten Artgenossen.

Du Tertre gab auch an, dass die Guadeloupe-Ameiven eine Länge von bis zu 45 Zentimetern erreichte. Eines der 1914 gefangenen männlichen Exemplare maß allerdings nur 15 Zentimeter. Die gefangenen Tiere waren am Rücken dunkelgrau bis graugrün mit drei unauffälligen, etwas dunkleren, länglichen Streifen. Die Flanken waren mit bläulichen Streifen versehen. Schwanz und Kopf der Guadeloupe-Ameive waren olivfarben und der Bauch milchig-weiß.

In Natural History of West Indian Reptiles and Amphibians (2009) zeigen Powell und Henderson, dass die fossilen Überreste der Guadeloupe-Ameive einst in ganz Guadeloupe, La Désirade, Marie-Galante und der Îles des Saintes verbreitet waren. In späteren Zeiten war sie nur noch auf der Guadeloupe-Insel Grand-Îlet anzutreffen.

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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