Wiederentdeckung der Rostlerche (Calendulauda rufa)
Das Bild zeigt die Anfang Februar 2026 wiederentdeckte Rostlerche – eine der ersten Aufnahmen der Art überhaupt. (© Pierre Defos du Rau, Idriss Dapsia, Julien Birard)

Wiederentdeckung in Afrika: Rostlerche seit 94 Jahren erstmals dokumentiert

Afrika: Eine bislang kaum erforschte Vogelart, die seit fast einem Jahrhundert als verschollen galt, ist nun wiederentdeckt worden. Anfang Februar 2026 gelang es erstmals seit Jahrzehnten, die Rostlerche (Calendulauda rufa) im Tschad wieder lebend nachzuweisen.

Die Rostlerche lebt in den trockenen Savannen und Halbwüsten der Sahelzone und kommt vor allem in Niger, im Tschad und im Sudan vor. Sie bewohnt bevorzugt offene, karge Landschaften mit spärlicher Vegetation, felsigem Hügelland und locker bewachsenen Buschflächen.

Wissenschaftlich beschrieben wurde die Art erstmals im Jahr 1920 durch den britischen Ornithologen Hubert Lynes, der sechs Exemplare in Zentral-Darfur im Sudan sammelte. Trotz ihres großen potenziellen Verbreitungsgebiets blieb ihr tatsächlicher Bestand über Jahrzehnte weitgehend unbekannt. Der letzte gesicherte Nachweis stammte aus dem Mai 1931, als der Naturforscher George Latimer Bates mehrere Exemplare im heutigen Niger sammelte. Als Fundort nannte er „Tawa, nördlich von Sokoto“ – ein Gebiet nahe der heutigen Region Tahoua in der Sahelzone.

Wiederentdeckung & wissenschaftliche Bestätigung

Am 2. Februar 2026 entdeckten die französischen Ornithologen Pierre Defos du Rau und Julien Birard gemeinsam mit dem tschadischen Naturschutzexperten Idriss Dapsia in der Region Guéra im südlichen Zentrum des Tschad eine Rostlerche in ihrem natürlichen Lebensraum. Die Wissenschaftler konnten die Art erstmals fotografisch dokumentieren.

Die Wiederentdeckung erfolgte im Rahmen eines internationalen Forschungsteams, dem sowohl tschadische Ornithologen der Direction de la Faune et des Aires Protégées du Tchad (DFAP) als auch französische Fachleute vom Office Français de la Biodiversité (OFB) und von Tour du Valat (TdV) angehörten. Die Expedition war Teil des von der FAO koordinierten Projekts RESSOURCE+. Weitere Details zur Zusammenarbeit und zum Projektkontext wurden in einer kurzen Mitteilung von Tour du Valat veröffentlicht.

Die Forschenden veröffentlichten ihre Beobachtung auf der Plattform eBird und ergänzten sie durch eine detaillierte Beschreibung sowie neun Fotos des Vogels. In ihrer Checkliste hoben sie mehrere typische Merkmale hervor, darunter einen relativ langen, schlanken Schnabel, einen hellen Überaugenstreif, rötliche Ohrdecken und einen „schuppig“ wirkenden, rostroten Rücken.

Der Fund wurde anschließend vom Lerchenexperten Paul Donald von BirdLife International geprüft und bestätigt. Damit liegt erstmals seit fast 100 Jahren wieder ein gesicherter Lebendnachweis dieser Art vor. Zugleich existieren nun erstmals belastbare Fotografien eines lebenden Tieres – und erstmals seit Jahrzehnten besteht Gewissheit, dass die Rostlerche nicht ausgestorben ist.

Lange verschollen, aber nie offiziell ausgestorben

Rostlerche Verbreitungsgebiet
Verbreitungsgebiet der Rostlerche in der Sahelzone.
Die Art kommt in Teilen von Niger, Tschad und Sudan vor. Ihr potenzielles Verbreitungsgebiet ist groß und umfasst schätzungsweise rund 470.000 km², auch wenn viele Regionen bislang kaum ornithologisch untersucht wurden.
(© modifiziert nach Haller1962, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Trotz der jahrzehntelang ausbleibenden Nachweise wurde die Rostlerche nie offiziell als ausgestorben eingestuft. Zwar stand sie auf der Liste der verschollenen Vogelarten der Search for Lost Birds-Initiative, doch auf der Roten Liste der IUCN wurde sie stets als nicht gefährdet geführt.

Ausschlaggebend dafür ist vor allem ihr sehr großes potenzielles Verbreitungsgebiet. Die Art erreicht weder die Schwellenwerte für eine Gefährdung nach Flächengröße noch nach Populationsgröße oder Bestandsentwicklung. Zwar wurde die weltweite Individuenzahl bislang nie exakt erfasst, doch gilt die Rostlerche in Teilen ihres Verbreitungsgebiets als lokal durchaus häufig, insgesamt jedoch als eher selten.

Nach Einschätzung der IUCN gibt es bislang keine Hinweise auf einen langfristigen Bestandsrückgang oder gravierende Bedrohungen. Der Populationstrend wird daher als stabil eingeschätzt.

Hinzu kommt, dass große Teile ihres Lebensraums schwer zugänglich, politisch instabil und sicherheitspolitisch sensibel sind. Viele Regionen der Sahelzone werden nur selten wissenschaftlich untersucht – ein wesentlicher Grund dafür, warum die Art so lange unentdeckt blieb und ihr tatsächlicher Bestand über Jahrzehnte im Dunkeln lag.

Merkmale der Rostlerche

Mit einer Körperlänge von etwa 14 Zentimetern ist die Rostlerche etwas kleiner als die in Mitteleuropa verbreitete Feldlerche (Alauda arvensis). Charakteristisch sind ihr rostrotes bis braunrötliches Rückengefieder, eine sehr helle, sandfarbene Unterseite sowie dunkle Schwanzfedern mit rötlichen Anteilen.

Ein auffälliger Geschlechtsdimorphismus fehlt: Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich kaum. Nach Angaben des Erstbeschreibers Hubert Lynes sind Weibchen lediglich kleiner als die Männchen.

Bei der wiederentdeckten Nominatform (Calendulauda rufa rufa) treten zwei Farbmorphen auf, die sich vor allem in der Stärke der dunklen Schaftstreifen auf der Oberseite unterscheiden.

Traditionell werden drei Unterarten unterschieden:

  • Calendulauda rufa rufa – Niger, Tschad und West-Sudan
  • C. r. nigriticola – Mali bis Niger
  • C. r. lynesi – Zentral-Sudan

Die Rostlerche ernährt sich überwiegend von Insekten, anderen Gliederfüßern und Samen. Über ihre Fortpflanzung ist bislang kaum etwas bekannt. Auch zum Gesang existieren nur wenige verlässliche Angaben. Selbst bei der Wiederentdeckung im Jahr 2026 konnte kein Ruf dokumentiert werden.

Region Guéra (Tschad)
Die felsige Savannenlandschaft der Region Guéra im zentralen Tschad – hier gelang 2026 die Wiederentdeckung der Rostlerche.
120, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Warum diese Wiederentdeckung wichtig ist

Der Fund zeigt, wie lückenhaft unser Wissen über viele Tierarten noch immer ist – insbesondere in schwer zugänglichen und politisch instabilen Regionen Afrikas. Die Wiederentdeckung der Rostlerche unterstreicht die Bedeutung gezielter Feldforschung, den Wert internationaler Zusammenarbeit und die Rolle digitaler Plattformen wie eBird bei der Dokumentation biologischer Vielfalt.

Die Entdeckung verdeutlicht außerdem: Arten sind nicht zwangsläufig verschwunden, nur weil sie über Jahrzehnte nicht beobachtet werden. Gerade in wenig erforschten Regionen könnten noch weitere „verschollene“ Arten überlebt haben.

Mit dem neuen Nachweis von Calendulauda rufa kann nun eine weitere Vogelart von der Liste der Search for Lost Birds-Initiative gestrichen werden. Bereits im vergangenen Jahr wurden die Wiederentdeckungen zweier anderer vermisster afrikanischer Vogelarten bekannt: des Schwarzzügelastrilds, der rund 70 Jahre nicht dokumentiert worden war, sowie des Schwarzschwanz-Zistensängers, der 14 Jahre lang als verschollen galt.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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