Im Jahr 1876 beschrieb der amerikanische Naturforscher Edward Drinker Cope eine kleine Echse aus den Bergwäldern im Nordosten Perus. Auffällig war vor allem ein ungewöhnlicher Fortsatz an der Schnauzenspitze – ein Merkmal, das sie von den meisten anderen Arten unterschied. Cope beschrieb die Art ursprünglich unter einem anderen Gattungsnamen; heute wird sie als Anolis laevis geführt. Im Englischen ist sie unter den Namen smooth anole oder swordsman anole bekannt.
Die Art blieb rätselhaft: Es existierte nur ein einziges Exemplar, ohne Abbildung, ohne weitere Funde. Über mehr als 150 Jahre hinweg wurde Anolis laevis nie wieder nachgewiesen und entwickelte sich zu einer Art Mythos der Andenwälder. Heute ist klar: Die Echse war nie wirklich verschwunden, sie wurde schlicht übersehen.
A. laevis gehört zur Gattung Anolis (Saumfingerechsen), einer der artenreichsten Echsen-Gruppen Amerikas. Viele dieser meist baumbewohnenden Arten verfügen über eine ausklappbare Kehlfahne zur Kommunikation und zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt an Anpassungen an unterschiedlichste Lebensräume.
Vom Mythos zur Bestätigung: Eine Wiederentdeckung in Etappen
Zwischen 2003 und 2018 führte der Herpetologe Pablo Venegas wiederholt systematische Untersuchungen in den Bergwäldern des nordöstlichen Peru durch – genau dort, wo A. laevis im 19. Jahrhundert erstmals gefunden worden war. Trotz intensiver Suche blieb die Art jedoch über Jahre hinweg unauffindbar, was die Vermutung nährte, sie könnte längst ausgestorben sein.

Bereits 2008 wurden in Laguna Negra im peruanischen Departement San Martín zwei adulte Weibchen gesammelt. Ihre Bedeutung blieb zunächst unerkannt – nicht zuletzt, weil Weibchen keinen Nasenfortsatz besitzen und sich daher nur schwer zuordnen lassen.
Erst zehn Jahre später, im Jahr 2018, änderte sich das Bild: In Posic und Nuevo Chirimoto wurden zwei adulte Männchen entdeckt, deren auffälliger Nasenfortsatz sofort Aufmerksamkeit erregte. Nun bestand der begründete Verdacht, dass es sich um die lange verschollene Art A. laevis handeln könnte.
In der Folge verglichen Forschende die neuen Funde ganz genau mit dem Holotyp aus dem 19. Jahrhundert, der heute in der Sammlung der Academy of Natural Sciences of Philadelphia aufbewahrt wird. Trotz seines Alters sind dort noch immer die entscheidenden Merkmale erkennbar. Besonders der kleine Nasenfortsatz der Männchen sowie der durch dreieckige Schuppen gebildete Rückenkamm stimmten exakt mit den neu entdeckten Tieren überein. Zweifel an der Identität konnten damit ausgeräumt werden.
Die wissenschaftliche Bestätigung erfolgte schließlich durch Fernando Ayala-Varela, Pablo Venegas, Luis García-Ayachi und Steven Poe. Ihre detaillierte Neubeschreibung, die Feldforschung, morphologische Analysen sowie die Auswertung historischer Sammlungen und Literatur kombiniert, wurde im Januar 2026 im Fachjournal Zootaxa veröffentlicht.
Nasenfortsatz und Kehlfahne: Auffällige Unterschiede zwischen den Geschlechtern
Ein zentraler Befund der neuen Studie ist ein ausgeprägter Sexualdimorphismus. Während das Typusexemplar aus dem 19. Jahrhundert ein Männchen war, wurden Weibchen erst 2008 erstmals nachgewiesen. Dadurch wurde deutlich, dass nur die Männchen den charakteristischen Nasenfortsatz tragen.

Dieser kleine, flexible Fortsatz an der Schnauzenspitze – auch als Proboscis oder „Rüssel“ bezeichnet – macht die Art nahezu unverwechselbar. Er sitzt direkt an der Spitze der Schnauze und verändert die Silhouette des Tieres deutlich.
Auch die Kehlfahne spielt eine wichtige Rolle. Wie bei vielen Arten der Gattung Anolis handelt es sich um einen ausklappbaren Hautlappen unter dem Kinn, der zur Kommunikation dient – etwa bei Balz oder Revierverhalten. Bei A. laevis besitzen beide Geschlechter einen Kehlsack, allerdings mit deutlichen Unterschieden: Weibchen zeigen eine dunkle, nahezu schwarze Kehlfahne mit weißen Schuppen, während die Männchen eine rosafarbene Kehlfahne mit bläulichem Rand aufweisen.
Solche geschlechtsspezifischen Unterschiede sind bei Anolis-Echsen weit verbreitet und spielen eine zentrale Rolle für visuelle Signalgebung und sexuelle Selektion. Die neuen Erkenntnisse vervollständigen nicht nur das Erscheinungsbild von A. laevis, sondern geben auch Einblick in die Kommunikation dieser bislang kaum bekannten Art aus den Anden.
Ein Vergleich mit anderen Anolis-Arten mit Nasenfortsatz – etwa Anolis phyllorhinus aus Brasilien oder Anolis proboscis aus Ecuador – zeigt zudem, dass sich ähnliche Merkmale unabhängig voneinander entwickelt haben. Trotz äußerlicher Ähnlichkeiten gehören diese Arten unterschiedlichen evolutionären Linien an.
Frühere Studien deuten darauf hin, dass sich der Nasenfortsatz innerhalb der Gattung Anolis mindestens dreimal unabhängig entwickelt hat. Vieles spricht dafür, dass auch A. laevis ein weiteres, eigenständiges Beispiel für diese Form der konvergenten Evolution darstellt.
Neben diesen auffälligen Merkmalen hebt die Neubeschreibung weitere Eigenschaften hervor, die A. laevis von ähnlichen südamerikanischen Arten unterscheiden. Dazu zählen unter anderem große Kopfschuppen mit nur wenigen Schuppen zwischen Auge und Nase, ein ausgeprägter Rückenkamm sowie die bei beiden Geschlechtern vorhandene, aber unterschiedlich gefärbte Kehlfahne.

Die männliche Pinocchioechse (rechts) besitzt bei 5 bis 7,5 cm Körperlänge einen bis 1 bis 2 cm langen Nasenfortsatz. Die Forschenden sehen darin ein mögliches Beispiel für konvergente Evolution, also die wiederholte Entstehung ähnlicher Merkmale unter vergleichbaren Bedingungen.
Die 1953 wissenschaftlich beschriebene und anschließend nicht mehr dokumentierte Pinocchioechse galt ebenfalls als verschollen, bis sie 2004 wiederentdeckt wurde.
(© Santiago Ron from Quito, Ecuador, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Wie gefährdet ist Anolis laevis?
A. laevis lebt in sehr feuchten Bergwäldern in Höhenlagen zwischen etwa 1.700 und 1.990 Metern. Dieses Habitat liegt im Huallaga-Becken im Nordosten Perus – einer Region, die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend durch Landwirtschaft und Besiedlung verändert und fragmentiert wurde.

(© JYB Devot, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Die bislang bekannten Fundorte konzentrieren sich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet und liegen nur etwa 50 bis 100 Kilometer vom historischen Typusfundort entfernt. Diese räumliche Nähe deutet darauf hin, dass die Art nur ein sehr begrenztes Verbreitungsgebiet besitzt und möglicherweise an spezifische ökologische Bedingungen gebunden ist.
Gerade solche spezialisierten Lebensräume reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen. In der Region werden die Bergwälder durch Abholzung, landwirtschaftliche Nutzung und den Ausbau von Infrastruktur zunehmend in kleinere, voneinander isolierte Fragmente zerschnitten. Dadurch verändern sich die lokalen Umweltbedingungen: Schatten und Luftfeuchtigkeit nehmen ab, Populationen werden voneinander getrennt, und die Anfälligkeit für Störungen wie Brände oder invasive Arten steigt. Für eine Art mit ohnehin kleinem Verbreitungsgebiet kann diese Entwicklung schnell existenzbedrohend werden.
Zur Einschätzung des Aussterberisikos wird in der Regel das System der International Union for Conservation of Nature (IUCN) herangezogen. Arten mit kleinen Verbreitungsgebieten gelten dabei grundsätzlich als besonders gefährdet – vor allem dann, wenn ihr Lebensraum aktiv zerstört wird. Mit einem geschätzten Verbreitungsgebiet von nur etwa 1.920 Quadratkilometern schlagen die Autoren der Studie vor, A. laevis als stark gefährdet („Endangered“) einzustufen. In der aktuellen Roten Liste wird die Art bislang noch als „Data Deficient“ geführt, also als Art mit unzureichender Datenlage.
Damit kommt der weiteren Erforschung eine entscheidende Bedeutung zu. Es ist gut möglich, dass bislang unentdeckte Populationen in benachbarten Tälern existieren. Systematische Feldstudien könnten helfen, das tatsächliche Verbreitungsgebiet genauer zu erfassen, um als Grundlage für gezielte Schutzmaßnahmen zu dienen. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden, denn schon vergleichsweise kleine Änderungen in der Landnutzung können dazu beitragen, die empfindlichen Mikrohabitate dieser Art zu erhalten.
Das Potenzial gezielter Feldarbeit
Trotz der ausführlichen Neubeschreibung machen die Autoren deutlich, dass die evolutionäre Geschichte von A. laevis noch nicht vollständig verstanden ist. Derzeit wird die molekulare Phylogenie der Art untersucht, um ihre genaue Stellung innerhalb der sogenannten heterodermus–nasofrontalis-Klade zu klären und ihre evolutionären Beziehungen besser einzuordnen.
Die Wiederentdeckung von A. laevis zeigt, wie unverzichtbar biologische Feldforschung auch heute noch ist. Sie bildet die Grundlage dafür, Arten überhaupt zu erkennen, zu beschreiben und ihren Gefährdungsstatus realistisch einzuschätzen. Ohne gezielte Erhebungen bleiben viele Arten unsichtbar – selbst dann, wenn sie noch existieren. Gleichzeitig ermöglicht Feldforschung nicht nur die Wiederentdeckung verschollen geglaubter Arten, sondern auch die Entdeckung bislang unbekannter Arten und das frühzeitige Erkennen von Bestandsrückgängen.
Ein Beispiel dafür liefert Südafrika: Dort wurde 2022 durch gezielte Feldarbeit die Orangefarbene Sandveld-Eidechse (Nucras aurantiaca) wiederentdeckt, was eine Neubewertung ihres Gefährdungsstatus ermöglichte. Solche Funde machen deutlich, wie eng wissenschaftliche Erkenntnis und konkreter Artenschutz miteinander verknüpft sind.
Für A. laevis beginnt dieser Prozess gerade erst. Ob die Art langfristig überlebt, hängt nun davon ab, ob weitere Populationen entdeckt werden und ob es gelingt, die verbliebenen Bergwälder ihres Lebensraums wirksam zu schützen.
Quellen
- Ayala, F. (2026, 11. Februar). Mythic Peruvian Anoles Rediscovered. Anole Annals.
https://www.anoleannals.org/2026/02/11/mythic-peruvian-anoles-rediscovered/ - Ayala-Varela, F., Venegas, P. J., García-Ayachi, L. A. & Poe, S. (2026). Mythic lizard rediscovered: redescription of Anolis laevis Cope 1876 (Squamata: Anolidae) from recent collections in Peru. Zootaxa, 5752 (4), 516–530. https://doi.org/10.11646/zootaxa.5752.4.4
- Villellas, A. (2026, 18. Februar). Lost Peruvian lizard reappears after 150 years. Earth.com
https://www.earth.com/news/lost-peruvian-lizard-reappears-after-150-years
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