Erstmals seit über einem halben Jahrhundert kehren Przewalski-Pferde (Equus ferus przewalskii) in die zentralasiatische Steppe Kasachstans zurück – darunter vier Tiere aus dem Tierpark Berlin. Die Auswilderung im Juni 2025 ist aber kein Neubeginn, sondern das jüngste Kapitel in der langen Geschichte der Rettung einer Wildpferdart, die einst in freier Natur verschwand und nur dank der Erhaltungszucht in Zoos überlebte.
Der Niedergang der Przewalski-Pferde
Als der russische Forschungsreisende Nikolai Michailowitsch Przewalski 1877 mit einem Wildpferdefell und einem Schädel aus der Dsungarei – einer abgelegenen Region im heutigen Nordwesten Chinas – nach St. Petersburg zurückkehrte, hielten europäische Zoologen das „echte Wildpferd“ bereits für ausgestorben. Vier Jahre später beschrieb der Naturforscher Iwan Semjonowitsch Poljakow das Tier wissenschaftlich und benannte es zu Ehren seines Sammlers: Equus przewalskii.
Archäologische Funde belegen die Existenz des Przewalski-Pferdes bereits in der Kupferzeit, etwa 3000 v. Chr. Einst durchstreifte es die offenen Steppenlandschaften Zentralasiens – von der Mongolei über China bis nach Kasachstan und Südrussland. Doch schon zum Zeitpunkt seiner Erstbeschreibung 1881 war die Art auf wenige, schwer zugängliche Gebirgsregionen an der mongolisch-chinesischen Grenze zurückgedrängt.

(© Herbert Behrens / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons)
Ursprünglich bewohnte das Przewalski-Pferd fruchtbare Grasländer, doch wie der ausgestorbene Auerochse war es ein Kulturflüchter. Mit der Ausbreitung der menschlichen Zivilisation, zunehmender Bejagung, Weidewirtschaft und Konkurrenz durch Haus- und Nutztiere wich es auf immer kargere und abgelegenere Lebensräume aus. Die Dsungarei – mit spärlichem Nahrungsangebot und wenigen Wasserstellen – war wohl eher ein Rückzugsgebiet als idealer Lebensraum. In der Mitte des 20. Jahrhunderts begannen schließlich auch Nomaden, dieses letzte Refugium im Sommer zu beweiden.
Mit dem Einsatz moderner Jagdwaffen verschärfte sich die Lage zusätzlich. In strengen Wintern wurden Wildpferde gezielt geschossen – auch aus Nahrungsknappheit. Sichtungen wurden immer seltener: In den 1940er- und 1950er-Jahren wurden nur noch vereinzelte Gruppen in der Mongolei beobachtet. Der letzte gesicherte Nachweis stammt aus dem Jahr 1969, als der mongolische Wissenschaftler N. Dovchin einen Hengst in der Dsungarischen Gobi sah. Danach blieb jede Suche erfolglos. Das Przewalski-Pferd galt über 30 Jahre lang als in der Wildnis ausgestorben.
Dabei handelt es sich beim Przewalski-Pferd nicht etwa um ein verwildertes Hauspferd wie den nordamerikanischen Mustang, sondern um die letzte überlebende Wildform des Pferdes. Genetisch und morphologisch lässt sich die Art klar von domestizierten Pferden unterscheiden. So besitzen Przewalski-Pferde 66 Chromosomen – Hauspferde nur 64. Ihr Erbgut gilt als ursprünglicher, ihr Körperbau robuster und besser an das Leben in offenen Steppen angepasst.
Erhalt durch Haltung: Zoos als letzte Zuflucht
Ohne den rechtzeitigen Fang weniger Jungtiere wäre das Przewalski-Pferd vermutlich dasselbe Schicksal ereilt wie dem Tarpan (Equus ferus ferus), der um 1879 ausstarb. Zwischen 1899 und 1903 gelangten insgesamt 28 Fohlen – eingefangen von Expeditionsjägern wie Carl Hagenbeck – in europäische Zoos. Die Methoden waren aus heutiger Sicht grausam: Erwachsene Stuten wurden oft erschossen, um die führungslosen Fohlen leichter fangen zu können. Zur Aufzucht brachte man Hauspferd-Stuten mit, deren eigene Fohlen getötet wurden, damit sie die Przewalski-Fohlen annahmen. Dennoch überlebten viele der ersten Wildfänge die Strapazen nicht.
Bis zum Aussterben der Wildpopulation wurden insgesamt 53 Wildfänge dokumentiert. Nur zwölf dieser Tiere trugen jedoch zur genetischen Basis der heutigen Population bei – also hatten Nachkommen, deren Linien bis heute fortbestehen.

(© Doreen Fräßdorf)
Ein weiterer Einschnitt erfolgte mit dem Zweiten Weltkrieg: 1945 lebten weltweit nur noch 31 Przewalski-Pferde in menschlicher Obhut. Neun von ihnen – gehalten in Prag und München – bildeten die Gründertiere der späteren Erhaltungszucht. Sie stammen größtenteils von jenen wenigen Wildfängen ab, ergänzt durch zwei Tiere mit Hauspferde-Hintergrund: ein Hybrid aus Halle von 1906 und eine Tarpan-artige Stute aus Askania Nova.
Angesichts der extrem schmalen genetischen Basis drohte Inzucht. Um dem entgegenzuwirken, wurde in den 1950er-Jahren ein internationales Zuchtbuch eingeführt. Es ermöglichte die systematische Koordination der Zuchtlinien und den gezielten Austausch von Tieren zwischen Zoos. Der letzte dokumentierte Wildfang – eine Stute aus dem Jahr 1947 – brachte noch einmal frisches Erbgut in die Population ein.
Trotz aller Risiken hat sich die Population durch gezielte Planung stabilisiert. Moderne genetische Analysen zeigen, dass die heutigen Przewalski-Pferde dem ursprünglichen Wildtyp genetisch äußerst nahe stehen.
Bestandsentwicklung:
- 1965: rund 130 Tiere in über 30 Einrichtungen weltweit
- 1979: etwa 400 Tiere in 16 Einrichtungen
- 1990er-Jahre: über 1.500 Individuen
- 2014: 1.988 Tiere laut internationalem Zuchtbuch
- 2020: 2.000 bis 2.500 Przewalski-Pferde weltweit, davon über 1.300 halbwild oder freilebend
- Heute: IUCN-Status „stark gefährdet“ (endangered), mit 178 als „reif“ geltenden Wildtieren
Zuchtzentren für Przewalski-Pferde befinden sich heute unter anderem im Prager Zoo, in Askania Nova (Ukraine), im Tierpark Berlin, im Tierpark Hellabrunn (München), im Hortobágy-Nationalpark (Ungarn), in Le Villaret (Frankreich), in Orenburg (Russland) und in der Döberitzer Heide (Deutschland).
Przewalski-Pferd: Noch immer stark gefährdet
Trotz des weltweiten Bestands von über 2.000 Tieren gilt das Przewalski-Pferd laut IUCN weiterhin als „stark gefährdet“. 2012 bezifferte die Internationale Union zur Bewahrung der Natur die Zahl der „reifen“ Tiere – also jener, die sich erfolgreich in freier Wildbahn fortgepflanzt haben – auf lediglich 178.
Diese Einstufung basiert vor allem auf den Wiederansiedlungen in der Mongolei, wo die einzigen über Generationen stabilen Wildpopulationen bestehen. Andere Gruppen, etwa in China oder Europa, werden bislang nicht vollständig berücksichtigt – unter anderem, weil sie saisonal gefüttert werden, in umzäunten Arealen leben oder noch keine langfristigen Reproduktionsdaten vorliegen.
Auswilderung und Wiederansiedlung
Die Rückkehr der Przewalski-Pferde in ihren natürlichen Lebensraum begann in den frühen 1990er-Jahren, zunächst in der Mongolei. Inzwischen existieren auch Populationen in China, Ungarn, der Ukraine, Frankreich und seit Kurzem wieder in Kasachstan.
Mongolei
Im Takhin-Tal, einer kargen Region der Dsungarischen Gobi, entstand 1992 das erste mongolische Auswilderungszentrum. Bis 2004 wurden dort 90 Tiere aus europäischen Zoos angesiedelt. Die Population entwickelte sich zunächst gut, wurde jedoch durch einen extrem harten Winter 2009/10 stark dezimiert: Von 138 Tieren überlebten nur 49. Bis 2013 hatte sich der Bestand wieder auf rund 90 erholt.
Etwa 600 Kilometer nördlich, im Hustai-Nationalpark westlich von Ulaanbaatar, begann 1992 ein zweites Projekt. Bis 2000 wurden 84 Tiere importiert. Dank günstiger Bedingungen und erfolgreicher Nachzucht lebten dort 2013 bereits 297 Tiere, organisiert in 29 sogenannten Harems – Sozialgruppen mit einem Hengst, mehreren Stuten und deren Nachkommen. Diese natürliche Sozialstruktur entspricht dem natürlichen Verhalten freilebender Przewalski-Pferde und ist ein wichtiges Indiz für die erfolgreiche Anpassung an den Lebensraum.
Als dritte Region kam 2004/2005 Khomiin-Tal im Puffergebiet des Khar Us Nuur-Nationalparks hinzu. Die Tiere stammten aus dem französischen Zentrum Le Villaret. Bis 2013 wuchs die Population dort auf 40 Tiere an. Alle drei Gebiete sind nicht nur Lebensräume, sondern auch Teil eines wissenschaftlich begleiteten Langzeitversuchs zur Wiederansiedlung der einst fast ausgestorbenen Art.

(© Marián Polák, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
China
Seit 2001 wurden auch in China Przewalski-Pferde wiederangesiedelt. Im Kalamaili-Naturreservat (Xinjiang) lebten 2013 über 120 Tiere, die im Winter teilweise in Gehege zurückgeführt werden. Weitere kleine Gruppen gibt es im Gansu-Gebiet bei Dunhuang. Diese Populationen sind jedoch fragil: Von 59 zwischen 2009 und 2013 geborenen Fohlen überlebten nur 19.
Europa und Zentralasien
In Europa und angrenzenden Regionen entstanden mehrere halbwilde Herden, die als genetische Reserve oder zur Vorbereitung auf spätere Auswilderungen dienen:
- Ungarn (Hortobágy): Über 250 Tiere auf 700 km² Steppe (Stand 2014) – eine der größten halbwilden Gruppen weltweit.
- Frankreich (Le Villaret): Zentrum für naturnahes Verhaltenstraining und zur Vorbereitung auf das Leben in der Wildnis.
- Ukraine (Tschernobyl-Zone): Trotz Wilderei lebten 2014 rund 60 Tiere in der verlassenen Sperrzone.
- Usbekistan (Bukhara): 24 Tiere in einem 51 km² großen Schutzgebiet (Stand 2013).
- Russland (Orenburg): Erste Wiederansiedlung im Jahr 2016.
- Spanien (Iberische Hochebene): 2023 wurden zehn Tiere aus Frankreich durch Rewilding Europe eingeführt.
Dieser Überblick zeigt: Die Wiederansiedlung des Przewalski-Pferdes ist kein punktuelles Ereignis, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger internationaler Zusammenarbeit in Zucht, Habitatmanagement und Wissenschaft.
Neueste Wiederansiedlung: Kasachstan 2024/2025
Im Juni 2024 begann in Kasachstan ein neues Auswilderungsprojekt. Sieben Tiere aus Prag, Berlin und weiteren Zoos wurden in die Steppenregion Altyn Dala gebracht. Im Juni 2025 folgte eine zweite Gruppe: vier Tiere aus dem Tierpark Berlin sowie weitere aus Hortobágy und Prag.
Die Pferde wurden zunächst in Akklimatisierungsgehegen gehalten, wo sie sich an Klima, Nahrung und Sozialstruktur gewöhnen konnten. Die vollständige Freilassung in die offene Steppe erfolgte am 18. Juni 2025. GPS-Halsbänder, Kamerafallen und Sichtbeobachtungen ermöglichen die engmaschige Überwachung der Tiere.
Vorbereitet wurden sie bereits in Berlin auf die Bedingungen Kasachstans. Das Projekt wird von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, dem kasachischen Umweltministerium, dem Prager Zoo, der tschechischen Armee und weiteren Partnern getragen.
Perspektiven für das letzte Wildpferd

(© Doreen Fräßdorf)
Die Wiederansiedlung von Przewalski-Pferden in Kasachstan markiert einen wichtigen Meilenstein im globalen Artenschutz. Sie ist kein Neubeginn, sondern die Fortsetzung eines jahrzehntelangen internationalen Engagements zur Rettung der letzten echten Wildpferde. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur ihre Rückkehr in die eurasische Steppe, sondern vor allem die Sicherung ihrer genetischen Vielfalt – ein zentraler Faktor für die langfristige Überlebensfähigkeit der Art.
Das Schutzgebiet Altyn Dala bietet aus Sicht der Projektpartner ideale Bedingungen: Es ist weitläufig, dünn besiedelt und reich an geeigneten Nahrungspflanzen. Gleichzeitig profitieren die Przewalski-Pferde von der Unterstützung lokaler Naturschutzorganisationen. Die Rückkehr der Tiere kann so nicht nur zur ökologischen Aufwertung der Region beitragen, sondern auch das gesellschaftliche Bewusstsein für den Schutz bedrohter Arten stärken. Bis 2029 soll die Zahl auf etwa 45 Tiere anwachsen.
Ob das gelingt, hängt davon ab, wie gut sich die Pferde an Klima, Raubtiere und Lebensraumbedingungen anpassen – und ob es gelingt, ihre genetische Vielfalt durch sorgfältig abgestimmte Zucht- und Umsiedlungsstrategien zu bewahren.
Klar ist: Ohne Zoos gäbe es das Przewalski-Pferd heute nicht mehr. Nur durch koordinierte Erhaltungszucht, internationales Zuchtbuchmanagement und wissenschaftlich begleitete Wiederansiedlungsprojekte konnte die Art vor dem Aussterben bewahrt werden. Die heutigen Bestände in der Mongolei, China, Osteuropa und Kasachstan sind ein direktes Ergebnis dieser weltweiten Zusammenarbeit. Das Przewalski-Pferd steht für die Chancen, die entstehen, wenn Artenschutz konsequent, langfristig und global gedacht wird.
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