Mehr Pflanzenarten sind nicht automatisch gut
Mehr Grün bedeutet nicht zugleich mehr intakte Natur: Viele Pflanzengemeinschaften Europas verändern sich zugunsten robuster Generalisten. Bild: Doreen Fräßdorf

Biodiversität: Wenn mehr Pflanzenarten kein gutes Zeichen sind

Auf den ersten Blick klingt es wie eine gute Nachricht: In vielen europäischen Lebensräumen gibt es lokal heute mehr Pflanzenarten als früher. Eine internationale Studie unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat dafür 57.390 Vegetations-Zeitreihen aus ganz Europa ausgewertet. Insgesamt flossen 199.282 einzelne Vegetationsaufnahmen ein; einige Zeitreihen reichen über mehr als 100 Jahre zurück.

Das zentrale Ergebnis: Europäische Pflanzengemeinschaften gewannen im Durchschnitt pro Jahr etwa 0,7 % Vegetationsbedeckung und 0,2 % Artenzahl hinzu. Das klingt zunächst positiv, ist aber eigentlich keine gute Nachricht. Denn die Studie zeigt auch: Zu den Gewinnern gehören häufig Generalisten, gebietsfremde Arten und Pflanzen mit breiter ökologischer Nische.

Mehr Pflanzenarten heißt nicht automatisch mehr Natur

Entscheidend ist nicht nur, wie viele Pflanzenarten auf einer Fläche wachsen, sondern welche. Eine Wiese, ein Moor oder ein alpiner Standort kann lokal artenreicher werden und trotzdem seinen ursprünglichen Charakter verlieren.

Das passiert zum Beispiel, wenn seltene, spezialisierte Arten durch häufige und anpassungsfähige Pflanzen ergänzt oder langfristig verdrängt werden. Solche Generalisten kommen mit vielen Bedingungen zurecht: mehr Nährstoffen, gestörten Böden, veränderter Nutzung, Trockenheit oder steigenden Temperaturen. In der Statistik steigt dann die Artenzahl, ökologisch kann der Lebensraum aber an Qualität verlieren.

Wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen:

  • Lokaler Artenzahl: Wie viele Pflanzenarten stehen auf einer bestimmten Fläche?
  • Lebensraumqualität: Kommen dort noch die typischen, spezialisierten und seltenen Arten dieses Lebensraums vor?

Die Forschenden fanden außerdem keinen allgemeinen Anstieg der europäischen Gesamtartenvielfalt innerhalb der Lebensraumtypen, also der sogenannten Gamma-Diversität. Das spricht dafür, dass nicht einfach überall neue Arten dazukommen. Vielmehr verändern sich die Pflanzengemeinschaften: Einige Arten wandern ein oder nehmen zu, andere verschwinden.

Starke Veränderungen in Mooren und Feuchtgebieten

Die auffälligsten Veränderungen zeigten sich in Mooren und Feuchtgebieten. Insbesondere dort kann ein Artenzuwachs ein Warnsignal sein. Moore sind extreme Lebensräume: nass, nährstoffarm, sauerstoffarm und oft von hoch spezialisierten Pflanzen (und Tieren) geprägt.

Wenn solche Standorte entwässert, gestört oder nährstoffreicher werden, können zusätzliche Arten einwandern. Das erhöht lokal die Artenzahl, zeigt aber häufig, dass das Moor seine typischen Bedingungen verliert. In degradierten Mooren können zum Beispiel Torfmoose, Sonnentau-Arten, Wollgräser oder moortypische Seggen zurückgehen, während Pfeifengras, Birken, Weiden oder andere konkurrenzstärkere Arten zunehmen. Die Pflanzenliste wird also nicht unbedingt kürzer, aber sie wird weniger Moor-typisch.

Alpen-Vegetation
Alpine Lebensräume sind oft kleinräumig strukturiert und von spezialisierten Pflanzen geprägt. Mit steigenden Temperaturen können Arten aus tieferen Lagen nach oben wandern und diese Pflanzengemeinschaften verändern.
Bild: Josef Moser, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Auch die Alpen zeigen diesen Wandel

Ein ähnliches Muster lässt sich in Gebirgen beobachten. Durch die Erwärmung wandern wärmeliebende Arten in höhere Lagen. Dadurch kann die Artenzahl auf alpinen Flächen zunächst steigen. Für kälteangepasste Hochgebirgspflanzen wird der Lebensraum aber kleiner.

Typische alpine Spezialisten wie Gletscher-Hahnenfuß, Alpen-Mannsschild, verschiedene Steinbrech-Arten oder alpine Polsterpflanzen sind an kurze Vegetationsperioden, Kälte, Schnee und offene Standorte angepasst. Wenn Arten aus tieferen Lagen nach oben wandern, geraten sie stärker unter Konkurrenzdruck. Irgendwann endet der Ausweichraum am Gipfel.

Auch hier gilt: Mehr Arten auf einer Fläche können eine Übergangsphase anzeigen, jedoch nicht unbedingt eine ökologische Verbesserung.

Grünland: Weniger starke Trends, aber große Bedeutung

Artenreiche Magerwiese
Magerwiese mit Wiesensalbei, Margeriten, Hahnenfuß und Futter-Esparsette. Solche blütenreichen Wiesen unterscheiden sich von nährstoffreichen, dichtwüchsigen Grünlandflächen.
Bild: Leamycin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Im Grünland fielen die durchschnittlichen Veränderungen geringer aus als in Mooren und Feuchtgebieten. Trotzdem ist Grünland ein gutes Beispiel dafür, warum Artenzahlen allein nicht ausreichen.

Eine artenreiche Magerwiese mit Orchideen, Arnika, Wiesen-Salbei, Klappertopf, Margeriten oder Wiesen-Flockenblume ist ökologisch etwas anderes als eine nährstoffreiche, dichtwüchsige Fläche mit dominanten Gräsern, Ampfer, Brennnesseln oder aufkommenden Gehölzen.

Viele artenreiche Wiesen sind auf extensive Nutzung angewiesen: Werden sie zu stark gedüngt, zu häufig gemäht oder gar nicht mehr gepflegt, verändern sich die Konkurrenzverhältnisse zugunsten weniger robuster Arten.

Auch wenn auf einer gestörten oder brachfallenden Fläche vorübergehend zusätzliche Arten auftreten, können lichtliebende Spezialisten langfristig verschwinden. Die Fläche wirkt dann vielleicht grüner und dichter, ist aber ökologisch nicht wertvoller.

Ackerwildkräuter: Verlust trotz „grüner“ Landschaft

Auch Äcker zeigen, wie stark sich Pflanzenwelten verändern können. Viele typische Ackerwildkräuter sind heute selten geworden oder teilweise in Deutschland ganz verschwunden, obwohl Agrarlandschaften weiterhin „grün“ wirken. Arten wie Kornrade, Acker-Rittersporn, Lämmersalat, Kornblume oder Klatschmohn waren früher typische Begleiter extensiver Äcker.

Durch Herbizide, Saatgutreinigung, starke Düngung und dichte Kulturpflanzenbestände wurden viele dieser Arten zurückgedrängt. An ihre Stelle treten oft wenige robuste Arten, die mit nährstoffreichen und stark genutzten Standorten zurechtkommen. Auch hier geht es also nicht nur um Pflanzenmenge, sondern um die Zusammensetzung der Vegetation.

Landschaften werden ähnlicher

Die wichtigste Botschaft der Studie lautet nicht, dass Europas Pflanzenwelt vielfältiger wird, sondern: Viele Pflanzengemeinschaften verändern sich. Häufig profitieren robuste, weit verbreitete Arten. Spezialisierte Arten verlieren ihre besonderen Lebensräume.

Das führt zu einer schleichenden Vereinheitlichung. Moore werden trockener und verbuschen. Magerwiesen werden dichter und nährstoffreicher. Alpine Lebensräume bekommen Konkurrenz aus tieferen Lagen. Aus sehr unterschiedlichen Lebensräumen kann so zunehmend ein ähnlicheres „Allerweltsgrün“ werden.

Ein lokaler Artenzuwachs kann ökologische Verluste überdecken. Wenn man nur zählt, wie viele Arten auf einer Fläche vorkommen, übersieht man leicht, dass seltene oder lebensraumtypische Arten verschwinden.

Dabei geht es nicht darum, natürliche Veränderungen zu verhindern. Gefährlich wird der Wandel dort, wo spezialisierte Arten verschwinden, Lebensräume ihre typischen Eigenschaften verlieren und immer ähnliche, robuste Arten profitieren.

Nicht jeder Wandel ist harmlos

Pflanzengemeinschaften verändern sich natürlicherweise. Doch heute wirken Klimawandel, intensive Landwirtschaft, Nährstoffeinträge, Entwässerung und die weltweite Verschleppung von Arten gleichzeitig. Problematisch ist deshalb nicht jede neue Art, sondern vor allem der Verlust typischer Lebensräume und spezialisierter Pflanzen.

Auch „heimisch“ bedeutet im Naturschutz nicht einfach „deutsch“ oder „nicht-deutsch“. Entscheidend ist, ob eine Art natürlich in einem Gebiet vorkommt oder durch menschlichen Einfluss dorthin gelangt ist – und ob sie dort andere Arten oder Lebensräume verdrängt.

Nicht die Artenzahl ist entscheidend

Biodiversität lässt sich nicht nur durch Artenzahlen bewerten. Entscheidend ist, welche Arten zunehmen, welche verschwinden und ob ein Lebensraum seine typischen Eigenschaften behält.

Die aktuelle Studie hat ermittelt, dass Vegetationsbedeckung und Artenzahl in Europa zwar jährlich zunehmen, doch geht dieser Zuwachs geht häufig mit Generalisten, gebietsfremden Arten und einer veränderten Artenzusammensetzung einher.

Für den Artenschutz bedeutet das: Wir müssen genauer hinschauen. Eine Fläche kann lokal artenreicher werden und trotzdem ökologisch an Qualität verlieren. Gerade bei Pflanzen geschieht dieser Wandel oft langsam und unauffällig – sichtbar wird er oft erst, wenn alte Vegetationsaufnahmen mit heutigen Daten verglichen werden.


Quelle

  • Kambach, S., Jandt, U., Acosta, A. T. R., et al. (2026): Habitat-specific trends in taxonomic, functional, and phylogenetic diversity in European plant communities over a century. Nature Communications 17, 4208. https://doi.org/10.1038/s41467-026-72112-5

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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