Unkraut?
Unkraut? Oder einfach nur eine Pflanze am falschen Ort? Bild: Depositphotos (Kooperation)

Warum es kein Unkraut gibt

Inhaltsverzeichnis

Wie ein Begriff die Wahrnehmung von Wildpflanzen prägt – und warum manche vermeintlichen „Unkräuter“ heute selbst bedroht sind.

„Giersch erfolgreich entfernen“, „Strategien gegen Disteln“, „Unkraut im Rasen dauerhaft beseitigen“ oder „So werden Sie Unkraut für immer los“: Mit Beginn der Gartensaison kehren solche Überschriften regelmäßig in Zeitschriften und Online-Ratgebern zurück. Kaum eine andere Gruppe von Lebewesen wird so selbstverständlich mit Begriffen wie bekämpfen, vernichten oder beseitigen verbunden wie das sogenannte Unkraut.

Doch was ist Unkraut überhaupt? Aus botanischer Sicht lautet die Antwort: Es gibt keines. „Unkraut“ ist keine wissenschaftliche Pflanzenkategorie, sondern ein menschliches Werturteil. Löwenzahn, Brennnessel, Distel und Giersch sind eigenständige Arten mit einer langen Evolutionsgeschichte, besonderen Anpassungen und vielfältigen Beziehungen zu anderen Lebewesen. Unerwünscht werden sie erst durch den Ort, an dem sie wachsen – oder genauer gesagt: durch unsere Erwartungen an diesen Ort.

Ein Löwenzahn gilt auf dem kurz gehaltenen Rasen als Störenfried, eine Distel im Weizenfeld als Konkurrentin der Kulturpflanze. Auf einer Trockenwiese kann dieselbe Distel jedoch eine wertvolle Nektarquelle sein. Für die Raupen verschiedener Schmetterlinge ist die Brennnessel kein lästiger Wildwuchs, sondern Nahrung. Und für den Stieglitz sind Distelsamen kein Ärgernis, sondern Lebensgrundlage.

Der Begriff „Unkraut“ sagt deshalb weniger über eine Pflanze aus als über den Menschen, der sie betrachtet. Wir entscheiden, welche Arten nützlich, schön und erwünscht erscheinen und welche am vermeintlich falschen Ort wachsen.

Stieglitz und Distel
Für viele Menschen ist die Distel ein Unkraut. Für den Stieglitz (Carduelis carduelis) ist sie dagegen eine wichtige Nahrungsquelle, weshalb er auch den Namen Distelfink trägt.
Bild: מינוזיג – MinoZig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Woher kommt der Begriff „Unkraut“?

Die Geschichte des Unkrauts beginnt mit dem Ackerbau. Als Menschen begannen, Pflanzen gezielt anzubauen, wurden andere Arten auf derselben Fläche zu Konkurrenten: Sie beanspruchten Licht, Wasser und Nährstoffe, erschwerten die Ernte oder gelangten ins Saat- und Erntegut.

Mit den ersten Bauern gelangten vor rund 7.000 Jahren auch typische Ackerbegleitpflanzen aus dem Nahen Osten nach Europa. Später kamen durch Handel und Saatgut weitere Arten hinzu. Pflanzen, die sich vor 1492 etablierten, werden als Archäophyten bezeichnet, später eingeführte als Neophyten.

Ursprünglich bezeichnete „Unkraut“ also Pflanzen, die den Anbau von Nutzpflanzen störten. Problematisch wird der Begriff, wenn er pauschal auf jede spontan wachsende Pflanze übertragen wird.

Wenn selbst „Unkraut“ selten wird

Wie erfolgreich unerwünschte Pflanzen bekämpft wurden, zeigt sich ausgerechnet an einigen der früher typischen „Unkräuter“. Viele Ackerwildkräuter, die einst regelmäßig zwischen dem Getreide wuchsen, sind heute selten geworden oder nahezu verschwunden.

Über Jahrhunderte gehörten diese Arten zur europäischen Kulturlandschaft. Sie waren an regelmäßige Bodenbearbeitung, offene Stellen zwischen den Kulturpflanzen und nährstoffarme Äcker angepasst. Die moderne Landwirtschaft veränderte diese Bedingungen grundlegend.

Die aktuelle Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands führt zahlreiche traditionelle Ackerbegleitpflanzen als gefährdet:

  • Kornrade (Agrostemma githago) – stark gefährdet
  • Kleiner Frauenspiegel (Legousia hybrida) – stark gefährdet
  • Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis) – stark gefährdet
  • Flammen-Adonisröschen (Adonis flammea) – vom Aussterben bedroht
  • Acker-Haftdolde (Caucalis platycarpos) – stark gefährdet
  • Venuskamm (Scandix pecten-veneris) – stark gefährdet
  • Acker-Schwarzkümmel (Nigella arvensis) – vom Aussterben bedroht
Kornrade - ein "Unkraut"
Kornrade: Früher gehörte sie zum typischen Bild vieler Getreidefelder. Heute ist sie durch moderne Landwirtschaft, sauberes Saatgut und den Einsatz von Herbiziden aus weiten Teilen Deutschlands verschwunden und gilt als stark gefährdet.
Bild: Inhemska trädgården, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Reineres Saatgut, Herbizide, dichtere Kulturpflanzenbestände, stärkere Düngung und veränderte Fruchtfolgen drängten die Begleitflora der Äcker stark zurück. Was den Anbau produktiver und berechenbarer machte, beseitigte zugleich die Lebensräume vieler spezialisierter Arten.

Die Kornrade etwa war früher ein problematischer Begleiter des Getreides, weil ihre giftigen Samen in das Erntegut gelangen konnten. Heute sorgen moderne Saatgutreinigung und Unkrautbekämpfung dafür, dass sie auf Äckern kaum noch vorkommt. Aus dem bekämpften „Unkraut“ wurde eine stark gefährdete Art.

Auch außerhalb der Äcker verschwinden Wildkräuter. Der Gewöhnliche Andorn (Marrubium vulgare) gilt in Deutschland als vom Aussterben bedroht, das Echte Herzgespann (Leonurus cardiaca) als stark gefährdet und der Gute Heinrich (Chenopodium bonus-henricus) als gefährdet. Sie gehörten einst zur typischen Pflanzenwelt alter Dörfer, Hofstellen, Wegränder und Mauern.

Ihre Standorte gehen verloren, wenn Höfe versiegelt, Mauern saniert, Wegränder häufig gemäht und ungestaltete Flächen konsequent aufgeräumt werden. Damit verschwindet nicht nur Wildwuchs, sondern eine ganze Pflanzenwelt, die über lange Zeit mit menschlichen Siedlungen verbunden war.

Das Wort „Unkraut“ erweckt den Eindruck von Häufigkeit und Unverwüstlichkeit. Doch einer Pflanze ist nicht anzusehen, wie selten sie geworden ist. Was an einer Mauer wie gewöhnlicher Wildwuchs erscheint, kann regional bereits fast verschwunden sein. Eine Pflanze kann an einem Ort unerwünscht sein und zugleich deutschlandweit zu verschwinden drohen.

Was „Unkräuter“ leisten

Mit Wildpflanzen verschwinden nicht nur einzelne Arten, sondern auch ihre Funktionen im Ökosystem. Viele liefern über lange Zeiträume Nektar, Pollen, Blätter oder Samen. Disteln ernähren zunächst Bestäuber und später samenfressende Vögel wie den Stieglitz. Brennnesseln dienen den Raupen mehrerer Schmetterlingsarten als Nahrung. Wegerich, Löwenzahn und zahlreiche unscheinbare Kräuter werden von Insekten genutzt, die wiederum Vögeln und anderen Tieren als Nahrung dienen.

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Raupe vom Tagpfauenauge an Brennnessel
Die Große Brennnessel (Urtica dioica) ist für viele ein lästiges Unkraut. Für die Raupen des Tagpfauenauges (Aglais io) ist sie dagegen eine unverzichtbare Kinderstube und Nahrungsquelle.
Bild: Jan-Herm Janßen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie groß dieser Wert sein kann, zeigte 2022 eine Studie von Nicholas Balfour und Francis Ratnieks. Einige der in Großbritannien offiziell als schädlich eingestuften „Unkräuter“ wurden von besonders vielen Bestäuberarten genutzt – teilweise stärker als Pflanzen, die gezielt für Agrarumweltprogramme ausgewählt worden waren. Der schlechte Ruf einer Pflanze sagt also wenig darüber aus, wie wichtig sie für Insekten ist.

Wildpflanzen können zudem den Boden schützen. Eine geschlossene Pflanzendecke kann Austrocknung, Oberflächenabfluss und Erosion verringern. Auf Äckern, in Weinbergen, an Böschungen und selbst in Pflasterfugen bedeckt sie offenen Boden und unterbricht stark aufgeheizte Flächen. In Städten können solche kleinen Vegetationsinseln Feuchtigkeit zurückhalten und lokal zur Abkühlung beitragen.

Auch Moose erfüllen wichtige Aufgaben. Sie speichern Wasser, schützen ihre unmittelbare Umgebung vor Austrocknung und schaffen auf Böden, Mauern, Felsen oder zwischen Pflastersteinen Lebensräume für Mikroorganismen und kleine wirbellose Tiere.

Selbst in der Landwirtschaft sind Wildkräuter nicht ausschließlich Konkurrenten. Blühende Ackerbegleitpflanzen versorgen Schlupfwespen, Schwebfliegen und andere natürliche Gegenspieler von Schädlingen mit Nahrung. Dadurch können sie die biologische Schädlingsregulation fördern und dazu beitragen, den Bedarf an Insektiziden zu verringern.

Hinzu kommt ihre Bedeutung als genetisches Reservoir. Wildpflanzen und wilde Verwandte unserer Nutzpflanzen bewahren eine große Vielfalt an Erbanlagen. Darunter können Eigenschaften sein, die für künftige Züchtungen wichtig werden – etwa Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit, Krankheiten oder veränderte Klimabedingungen. Andere vermeintliche Unkräuter wie Kamille, Spitzwegerich oder Giersch werden seit Langem als Heil- oder Nahrungspflanzen genutzt.

Das bedeutet nicht, dass jede Art an jedem Standort unproblematisch ist. Auf Äckern können einzelne Pflanzen erhebliche Ertragseinbußen verursachen, invasive Arten heimische Lebensgemeinschaften verändern. Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Pflanze pauschal „gut“ oder „schlecht“ ist, sondern welche Art an welchem Ort wächst und welche Wirkung sie dort entfaltet.

Warum wir sie trotzdem entfernen

Warum werden Wildpflanzen trotz ihres ökologischen Werts so häufig entfernt? Oft liegt es weniger an den Pflanzen selbst als an unserer Vorstellung von Ordnung. Eine Rabatte mit Rosen oder Dahlien erkennen wir als gestaltet und gepflegt. Eine vielfältige Pflanzengemeinschaft in einer Baulücke, an einer Mauer oder zwischen Pflastersteinen wirkt hingegen wie Wildwuchs oder Vernachlässigung.

Giersch (Aegopodium podagraria)
Giersch (Aegopodium podagraria) gehört zu den am häufigsten bekämpften Wildpflanzen in Gärten. Seine Blüten werden von zahlreichen Wildbienen, Schwebfliegen und Käfern besucht. Gleichzeitig wird die Pflanze seit Jahrhunderten als Wildgemüse und Heilpflanze genutzt.
Bild: Cbaile19, CC0, via Wikimedia Commons

Das gilt nicht nur für Wildkräuter. Auch Moose werden von Gehwegen, Mauern oder Dächern entfernt, obwohl sie dort meist keine ökologische Belastung darstellen, sondern Feuchtigkeit speichern und kleine Lebensräume bilden.

Die 2021 veröffentlichte Studie Just weeds? verglich den tatsächlich erfassten Artenreichtum spontaner Stadtvegetation mit der Wahrnehmung durch Betrachter. Die Pflanzenbestände leisteten einen erheblichen Beitrag zur Biodiversität, ihr ökologischer Wert wurde jedoch häufig unterschätzt.

Wie wertvoll ungeplante Vegetation sein kann, zeigen auch urbane Brachflächen. In einer 2025 veröffentlichten Studie aus Mitteldeutschland waren sie für Wildbienen mindestens genauso wertvoll wie die untersuchten Natura-2000-Gebiete.

Auch die Sprache prägt unseren Blick. Kaum jemand würde sich dafür einsetzen, „Unkraut“ zu schützen. Bezeichnet man dieselbe Pflanze als Wildpflanze, Ackerbegleiter oder Nektarpflanze, erscheint sie in einem anderen Licht. Das Wort „Unkraut“ beschreibt deshalb nicht nur eine Pflanze, es enthält bereits ein Urteil über sie.

Als weniger abwertende Alternativen werden häufig Beikraut, Wildkraut oder Kulturpflanzenbegleiter verwendet. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. „Beikraut“ bezeichnet vor allem Pflanzen, die neben Kulturpflanzen wachsen. „Kulturpflanzenbegleiter“ betont ihre Verbindung zum Ackerbau. Außerhalb landwirtschaftlicher Flächen sind „Wildpflanze“ oder „Wildkraut“ meist treffender.

Keiner dieser Begriffe macht eine Pflanze automatisch wertvoll oder unproblematisch, doch sie verzichten auf das vorschnelle Urteil, das im Wort „Unkraut“ bereits enthalten ist. Bevor wir entscheiden, ob eine Pflanze stört, wäre es erstrebenswert, zunächst in Erfahrung zu bringen, um welche Art es sich handelt und welche Rolle sie an diesem Ort spielen mag.

Moos als Unkraut
In Pflasterfugen schaffen Moose kleine Lebensräume, speichern Feuchtigkeit und werden dennoch oft als unerwünschter Bewuchs entfernt.
Bild: Depositphotos (Kooperation)

Unkraut liegt im Auge des Betrachters

„Unkraut“ ist keine botanische Kategorie und auch kein Merkmal einer Pflanze. Es ist vielmehr ein Urteil darüber, ob eine Pflanze an einem bestimmten Ort erwünscht ist.

Dieses Urteil kann manchmal auch sinnvoll sein: etwa auf einem Acker, auf einem Verkehrsweg oder bei invasiven Arten. Problematisch wird es dort, wo aus einer konkreten Abwägung eine pauschale Haltung wird und jede spontan wachsende Pflanze automatisch als störend gilt.

Vielleicht sollte man nicht zuerst fragen, wie man eine Pflanze loswerden kann, sondern: Welche Art wächst hier, warum wächst sie gerade an diesem Ort – und was würde mit ihr verschwinden?


Quellen

  • Balfour, N. J., & Ratnieks, F. L. W. (2022). The disproportionate value of ‘weeds’ to pollinators and biodiversity. Journal of Applied Ecology, 59, 1209–1218. https://doi.org/10.1111/1365-2664.14132
  • Phillips, D., & Lindquist, M. (2021). Just weeds? Comparing assessed and perceived biodiversity of urban spontaneous vegetation in informal greenspaces in the context of two American legacy cities. Urban Forestry and Urban Greening, 62, 127151. https://doi.org/10.1016/j.ufug.2021.127151
  • Theodorou, P., Osterman, W. H. A., Mrozek, J. H., et al. (2025). Protected areas do not outperform urban wastelands in supporting insect pollinators and pollination in central Germany. Basic and Applied Ecology, 84, 29–39. https://doi.org/10.1016/j.baae.2025.02.001

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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