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Mehr als eine Million Insektenarten wurden bislang wissenschaftlich beschrieben. Das klingt nach einer gewaltigen Zahl, könnte aber nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Vielfalt darstellen. Eine neue PNAS-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass weltweit mindestens 14 bis 20 Millionen Insektenarten existieren könnten. Bisherige Schätzungen gingen dagegen bisher von rund sechs Millionen Arten aus.
Sollte die neue Schätzung zutreffen, wäre damit weniger als jede zehnte Insektenart wissenschaftlich beschrieben. Besonders groß dürfte die Wissenslücke bei kleinen und leicht zu übersehenden Insekten sein, etwa bei vielen Fliegen und parasitoiden Wespen.
Wie zählt man Arten, die noch niemand kennt?
Seit Carl von Linné im 18. Jahrhundert das System der wissenschaftlichen Artnamen einführte, haben Taxonomen rund zwei Millionen Arten beschrieben. Doch wie viele Arten tatsächlich auf der Erde leben, weiß niemand. Besonders schwierig ist eine Schätzung bei Insekten: Sie sind enorm vielfältig, oft winzig und leben teilweise in schwer zugänglichen Lebensräumen.
Für ihre Studie mussten die Forschenden daher einen anderen Weg finden. Als Grundlage nutzten sie einen der weltweit am intensivsten untersuchten tropischen Lebensräume: die Área de Conservación Guanacaste (ACG) im Nordwesten Costa Ricas. Das rund 169.000 Hektar große Schutzgebiet umfasst unter anderem Trockenwald, Regenwald und Bergnebelwald.
An 15 Standorten sammelte das Forschungsteam mit Malaise-Fallen fliegende Insekten. Dabei kamen mehr als 1,6 Millionen Exemplare zusammen. Mithilfe von DNA-Barcodes konnten sie diese 53.945 genetisch unterscheidbaren Einheiten zuordnen.
Diese Einheiten entsprechen nicht automatisch 53.945 bereits wissenschaftlich beschriebenen Arten. Die Forschenden verwendeten sogenannte Barcode Index Numbers (BINs), mit denen Tiere anhand der Ähnlichkeit bestimmter DNA-Abschnitte zu Gruppen zusammengefasst werden, die als Näherung für einzelne Arten dienen. Doch selbst diese riesige Stichprobe erfasste nur einen Teil der tatsächlich im Untersuchungsgebiet vorkommenden Insektenvielfalt.
Winzige Wespen zeigen, wie viel verborgen bleibt

Bild: Alandmanson, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Eine entscheidende Rolle für die Hochrechnung spielten die Microgastrinae, eine sehr artenreiche Unterfamilie der Brackwespen. Diese meist nur zwischen einem und vier Millimeter langen parasitoiden Insekten legen ihre Eier in Schmetterlingsraupen. Ihre Larven entwickeln sich im Wirt, der währenddessen zunächst weiterlebt und schließlich stirbt.
In den 15 zentralen Malaise-Fallen fanden die Forschenden 388 Microgastrinae-Arten bzw. BINs. Für diese Wespen gab es jedoch weit mehr Vergleichsdaten: Neben zusätzlichen Fallen standen auch Tausende Exemplare zur Verfügung, die aus zuvor gesammelten Raupen aufgezogen worden waren.
Aus allen Erfassungsmethoden zusammen waren 1.414 Microgastrinae-Einheiten bekannt. Doch auch damit war die tatsächliche Vielfalt noch nicht vollständig erfasst. Mithilfe eines statistischen Verfahrens, das auch in der Epidemiologie eingesetzt wird, verglichen die Forschenden die verschiedenen Datensätze miteinander. Aus ihren Überschneidungen lässt sich abschätzen, wie viele Arten von keiner der Methoden gefunden wurden.
So kamen sie für das Schutzgebiet auf schätzungsweise 2.394 Microgastrinae-Arten. Die 388 Einheiten aus den 15 Hauptfallen entsprachen damit nur etwa 16 % der geschätzten Vielfalt dieser Wespen.
Dieses Verhältnis übertrug das Forschungsteam anschließend auf alle Insekten aus den Hauptfallen. Wenn dort ebenfalls nur rund 16 % der vorhandenen Vielfalt erfasst worden waren, würden die knapp 54.000 nachgewiesenen Arteneinheiten auf insgesamt etwa 333.000 Insektenarten im Untersuchungsgebiet hindeuten.
Von einem Schutzgebiet zur gesamten Erde
Damit war zunächst nur die Insektenvielfalt im untersuchten Schutzgebiet geschätzt. Um daraus auf die weltweite Zahl der Insektenarten zu schließen, nutzten Robert C. Colwell und sein Team vier andere Tier- und Pflanzengruppen als Vergleich: Bäume, Säugetiere, Amphibien und Pfauenspinner.
Von diesen Gruppen ist bekannt, wie viele Arten in der Área de Conservación Guanacaste vorkommen und wie viele es ungefähr weltweit gibt. Aus diesem Verhältnis lässt sich abschätzen, welchen Anteil der globalen Artenvielfalt das Schutzgebiet beherbergt. Die Forschenden übertrugen diese Verhältnisse anschließend auf die zuvor geschätzten 333.000 Insektenarten der ACG.
Je nach Vergleichsgruppe ergaben sich so weltweite Schätzungen von etwa 14,2 bis 20,3 Millionen Insektenarten. Im Mittel lagen die vier Berechnungen bei rund 17,3 Millionen Arten. Die Forschenden verstehen diese Werte ausdrücklich als konservative Schätzung, also als vorsichtig angesetzte Untergrenze. Letztendlich gehen sie davon aus, dass auf der Erde mindestens 14 bis 20 Millionen Insektenarten leben könnten.
Diese Zahl ist keine exakte Bestandsaufnahme. Sie beruht auf zwei aufeinanderfolgenden Hochrechnungen: zunächst von den besonders gut untersuchten Microgastrinae auf die gesamte Insektenvielfalt des Schutzgebiets und anschließend von diesem Gebiet auf die Erde.
Die wichtigste Erkenntnis ist deshalb weniger die genaue Zahl innerhalb dieser Spannweite. Entscheidend ist vielmehr die Größenordnung: Die tatsächliche Vielfalt der Insekten könnte zwei- bis dreimal größer sein als bislang angenommen.

Bild: Depositphotos (Kooperation)
Bedeuten mehr unbekannte Insektenarten auch mehr bedrohte Arten?
Der Beitrag für The Conversation weist Dirk Steinke, einer der Autoren der neuen Studie, auf eine beunruhigende Konsequenz hin: Wenn auf der Erde deutlich mehr Insektenarten leben als wir dachten, könnte auch die absolute Zahl der vom Aussterben bedrohten Arten sehr viel höher sein.
Dabei ist eine wichtige Einschränkung nötig: Die PNAS-Studie selbst untersucht nicht, wie viele Insektenarten gefährdet sind. Sie analysiert weder Bestandsentwicklungen noch das Aussterberisiko einzelner Arten. Ihre Ergebnisse verändern erst einmal nur unsere Vorstellung davon, wie groß die weltweite Insektenvielfalt ist.
Für den Artenschutz wird das relevant, wenn man die neue Schätzung mit bisherigen Annahmen zum Gefährdungsgrad verbindet. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES ging in seinem globalen Bericht von 2019 von rund 8,1 Millionen Tier- und Pflanzenarten aus, etwa drei Viertel davon Insekten. Da für die meisten artenreichen Insektengruppen keine weltweiten Gefährdungsbewertungen vorliegen, nahm der Bericht vorsichtig an, dass ungefähr 10 % der Insektenarten vom Aussterben bedroht sein könnten. Insgesamt kam IPBES so auf mehr als eine Million bedrohte Tier- und Pflanzenarten.
Sollten jedoch tatsächlich 14 bis 20 Millionen Insektenarten existieren, würde sich auch diese Größenordnung verändern. Überträgt man den von IPBES angenommenen Anteil von 10 % auf die neue Schätzung, ergäben sich rechnerisch etwa 1,4 bis 2 Millionen bedrohte Insektenarten.
Das ist keine neue Gefährdungsprognose, sondern lediglich eine Hochrechnung auf Grundlage zweier Schätzungen. Sie zeigt dennoch: Wenn die tatsächliche Insektenvielfalt bislang stark unterschätzt wurde, könnte auch die absolute Zahl gefährdeter Arten wesentlich höher sein als bisher angenommen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Für einen großen Teil dieser vermuteten Millionen Arten gibt es keine Bestandsdaten, keine Verbreitungskarten und keine individuelle Gefährdungsbewertung. Viele sind noch nicht einmal wissenschaftlich beschrieben. Arten könnten deshalb stark zurückgehen oder sogar aussterben, ohne dass ihr Verschwinden jemals dokumentiert – oder überhaupt bemerkt – wird.
Unbekannt bedeutet nicht unbedeutend
Die Microgastrinae zeigen, warum unser Bild der Insektenwelt noch so unvollständig ist. Auffällige Schmetterlinge, Libellen oder große Käfer werden vergleichsweise häufig beobachtet und untersucht. Ein großer Teil der tatsächlichen Vielfalt besteht allerdings aus kleineren Wespen, Fliegen und anderen Insekten, die selbst Fachleute nur mit großem Aufwand aufspüren und voneinander unterscheiden können.

Bild: Doreen Fräßdorf
Ökologisch sind diese Arten deshalb noch lange nicht bedeutungslos. Parasitoide Wespen beeinflussen die Populationen ihrer Wirtsarten und sind Teil komplexer Nahrungsnetze. Andere Insekten wirken als Bestäuber oder Zersetzer, regulieren andere Tierpopulationen oder dienen selbst zahlreichen Arten als Nahrung.
Die aktuelle Studie macht damit auch auf eine grundlegende Schwierigkeit beim Erfassen des Artensterbens aufmerksam: Wir versuchen den Verlust der biologischen Vielfalt zu messen, obwohl wir einen großen Teil dieser Vielfalt noch gar nicht kennen.
Das bedeutet nicht, dass eine Art erst wissenschaftlich beschrieben sein muss, bevor sie geschützt werden kann. Insbesondere dort, wo die Artenkenntnis lückenhaft ist, gewinnt der Schutz ganzer Lebensräume an Bedeutung. Ein intaktes Moor oder ein naturbelassener tropischer Wald schützt nicht nur bekannte Vögel, Säugetiere und Schmetterlinge, sondern zugleich zahlreiche weniger bekannte oder bislang unentdeckte Arten.
Was wir wissenschaftlich erfasst haben, ist nur ein Ausschnitt der tatsächlichen Insektenvielfalt. Die Studie legt nahe, dass der noch unbekannte Teil wesentlich größer ist als bisher vermutet.
Quellen
- Colwell, R. K., Guzman, L. M., Steinke, D., & Sharey, M. J. (2026): Constructing a lower-bound estimate of the global number of insect species on a hyperdiverse empirical foundation. Proceedings of the National Academy of Sciences 123(27), e2524283123. https://doi.org/10.1073/pnas.2524283123
- IPBES. (2019). Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and ecosystem services. IPBES Secretariat, Bonn, Germany.
- Steinke, D. (2026, 9. August). New research estimates around 20 million insect species on Earth — doubling those facing extinction. The Conservation.
https://theconversation.com/new-research-estimates-around-20-million-insect-species-on-earth-doubling-those-facing-extinction-288330
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