Flüsse und Seen beherbergen einige der größten Tiere der Binnengewässer – von riesigen Welsen, Stören, Lachsen und Karpfen über Schildkröten bis hin zu Krokodilen. Viele dieser Arten wurden jedoch vom Menschen bewusst in neue Regionen eingeführt. Eine neue globale Studie im Fachjournal One Earth untersucht erstmals systematisch, welche Folgen solche Einführungen für Biodiversität, Ökosysteme und menschliche Gesellschaften haben.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Auswirkungen eingeführter Süßwasserarten äußerst komplex sein können. Während einige Arten wirtschaftliche Vorteile bringen oder neue Nutzungsmöglichkeiten schaffen, können sie gleichzeitig ökologische Schäden verursachen und die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften beeinträchtigen.
Wie gelangen fremde Arten in Flüsse und Seen?
Süßwasserökosysteme gelten als besonders anfällig für die Einführung gebietsfremder Arten, da sie eng mit menschlichen Aktivitäten verbunden sind. Viele Arten werden gezielt ausgesetzt – etwa für Aquakultur, kommerzielle Fischerei, Sportfischerei oder den Heimtierhandel. So wird der Karpfen (Cyprinus carpio) heute in über 100 Ländern gezüchtet, während der Afrikanische Raubwels (Clarias gariepinus) in mindestens 30 Staaten eingeführt wurde, um Aquakultur und Fischerei aufzubauen.
Manchmal gelangen Arten jedoch auch unbeabsichtigt in neue Regionen. Schiffe können über Ballastwasser Organismen aus einem Gewässer aufnehmen und später in einem anderen wieder freisetzen. Auch hydrologische Verbindungen zwischen Flusssystemen oder Kanälen sowie zunehmender Schiffsverkehr erleichtern die Ausbreitung.
Welche Arten gehören zur Süßwasser-Megafauna?
Als Süßwasser-Megafauna werden Tiere bezeichnet, die eine Körpermasse von mindestens 30 Kilogramm erreichen und ganz oder teilweise in Süß- oder Brackwasser leben. Dazu zählen nicht nur große Fischarten wie Störe, Lachse, Welse oder Karpfen, sondern auch Nilpferde, Riesensalamander, Krokodile, Biber und große Schildkröten. Viele dieser Arten wurden inzwischen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets nachgewiesen.
Zu den weltweit am weitesten verbreiteten gebietsfremden Süßwasserfischen gehören:
– sogenannte Megafische wie die Bachforelle (Salmo trutta), der Afrikanische Raubwels und der Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella)
– große Schildkröten wie die Geierschildkröte (Macrochelys temminckii) oder die Schnappschildkröte (Chelydra serpentina)
Ausmaß der Einführungen: 93 Arten weltweit
Die Studie liefert einen globalen Überblick über die Einführung großer Süßwassertiere und ihre Auswirkungen auf Menschen. Insgesamt identifizierten die Forschenden 93 Arten der Süßwasser-Megafauna, die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Das entspricht 43 % der weltweit bekannten 216 Arten dieser Gruppe. Diese Einführungen betreffen 142 Länder und Regionen.
Besonders viele solcher Arten wurden in Nordamerika, Europa und Ostasien eingeführt. Die höchsten Zahlen verzeichneten die USA mit 52 Arten, gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17). In Afrika und Ozeanien wurden vergleichsweise wenige Einführungen dokumentiert.
Für 59 der 93 Arten liegen konkrete Daten zu ihren Auswirkungen auf Menschen vor. Insgesamt konnten die Forschenden 575 dokumentierte Effekte identifizieren. Alle diese Arten waren mit mindestens einem positiven Beitrag für Menschen verbunden, während 26 Arten gleichzeitig auch negative Auswirkungen verursachten.
Damit zeigt die Studie deutlich: Eingeführte Süßwasser-Megafauna bringt häufig sowohl Nutzen als auch Probleme mit sich.
Vorteile: Nahrung, Wirtschaft und Freizeit
Viele Einführungen großer Süßwassertiere erfolgten aus wirtschaftlichen Gründen. Am häufigsten profitieren Menschen durch Nahrungsproduktion und Aquakultur. Große Fischarten wie Karpfen, Welse, Lachse oder Störe werden weltweit gezüchtet und stellen eine wichtige Proteinquelle dar.

(© Erina Mukuta, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
In manchen Regionen haben solche Einführungen sogar ganze Wirtschaftszweige entstehen lassen. Ein Beispiel ist Chile, wo eingeführte Lachse – darunter Atlantischer Lachs (Salmo salar) und Königslachs (Oncorhynchus tshawytscha) – einen Exportwert von mehr als 5 Milliarden US-Dollar pro Jahr erreichen und zehntausende Arbeitsplätze sichern.
Auch Freizeitaktivitäten spielen eine Rolle. Große Fische sind attraktive Zielarten für die Sportfischerei. Der Europäische Wels (Silurus glanis) hat beispielsweise im spanischen Ebro-Becken einen florierenden Angeltourismus entstehen lassen. Einige Arten werden zudem im Heimtierhandel genutzt. Süßwasserrochen wie der Pfauenaugen-Stechrochen (Potamotrygon motoro) werden etwa für den internationalen Aquarienmarkt gezüchtet.
Die Studie zeigt außerdem deutliche regionale Unterschiede. In vielen Ländern des Globalen Südens dominiert der Nutzen als Nahrungsquelle, während im Globalen Norden häufiger Freizeitaktivitäten wie Angeln im Vordergrund stehen. In Asien standen etwa 80 % der positiven Effekte im Zusammenhang mit Lebensmittelproduktion, während dieser Anteil in Nordamerika deutlich geringer ist. Insgesamt dokumentierten die Forschenden 429 positive Beiträge für Menschen, die häufig mit wirtschaftlichen oder kulturellen Vorteilen verbunden waren.
Nachteile: ökologische Schäden und soziale Folgen
So vielfältig die Vorteile sein können, so gravierend können auch die negativen Folgen sein. Die Studie identifizierte 146 dokumentierte Fälle negativer Auswirkungen, die 25 Arten betreffen.
Ein Teil dieser Probleme entsteht indirekt durch Veränderungen von Ökosystemen. Wenn eingeführte Arten einheimische Fischbestände verringern oder Lebensräume verändern, kann dies Menschen treffen, die auf diese Arten als Nahrungsquelle oder Einkommensgrundlage angewiesen sind.
In anderen Fällen entstehen direkte Risiken: Große Tiere, etwa Süßwasserrochen, können Menschen verletzen, Fischbestände verändern oder wirtschaftliche Aktivitäten beeinträchtigen. Einige invasive Arten verursachen zudem Sachschäden oder beeinflussen Freizeitnutzungen von Gewässern.
Die meisten negativen Effekte wurden in Nordamerika dokumentiert, gefolgt von Europa und Asien. Viele dieser Auswirkungen sind jedoch schwer zu messen und könnten unterschätzt sein, da rund zwei Drittel der dokumentierten Fälle auf indirekten Hinweisen beruhen, etwa möglichen Gesundheitsrisiken durch Schadstoffe oder Parasiten in eingeführten Fischarten.
Top Süßwasser-Megafauna-Arten
Einige der bekanntesten eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten und ihre Auswirkungen zeigt die folgende Auswahl:
Wahrnehmung hängt von gesellschaftlichen Werten ab
Ob eine eingeführte Art als nützlich oder problematisch wahrgenommen wird, hängt stark von gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen ab. Während in vielen Ländern des Globalen Südens vor allem der Beitrag zur Ernährung im Mittelpunkt steht, spielen in wohlhabenderen Regionen häufiger Freizeitaktivitäten wie Sportfischerei oder Angeltourismus eine Rolle.
Dies führt dazu, dass dieselbe Art in unterschiedlichen Regionen sehr verschieden bewertet werden kann – als wirtschaftliche Ressource oder als ökologische Bedrohung.
Warum große Arten besonders problematisch sein können
Große Süßwassertiere können in neu besiedelten Gewässern besonders weitreichende Folgen haben. Arten der Süßwasser-Megafauna stehen häufig weit oben im Nahrungsnetz, regulieren andere Arten oder verändern durch ihr Verhalten Lebensräume. Wenn solche Arten in neue Regionen eingeführt werden, können sie ganze ökologische Beziehungen verändern. Das betrifft nicht nur einzelne Arten, sondern häufig ganze Nahrungsnetze und Ökosysteme.
Hinzu kommt, dass viele dieser Arten nicht zufällig verbreitet wurden, sondern gezielt wegen ihres wirtschaftlichen Nutzens: als Speisefisch in der Aquakultur, für die Sportfischerei, als Lederlieferant, für den Heimtierhandel oder als Touristenattraktion. Diese Kombination aus wirtschaftlichem Interesse und großer ökologischer Wirkung macht sie so riskant. Denn die Vorteile kommen häufig nur bestimmten Gruppen zugute, während die negativen Folgen viel breiter gestreut sein können.
Wenn eingeführte Megafauna-Arten Fischbestände verringern, Lebensräume umgestalten oder Nahrungsketten verschieben, hat das oft direkte Auswirkungen auf Menschen, die auf funktionierende Süßwasserökosysteme angewiesen sind. Betroffen sind dann nicht nur Biodiversität und Naturschutz, sondern auch Nahrungsversorgung, Einkommen, Sicherheit, Gesundheit und traditionelle Lebensweisen.
Das zeigt auch die Studie: Einführungen großer Süßwasserarten können zwar wirtschaftliche Chancen schaffen, zugleich aber lokale Gemeinschaften erheblich belasten – vor allem dann, wenn die ökologischen Schäden erst mit Verzögerung sichtbar werden.
Große Wissenslücken
Trotz der globalen Analyse zeigt die Studie auch, wie lückenhaft das Wissen über die sozioökonomischen Folgen eingeführter Süßwasserarten noch ist. Häufig fehlen verlässliche Daten darüber, wie stark sich wirtschaftliche Aktivitäten, Lebensweisen oder soziale Strukturen durch eingeführte Arten tatsächlich verändern.
Für viele Megafauna-Arten fehlen langfristige Daten zur Entwicklung ihrer Populationen sowie detaillierte Untersuchungen zu ihren ökologischen Auswirkungen. Besonders in tropischen Regionen ist die Datenlage oft lückenhaft, obwohl dort viele Einführungen stattgefunden haben.
Ein globales Experiment mit ungewissem Ausgang
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass Einführungen großer Süßwasserarten künftig deutlich vorsichtiger bewertet werden sollten. Viele dieser Arten wurden ursprünglich wegen ihrer wirtschaftlichen Vorteile verbreitet – etwa für Aquakultur, Fischerei, Tourismus oder den Heimtierhandel.
Tatsächlich können solche Einführungen neue Einnahmequellen schaffen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Beispiele, dass sie tiefgreifende ökologische Veränderungen auslösen können, die langfristig auch die Lebensgrundlagen der Menschen beeinträchtigen. Ist eine große Süßwasserart erst einmal in einem neuen Lebensraum etabliert, lässt sie sich oft nur schwer oder gar nicht mehr entfernen.
Die Autorinnen und Autoren der Studie plädieren deshalb dafür, mögliche Folgen solcher Einführungen künftig stärker zu untersuchen und klarer zu kommunizieren, damit Risiken für Biodiversität und lokale Gemeinschaften besser abgeschätzt werden können.
Gleichzeitig werfen solche Einführungen auch grundsätzliche ethische Fragen auf. Große Wildtiere werden häufig allein aus wirtschaftlichen Gründen in neue Regionen gebracht und dort als Ressource genutzt – etwa für Aquakultur, Lederproduktion, Fischerei oder Tourismus. Dabei können nicht nur Ökosysteme dauerhaft verändert werden, sondern auch die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften in Mitleidenschaft geraten.
Aus naturschutzethischer Sicht ließe sich daher auch argumentieren, dass solche Einführungen grundsätzlich vermieden werden sollten. Denn viele der heute diskutierten Risiken entstehen überhaupt erst dadurch, dass Tiere für wirtschaftliche Interessen oder Unterhaltung in neue Regionen gebracht werden.
Letztlich gleicht die Einführung großer Süßwasserarten einem globalen Experiment, dessen Konsequenzen oft erst Jahrzehnte später sichtbar werden. Beispiele wie der Nilbarsch im Viktoriasee oder der weltweit verbreitete Karpfen zeigen, wie stark einzelne Arten ganze Ökosysteme verändern können.
Der wirtschaftliche Nutzen solcher Arten ist real – doch ebenso real sind die Risiken für Biodiversität, Ökosysteme und die Menschen, die von ihnen abhängig sind.
Quelle
- Chen, X., Evans, T. G., Jeschke, J. M., et al. (2026). Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts. One Earth, 101623. https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101623
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