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Kamerafallen haben die seltene Zyklopenralle (Rallicula mayri) im indonesischen Teil Neuguineas fotografiert. Zuletzt war die kaum erforschte Vogelart 2007 im Fojagebirge nachgewiesen worden.
Die Aufnahmen entstanden bereits im September 2023 im Rahmen der Expedition Cyclops, eines internationalen Forschungsprojekts unter Leitung der indonesischen NGO Yappenda. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse 2026 in einer Studie über die Vogelwelt entlang verschiedener Höhenstufen der Cyclops Mountains.
Auf sechs Bildern ist ein kleiner, kastanienbrauner Vogel zu erkennen, der sich über den mit Laub und Moos bedeckten Waldboden bewegt. Das Forschungsteam um James Alexander Kempton ordnete die Aufnahmen drei voneinander unabhängigen Ereignissen an zwei Standorten zu. Damit wurde die Zyklopenralle erstmals seit 1928 wieder in den Cyclops Mountains dokumentiert – jenem Gebirge, nach dem sie im Deutschen benannt ist.
Eine unerwartete Entdeckung
Neuguinea ist die größte tropische Insel der Erde und zugleich eine der artenreichsten, aber am lückenhaftesten erforschten Regionen weltweit. Besonders vielfältig ist ihre Vogelwelt. Obwohl Vögel dort besser untersucht sind als andere Tiergruppen, werden weiterhin neue Arten entdeckt und bekannte Verbreitungsgebiete erweitert. Erst 2025 wurde mit Ptilorrhoa urrissia eine neue Drosselflöter-Art wissenschaftlich beschrieben. Wegen der schwierigen Bedingungen für die Feldforschung gewinnen automatisierte Methoden wie Kamerafallen und akustische Aufnahmegeräte zunehmend an Bedeutung.

Bild: Expedition Cyclops, aus Kempton et al. (2026), Abb. 2A, CC BY 4.0; Ausschnitt
Die Kamerafallen der Expedition waren ursprünglich vor allem zur Erfassung bodenlebender Säugetiere aufgestellt worden. Eines der wichtigsten Ziele war die Suche nach dem Attenborough-Langschnabeligel (Zaglossus attenboroughi), von dem zuvor seit mehr als 60 Jahren kein dokumentierter Nachweis mehr vorgelegen hatte.
Das Team installierte 73 automatische Kameras in Höhen zwischen 143 und 1.963 Metern. Die Geräte blieben zwischen Juni 2023 und März 2024 an Wildwechseln, Bergrücken und Orten mit Säugetierspuren im Einsatz. Zusammengerechnet erreichten sie 11.869 Einsatztage und lieferten mehr als 38.000 Aufnahmen.
Neben Säugetieren erfassten die Kameras auch zahlreiche Vögel. Die Forschenden registrierten 22 Vogelarten in insgesamt 1.696 voneinander unabhängigen Nachweisen. Darunter waren zwei Arten, die zu diesem Zeitpunkt als „verschollen“ galten, weil seit mehr als zehn Jahren keine fotografischen, akustischen oder genetischen Nachweise mehr bekannt waren: der Mayrhonigfresser (Ptiloprora mayri) und die Zyklopenralle.
Die Zyklopenralle wurde in Höhen von 1.700 und 1.746 Metern fotografiert und damit innerhalb ihres bereits bekannten Höhenverbreitungsgebiets. Bemerkenswert war deshalb weniger die Höhenlage als der Nachweis in den Cyclops Mountains, wo die Art zuletzt vor 95 Jahren dokumentiert worden war..
Die Zyklopenralle ist bereits die dritte öffentlich bekannt gewordene Wiederentdeckung der Expedition. Zuvor hatte das Team den Attenborough-Langschnabeligel nach mehr als sechs Jahrzehnten wieder fotografiert. Auch der Mayrhonigfresser, von dem seit 2008 kein dokumentierter Nachweis mehr vorgelegen hatte, geriet vor die Kameras.
Die Funde zeigen, wie wenig selbst über ein vergleichsweise kleines Gebirge bekannt sein kann. Die Cyclops Mountains gehören zu einer Reihe voneinander isolierter Gebirgszüge im Norden Neuguineas, die wie ökologische Inseln aus dem umliegenden Tiefland aufragen. In ihnen konnten sich über lange Zeiträume eigenständige Tier- und Pflanzenpopulationen entwickeln.
Seit 1928 kein Nachweis in den Cyclops Mountains
Die Geschichte der Zyklopenralle ist eng mit dem deutsch-amerikanischen Ornithologen Ernst Mayr verbunden. Während einer Expedition sammelte er 1928 in den Cyclops Mountains mehrere Exemplare, anhand derer Ernst Hartert die Art 1930 wissenschaftlich beschrieb. Das Artepitheton mayri erinnert an Mayr.

Karte: Demis, Public Domain, via Wikimedia Commons, bearbeitet und ergänzt
Danach verschwand die Zyklopenralle nicht vollständig aus den wissenschaftlichen Aufzeichnungen. Nachweise gelangen später auch in den drei anderen bekannten Verbreitungsgebieten der Art, dem Foja-, Bewani- und Torricelligebirge. Aus den Cyclops Mountains selbst war sie jedoch seit Mayrs Expedition nicht mehr wissenschaftlich dokumentiert worden.
Der bis dahin letzte bestätigte Nachweis der Art stammte aus dem Fojagebirge. Dort wurde im Juni 2007 ein ausgewachsenes Weibchen fotografiert. Bereits 2005 waren dort ein Exemplar gesammelt und eine Lautaufnahme angefertigt worden. Zwischen dem Foto von 2007 und den neuen Kamerafallenaufnahmen vom September 2023 lagen somit rund 16 Jahre.
Die Forschenden bezeichnen ihre Bilder als die ersten Fotos der Zyklopenralle. Die Initiative Search for Lost Birds verweist jedoch auf die Aufnahme des 2007 vorübergehend gefangenen Weibchens. Bei den sechs Bildern aus den Cyclops Mountains handelt es sich daher vermutlich um die ersten Kamerafallenaufnahmen der Art – und gemeinsam mit dem Foto von 2007 um die bislang einzigen bekannten fotografischen Dokumente der Zyklopenralle.
Warum die Zyklopenralle so schwer zu finden ist
Die langen Nachweislücken dürften zumindest teilweise mit der Lebensweise der Zyklopenralle zusammenhängen. Der kleine, dunkel gefärbte Vogel hält sich überwiegend am Boden dichter Bergregenwälder auf. Zwischen Farnen, Moosen, Falllaub und dichtem Unterholz ist er selbst aus kurzer Entfernung leicht zu übersehen.

Bild: Expedition Cyclops, aus Kempton et al. (2026), Abb. 2B, CC BY 4.0; Ausschnitt
Hinzu kommt die Unzugänglichkeit seines Lebensraums. Die rund 250 Quadratkilometer großen Cyclops Mountains steigen unmittelbar an der Nordküste Neuguineas steil bis auf etwa 1.970 Meter an. Hohe Niederschläge, fehlende Wege und teilweise sehr steile Hänge erschweren biologische Untersuchungen. Vor allem die höher gelegenen Nordhänge waren vor der Expedition von 2023 ornithologisch kaum erforscht worden.
Um die abgelegenen Untersuchungsgebiete zu erreichen, musste das Expeditionsteam zunächst mehrere Stunden mit Geländewagen fahren und anschließend zu Fuß in das Gebirge vordringen. Malaria, Infektionen, Blutegel und das schwierige Gelände erschwerten die Arbeit zusätzlich. Wesentlich zum Erfolg trugen die Kenntnisse der lokalen indigenen Gemeinschaft bei, deren Mitglieder geeignete Wildwechsel und Standorte für die Kamerafallen zeigten.
Vor allem für heimlich lebende Bodenbewohner sind Kamerafallen deshalb besonders geeignet. Sie können über Monate im Wald verbleiben und Tiere erfassen, ohne dass Forschende ständig vor Ort sein müssen. Die Methode hat jedoch Grenzen: Von den inzwischen 182 aus den Cyclops Mountains bekannten Vogelarten registrierten die Kameras lediglich 22. Insbesondere Arten, die sich überwiegend in den Baumkronen aufhalten, geraten nur selten in das Blickfeld bodennah installierter Geräte. Kamerafallen ersetzen klassische ornithologische Untersuchungen daher nicht, können sie aber ergänzen.
Kaum erforscht – und als nicht gefährdet eingestuft
Über die Zyklopenralle ist bis heute nur wenig bekannt. Ihre vier bekannten Vorkommen liegen in voneinander isolierten Gebirgszügen im Norden Neuguineas. Wie viele Tiere dort leben und wie groß die einzelnen Populationen sind, wurde nie ermittelt. Ebenso unklar ist, ob zwischen den räumlich getrennten Vorkommen noch ein genetischer Austausch stattfindet.
Auch über Nahrung, Fortpflanzung und Sozialverhalten liegen kaum Informationen vor. Die neuen Kamerafallenaufnahmen bestätigen lediglich, dass die Art weiterhin in den Cyclops Mountains vorkommt. Rückschlüsse auf die Größe oder den Zustand der dortigen Population erlauben sie nicht.

Bild: KI-Rekonstruktion eines Weibchens der Zyklopenralle nach Taylor und van Perlo (2010)
Die IUCN führt die Zyklopenralle dennoch als nicht gefährdet (LC). Zwar besitzt die Art ein begrenztes Verbreitungsgebiet, doch gibt es bislang keine Hinweise auf einen deutlichen Rückgang ihres Bestands oder ihrer Lebensräume. Die Zahl der geschlechtsreifen Tiere wurde nicht bestimmt, wird aber nicht als so niedrig eingeschätzt, dass sie den Schwellenwert für eine Gefährdungseinstufung unterschreiten würde. Der Populationstrend gilt als vermutlich stabil, vor allem weil keine erheblichen Bestandsabnahmen oder konkreten Bedrohungen bekannt sind. Die abgelegenen Bergwälder werden zudem als vergleichsweise wenig durch Holzeinschlag gefährdet angesehen.
Allerdings beruhen auch die Angaben zur Häufigkeit größtenteils auf alten und punktuellen Beobachtungen. Im Bewani- und Torricelligebirge wurde die Zyklopenralle einst als häufig beschrieben, doch stützte sich diese Einschätzung auf lediglich sieben Exemplare aus dem Jahr 1966. Spätere gezielte Suchen fanden dort offenbar nicht statt. Aus den Cyclops Mountains waren vor den neuen Aufnahmen nur vier historische Belegexemplare bekannt; bei Feldarbeiten 1992 wurde die Art nicht gefunden. Im Fojagebirge galt sie zwischen 2005 und 2009 je nach Standort als häufig oder eher selten.
Möglicherweise kommt die Zyklopenralle örtlich häufiger vor, als die wenigen Nachweise vermuten lassen. Gesichert ist dies allerdings nicht. Ihre Einstufung als nicht gefährdet bedeutet daher vor allem, dass derzeit keine konkreten Anzeichen für eine starke Bestandsabnahme vorliegen – nicht, dass die Populationen gut untersucht oder ihre langfristige Zukunft zweifelsfrei gesichert wären.
Auch zukünftige Risiken lassen sich nicht ausschließen. In Indonesisch-Papua wächst der Druck auf Wälder durch Landwirtschaft, Plantagen, Bergbau und die Gewinnung anderer Rohstoffe. Ob und in welchem Ausmaß davon auch die höher gelegenen Lebensräume der Zyklopenralle betroffen sind, ist bislang unklar. Yappenda unterstützt lokale indigene Gemeinschaften deshalb unter anderem dabei, ihre Landrechte zu sichern und kulturelle Traditionen zu bewahren, die eng mit dem Schutz der Wälder verbunden sind.
Ein Nachweis, viele offene Fragen
Die Kamerafallenaufnahmen von 2023 belegen, dass die Zyklopenralle weiterhin in den Cyclops Mountains vorkommt. Über den Zustand der Population sagen die wenigen Bilder naturgemäß kaum etwas aus. Unklar bleibt, wie viele Tiere dort leben, wie weit die Art verbreitet ist und welche Ansprüche sie an ihren Lebensraum stellt. Ebenso wenig ist bekannt, wie sich Veränderungen der Bergwälder oder der Klimawandel auf sie auswirken könnten.
Um diese Fragen zu beantworten, wären langfristige Untersuchungen in weiteren Teilen des Gebirges nötig. Neben zusätzlichen Kamerafallen könnten Lautaufnahmen, genetische Proben und gezielte Beobachtungen dazu beitragen, Verbreitung, Lebensweise und Populationsstruktur der Art besser zu verstehen.
Der neue Nachweis beendet daher lediglich eine lange dokumentarische Lücke. Die eigentliche Erforschung der Zyklopenralle steht auch fast 100 Jahre nach ihrer wissenschaftlichen Beschreibung noch am Anfang.
Quellen
- Bergen, M. (2026, 29. Juli). FOUND: Mayr’s Forest Rail Rediscovered in Indonesia’s Cyclops Mountains. Search for Lost Birds. https://searchforlostbirds.org/news/found-mayrs-forest-rail-rediscovered-in-indonesias-cyclops-mountains
- BirdLife International. 2017. Rallicula mayri. The IUCN Red List of Threatened Species 2017: e.T22692303A118088528. https://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2017-3.RLTS.T22692303A118088528.en
- Kempton, J. A., Balázs, A., Bessoran, Y., et al. (2026). New avian records along the elevation gradient of the Cyclops Mountains, New Guinea, revealed by camera trapping. Birds, 7(2), Article 27. https://doi.org/10.3390/birds7020027
- Taylor, B., & van Perlo, B. (2010). Rails: A guide to the rails, crakes, gallinules and coots of the world. Christopher Helm.
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