Sepik River Papua-Neuguinea
Der Sepik in Papua-Neuguinea: In diesem weit verzweigten Flusssystem wurde die seit Jahrzehnten verschollene Stichlings-Flussnadel 2026 wiederentdeckt. Bild: David Bacon, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Stichlings-Flussnadel nach über 40 Jahren wiederentdeckt

Inhaltsverzeichnis

Mehr als vier Jahrzehnte lang war die Stichlings-Flussnadel (Microphis spinachioides) wissenschaftlich nicht mehr nachgewiesen worden. Der nur aus Papua-Neuguinea bekannte Süßwasserfisch gehört zu den Seenadeln und ist damit mit den Seepferdchen verwandt.

Im Juni 2026 tauchte die lange verschollene Art wieder auf: Am unteren Sepik, dem längsten Fluss Neuguineas, fanden Forschende gemeinsam mit Menschen aus den örtlichen Gemeinden mehrere Exemplare – der erste bestätigte Fund seit 1985.

Wiederentdeckung am Sepik

Die Suche wurde von Jerrica Agebigo und Roger Maikei vom New Guinea Binatang Research Centre durchgeführt. Zwei Wochen lang untersuchte das Team den unteren Sepik und mehrere Nebenflüsse. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Wissen der lokalen Bevölkerung: Fischer, Marktverkäufer und andere Bewohner wurden anhand von Abbildungen gefragt, ob sie die ungewöhnlichen Fische kannten und wo sie ihnen begegnet waren.

Tatsächlich erkannten Menschen aus mehreren Gemeinden die Art wieder. Sie berichteten von Vorkommen an dicht bewachsenen Flussufern und kannten für die Fische verschiedene lokale Namen, darunter Karuweng, Inap, Karuwena und Sako.

Der entscheidende Hinweis kam aus dem Dorf Imbando am Hauptlauf des Sepik. Dort erkannte Helen Asu den Fisch auf den gezeigten Bildern. Sie fängt regelmäßig Süßwassergarnelen mit einem traditionellen Handnetz, einem sogenannten Umben, zwischen der dichten Vegetation am Flussufer.

Bereits am folgenden Morgen befanden sich zwischen ihrem Fang zwei langgestreckte Seenadeln. Innerhalb von zwei Tagen wurden insgesamt drei Exemplare beobachtet; zwei davon wurden für weitere wissenschaftliche Untersuchungen aufbewahrt. Fotos der Tiere gingen anschließend an den australischen Ichthyologen Gerald R. Allen, der die Fischfauna des Sepik bereits Jahrzehnte zuvor untersucht hatte. Er bestätigte, dass es sich tatsächlich um Microphis spinachioides handelte. Damit war nach mehr als 40 Jahren erstmals wieder sicher belegt, dass die Stichlings-Flussnadel noch existiert.

Das folgende Video zeigt die wiederentdeckte Stichlings-Flussnadel (Microphis spinachioides):

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Seit 1985 nicht mehr wissenschaftlich nachgewiesen

Dass ausgerechnet Gerald R. Allen die Wiederentdeckung bestätigte, passt zur Geschichte der Art: Gemeinsam mit David Coates hatte er bereits zwischen 1978 und 1985 die Fischfauna des Sepik untersucht. Schon damals gehörte Microphis spinachioides zu den selten gefundenen Arten. Die wenigen bekannten Exemplare stammten vor allem aus dichter Vegetation entlang flacher Flussufer, unter anderem bei Marienberg und Angoram.

Der letzte wissenschaftlich bestätigte Nachweis stammt aus dem Jahr 1985. Danach verschwand die Art für Jahrzehnte aus den wissenschaftlichen Aufzeichnungen. Als ausgestorben galt sie jedoch nicht, sondern als verschollen: SHOAL nahm sie 2021 in die Liste der zehn meistgesuchten verschollenen Süßwasserfische auf. Als Lost Fish bezeichnet die Initiative Arten, die seit mindestens zehn Jahren nicht mehr wissenschaftlich dokumentiert wurden, ohne dass ihr Aussterben bestätigt ist.

Zwei andere Arten dieser Liste konnten inzwischen bereits gestrichen werden: die Batman-Schmerle, die 2021 wiederentdeckt wurde, und die Leopard-Barbe, deren Wiederentdeckung 2024 gelang.

Schon 1909 am Sepik entdeckt

Die wissenschaftliche Geschichte der Stichlings-Flussnadel reicht weit zurück. Der deutsche Zoologe Georg Duncker beschrieb die Art 1915 unter dem Namen Doryichthys spinachioides. Grundlage der Erstbeschreibung war ein einziges, 8,2 Zentimeter langes Exemplar, das Duncker selbst am 28. Mai 1909 während der Hamburger Südsee-Expedition gefangen hatte. Als Fundort gab er den damaligen Kaiserin-Augusta-Fluss an, etwa 51 Seemeilen oberhalb seiner Mündung. Dabei handelt es sich um den heutigen Sepik.

Das Typusexemplar wurde unter der Nummer ZMH 11555 im Zoologischen Museum Hamburg aufbewahrt, gilt heute jedoch als zerstört. Auch die taxonomische Einordnung änderte sich: Die Art wird inzwischen nicht mehr zur Gattung Doryichthys, sondern zur Gattung Microphis gestellt.

Auch die Herkunft des Artnamens lässt sich aus Dunckers Erstbeschreibung nachvollziehen. Er schrieb, der neue Fisch erinnere ihn in Kopfform und gedrungener Gestalt stark an Spinachia vulgaris – den heute als Spinachia spinachia bezeichneten Seestichling. Der Name spinachioides bedeutet entsprechend sinngemäß Spinachia-ähnlich“.

Was ist eine Flussnadel?

Die Stichlings-Flussnadel gehört zur Familie der Seenadeln (Syngnathidae), zu der auch Seepferdchen und Fetzenfische zählen. Typisch für diese Fische sind der langgestreckte Körper, die röhrenförmige Schnauze und ein Körperpanzer aus knöchernen Ringen.

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Die meisten Seenadeln leben im Meer oder in Küstengewässern. Einige Vertreter haben jedoch Flüsse und andere Süßgewässer des Indopazifiks besiedelt. Rund 30 Arten solcher tropischen Süßwasser-Seenadeln sind bekannt. Eine umfassende taxonomische Revision von 2023 kam zu dem Ergebnis, die zuvor auf mehrere Gattungen verteilten Arten in der Gattung Microphis zusammenzufassen.

Wie bei anderen Seenadeln übernehmen auch bei der Stichlings-Flussnadel die Männchen die Brutpflege. Ein untersuchtes Männchen trug etwa 150 Embryonen. Die Art erreicht nach den bislang vorliegenden Daten eine Länge von mindestens 15 Zentimetern. Über viele andere Aspekte ihrer Lebensweise ist dagegen nur wenig bekannt. Die IUCN führt die Stichlings-Flussnadel deshalb als Data Deficient (DD) – für eine zuverlässige Einschätzung ihrer Gefährdung fehlen bislang ausreichende Daten.

Stichlings-Flussnadel (Microphis spinachioides) KI-Rekonstruktion
KI-Illustration der Stichlings-Flussnadel (Microphis spinachioides), erstellt nach der Erstbeschreibung von Duncker (1915) und aktuellen Bild- und Videoquellen

Warum blieb die Art so lange ohne wissenschaftlichen Nachweis?

Die Wiederentdeckung bedeutet nicht zwangsläufig, dass nur noch wenige Stichlings-Flussnadeln existieren. Dafür fehlen bislang schlicht die Daten. Frühere Funde stammen vor allem aus dicht bewachsenen, flachen Randbereichen von Flüssen – genau dort wurden auch die Tiere von 2026 entdeckt. Ein schlanker, unauffällig gefärbter Fisch kann zwischen dichter Wasser- und Ufervegetation leicht übersehen werden. Hinzu kommt die enorme Größe des Sepik-Flusssystems mit seinen Nebenarmen, Seen, Überschwemmungsflächen und Feuchtgebieten.

Verschollen bedeutete in diesem Fall daher vor allem, dass die Art jahrzehntelang nicht wissenschaftlich dokumentiert worden war. Für die Menschen am Sepik war sie keineswegs vollständig verschwunden: Bewohner mehrerer Gemeinden erkannten den Fisch auf Abbildungen und hatten sogar eigene Bezeichnungen für ihn. Erst die Verbindung aus gezielter wissenschaftlicher Suche und lokalem Wissen führte schließlich zur Wiederentdeckung.

Wie gefährdet ist die Stichlings-Flussnadel?

Mit der Wiederentdeckung ist klar: Microphis spinachioides lebt noch. Wie viele dieser Fische existieren, wie groß ihr heutiges Verbreitungsgebiet ist und ob die Bestände zurückgehen, bleibt jedoch unbekannt. Auch die Angaben zur Verbreitung sind nicht ganz einheitlich: Während SHOAL die Art vor allem mit dem Sepik-System in Verbindung bringt, nennen andere Quellen neben dem Sepik und seinem Nebenfluss May auch einen älteren Nachweis aus dem Ramu.

Menschen aus den untersuchten Gemeinden berichteten den Forschenden von einem Rückgang einheimischer Fischarten sowie von Veränderungen durch Sedimenteinträge, Holzeinschlag, Bergbau, Habitatveränderungen und eingeschleppte Arten. Auch die IUCN nennt die Verschlechterung von Süßwasserlebensräumen durch Entwaldung und Metallbergbau als mögliche Bedrohung für die Stichlings-Flussnadel. Zudem könnte die Art für den Aquarienfischhandel gefangen werden, konkrete Nachweise dafür liegen bislang jedoch nicht vor. Ob und in welchem Umfang diese Faktoren die Bestände tatsächlich beeinträchtigen, ist noch ungeklärt.

Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, wo die Art noch vorkommt und wie groß ihre Bestände sind. Geplant ist unter anderem der Einsatz von Umwelt-DNA (eDNA). Dabei lassen sich Wasserproben auf genetische Spuren der Stichlings-Flussnadel untersuchen, ohne dass dafür Tiere gefangen werden müssen.

Erstmals seit 1985 bietet sich damit erstmals wieder die Möglichkeit, Verbreitung, Lebensweise und Gefährdung dieser kaum erforschten Flussnadel genauer zu untersuchen – und herauszufinden, wie ihre Bestände langfristig erhalten werden können.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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