Saiga-Antilope (Saiga tatarica)
Saigaantilope (Saiga tatarica) in der Steppe: Die Art hat sich nach massiven Bestandsverlusten erholt, bleibt aber durch zerschneidende Infrastruktur und gestörte Wanderwege gefährdet. Andrey Giljov, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Wandernde Tierarten unter Druck: Fast jede zweite Art nimmt weltweit ab

Wandernde Tierarten gehören zu den faszinierendsten Erscheinungen der Natur. Jedes Jahr legen Vögel, Fische und Säugetiere oft tausende Kilometer zurück – zwischen Brutgebieten, Nahrungsräumen und Überwinterungsquartieren. Doch genau diese Mobilität macht sie besonders verletzlich: Sie sind entlang ihrer gesamten Wanderroute auf intakte Lebensräume angewiesen.

Der UN-Bericht State of the World’s Migratory Species – Interim Report (2026) zeigt auf Basis aktueller Daten, wie es diesen Arten weltweit geht. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Lage verschlechtert sich weiter.

Im Fokus stehen Arten, die im Rahmen der Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals (CMS), auch Bonner Konvention, als wandernd gelistet sind. Diese rund 1.200 Arten – von Zugvögeln über Wale, Haie und Insekten bis hin zu Fledermäusen – überschreiten regelmäßig Ländergrenzen und sind daher in besonderem Maße auf internationalen Schutz angewiesen. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um klassische Wanderarten im engeren Sinne (z. B. anadrome oder katadrome Fische), sondern auch um Arten, die großräumige, oft grenzüberschreitende Lebensräume nutzen und zwischen wichtigen Teilhabitaten wechseln.

Das zentrale Ergebnis: ein beunruhigender Trend

Die Kernaussage des Berichts lässt sich mit folgenden Zahlen zusammenfassen:

  • 24 % der wandernden Arten gelten als global bedroht (fast jede vierte wandernde Tierart) – ein Anstieg gegenüber 22 % im Jahr 2024
  • 49 % der Arten zeigen sinkende Populationen – fast jede zweite wandernde Art wird also seltener (zuvor: 44 %)
  • Von 386 neu bewerteten Arten wurden 26 in eine höhere Gefährdungskategorie eingestuft, während sich nur sieben Arten verbessern konnten

Damit bestätigt sich der Trend aus dem ersten Bericht – und er verschärft sich weiter. Besonders kritisch ist, dass viele Bestände nicht nur zurückgehen, sondern immer schneller schrumpfen. Gleichzeitig zeigt sich: Ein Teil dieses Trends wird erst jetzt sichtbar, weil neue Daten frühere Einschätzungen korrigieren. Arten, die lange als „stabil“ galten, werden heute zunehmend als rückläufig erkannt.

Starke Rückgänge bei Zugvögeln, Wanderfischen und Haien

Der aktuelle State of the World’s Migratory Species-Bericht zeigt besonders drastische Entwicklungen bei mehreren Artengruppen – insbesondere bei Zugvögeln, Süßwasserfischen sowie Haien und Rochen.

Zugvögel unter Druck

Vor allem Watvögel sind stark betroffen: Von den 26 Arten, deren Gefährdungsstatus sich verschlechtert hat, sind 18 migratorische Watvögel, darunter z. B.:

Grasläufer (Calidris subruficollis)
Der Grasläufer wandert von Nordamerika bis nach Argentinien und nutzt dabei offene Graslandschaften entlang seiner Route – viele dieser Lebensräume sind heute stark verändert oder verschwunden.
USFWS – Pacific Region, Public domain, via Wikimedia Commons)
  • Der Sichelstrandläufer (Calidris ferruginea) hat vermutlich 30 bis 49 % seiner Population verloren
  • Der Weißbürzel-Strandläufer (C. fuscicollis) verlor 40 bis 49 %
  • Der Grasläufer (C. subruficollis), ein Langstreckenzieher mit bis zu 30.000 km Zugdistanz wurde auf gefährdet hochgestuft
  • Der Mongolenregenpfeifer (Charadrius mongolus) verlor schätzungsweise 50 bis 62 % und gilt nun als stark gefährdet
  • Die Amerikanische Pfuhlschnepfe (Limosa fedoa) und die Hudsonschnepfe (L. haemastica) wurden auf gefährdet hochgestuft

Für eine Art kommt indes jede Hoffnung zu spät: Der Dünnschnabel-Brachvogel (Numenius tenuirostris) gilt inzwischen als ausgestorben – ohne bestätigten Nachweis seit 1995. Sein Verschwinden gilt als eindringliche Mahnung, frühzeitig auf Bestandsrückgänge zu reagieren.

Auch bei Greifvögeln ist die Lage ernst: Mehr als 53 % der Arten zeigen weltweit sinkende Populationen. Besonders betroffen sind Geier und Adler. Der Steppenadler (Aquila nipalensis) etwa ist stark gefährdet – bedroht durch Lebensraumverlust, illegale Tötungen und Kollisionen mit Energieinfrastruktur.

Ein weiteres Beispiel ist die Großtrappe (Otis tarda), der schwerste flugfähige Vogel der Welt. Sie wurde 2023 von gefährdet auf stark gefährdet hochgestuft – vor allem durch Intensivlandwirtschaft, Infrastruktur und Störungen.

Wanderfische, Haie und Rochen in der Krise

Wandernde Süßwasserfische gehören zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen überhaupt. Laut Living Planet Index sind ihre Bestände zwischen 1970 und 2020 weltweit um durchschnittlich 81 % eingebrochen – in Lateinamerika und der Karibik beträgt der Rückgang sogar 91 %, in Europa 75 %. Hauptursachen dieser Entwicklung sind Staudämme und Flussregulierung, der Verlust der Durchgängigkeit von Flusssystemen sowie Überfischung.

Haie und Rochen stehen nicht besser da: Ihre Populationen sind seit 1970 um etwa 50 % zurückgegangen. Besonders betroffen sind Sägerochen (Pristidae), Hammerhaie und Teufelsrochen. Der Spitzkopf-Sägerochen (Anoxypristis cuspidata) wurde kürzlich in die höchste Gefährdungskategorie (vom Aussterben bedroht) eingestuft – nach einem geschätzten Rückgang von über 80 %. Als Ursache wird ein erheblicher Verlust des Verbreitungsgebiets vermutet, verursacht durch Überfischung (auch als Beifang) und Lebensraumzerstörung.

Spitzkopf-Sägerochen - wandernde Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind
Der Spitzkopf-Sägerochen ist kein klassischer Langstreckenzieher, nutzt jedoch ausgedehnte Küsten- und Flusssysteme und legt dabei teils weite Strecken zurück. Aufgrund dieser großräumigen, oft grenzüberschreitenden Wanderbewegungen wird er als wandernde Art im Sinne der CMS geführt.
Die IUCN führt die Art seit 2023 als vom Aussterben bedroht.
(© modifiziert nach CSIRO National Fish Collection, CC BY 1.0, via Wikimedia Commons)

Weitere bedrohte wandernde Tierarten

Auch andere wandernde Arten geraten zunehmend unter Druck:

  • Der Brillenpinguin (Spheniscus demersus) gilt inzwischen als vom Aussterben bedroht – vor allem durch Überfischung und klimabedingte Veränderungen seiner Nahrungsgrundlage
  • Humboldt-Pinguin (Spheniscus humboldti) und Chilepelikan (Pelecanus thagus) wurden massiv von Ausbrüchen der Vogelgrippe (H5N1) getroffen
  • Der Amazonasdelfin (Inia geoffrensis), der Amazonas-Sotalia (Sotalia fluviatilis) und die Arrauschildkröte (Podocnemis expansa) leiden unter zunehmendem Dammbau und dem Verlust der Flussdynamik im Amazonasgebiet

Die Ursachen: Was steckt hinter dem Niedergang?

Die Ursachen für den Rückgang wandernder Tierarten sind vielfältig. Klassische Bedrohungen wirken weiterhin, werden aber zunehmend durch neue Risiken verstärkt. Wandernde Arten sind besonders anfällig, weil sie entlang ihrer gesamten Route unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt sind. Oft wirken mehrere Belastungen gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig.

Humboldt-Pinguin (Spheniscus humboldti)
Der Humboldt-Pinguin wurde zuletzt massiv von Ausbrüchen der Vogelgrippe (H5N1) getroffen – ein zusätzlicher Druck neben Überfischung und Klimaveränderungen.
Frank_am_Main, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Zu den wichtigsten Treibern gehören:

  • Lebensraumverlust und Fragmentierung
    Die Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen bleibt die zentrale Ursache des Artenrückgangs.
    – Watvögel verlieren weltweit wichtige Rast- und Überwinterungsgebiete – etwa die Wattflächen im Gelben Meer
    – Säugetiere wie die Mongolische Gazelle (Procapra gutturosa) verlieren durch Straßen, Zäune und steigenden Verkehr ihre Bewegungsfreiheit – ihre Mobilität nahm zwischen 2002 und 2021 deutlich ab
  • Infrastruktur als Barriere
    Straßen, Eisenbahnen, Pipelines und Zäune durchschneiden Wanderkorridore und unterbrechen jahrtausendealte Bewegungsmuster.
    Ein Beispiel liefert die Saiga (Saiga tatarica): Nach dem Bau einer Eisenbahnlinie in Kasachstan stellten die Antilopen ihre grenzüberschreitenden Wanderungen ein und verloren so den Zugang zu wichtigen Winterlebensräumen in Usbekistan.
    Solche Barrieren können ganze Populationen isolieren – mit langfristigen Folgen für ihr Überleben.
  • Übernutzung der Meere
    Für viele marine Arten bleibt die Überfischung die größte Bedrohung:
    – Haie und Rochen werden gezielt befischt oder sterben als Beifang
    – Auch Meeresschildkröten sind stark betroffen – trotz lokaler Erholungstrends
    Der Bericht betont: Beifang ist nach wie vor der gravierendste Druck auf Meeresschildkröten und hat sich seit 2011 kaum verbessert.
  • Klimawandel als Verstärker
    Der Klimawandel verändert zentrale ökologische Prozesse:
    – Verschiebung der Brutzeiten
    – Veränderungen im Nahrungsangebot
    – häufigere Extremwetterrereignisse
    Besonders betroffen sind Langstreckenzieher, etwa Zugvögel, die auf landwirtschaftlich geprägte Lebensräume angewiesen sind.
  • Krankheiten und neue Risiken
    Zunehmend treten auch neue Bedrohungen auf:
    – Die hochpathogene Vogelgrippe H5N1 verursacht seit 2021 weltweit Massensterben
    – Betroffen sind zahlreiche Arten – von Pinguinen in Südamerika bis zu Kranichen in Asien
    – Auch Meeressäuger wurden bereits in größerem Umfang infiziert
    Gerade langlebige Arten mit geringer Fortpflanzungsrate reagieren besonders empfindlich auf solche zusätzlichen Verluste.

Der Rückgang wandernder Tierarten lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Vielmehr entsteht er durch ein Zusammenspiel globaler Veränderungen, die sich entlang ganzer Wanderkorridore auswirken. Erfolgreicher Schutz muss daher genau dort ansetzen: vernetzt, international – und entlang der gesamten Route.

Die Gewinner: Wo Schutz wirkt

So besorgniserregend die Gesamtlage ist, der UN-Bericht State of the World’s Migratory Species zeigt auch: Gezielter Naturschutz funktioniert. Mehrere Beispiele belegen, dass sich selbst stark bedrohte Arten erholen können:

Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas)
Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas): Viele Populationen zeigen heute wieder stabile oder steigende Bestände – ein Erfolg jahrzehntelanger Schutzmaßnahmen. Dennoch bleiben Bedrohungen wie Beifang, Plastikverschmutzung und Klimawandel bestehen.
Bernard DUPONT from FRANCE, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)
  • Die Saigaantilope hat sich nach massiven Bestandsverlusten durch Seuchenausbrüche in den 2010er-Jahren deutlich erholt. Sie wurde von vom Aussterben bedroht auf potenziell gefährdet zurückgestuft. Entscheidend waren verstärkte Maßnahmen gegen Wilderei, der Schutz zentraler Lebensräume und die enge Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften in Kasachstan.
  • Die Säbelantilope (Oryx dammah), einst in freier Wildbahn ausgestorben, ist ein Beispiel für erfolgreiche Wiederansiedlung: Nach Auswilderungsprojekten im Tschad wurde die Art auf stark gefährdet eingestuft. Heute leben wieder rund 575 Tiere in freier Wildbahn.
  • Auch die Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus) zeigt eine positive Entwicklung. Durch gezielte Schutzmaßnahmen und eine langsame Ausbreitung ihres Verbreitungsgebiets wurde sie von stark gefährdet auf gefährdet herabgestuft. Dennoch bleibt die Situation fragil – weltweit existieren weiterhin weniger als 1.000 Individuen.
  • Ähnlich sieht es bei vielen Meeresschildkröten aus: Zahlreiche Populationen sind heute stabil oder nehmen wieder zu. Diese Entwicklung ist das Ergebnis jahrzehntelanger Schutzbemühungen, etwa durch Nistplatzschutz, Fangbeschränkungen und internationale Abkommen.

Diese Beispiele machen deutlich: Wenn Bedrohungen gezielt reduziert und Lebensräume geschützt werden, können sich selbst stark dezimierte Populationen erholen.

Was jetzt getan werden muss

Der Bericht macht deutlich: Ohne deutlich verstärkte Schutzmaßnahmen wird sich der negative Trend fortsetzen. Zwar hat sich das Wissen über wandernde Arten in den letzten Jahren erheblich verbessert – etwa durch neue Tracking-Technologien und internationale Initiativen zur Kartierung von Wanderbewegungen. Doch beim eigentlichen Schutz besteht weiterhin ein großes Defizit.

Inzwischen wurden weltweit mehr als 9.000 Schlüsselbiodiversitätsgebiete identifiziert, die für wandernde Arten von zentraler Bedeutung sind. Dennoch ist nur gut die Hälfte dieser Flächen tatsächlich durch Schutzgebiete abgedeckt. In einigen Regionen, insbesondere in Asien, ist der Anteil noch deutlich geringer. Für zahlreiche stark bedrohte Arten sind sogar weniger als ein Viertel ihrer wichtigsten Lebensräume effektiv geschützt. Das bedeutet, dass viele entscheidende Brut-, Rast- und Nahrungsgebiete weiterhin ungesichert bleiben.

Ein Problem liegt darin, dass Migration nicht in einzelnen, isolierten Lebensräumen stattfindet. Wandernde Arten sind auf ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Gebieten angewiesen, das sich oft über tausende Kilometer und mehrere Länder erstreckt. Neue Trackingdaten zeigen, wie empfindlich diese Systeme sind: Schon einzelne Hindernisse wie Straßen, Zäune oder Energieinfrastruktur können Wanderbewegungen unterbrechen und Populationen voneinander isolieren. Der Schutz einzelner Gebiete greift daher zu kurz, wenn die Verbindungen zwischen ihnen verloren gehen.

Gleichzeitig bleiben viele der bekannten Bedrohungen bestehen oder nehmen sogar zu. Überfischung und Beifang gefährden weiterhin zahlreiche Meeresarten, während Pestizide, Plastikverschmutzung und Lichtemissionen zusätzliche Belastungen darstellen. Der Klimawandel verstärkt diese Entwicklungen, indem er Lebensräume verändert und ökologische Abläufe verschiebt.

Vor diesem Hintergrund fordern die Autorinnen und Autoren des Berichts ein deutlich entschlosseneres Vorgehen. Schutzmaßnahmen müssen künftig stärker entlang ganzer Wanderkorridore gedacht werden, nicht nur punktuell. Ebenso entscheidend ist eine engere internationale Zusammenarbeit, denn wandernde Arten machen nicht an politischen Grenzen halt. Ihr Schutz kann nur gelingen, wenn Staaten entlang der gesamten Route koordiniert handeln.

Wandernde Tierarten verbinden Ökosysteme über Kontinente hinweg. Ihr Rückgang ist daher nicht nur ein Verlust einzelner Arten, sondern ein Hinweis auf tiefgreifende Veränderungen unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Entsprechend dringend ist es, die bestehenden Schutzansätze auszubauen, bevor weitere dieser globalen Verbindungen verloren gehen.


Quelle

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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