Vom Aussterben bedrohte Meeressäuger
Einige der am stärksten bedrohten Meeressäuger der Welt: Vom kleinen Küstendelfin bis zum riesigen Wal – viele Arten stehen heute am Rand des Aussterbens. (Robbe: © Jan Ebr & Ivana Ebrová, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons / Nordkaper: © Moira Brown and New England Aquarium, Attribution, via Wikimedia Commons)

Vom Vaquita bis zum Nordkaper: Die 7 am stärksten bedrohten Meeressäuger der Welt

Meeressäuger – dazu zählen Wale, Delfine und Schweinswale (Cetacea), aber auch Robben, Seelöwen und Walrosse (Pinnipedia) sowie Manatis und Dugongs (Sirenia). Manchmal werden sogar Seeotter und Eisbären mitgerechnet, weil ihr Leben so eng ans Meer gebunden ist – erkennbar am dichten Fell, einer dicken Fettschicht und bei manchen Arten sogar an Schwimmhäuten zwischen den Zehen.

Meeressäuger sind Schlüsselfiguren der Ozeane. Doch viele Arten geraten zunehmend unter Druck: Beifang in Stellnetzen, Kollisionen mit Schiffen, Unterwasserlärm, Verschmutzung und die Klimakrise setzen ihnen massiv zu. Manche sind bereits verschwunden – Stellers Seekuh etwa wurde schon 1768 ausgerottet, keine 30 Jahre nach ihrer Entdeckung. Auch der Japanische Seelöwe und die Karibische Mönchsrobbe verschwanden fast zeitgleich Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die seltensten Meeressäuger der Welt

Vaquita (Kalifornischer Schweinswal) – Golf von Kalifornien, Mexiko – <10 Tiere

Der Vaquita (Phocoena sinus) ist nicht nur der kleinste aller Schweinswale, sondern auch der wahrscheinlich seltenste Meeressäuger der Welt – und das mit Abstand. 1997 lebten noch rund 567 Tiere im nördlichen Golf von Kalifornien. 2016 waren es etwa 30, im Jahr 2023 nur noch zehn bis 13, und die letzte Erhebung 2024 brachte die wohl traurigste Zahl: nur noch sechs bis acht Individuen konnten nachgewiesen werden.

Vaquita - extrem bedrohter Meeressäuger
Mit nur 1,5 Metern Länge und rund 50 Kilogramm Gewicht ist der Vaquita einer der kleinsten Wale der Welt. Typisch sind die dunklen Ringe um Augen und Mund sowie die auffallend große, dreieckige Rückenfinne.
Paula Olson, NOAA, Public domain, via Wikimedia Commons)

Hauptgrund für diesen Absturz ist die illegale Stellnetzfischerei. Obwohl sie verboten ist, werden die Netze weiterhin genutzt – vor allem, um den ebenfalls bedrohten Totoaba (Totoaba macdonaldi) zu fangen. Dessen Schwimmblase wird in China als Luxusgut gehandelt und gilt dort als „Kokain des Meeres“. Für die Vaquitas wird diese Nachfrage zur Todesfalle: Sie verheddern sich in den Netzen, können nicht mehr auftauchen und ersticken.

Heute überleben die letzten Kalifornischen Schweinswale nur noch in einem winzigen Gebiet – der sogenannten Zero Tolerance Area, einem Schutzgebiet von gerade einmal 300 Quadratkilometern. Offiziell dürfte dort niemand fischen, doch die Realität sieht anders aus: Trotz internationalem Druck gelingt es Mexiko bisher nicht, das Verbot konsequent durchzusetzen.

Heute halten sich die letzten Schweinswale nur noch in einem winzigen Gebiet auf – der sogenannten Zero Tolerance Area, einem Schutzgebiet von gerade einmal 300 Quadratkilometern. Dort dürfte eigentlich niemand fischen, doch die Realität sieht anders aus: Trotz internationalem Druck gelingt es Mexiko bisher nicht, das Verbot wirksam durchzusetzen.

Und doch gibt es winzige Hoffnungsschimmer. Einige Tiere tragen Narben, die darauf hindeuten, dass sie gelernt haben, den Netzen zu entkommen. 2024 konnte Sea Shepherd sogar eine Mutter mit ihrem Kalb filmen – ein seltenes und ermutigendes Zeichen für Fortpflanzung. Aber nüchtern betrachtet sieht es schlecht aus: Mit weniger als zehn Individuen gilt der Vaquita laut IUCN als „vom Aussterben bedroht“. Eine so winzige Population reicht kaum, um langfristig zu überleben.

Rice-Brydewal – Golf von Mexiko – ca. 50 Tiere

Der Rice-Brydewal (Balaenoptera ricei) ist die wohl neueste Walart der Welt: Erst 2021 wurde bestätigt, dass es sich nicht um eine lokale Population des Brydewals (B. edeni brydei) handelt, sondern um eine eigene, klar abgegrenzte Bartenwal-Art. Entdeckt wurde er durch die Untersuchung eines gestrandeten Tieres in Florida – erst genetische Analysen und Schädelvergleiche brachten die Gewissheit. Damit bekam der Golf von Mexiko seinen ganz eigenen Wal – mit dem Etikett „vom Aussterben bedroht“ (IUCN).

Rice-Bridewal
Der Rice-Brydewal kann bis zu 12,5 Meter lang und rund 20 Tonnen schwer werden. Typisch sind seine dunkelgraue Färbung, eine helle bis rosafarbene Bauchseite und die drei markanten Wülste auf der Oberseite des Kopfes.
National Oceanic and Atmospheric Association (NOAA), Public domain, via Wikimedia Commons)

Der Bestand wird auf nur etwa 50 Individuen geschätzt. Damit ist der Rice-Brydewal eine der seltensten Großwalarten überhaupt. Er verbringt das ganze Jahr im nordöstlichen Golf von Mexiko, bevorzugt an der Kante des Kontinentalschelfs in 100 bis 400 Metern Tiefe – sein Lebensraum ist also extrem begrenzt.

Die Gefahren für die Art sind vielfältig: Rice-Brydewale ruhen nachts dicht unter der Wasseroberfläche und werden so leicht von Schiffen überfahren. Auch Unterwasserlärm – etwa von Schiffsverkehr oder seismischen Untersuchungen für Öl und Gas – beeinträchtigt die Kommunikation und Orientierung der Tiere. Beim Deepwater-Horizon-Ölunfall von 2010 ging vermutlich ein Fünftel der gesamten Population verloren. Weitere Risiken sind der Kontakt mit Fischereigerät und die Aufnahme von Meeresmüll.

Der Schutz dieser Art ist eine echte Herausforderung: Mit so wenigen Tieren und einem so kleinen Verbreitungsgebiet ist jeder Verlust von Bedeutung. Fachleute fordern daher Tempolimits für Schiffe in Kernzonen, strengere Regeln für Öl- und Gasaktivitäten und eine wirksame Überwachung des Lebensraums. Ob der „neue“ Wal eine Zukunft hat, entscheidet sich wohl in den kommenden Jahrzehnten. Der Meeresbiologe Jeremy Kiszka formulierte einst treffend: „Ehrlich gesagt würde ich nicht mein Leben darauf verwetten, dass es den Rice-Brydewal in 50 Jahren noch gibt.“

Māui-Delfin (Popoto) – Westküste der Nordinsel Neuseelands – 48–64 Tiere

Maui-Delfine
Der Māui-Delfin wird nur etwa 1,5 Meter lang und rund 50 Kilogramm schwer. Typisch sind seine abgerundete Rückenfinne und die schwarz-weiß-graue Zeichnung. Von den eng verwandten Hector-Delfinen ist er kaum zu unterscheiden.
Department of Conservation, New Zealand., CC BY-SA 3.0 NZ, via Wikimedia Commons)

Der Māui-Delfin (Cephalorhynchus hectori maui) ist einer der seltensten Delfine der Welt und einer der kleinsten dazu. Er lebt ausschließlich an einem kurzen Abschnitt der Westküste der neuseeländischen Nordinsel, meist in sehr flachem Wasser von weniger als 20 Metern Tiefe. Systematisch gilt er als Unterart des Hector-Delfins, der rund um die Südinsel vorkommt.

Die jüngsten Schätzungen sprechen von nur noch 48 bis 64 Individuen älter als ein Jahr – also insgesamt kaum mehr als 55 ausgewachsene Tiere. Neuseeland stuft den Māui-Delfin deshalb als „nationally critical“ ein: akute Aussterbegefahr.

Bedroht ist er an vielen Fronten: Am größten ist die Gefahr durch Stellnetze, in denen die Tiere ertrinken. Hinzu kommen Krankheiten wie Toxoplasmose und Brucellose, die ganze Gruppen schwächen können. Schiffsverkehr, Tourismus und Unterwasserlärm stören zusätzlich, und der Klimawandel verschärft die Lage – denn in seinem ohnehin warmen Lebensraum werden Beutefische immer knapper.

Zwar gibt es an der Westküste bereits verschiedene Schutzmaßnahmen wie Stellnetz- und Trawl-Verbote, doch deren Wirkung hängt stark von Kontrolle und konsequenter Umsetzung ab. Parallel dazu arbeiten Forschende, NGOs und Bürgerwissenschaft an Monitoring und Gesundheitschecks. Entscheidend bleibt: Netze weiter zurückdrängen, Krankheitsquellen (Toxoplasmose-Einträge) an Land angehen und die Küstenhabitate so störungsarm wie möglich halten.

Burrunan-Delfin – Südostküste Australiens – <200 Tiere

Burrunan-Delfin
Der Burrunan-Delfin wird 2,3 bis 2,8 Meter lang und ist damit etwas kleiner als der Große Tümmler. Er hat eine schlanke Gestalt, eine sichelförmige Rückenflosse und eine dreifarbige Färbung: dunkelblaugrau oben, hellgrau an den Flanken und weiß am Bauch. Typisch ist sein kurzer, gedrungener „Schnabel“.
Charlton-Robb K, Gershwin LA, Thompson R, Austin J, Owen K, McKechnie S., CC BY 2.5, via Wikimedia Commons)

Der Burrunan-Delfin (Tursiops australis) ist so etwas wie Australiens „eigener“ Delfin – und zugleich ein Rätsel. Erst 2011 beschrieben, nachdem er jahrhundertelang mit dem Großen Tümmler (Tursiops truncatus) verwechselt worden war, gilt er heute als kritisch gefährdet. Etwa 120 Tiere leben in Port Phillip Bay direkt vor den Toren Melbournes, 30 weitere in den Gippsland Lakes. Kleine, kaum erforschte Gruppen gibt es zudem in Tasmanien und Südaustralien. Alles in allem: deutlich unter 200 Individuen.

Ganz unumstritten ist der Artstatus bis heute nicht: Manche Fachgesellschaften sehen den Burrunan-Delfin eher als besondere Population der Tümmler, andere betonen seine genetische und morphologische Eigenständigkeit.

Bedrohungen gibt es reichlich. Besonders dramatisch war ein Massensterben im Jahr 2020, als mehr als 60 % der Delfine in den Gippsland Lakes an einer neuartigen Hautkrankheit verendeten. Sie tritt auf, wenn nach starken Regenfällen plötzlich zu viel Süßwasser in die Lagunen gelangt und das Salzgehalt-Gleichgewicht kippt. Auch Schadstoffe sind ein Problem: Burrunan-Delfine weisen weltweit die höchsten Werte an PFAS-Chemikalien auf, zusätzlich belasten hohe Quecksilberkonzentrationen die Tiere. Schiffsverkehr, Algenblüten, Klimafolgen und die Zerstörung von Küstenhabitaten verschärfen die Lage weiter. Kritisch ist zudem die geringe genetische Vielfalt: Die beiden Hauptpopulationen sind isoliert, haben unterschiedliche „Dialekte“ und Jagdstrategien – Austausch gibt es praktisch keinen.

Hoffnung macht das Project Burrunan der Marine Mammal Foundation, das Wissenschaftler, First-Nations-Communities und Bürgerforschende zusammenbringt. Gemeinsam werden Vorkommen, Gesundheit und Verhalten der Tiere überwacht, Bedrohungen analysiert und Schutzstrategien entwickelt. Ob der Burrunan-Delfin langfristig überlebt, hängt entscheidend davon ab, ob Australien es schafft, seine letzten Rückzugsräume konsequent zu sichern.

Atlantischer Nordkaper – Westlicher Nordatlantik – ca. 370 Tiere

Atlantischer Nordkaper
Der Atlantische Nordkaper wird 13 bis 18 Meter lang und wiegt etwa 40 bis 90 Tonnen. Typisch sind die fehlende Rückenflosse, ein riesiger Kopf mit hellen Hornhautplatten, paddelförmige Flipper, eine breite V-förmige Blasfontäne und die überwiegend schwarzgraue Färbung mit hellen Flecken.
(© North Atlantic Right Whale mother and calf, NOAA, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Der Atlantische Nordkaper (Eubalaena glacialis) gilt als Paradebeispiel für einen Großwal in Not: groß, langsam, küstennah – und damit besonders verletzlich. Laut dem NOAA-Saisonreport 2025 leben nur noch rund 370 Tiere, darunter gerade einmal etwa 70 fortpflanzungsaktive Weibchen. Im Winter 2024/25 wurden elf Kälber gezählt. Doch seit 2017 läuft ein sogenanntes Unusual Mortality Event: Über 20 % der Population wurden seither verletzt oder getötet – meist durch Verheddern in Fischereileinen oder durch Kollisionen mit Schiffen.

Das ist besonders fatal, weil Nordkaper sehr langsam Nachwuchs bekommen. Ein Weibchen wird erst spät geschlechtsreif, bekommt jeweils nur ein Kalb und braucht eigentlich mehrere Jahre Pause dazwischen. Heute liegen die Abstände bei sechs bis zehn Jahren – zusätzlicher Stress durch Verletzungen, Schiffslärm und verschobene Nahrungsnetze verlängert sie noch. Um den Abwärtstrend zu stoppen, wären mindestens 50 Kälber pro Saison nötig – tatsächlich sind es oft nur um die zehn bis 15.

Die Wale kalben klassisch in den flachen Küstengewässern von Georgia und Florida bis hoch nach South Carolina. 2025 wurden allerdings mehrere Mutter-Kalb-Paare auch außerhalb der üblichen Region gesichtet – ein Hinweis darauf, dass Nordkaper flexibel auf veränderte Bedingungen reagieren, aber eben auch großflächigen Schutz brauchen.

Die IUCN listet die Art als „vom Aussterben bedroht“. Was helfen würde, liegt eigentlich auf der Hand: Schiffe langsamer fahren lassen, Mindestabstände einhalten, Fanggeräte ohne feste Leinen einsetzen und kritische Habitate konsequent schützen. Jeder einzelne überlebende Nordkaper zählt.

Saimaa-Ringelrobbe – Saimaa-See, Finnland – ca. 430 Tiere

Die Saimaa-Ringelrobbe (Pusa hispida saimensis) ist eine der seltensten Robbenarten der Welt – und eine der ganz wenigen, die ausschließlich in Süßwasser lebt. Ihr einziges Vorkommen ist der Saimaa-See im Südosten Finnlands, ein riesiges, labyrinthartiges Seensystem, das während der letzten Eiszeit vom Meer abgeschnitten wurde.

Heute gibt es nur noch rund 430 Tiere (Stand 2024). Die IUCN stuft die Unterart als „stark gefährdet“ ein. In den 1980er-Jahren war die Population sogar auf unter 200 Individuen abgesunken. Nur intensive Schutzmaßnahmen verhinderten das Aussterben.

Saimaa-Ringelrobbe
Saimaa-Ringelrobben sind klein (etwa 1,3–1,6 m, 50–90 kg) und haben ein auffälliges Fellmuster mit hellen, ringförmigen Flecken auf dunkelgrauem Grund. Sie sind streng standorttreu – einmal im Saimaa-See geboren, bleiben sie ihr Leben lang dort.
Tomi Tapio K, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Die größte Bedrohung für die Saimaa-Ringelrobben ist der Klimawandel. Sie bringen ihre Jungen im Winter in Schneehöhlen am Ufer zur Welt – doch die Winter am Saimaa-See werden immer kürzer und schneearmer. Ohne den schützenden Schnee erfrieren viele Jungtiere, verhungern oder werden leichte Beute für Fressfeinde. Zusätzlich ertrinken Robben, vor allem Jungtiere, jedes Jahr als Beifang in Stellnetzen. Bebauung am Seeufer und wachsender Tourismus engen den Lebensraum weiter ein.

Heute ist die Unterart streng geschützt. Netzverbote in sensiblen Bereichen, künstlich angelegte Schneehügel als Ersatz für natürliche Höhlen und Aufklärungsarbeit vor Ort sollen den Robben eine Zukunft sichern. Der Bestand wächst langsam – ein Erfolg, der aber fragil bleibt. Ob ein Überleben der Saimaa-Ringelrobbe langfristig möglich ist, hängt davon ab, wie stark sich das Klima in Finnland verändert und ob Schutzmaßnahmen konsequent eingehalten werden.

Baiji (Chinesischer Flussdelfin) – Jangtse, China – 0–5 Tiere?

Ob der Baiji (Lipotes vexillifer) noch lebt, ist höchst zweifelhaft. Seit über 20 Jahren gibt es keine bestätigten Nachweise, und selbst groß angelegte Suchaktionen blieben erfolglos. 2007 schlug der Zoologe Samuel T. Turvey nach einer sechswöchigen, ergebnislosen Expedition vor, die Art alsfunktional ausgestorbeneinzustufen – sprich: Falls noch einzelne Tiere existieren, reicht es nicht mehr für eine fortpflanzungsfähige Population. Die IUCN bleibt aufgrund angeblicher Sichtungen vorsichtig und listet den Baiji weiterhin als „vom Aussterben bedroht (möglicherweise ausgestorben)“.

Warum ist er verschwunden? Der Jangtse wurde für den Baiji unbewohnbar. Großstaudämme und Flussregulierungen zerschnitten seinen Lebensraum, Verschmutzung und Überfischung ließen die Beutefische verschwinden. Hinzu kamen Stellnetze, illegale Fangmethoden, Schiffskollisionen und der Dauerlärm der Schifffahrt, der die Echoortung störte. Die Art vermehrte sich zudem langsam und litt unter geringer genetischer Vielfalt – Schutzmaßnahmen setzten zu spät und zu schwach an.

Baiji
Der Chinesische Flussdelfin wird bis zu 2,5 Meter lang und 160 Kilogramm schwer. Typisch sind seine lange, leicht nach oben gebogene Schnauze und die kleine dreieckige Rückenfinne. Mit seiner blassgrauen Oberseite und dem weißen Bauch war er perfekt an das trübe Wasser des Jangtse angepasst – seine Augen spielten nur eine Nebenrolle, da er sich vor allem mit Echolokation orientierte.
Alneth, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Heute ist der Lebensraum weiterhin massiv belastet – die Chancen, dass der Baiji überlebt hat, sind verschwindend gering. Auch andere Bewohner des Jangtse stehen am Abgrund: Der Jangtse-Glattschweinswal (Neophocaena asiaeorientalis asiaeorientalis) und der China-Alligator (Alligator sinensis) sind „vom Aussterben bedroht“, der Jangtse-Stör (Acipenser dabryanus) gilt in der Wildnis als ausgestorben, von der Jangtse-Riesenweichschildkröte (Rafetus swinhoei) existieren nur noch zwei Männchen, und der Schwertstör (Psephurus gladius) ist zwischen 2005 und 2010 ganz verschwunden.

Warum sind Meeressäuger so häufig bedroht?

Ob Wale, Delfine, Schweinswale oder Seekühe – Meeressäuger wirken oft groß, stark und anpassungsfähig. Doch in Wahrheit gehören viele von ihnen zu den verletzlichsten Arten überhaupt. Ihr Lebensraum, die Ozeane und Küsten, ist durch den Menschen so stark verändert worden, dass viele Populationen kaum noch eine Chance haben. Eine Auswertung von 2023 zeigt: Rund ein Viertel aller Wal-, Delfin- und Schweinswalarten gilt als bedroht – und besonders schlimm ist die Lage bei Arten, die in Küstengewässern oder Flüssen leben.

Karibik-Manati
Karibik-Manatis (Trichechus manatus) sind sanfte Riesen der Küstenmeere. Mit bis zu vier Metern Länge und 600 Kilogramm Gewicht grasen sie Seegraswiesen ab – doch wie alle Seekühe gehören sie heute zu den bedrohten Meeressäugern.
U.S. Fish and Wildlife Service Headquarters, Public domain, via Wikimedia Commons)

Nicht nur Wale und Delfine leiden unter menschlichem Einfluss, auch die friedlichen Seekühe – Manatis (Trichechus) und Dugongs (Dugong dugon) – stehen unter Druck. Sie sind reine Pflanzenfresser und weiden Seegraswiesen ab, doch genau diese Lebensräume verschwinden durch Küstenbau, Verschmutzung und die Klimakrise. Dazu kommen Verletzungen durch Bootsschrauben und Beifang in Netzen. Besonders besorgniserregend ist die Lage im Südchinesischen Meer: Dort gilt der Dugong seit 2022 als funktional ausgestorben. Alle vier noch lebenden Seekuh-Arten werden mittlerweile als „gefährdet“ auf der Roten Liste der IUCN geführt. Ihre Zukunft hängt davon ab, ob ihre letzten Rückzugsgebiete konsequent geschützt werden.

Die Ursachen sind vielfältig, greifen aber oft ineinander:

  • Beifang in Netzen: Stell- und Treibnetze sind tödliche Fallen – wie beim Vaquita in Mexiko oder bei Flussdelfinen weltweit.
  • Schiffsverkehr und Kollisionen: Langsam schwimmende Arten wie der Atlantische Nordkaper oder der Rice-Brydewal werden besonders leicht getroffen.
  • Unterwasserlärm: Dauergeräusche durch Schifffahrt, Öl- und Gasexploration oder Bauarbeiten stören Kommunikation, Orientierung und Nahrungssuche.
  • Verschmutzung und Lebensraumverlust: Plastikmüll, Chemikalien und Küstenbebauung zerstören Seegraswiesen und Kelpwälder – wichtige Lebensräume für viele Meeressäuger.
  • Klimakrise: Erwärmung, Meeres-Hitzewellen, Algenblüten und verschobene Nahrungsnetze verschärfen die Lage zusätzlich.

Wie lassen sich die Meeressäuger retten?

Meeressäuger haben in den letzten Jahrzehnten sowohl traurige Verluste als auch beeindruckende Erfolge erlebt. Manche Arten wie der Vaquita oder der Rice-Brydewal sind bis an den Rand des Aussterbens gedrängt worden. Andere – etwa die Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus) oder die Buckelwale (Megaptera novaeangliae) – konnten sich dank konsequenter Schutzmaßnahmen zumindest teilweise erholen. Aus diesen Erfahrungen lässt sich klar erkennen, was wirkt: Schutzmaßnahmen entfalten nur dann ihre Wirkung, wenn sie konsequent und dauerhaft umgesetzt werden.

Wichtige Maßnahmen sind:

  • Netzfreie Zonen & wirksame Kontrollen: Stellnetz-Verbote in sensiblen Lebensräumen, alternative Fanggeräte („ropeless gear“) und konsequente Überwachung.
  • Sichere Schifffahrt: Tempolimits, geänderte Routen in Kollisions-Hotspots und Abstandsregeln zu Walen und Delfinen.
  • Lärmminderung: Leisere Propeller, reduzierte Geschwindigkeiten und Beschränkungen für besonders laute Industrien wie Öl- und Gasexploration.
  • Lebensräume erhalten und wiederherstellen: Schutz und Renaturierung von Seegraswiesen, Kelpwäldern und ungestörten Ruheplätzen.
  • Gemeinschaften einbinden: Kooperation mit Fischern durch Ausgleichszahlungen, alternative Erwerbsquellen und partizipatives Monitoring.
  • Datenbasis verbessern: Akustische Überwachung, Foto-Identifikation, Umwelt-DNA und die konsequente Untersuchung von Totfunden.

Meeressäuger sind widerstandsfähige „Ingenieure“ ihrer Ökosysteme – sie halten das Gleichgewicht der Meere mit aufrecht. Doch ihre Zukunft hängt unmittelbar von unserem Handeln ab. Die Beispiele zeigen: Wo Schutz nur auf dem Papier existiert, droht das Aussterben. Wo er konsequent umgesetzt wird, gibt es Hoffnung auf Erholung.

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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