Wiederentdeckung von Sonnerats Spitzmaus (Diplomesodon sonnerati)?
Rekonstruktionszeichnung von 2019, basierend auf Pierre Sonnerats Beschreibung und Skizze von 1813. Die später von Anthony S. Cheke als Diplomesodon sonnerati benannte Spitzmaus zeigt einen ausgeprägten Sexualdimorphismus: Männchen sind schwarz mit einem markanten weißen Querband über der Körpermitte, während Weibchen kleiner sind und anstelle der schwarzen eine hellgraue Färbung tragen. Tatiana Petrova the uploader of the file is a creator both of the drawing and the file, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

200 Jahre verschollen: Ist Sonnerats Spitzmaus wirklich zurück?

Pierre Sonnerat, französischer Entdecker, Naturforscher und Chronist des kolonialzeitlichen Indiens, verbrachte viele Jahre auf dem Subkontinent. Auf seinen Reisen sammelte er sorgfältig Beobachtungen über Tiere, Pflanzen und die Lebensweise der Menschen – Material, das er für ein drittes großes Werk zusammenstellte. Doch Sonnerat erlebte dessen Veröffentlichung nicht mehr: Er starb 1814, bevor Nouveau voyage aux Indes erscheinen konnte.

Das Manuskript verschwand für mehr als anderthalb Jahrhunderte und tauchte erst 1978 zufällig in der Mitchell Library in Sydney wieder auf. Unter den wiederentdeckten Notizen fand sich ein kurzer Abschnitt über Tiere, die Sonnerat seinerzeit für neu hielt, darunter eine 1813 angefertigte, grobe Federzeichnung samt Beschreibung einer auffälligen Spitzmaus aus der Region um Puducherry (damals Pondicherry) im Süden Indiens. Sonnerats Spitzmaus, mit dunklem Fell, weißem Querband und markantem Geschlechtsdimorphismus, ließ sich keiner bekannten Art zuordnen.

Der britische Biologe Anthony S. Cheke bemerkte bei seiner späteren Analyse von Sonnerats Aufzeichnungen, dass das Tier gewisse Ähnlichkeiten mit der zentralasiatischen Gescheckten Wüstenspitzmaus (Diplomesodon pulchellum) aufweist – insbesondere das ungewöhnliche zweifarbige Fellmuster. Gleichzeitig zeigten sich aber auch deutliche Unterschiede: D. pulchellum besitzt einen weißen Bauch und weist keinen Sexualdimorphismus auf, wie ihn Sonnerat beschrieben hatte.

Sonnerats Skizze und Beschreibung der Spitzmaus
So skizzierte Pierre Sonnerat die ihm unbekannte Spitzmaus im Jahr 1813 in seinem unveröffentlichten Manuskript. Die grobe Federzeichnung ist von kurzen Notizen zur Anatomie und Färbung umgeben und bildet die einzige historische Darstellung der später als Diplomesodon sonnerati beschriebenen Art.
Pierre Sonnerat, Public domain, via Wikimedia Commons)

Von der historischen Skizze zur modernen Artbeschreibung

Auf Grundlage von Sonnerats kurzer Beschreibung und seiner groben Skizze beschrieb Cheke die Spitzmaus im Jahr 2012 erstmals wissenschaftlich. Da jedoch kein Typusexemplar existierte – weder Körper noch Knochen, sondern lediglich eine historische Illustration – galt diese Erstbeschreibung vielen Fachleuten als unvollständig. 2018 legte Cheke daher eine überarbeitete Neubeschreibung vor, die die Art taxonomisch gültig machte.

Die Einordnung in die Gattung Diplomesodon bleibt allerdings vorläufig. Zwar zeigen genetische Studien, dass diese Gattung eigentlich innerhalb der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura) eingebettet ist, doch das auffällige scheckige Fellmuster – weltweit eine extreme Seltenheit unter Spitzmäusen – spricht dafür, die Art zumindest vorläufig in die Nähe der Gescheckten Wüstenspitzmaus einzuordnen.

Zwei Jahrhunderte ohne Spur – und plötzlich ein Foto

Seit Sonnerats Zeit wurde nie wieder ein Tier gefunden, das seiner Beschreibung entspricht. Kein Museumsexemplar, keine bestätigte Sichtung – über 200 Jahre lang blieb Sonnerat’s Shrew mit ihrem auffälligen weißen Querband ein biologisches Phantom. Die Art galt schließlich als ausgestorben.

Erst ein Fund in den Nilgiribergen Südindiens sorgte für Aufsehen: Am 1. Oktober 2022 fotografierten lokale Biologen ein totes Tier, dessen Merkmale erstaunlich gut mit Sonnerats historischer Darstellung übereinstimmen. Könnte hier tatsächlich eine Art wieder aufgetaucht sein, die über 200 Jahre lang niemand je zu Gesicht bekommen hat?

Ein rätselhafter Fund am Ooty-See

Das Tier lag am Rand einer Bahnlinie nahe des Ooty-Sees in der Stadt Udhagamandalam (Ooty) im Nilgiris-Distrikt des südindischen Bundestaats Tamil Nadu – rund 350 Kilometer Luftlinie vom historischen Fundgebiet bei Puducherry entfernt. Schon beim ersten Blick war den Forschenden klar, dass diese Spitzmaus keiner der bekannten indischen Arten entsprach.

Die äußerlichen Merkmale des Tieres – seidengraues Fell, ein deutliches weißes Querband über der Körpermitte und ein kurzer, kräftiger Schwanz – entsprachen auffallend genau den weiblichen Tieren, wie Sonnerat sie 1813 beschrieben hatte. Auch die Größe passte: Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 14,3 Zentimetern (plus 2,6 cm Schwanz) war das Tier größer als die meisten asiatischen Spitzmäuse, ganz im Einklang mit den historischen Angaben.

Die fotografische Dokumentation wurde inzwischen im Iranian Journal of Animal Biosystematics veröffentlicht. Zusätzlich schickten die Forschenden die Bilder an internationale Spitzmausexperten, darunter Cheke, der die Art 2012 bzw. 2018 wissenschaftlich beschrieben hatte. Cheke zog wiederum Paula Jenkins, Säugetierkuratorin am Natural History Museum in London, hinzu.

Beide kamen unabhängig voneinander zu derselben Einschätzung: Das Fellmuster ist extrem ungewöhnlich und nicht durch partiellen Leuzismus erklärbar. Keine bekannte indische Spitzmaus weist ein solches Querband oder eine auch nur annähernd ähnliche Zeichnung auf. Für die Forschung ist dies daher die erste glaubwürdige Beobachtung von Diplomesodon sonnerati seit mehr als zwei Jahrhunderten.

Trotz dieses bemerkenswerten Fundes konnten die Forschenden das Tier nicht sichern, sodass eine genetische Bestätigung vorerst aussteht. Auch mehrmonatige Nachsuchen mit 15 Lebendfallen blieben erfolglos – womöglich ein Hinweis darauf, wie selten oder schwer nachweisbar Sonnerats Spitzmaus sein könnte.

Sonnerat's Shrew / Spitzmaus - Fotografie
Das in den Nilgiribergen fotografierte tote Tier zeigt das charakteristische Querband und die Färbung, die bemerkenswert gut mit Sonnerats historischer Beschreibung sowie Chekes späterer Interpretation von Diplomesodon sonnerati bzw. Crocidura sonnerati übereinstimmen.
(© Foto nach Nizamudheen et al. 2025, Iranian Journal of Animal Biosystematics, CC BY 4.0; Fotograf: Sirajudeen Mohammed Shahir)

Wie konnte Sonnerats Spitzmaus 200 Jahre lang unentdeckt bleiben?

Die Fachpublikation nennt mehrere Gründe, die sowohl das lange Verschwinden der Art als auch den ungewöhnlich weit entfernten neuen Fundort plausibel erklären. Zwischen den Tieflandsfeldern bei Puducherry und den Nilgiribergen gab es bislang kaum gezielte Kleinsäugerforschung, und viele ursprüngliche Lebensräume wurden durch Landwirtschaft, Siedlungen und Infrastruktur stark verändert und fragmentiert. Dadurch könnten kleine, isolierte Reliktpopulationen entstanden sein, die in einem weitgehend unerforschten Lebensraum verborgen blieben.

Erschwerend kommt hinzu, dass asiatische Spitzmäuse sich äußerlich oft stark ähneln. Fehlbestimmungen sind daher besonders bei seltenen oder bis dahin unbekannten Arten wahrscheinlich. Dass bislang nur ein einziges totes Tier fotografiert wurde, macht es zudem unmöglich abzuschätzen, ob im Nilgiri-Gebiet tatsächlich eine Population existiert oder ob das Tier versehentlich aus dem Tiefland dorthin gelangte, etwa durch Waren- oder Materialtransport.

Besonders rätselhaft ist die Distanz: Der Fundort liegt rund 350 Kilometer vom historischen Typusgebiet entfernt. Das könnte auf ein größeres, bislang nur unzureichend dokumentiertes Verbreitungsgebiet hinweisen oder auf eine kleine, überlebende Population, die sich in ökologischen Refugien der Nilgiriberge und der östlichen Ghats halten konnte. Beide Regionen bieten Feuchtgebiete und grasreiche Mikrohabitate, die bisher kaum gezielt untersucht wurden.

Wie es nun weitergeht

Die Forschenden betonen, dass ein einzelnes Foto nicht ausreicht, um Sonnerats Spitzmaus offiziell als wiederentdeckt einzustufen. Um Klarheit zu gewinnen, sind nun systematische und langfristige Feldstudien notwendig. Dazu gehören mehrmonatige, saisonübergreifende Fallenprogramme, um herauszufinden, ob in den Nilgiribergen oder entlang möglicher Wanderkorridore tatsächlich weitere Tiere leben.

Erst ein gesichertes Exemplar würde genetische Analysen ermöglichen, die zweifelsfrei klären könnten, ob es sich wirklich um Diplomesodon sonnerati handelt. Parallel dazu müssen die Merkmale neuer Funde sorgfältig mit Sonnerats historischer Beschreibung und Zeichnung abgeglichen werden.

Ebenso wichtig sind Untersuchungen in den weitgehend unerforschten Zwischenhabitaten zwischen Puducherry, den Ostghats und den Nilgiribergen – Regionen, die als mögliche Lebensräume oder Verbindungskorridore für die Art infrage kommen.

Nur das Zusammenspiel aus intensiver Feldarbeit, molekularen Methoden und vergleichender Morphologie kann letztlich beantworten, ob Sonnerats geheimnisvolle Spitzmaus tatsächlich überlebt hat, wo noch Bestände existieren könnten und welche Schutzmaßnahmen nötig wären, um diese Säugetierart zu bewahren.


Quellen

  • Cheke, A. S. (2012). Sonnerat’s shrew-evidence for a new and possibly extinct species in an early 19th century manuscript (Mammalia: Soricidae). Journal of the Bombay Natural History Society 108(2): 95-97.
  • Cheke, A. S. & Hume, J. P. (2018). The Réunion Fody and Sonnerat’s Shrew and the validity of scientifically naming animals described without physical types. Zootaxa 4382(3): 592-600. https://doi.org/10.11646/zootaxa.4382.3.10
  • Nizamudheen, M., Arockianathan, S., Shahir, M. S. et al. (2025): Rediscovery of an ‘extinct’ endemic mammal Sonnerat’s Shrew in Nilgiris, Tamil Nadu, India. Iranian Journal of Animal Biosystematics 21(2): 171–174. https://doi.org/10.22067/ijab.2025.90911.1089

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

Profil & Arbeitsweise

Unterstütze diesen Blog
Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über eine kleine Spende. Damit bleibt artensterben.de werbefrei und ohne Bezahlschranken – und alle Leser behalten freien Zugang zu den Inhalten. Alternativ kannst Du meine Arbeit auch durch den Kauf meines Buches oder über meine Amazon-Wunschliste unterstützen. Vielen Dank!