Der Sulu-Raupenfänger galt lange Zeit als Unterart des Bindenraupenfängers (Bild).
Lange Zeit wurde der Sulu-Raupenfänger (Coracina guillemardi) aufgrund morphologischer Ähnlichkeiten als Unterart des sehr viel weiter verbreiteten Bindenraupenfängers (Coracina striata, hier abgebildet) geführt. Coracina striata (Boddaert, 1783), Observed in Philippines by dmalerta, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

Zufällige Entdeckung im Sulu-Archipel: Verschollener Raupenfänger nach fast 20 Jahren dokumentiert

Im November 2025 konnte der Sulu-Raupenfänger (Coracina guillemardi) erstmals seit fast zwei Jahrzehnten in den abgelegenen Wäldern von Tawi-Tawi im Sulu-Archipel im Südwesten der Philippinen erstmals wieder dokumentiert werden. Die Art galt als verschollen – nicht offiziell ausgestorben, aber über Jahre hinweg ohne bestätigte Nachweise.

Die Entdeckung erfolgte eher zufällig. Ein Team aus Mitarbeitenden des philippinischen Umweltministeriums sowie der Naturschutzorganisation PhilBio war ursprünglich auf der Suche nach einer anderen, besonders stark bedrohten Art: dem Suluhornvogel (Anthracoceros montani). Diese endemische Nashornvogelart zählt zu den seltensten Vögeln der Welt; Schätzungen gehen von weniger als 20 Brutpaaren aus. Lebensraumverlust und Bejagung haben die Art an den Rand des Aussterbens gebracht.

Suluhornvogel (Anthracoceros montani)
Auf der Suche nach dem extrem seltenen Suluhornvogel gelang Forschenden die Wiederentdeckung des verschollenen Sulu-Raupenfängers.
Anthracoceros montani (Oustalet, 1880), Observed in Philippines
 by Lorenzo Vinciguerra, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

Als das Team früh am Morgen die charakteristischen, nasalen Rufe des Suluhornvogels hörte, war die Freude groß. Während der anschließenden Beobachtungen fotografierte der Wildtierfotograf Shareef Khaddafi Hairal mehrere Vögel in den Baumkronen. Unter ihnen befand sich auch ein unscheinbarer, grauer Vogel, der – trotz seiner Größe – zunächst nicht weiter auffiel.

Erst später stellte sich heraus, wie bedeutsam diese Beobachtung war: Nachdem Hairal seine Aufnahmen in sozialen Medien veröffentlicht hatte, identifizierte der philippinische Ornithologe Desmond Allen den grauen Vogel als Sulu-Raupenfänger. Allen selbst hatte die Art zuletzt 1998 und 2008 auf Tawi-Tawi dokumentiert – danach fehlten jegliche bestätigte Nachweise.

Der Sulu-Raupenfänger – eine kaum bekannte Art

Der Sulu-Raupenfänger gehört zu den am schlechtesten dokumentierten Vogelarten Südostasiens. Wissenschaftlich beschrieben wurde er bereits im Jahr 1886 vom italienischen Zoologen Tommaso Salvadori – damals noch unter dem Namen Graucalus guillemardi. Grundlage war ein einzelnes Exemplar von der Insel Lapac im Sulu-Archipel.

Über viele Jahrzehnte hinweg wurde die Art nicht als eigenständig anerkannt, sondern als Unterart des Bindenraupenfängers (Coracina striata) geführt. Erst jüngere taxonomische Neubewertungen berücksichtigen Unterschiede in Morphologie und Lautäußerungen und führen den Sulu-Raupenfänger seit 2024 wieder als eigenständige Art. In der Roten Liste der IUCN ist er bislang jedoch noch nicht separat bewertet, da dort weiterhin die frühere Einordnung als Unterart maßgeblich ist.

Sulu-Archipel (Philippinen) - Karte
Lage des Sulu-Archipels zwischen Mindanao und Borneo. Die politisch zu den Philippinen gehörende Inselgruppe liegt in einer biogeografischen Übergangszone und beherbergt zahlreiche endemische Arten, darunter den Sulu-Raupenfänger und den Suluhornvogel. Alle modernen Nachweise des Sulu-Raupenfängers stammen bislang von der Insel Tawi-Tawi.

Trotz dieser langen wissenschaftlichen Geschichte ist erstaunlich wenig über den Vogel bekannt. Selbst grundlegende Referenzwerke wie Birds of the World enthalten bislang keine eigene Illustration. Auch zur Verbreitung gibt es nur lückenhafte Informationen: Alle modernen, bestätigten Nachweise stammen von der Insel Tawi-Tawi. Ob der Sulu-Raupenfänger auch auf anderen Inseln des Archipels vorkommt oder dort möglicherweise bereits verschwunden ist, bleibt unklar.

Die historische Herkunft des Typusexemplars deutet jedoch darauf hin, dass die Art früher weiter verbreitet gewesen sein könnte. Salvadori beschrieb sie auf Basis eines Vogels aus Lapac, ohne das Vorkommen strikt auf eine einzelne Insel zu begrenzen. Die heutige Datenlage spiegelt daher möglicherweise weniger die tatsächliche Verbreitung wider als vielmehr die erheblichen Wissenslücken in dieser wenig erforschten Region.

Äußerlich bleibt der Sulu-Raupenfänger unauffällig, was sicherlich dazu beigetragen hat, dass er so lange übersehen wurde. Es handelt sich um einen vergleichsweise großen Raupenfänger (Campephagidae) mit nahezu einheitlich grauem Gefieder. Flügel und Schwanz können etwas dunkler erscheinen, während die Augen auffallend hellgrau sind. Eine dunklere Gesichtsmaske zieht sich vom Schnabel über die Zügel bis zur Stirn, ist jedoch meist nur schwach ausgeprägt. Im Gegensatz zu verwandten Arten fehlt ihm die typische Bänderung am Bauch vollständig – ein wichtiges Merkmal, das ihn innerhalb der philippinischen Raupenfänger unterscheidet.

Warum er so lange undokumentiert blieb

Dass der Sulu-Raupenfänger 18 Jahre nicht nachgewiesen wurde, hat mehrere Ursachen. Zum einen ist sein Verbreitungsgebiet vermutlich sehr klein: Die Art lebt ausschließlich in den Tiefland- und Hügelwäldern des Sulu-Archipels. Viele dieser Lebensräume sind fragmentiert, schwer zugänglich und bislang nur unzureichend erforscht.

Ein entscheidender Faktor ist jedoch die politische Situation der Region. Über Jahrzehnte hinweg war der Sulu-Archipel von Instabilität und bewaffneten Konflikten geprägt. Insbesondere Gruppen wie Abu Sayyaf machten die Region durch Entführungen und Gewaltakte international bekannt. Viele Staaten sprachen Reisewarnungen aus, internationale Forschung kam nahezu vollständig zum Erliegen.

Die Folgen für Wissenschaft und Naturschutz waren gravierend: Ganze Regionen blieben über Jahre hinweg praktisch unzugänglich – nicht aus ökologischen, sondern aus sicherheitspolitischen Gründen. Selbst lokale Schutzprojekte konnten nur eingeschränkt durchgeführt werden, systematische Erfassungen der Biodiversität fanden kaum statt.

Erst in den letzten Jahren hat sich die Sicherheitslage in Teilen des Archipels vorsichtig stabilisiert. Durch koordinierte Maßnahmen von Behörden und Militär ist es heute zumindest für lokale Forschende wieder möglich, abgelegene Gebiete zu betreten und zu untersuchen. Diese Entwicklung hat entscheidend dazu beigetragen, dass Arten wie der Sulu-Raupenfänger überhaupt wieder aufgespürt werden konnten.

Die Wiederentdeckung zeigt: Verschollen bedeutet nicht zwangsläufig selten oder gar ausgestorben. In vielen Fällen heißt es schlicht, dass lange Zeit niemand nach einer Art suchen konnte – oder durfte. Erste aktuelle Beobachtungen deuten sogar darauf hin, dass der Sulu-Raupenfänger in geeigneten Lebensräumen möglicherweise nicht extrem selten ist. Allein im Jahr 2026 wurde die Art mehrfach in eBird-Checklisten aus Tawi-Tawi gemeldet.

Hoffnung für weitere Lost Birds

Im Sulu-Archipel gelten weitere Vogelarten als verschollen, darunter der Sulu-Dschungelschnäpper (Cyornis ocularis), der zuletzt 1998 dokumentiert wurde, und die Tawitawitaube (Gallicolumba menagei). Diese vom Aussterben bedrohte Art ist nur durch zwei Exemplare bekannt, die 1891 auf Tawi-Tawi gesammelt wurden. Trotz gezielter Suchaktionen in den 1990er-Jahren blieb sie seither unauffindbar.

Dass der Sulu-Raupenfänger nun erneut nachgewiesen konnte, gibt Anlass zur Hoffnung, dass auch diese beiden endemischen Arten noch existieren könnten.

Lebensraumverlust als größte Bedrohung

Auch wenn der Sulu-Raupenfänger kürzlich dokumentiert wurde, gilt er mit hoher Wahrscheinlichkeit als gefährdet. Nahezu alle Vogelarten, die ausschließlich im Sulu-Archipel vorkommen, stehen unter Druck – und vieles spricht dafür, dass dies auch auf Coracina guillemardi zutrifft.

Die größte Bedrohung ist der fortschreitende Verlust seines Lebensraums. Die Wälder des Archipels werden zunehmend abgeholzt oder in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Hinzu kommen Bergbauaktivitäten, die zusätzliche Eingriffe in bislang weitgehend unberührte Gebiete darstellen. Für Arten mit einem extrem kleinen Verbreitungsgebiet kann bereits der Verlust einzelner Waldflächen verheerende Folgen haben.

Diese Entwicklung ist Teil eines landesweiten Trends: Auf den Philippinen zählt Entwaldung seit Jahrzehnten zu den zentralen Umweltproblemen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sank der Anteil der Waldfläche von etwa 70 % auf rund 20 %. Die ökologischen Folgen reichen von Biodiversitätsverlust über Bodenerosion bis hin zu Überschwemmungen und langfristigen Einbußen in der landwirtschaftlichen Produktivität.

Gleichzeitig gibt es noch Hoffnung. Teile der Insel Tawi-Tawi verfügen weiterhin über vergleichsweise gut erhaltene Waldgebiete, die als letzte Rückzugsräume für viele endemische Arten dienen könnten. Doch wie Naturschützer betonen, ist das Zeitfenster begrenzt: Landdegradation und Klimawandel könnten die ohnehin fragilen Inselökosysteme zusätzlich unter Druck setzen.

Mit dem erneuten Nachweis des Sulu-Raupenfängers kann eine weitere Art von der Liste der Initiative Search for Lost Birds gestrichen werden. Als verschollen gelten dort Vogelarten, die seit mindestens zehn Jahren nicht mehr eindeutig – etwa durch Fotos, Tonaufnahmen oder genetische Daten – nachgewiesen wurden. Dass solche Arten wiedergefunden werden, ist kein Einzelfall. Erst 2025 gelangen mehrere Wiederentdeckungen, darunter der Bismarckzwergfischer im Bismarck-Archipel von Papua-Neuguinea sowie der Zimtbrust-Blauschnäpper auf der philippinischen Insel Luzon.


Quelle

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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