Madeira-Kohlweißling: Führte ein Virus oder ein Parasit zum Aussterben?
Der Madeira-Kohlweißling wurde zum ersten Schmetterling erklärt, der aufgrund menschlichen Eingreifens in die Natur in Europa ausgestorben ist, so Lewis Smith 2007 in einem Artikel der britischen Times. Warum genau der Madeira-Kohlweißling ausgestorben ist, steht allerdings nicht fest.
Smith benennt mögliche Ursachen für das Verschwinden der Schmetterlingsart. Dazu gehören etwa der Verlust von Lebensraum zur Schaffung neuer Gewerbe- und Wohnflächen sowie der Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft.
Die Weltnaturschutzorganisation IUCN weist außerdem auf zwei weitere mögliche Ursachen hin. Eine Hypothese stellt B. Gardiner 2003 in seiner Studie The possible Cause of Extinction of Pieris brassicae wollastoni vor: Der Madeira-Kohlweißling könnte durch das Einschleppen des Kleinen Kohlweißlings (Pieris rapae) mitsamt eines Virus auf Madeira ausgestorben sein. Dies soll in den 1950er-Jahren geschehen sein.
Seit 1971 gehört der Kleine Kohlweißling nämlich zu den häufigsten Tagfalter-Arten auf Madeira, so der Entomologe Marc Meyer 1993 in Die Lepidoptera der makaronesischen Region. Unsicher ist er sich jedoch, ob sich die Art aufgrund guter Entwicklungsmöglichkeiten auf Madeira angesiedelt hat oder ob sie unabsichtlich mit Gemüse importiert wurde.
Die zweite Hypothese von Aurel Lozan und Kollegen aus dem Jahr 2008 besagt: Das Aussterben der Schmetterlingsart könnte auf das Einschleppen eines Parasiten auf die portugiesische Insel Madeira zurückzuführen sein.
Bei dem Parasiten handelt es sich um die Kohlweißlings-Schlupfwespe oder -Brackwespe (Cortesia glomerata). Der Parasit zur Schädlingsbekämpfung wurde unter anderem auch auf die Kanarischen Inseln eingeführt, wodurch die Wespe zu einer ernsten Bedrohung für den dort endemischen Kanaren-Weißling (Pieris cheiranthi) wurde. Aufgrund dessen liegt die Vermutung nahe, dass der Parasit auch auf Madeira zum Verschwinden des Madeira-Kohlweißlings beigetragen haben könnte.
Madeira-Kohlweißling – Steckbrief
| wissenschaftliche Namen | Pieris brassicae wollastoni, Pieris wollastoni, Pieris cheiranti wollastoni, Ganoris wollastoni |
| englische Namen | Madeiran Large White, Large White |
| ursprüngliches Verbreitungsgebiet | Madeira (Atlantischer Ozean, Portugal) |
| Zeitpunkt des Aussterbens | frühestens 1986 |
| Ursachen für das Aussterben | Lebensraumverlust, auf Insel eingeschleppter Kleiner Kohlweißling mitsamt Virus oder eingeschleppte Parasiten |
| IUCN-Status | ausgestorben |
Erfolglos: 15 Jahre lange Suche nach dem Tagfalter
Zuletzt wurde der Kohlweißling auf Madeira 1986 beobachtet. Wissenschaftler berichteten, die Art sei in den 1970er-Jahren bereits selten gewesen, während einzelne Berichte aus den 1980er-Jahren noch von einer vergleichsweise weiten Verbreitung ausgingen.
Da die Spezies auf der rund 740 Quadratkilometer großen Insel Madeira jedoch seit fast vier Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurde und auch eine 15 Jahre andauernde Suche in den 1980er- und 1990er-Jahren erfolglos blieb, erklärten Fachleute den Madeira-Kohlweißling 2007 schließlich für ausgestorben.
Mit der jüngsten Aktualisierung der Roten Liste im Oktober 2025 hat die IUCN den Madeira-Kohlweißling nun auch offiziell als ausgestorben eingestuft. Die Neubewertung erfolgte am 17. April 2023 und wurde 2025 im Rahmen der globalen und europäischen Gesamtbewertung veröffentlicht. Zuvor war der Schmetterling in der Kategorie „vom Aussterben bedroht, wahrscheinlich ausgestorben“ geführt worden.
Auf der Insel Madeira sind mindestens zwei endemische Tierarten ausgestorben: Die Schmetterlingsart Madeira-Kohlweißling und eine Unterart der in Europa lebenden Ringeltaube, die Madeira-Ringeltaube.
Umstrittener Artstatus: Madeira-Kohlweißling

(© Geni, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Die lateinische Bezeichnung des Madeira-Kohlweißlings ehrt den englischen Insektenforscher Thomas Vernon Wollaston. Dieser hat aufgrund einer Lungenkrankheit im 19. Jahrhundert viel Zeit auf Madeira und den Kapverdischen Inseln verbracht und dabei eine Vielzahl an neuen Insektenarten entdeckt.
Der Artstatus des Madeira-Kohlweißlings ist umstritten, denn nicht alle Wissenschaftler halten den Schmetterling von Madeira für eine eigenständige Art. Einige gehen davon aus, dass es sich um eine Unterart des Großen Kohlweißlings (Pieris brassicae) handelt. Der Große Kohlweißling ist von Nordamerika bis Skandinavien weit verbreitet.
Beispielsweise die IUCN und auch A. E. und Rashleigh Holt White in Butterflies and Moths of Teneriffe (1894) haben den eigenen Artstatus des Schmetterlings mit Pieris wollastoni anerkannt.
Der Madeira-Kohlweißling konnte eine Flügelspannweite von 5,5 bis 6,5 Zentimetern erreichen. Dies entspricht in etwa auch der Größe des Großen Kohlweißlings und des Kanaren-Weißlings.
Die Flügel des Schmetterlings von Madeira besaßen eine weiß-beige Färbung. Die Weibchen hatten jedoch auf der Rückseite der Vorderflügel schwarze miteinander verschmolzene Flecken. Die Spitzen der Flügel waren schwarz. Die Kohlweißling-Arten unterscheiden sich untereinander unter anderem hinsichtlich der Form und Anordnung der schwarzen Flecken auf den Vorderflügeln.
Die Raupen des Madeira-Kohlweißlings waren grün mit schwarzen Flecken und gelben Streifen am oberen Teil des Körpers. Sie ernährten sich hauptsächlich von Blättern des Gemüsekohls (Brassica oleracea), weshalb der Kohlweißling bzw. dessen Raupen manchmal als Schädlinge angesehen werden.
Unterstütze diesen Blog
Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über eine kleine Spende. Damit bleibt artensterben.de werbefrei und ohne Bezahlschranken – und alle Leser behalten freien Zugang zu den Inhalten.
Alternativ kannst Du meine Arbeit auch durch den Kauf meines Buches oder über meine Amazon-Wunschliste unterstützen.
Vielen Dank!
