Die Vogelbestände in Nordamerika gehen seit Jahrzehnten zurück. Doch eine neue Studie zeigt nun, dass nicht nur die Zahl der Vögel sinkt, auch die Geschwindigkeit dieses Rückgangs nimmt zu.
Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung von Forschenden der Ohio State University und der Czech University of Life Sciences Prague. Die Wissenschaftler analysierten über 35 Jahre Bestandsdaten von 261 Vogelarten – mit beunruhigendem Ergebnis: In vielen Regionen verlieren Vogelpopulationen nicht nur an Größe, der Rückgang beschleunigt sich sogar, besonders in intensiv landwirtschaftlich genutzten Landschaften.
Die Langzeitstudie von François Leroy, Marta A. Jarzyna und Petr Keil liefert damit eine neue Perspektive auf ein bereits gut dokumentiertes Problem. Bisher konzentrierte sich die Forschung vor allem auf die Frage, ob Vogelpopulationen abnehmen. Dass dies der Fall ist, zeigen zahlreiche Studien. Eine hochauflösende Analyse nordamerikanischer Vogelbestände ergab beispielsweise, dass rund 75 % der untersuchten Arten rückläufig sind (Alexander Johnston et al. 2025). Eine weitere viel zitierte Studie schätzte bereits 2019, dass die Gesamtzahl der Vögel in Nordamerika seit 1970 um etwa 29 % zurückgegangen ist – ein Verlust von rund drei Milliarden Individuen (Kenneth V. Rosenberg et al. 2019).
Die aktuelle Studie stellt nun eine weiterführende Frage: Beschleunigt sich dieser Rückgang der Vogelpopulationen? Und wenn ja, wo liegen die geografischen Hotspots dieser Entwicklung?
Die Daten: 35 Jahre, 1.033 Routen, 261 Arten
Grundlage der Analyse war das nordamerikanische Brutvogelmonitoring North American Breeding Bird Survey (BBS) – eines der umfangreichsten und am längsten laufenden Programme zur Erfassung von Vogelbeständen weltweit. Seit den 1960er-Jahren erfassen Freiwillige entlang festgelegter Routen jährlich alle Vögel, die sie sehen oder hören. Für die Studie wurden 1.033 dieser Zählrouten aus dem Zeitraum 1987 bis 2021 ausgewertet.
Um aus den Zähldaten möglichst realistische Bestandsgrößen abzuleiten, kombinierten die Forschenden moderne statistische Verfahren – sogenannte N-Mixture-Modelle in einem vollständig bayesianischen Analyseansatz – mit räumlicher Modellierung. Dadurch konnten sie nicht nur bestimmen, ob Vogelbestände zu- oder abnahmen, sondern auch untersuchen, ob sich die Geschwindigkeit dieser Veränderungen im Laufe der Zeit veränderte.
Das Ergebnis auf kontinentaler Ebene ist eindeutig: Im Durchschnitt sank die Zahl der gezählten Vögel pro Route von etwa 2.034 Individuen im Jahr 1987 um rund 304 Vögel bis 2021. Das entspricht einem Rückgang von rund 15 % in 35 Jahren – oder anders gesagt: etwa jeder siebte Vogel, der damals noch gezählt wurde, ist heute verschwunden.
Auch die räumliche Analyse zeigt einen klaren Trend: 718 Routen (70 %) verzeichneten einen signifikanten Rückgang der Vogelzahlen, während nur 172 Routen (17 %) eine Zunahme aufwiesen.
Nicht nur Rückgang – auch Beschleunigung

(© lwolfartist, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Entscheidend ist jedoch nicht nur, dass die Vogelzahlen sinken. Die Studie zeigt vor allem, dass sich dieser Rückgang in vielen Regionen zunehmend beschleunigt.
Um diese Dynamik zu untersuchen, unterscheiden die Forschenden zwei Größen. Zum einen den Bestandstrend selbst – also wie stark sich die Zahl der Vögel über die Zeit verändert. Zum anderen die Veränderung dieses Trends: Wird der Rückgang im Laufe der Jahre stärker oder schwächer? Mathematisch entspricht dies der ersten und zweiten Ableitung der Populationsentwicklung.
Sinkt die jährliche Wachstumsrate einer Population – also die Differenz zwischen Zu- und Abgängen – über die Zeit hinweg weiter, bedeutet das: Die Bestände nehmen nicht nur ab, der Rückgang beschleunigt sich. Genau dieses Muster zeigt sich im kontinentalen Durchschnitt der Studie. Die Wachstumsrate der untersuchten Populationen nahm signifikant ab, was auf eine großräumige Beschleunigung der Bestandsverluste hindeutet.
Auch auf Artenebene ist dieses Muster erkennbar: Von den 261 untersuchten Vogelarten zeigten 122 Arten (47 %) einen signifikanten Bestandsrückgang. 63 dieser Arten – also mehr als die Hälfte der rückläufigen Arten und rund ein Viertel aller untersuchten Arten – erlebten zudem eine signifikante Beschleunigung dieses Rückgangs.
Ein ähnliches Bild zeigt sich auf höherer taxonomischer Ebene. Von 21 Vogelfamilien mit signifikant rückläufigen Beständen wies die Mehrheit ebenfalls eine Beschleunigung der Verluste auf. Der Trend ist damit kein Problem einzelner besonders empfindlicher Artengruppen, sondern zieht sich durch viele unterschiedliche Vogelgruppen und Lebensräume Nordamerikas.
Wo es am schlimmsten ist – und warum
Die stärksten durchschnittlichen Bestandsverluste fanden sich vor allem im Süden und Südwesten der USA. Besonders stark gingen die Vogelzahlen in Florida, Texas, Louisiana und Arizona zurück.
Die Hotspots der Beschleunigung zeigen jedoch ein anderes geografisches Muster. Besonders deutlich beschleunigte sich der Rückgang im Mittleren Westen – etwa in Indiana, Ohio, Kentucky, Illinois, Wisconsin und Michigan – sowie in Teilen der Mid-Atlantic-Region (Delaware, Maryland, New Jersey) und in Kalifornien.
Diese räumliche Verteilung ist kein Zufall. Die Forschenden verknüpften ihre Bestandsschätzungen mit zwölf Umwelt- und Landnutzungsvariablen, darunter Temperaturdaten, Vegetationsbedeckung, der sogenannte menschliche Fußabdruck sowie mehrere Indikatoren für landwirtschaftliche Intensität – etwa Pestizideinsatz, Düngemitteleinsatz und Ackerflächenanteil. Mithilfe von maschinenlernenden Analyseverfahren identifizierten sie jene Faktoren, die die beobachteten Muster am besten erklären.
Hauptursachen: Intensive Landwirtschaft und Klimawandel
Die Analyse zeigt zwei zentrale Zusammenhänge. Der Rückgang der Vogelzahlen selbst steht besonders stark mit hohen und steigenden Temperaturen in Verbindung. Die Beschleunigung dieses Rückgangs hingegen tritt vor allem dort auf, wo die Landwirtschaft besonders intensiv betrieben wird.
Regionen mit hohem Pestizideinsatz, starkem Düngemitteleinsatz und großen Ackerflächen – drei Variablen, die die Autoren gemeinsam als Indikator für landwirtschaftliche Intensität interpretieren – weisen die deutlichsten Beschleunigungen der Bestandsverluste auf.
Besonders problematisch erscheint die Kombination aus intensiver Landwirtschaft und steigenden Temperaturen. Landwirtschaftlich genutzte Landschaften erwärmen sich oft stärker als natürliche Ökosysteme, etwa durch geringere Vegetationsbedeckung oder veränderte Oberflächeneigenschaften. Dadurch können klimabedingte Belastungen für Vogelpopulationen zusätzlich verstärkt werden.
Die Modelle deuten zudem darauf hin, dass der stärkste Beschleunigungseffekt in Regionen mit mittleren Jahresdurchschnittstemperaturen um etwa 10 °C auftritt – also genau dort, wo Vogelpopulationen besonders dicht sind und menschliche Landnutzung besonders intensiv ist.

(© Rhododendrites, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Welche Lebensräume und Arten sind betroffen?
Die Studie analysierte insgesamt zehn Habitattypen. Nur Waldarten zeigten im Durchschnitt einen signifikant positiven Bestandstrend – allerdings mit abnehmender Wachstumsrate, was darauf hindeutet, dass sich dieser Anstieg bereits verlangsamt.
Vier Lebensraumtypen verzeichneten hingegen signifikante Bestandsrückgänge: Städte, Grasland, Feuchtgebiete und offene Wälder. Besonders besorgniserregend ist, dass sich die Verluste in Feuchtgebieten und offenen Wäldern zusätzlich beschleunigen – die Bestände sinken dort also nicht nur, sondern der Rückgang wird von Jahr zu Jahr stärker.
Auch auf Artenebene zeigt sich ein breites Spektrum betroffener Vögel. Auffällig ist dabei, dass selbst häufige und weit verbreitete Arten zu den Populationen gehören, deren Rückgang sich beschleunigt. Dazu zählen etwa die Amerikakrähe (Corvus brachyrhynchos), der Star (Sturnus vulgaris) und die Carolinataube (Zenaida macroura), die lange als typische und stabile Bestandteile nordamerikanischer Vogelgemeinschaften galten.

(© Becky Matsubara from El Sobrante, California, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Ähnliche Trends zeigen weitere bekannte Arten. Der Rotflügelstärling (Agelaius phoeniceus), einer der häufigsten Vögel Nordamerikas, verzeichnet ebenso beschleunigte Bestandsverluste wie der Purpurgrackel (Quiscalus quiscula), der in vielen Agrarlandschaften verbreitet ist. Ebenfalls betroffen sind der Goldzeisig (Spinus tristis), ein häufiger Gartenvogel, sowie die Singammer (Melospiza melodia), eine der am weitesten verbreiteten Singvogelarten des Kontinents. Auch der Indigofink (Passerina cyanea), dessen leuchtend blaues Gefieder ihn zu den auffälligsten Singvögeln Nordamerikas macht, gehört zu den Arten mit beschleunigtem Rückgang.
Andere Arten zeigen zwar ebenfalls rückläufige Bestände, doch scheint sich ihr Rückgang inzwischen zu verlangsamen. Dazu zählen etwa der Haussperling (Passer domesticus) und der Schornsteinsegler (Chaetura pelagica), ein Zugvogel, der stark vom Verlust geeigneter Brutplätze in Schornsteinen sowie vom Rückgang fliegender Insekten betroffen ist.
Auf der anderen Seite gibt es auch einige Arten mit positiven Bestandstrends. So nehmen etwa die Bestände der Kanadagans (Branta canadensis) weiterhin zu, während die Türkentaube (Streptopelia decaocto) – eine erst im 20. Jahrhundert nach Nordamerika eingewanderte Art – ihre Ausbreitung fortsetzt. Solche Entwicklungen bleiben jedoch die Ausnahme: Insgesamt zeigen deutlich mehr Arten rückläufige als zunehmende Populationen, und selbst bei vielen wachsenden Beständen deutet sich bereits eine Verlangsamung des Wachstums an.
Was bedeutet das für den Artenschutz?
Die Forschenden betonen, dass nicht nur der Rückgang von Vogelpopulationen selbst von Bedeutung ist, sondern auch seine Dynamik. Viele Bestände nehmen nicht nur ab – der Rückgang beschleunigt sich sogar. Die Studie zeigt zudem, dass sich Regionen mit besonders stark beschleunigten Bestandsverlusten häufig mit Gebieten intensiver Landwirtschaft überschneiden. Ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Nachweis lässt sich daraus jedoch noch nicht ableiten. Für belastbare kausale Aussagen wären gezielte Experimente oder sogenannte quasikausale Studiendesigns erforderlich.
Trotz dieser Einschränkung ist die methodische Erkenntnis der Studie bedeutsam: Wer Biodiversitätsveränderungen ausschließlich anhand absoluter Bestandszahlen betrachtet, könnte wichtige Warnsignale übersehen. Die Beschleunigung von Bestandsrückgängen kann ein frühes Anzeichen für zukünftige Aussterberisiken sein. In vielen Monitoringprogrammen und Schutzstrategien wird diese Dynamik bislang kaum berücksichtigt.
Die Autoren schlagen deshalb vor, solche Beschleunigungsmaße künftig auch auf andere Biodiversitätsindikatoren anzuwenden – etwa auf die Artenzahl, Veränderungen in der Artenzusammensetzung oder die Artenumschlagrate. Dadurch ließe sich ein umfassenderes Bild der ökologischen Veränderungen gewinnen.
Wenn sich Bestandsrückgänge beschleunigen, könnte das bedeuten, dass wir wichtige Warnsignale bislang übersehen haben – und dass der Verlust biologischer Vielfalt schneller voranschreitet, als viele Schutzprogramme derzeit berücksichtigen.
Quelle
- François, L., Jarzyna, M. A., & Keil, P. (2026). Acceleration hotspots of North American birds’ decline are associated with agriculture. Science 391, 917–921. https://doi.org/10.1126/science.ads0871
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