Mehr als ein Jahrhundert lang galt sie als verschollen – nun ist sie wieder aufgetaucht: Im Juli 2025 entdeckte der Vogelbeobachter Noah Saleme im entlegenen Tayandu-Archipel in den Molukken (Indonesien) mehrere Exemplare einer Unterart des Weißhals-Dickkopfs (Pachycephala arctitorquis tianduana). Damit gelang der erste gesicherte Nachweis seit ihrer ursprünglichen Beschreibung durch den deutschen Ornithologen Ernst Hartert im Jahr 1901.
Über den Weißhals-Dickkopf

(© William Matthew Hart, Public domain, via Wikimedia Commons)
Der Weißhals-Dickkopf (Pachycephala arctitorquis) ist ein rund 14 Zentimeter großer Singvogel mit kräftigem Schnabel. Die Männchen tragen eine schwarze Kopfhaube, eine weiße Kehle, ein dunkles Brustband, dessen Breite je nach Unterart variiert, sowie eine helle Unterseite. Weibchen sind bräunlich gefärbt und zeigen feine Streifen auf der Brust. Charakteristisch ist der Gesang, der aus klaren, flötenden Pfiffen besteht und sich zwischen den Unterarten unterscheidet.
Die Art bewohnt unterschiedliche Waldlebensräume der Kleinen Sundainseln (Romang, Damar, Moa, Sermata und Babar) sowie der südlichen Molukken (Tanimbar- und Tayanduinseln).
Bisher wurden drei Unterarten beschrieben:
- P. a. kebirensis – Kleine Sundainseln: Romang, Damar, Moa und Sermata
- P. a. arctitorquis – Molukken: Tanimbarinseln
- P. a. tianduana – beschrieben von den Tayanduinseln, die zu den Kei-Inseln und damit zu den Molukken gehören
Von der Tayandu-Form existierten bis vor kurzem lediglich fünf Museumsexemplare, die Ernst Hartert 1901 und 1902 gesammelt hatte. Mehr als 120 Jahre lang blieb diese Unterart nur ein Eintrag in alten Sammlungsverzeichnissen – viele Fachleute hielten sie deshalb für ausgestorben.
In einer 2013 in der Fachzeitschrift The Western Australian Naturalist veröffentlichten Übersicht kamen die Ornithologen Ronald Eric Johnstone und Bas van Balen sogar zu dem Schluss, dass die tianduana-Unterart mit hoher Wahrscheinlichkeit verschwunden sei, da es seit Harterts Erstbeschreibungen keine weiteren Nachweise mehr gab.
Die Wiederentdeckung der tianduana-Unterart
Der Vogelbeobachter Noah Saleme, der mehrere Jahre auf den Kei-Inseln gelebt hatte, machte sich im Sommer 2025 gezielt auf die Suche nach den Weißhals-Dickköpfen der Tayanduinseln. Sein erstes Ziel war die kleine Insel Heniar. Da dort fast alle Primär- und Sekundärwälder verschwunden waren, wollte er eigentlich weiter nach Walir reisen, wo es noch größere Waldflächen gibt.
Doch dann hörte Saleme inmitten der Gärten des kleinen Dorfes Yamtel in einem Obstbaum plötzlich einen unbekannten Gesang. Wenig später entdeckte er tatsächlich ein Männchen des Weißhals-Dickkopfs – und es unterschied sich klar von den beiden bekannten Unterarten.
In den folgenden Tagen konnte Saleme mindestens vier Männchen und ein Weibchen beobachten. Er machte nicht nur Fotos, sondern auch Tonaufnahmen und stellte dabei markante Unterschiede fest:
- Gefieder: grauerer Rücken, weniger Kontrast zur schwarzen Kopfhaube, breiteres Brustband
- Gesang: langsamer, variantenreicher, eher flötenartig – ähnlich dem nah verwandten Molukkendickkopf (Pachycephala griseonota) – Tonbeispiele auf Xeno Canto verfügbar
Damit gelangen Saleme wahrscheinlich die ersten jemals bekannten Fotos und Tonaufnahmen dieser lange verschollenen Unterart.

(Karte modifiziert nach: © Uwe Dedering, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
P. a. tinanduana: Künftig eigene Art statt Unterart?
Die Wiederentdeckung der Tayandu-Vögel fiel zeitlich mit einer neuen genetischen Studie zusammen, die 2025 in Molecular Ecology veröffentlicht wurde. Darin analysierten Forschende die DNA verschiedener Dickkopf-Arten – mit einem überraschenden Ergebnis: Die Population von den Tayanduinseln trägt ihr Erbgut nahezu zu gleichen Teilen vom Weißhals-Dickkopf und vom Molukkendickkopf.
Die Unterart ist also höchstwahrscheinlich durch Hybridisierung entstanden – also durch die Vermischung zweier Arten. Genetische Analysen zeigen deutlich, dass die Tayandu-Vögel genau zwischen den beiden Elternarten stehen. Noch unklar ist, ob sie aus einer einmaligen Kreuzung hervorgingen oder ob über viele Generationen hinweg wiederholt Gene ausgetauscht wurden.
Normalerweise sind endemische Dickköpfe durch ihre isolierte Lage nur wenig genetischem Austausch ausgesetzt. Doch Ausnahmen sind möglich: Die Gattung hat es im Laufe der Evolution geschafft, fast alle großen Inseln des Indopazifik bis nach Samoa zu besiedeln. Hinzu kommt, dass die Unterart kuehni des Molukkendickkopfs im benachbarten Kei-Archipel vorkommt – nur rund 30 Kilometer von Tayandu entfernt und lediglich durch die flachen Gewässer der Bandasee getrennt.
Für die Wissenschaft ist das ein anschauliches Beispiel dafür, wie dynamisch Evolution auf Inseln verlaufen kann. Wo Arten auf engem Raum zusammentreffen und sich Lebensräume ständig verändern, können völlig neue Formen entstehen – manchmal sogar eigenständige Arten. Genau das könnte hier der Fall sein: Einige Fachleute schlagen bereits vor, die Tayandu-Vögel künftig als eigene Art Pachycephala tianduana anzuerkennen. Ob diese Aufwertung tatsächlich erfolgt, soll eine umfassende Neubewertung der gesamten Dickkopf-Gruppe im Jahr 2026 zeigen.
Bedeutung für den Artenschutz
Besonders bemerkenswert ist, dass die Vögel auf Heniar offenbar nicht extrem selten sind. Trotz starker Abholzungen und gravierender Landschaftsveränderungen konnten sie sich in Gärten und Sekundärwäldern halten. Das macht Hoffnung, dennoch bleibt der fortschreitende Verlust von Lebensräumen eine ernste Bedrohung.
Die Wiederentdeckung dieser Unterart – ebenso wie die Wiederentdeckung der Wallace-Riesenbiene im Jahr 2023 – zeigt, dass die Inselwelt Indonesiens noch immer voller Überraschungen steckt. Die Region ist ein Hotspot des Endemismus, doch viele Arten sind bis heute kaum erforscht und könnten unbemerkt verschwinden.
Der Fund der tianduana-Unterart verdeutlicht, wie wichtig gezielte Feldforschung ist: Sie bringt nicht nur verschollen geglaubte Arten wieder ans Licht, sondern liefert auch entscheidende Erkenntnisse für ihren Schutz. Gleichzeitig erinnert er daran, wie fragil eigentlich die Ökosysteme kleiner Inseln und wie wichtig wissenschaftliche Aufmerksamkeit und Schutzmaßnahmen sind.
Quellen
- Irestedt, M., Müller, I. A., Thörn, F., et al. (2025). Reticulate and hybrid speciation is promoted by environmental instability in an Indo-Pacific species complex of whistlers (Aves: Pachycephala). Molecular Ecology. https://doi.org/10.1111/mec.70018
- Ornithomedia. (2025, 5. September). Redécouverte probable de la mystérieuse sous-espèce tianduana du Siffleur de Wallace, plus de 120 ans après sa description. Ornithomedia.com. https://www.ornithomedia.com/breves/redecouverte-probable-de-la-mysterieuse-sous-espece-tianduana-du-siffleur-de-wallace-plus-dun-siecle-apres-sa-description/
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