Segelflossen-Glatthai (Gogolia filewoodi) - Männchen, 73 cm
Erstes jemals dokumentiertes Männchen des Segelflossen-Glatthais, 2022 nahe der Gogol-Mündung gefangen. Die extrem langbasige erste Rückenflosse macht die Art unverkennbar. Auffällig sind auch die sehr großen, elliptischen Augen. (© Sagumai et al. (2025), Journal of Fish Biology, doi:10.1111/jfb.70196, CC BY 4.0)

Wiederentdeckung vor Papua-Neuguinea: Der Segelflossen-Glatthai ist zurück

Eine der seltensten Haiarten der Welt taucht nach über 50 Jahren vor der Küste Papua-Neuguineas wieder auf: der Segelflossen-Glatthai (Gogolia filewoodi). Ein WWF-Team um den Meeresbiologen Jack Sagumai dokumentierte 2020 und 2022 insgesamt sechs Exemplare nahe der Gogol-Flussmündung in der Astrolabe Bay (Provinz Madang).

G. filewoodi ist der einzige Vertreter seiner Gattung – eine monotypische Art in der Familie der Glatt-, Marder- oder Hundshaie (Triakidae). Damit repräsentiert sie eine weltweit einzigartige evolutionäre Linie. Kennzeichnend ist die außergewöhnlich langbasige erste Rückenflosse, auf die auch die deutschen und englischen Namen (Sailback Houndshark) anspielen.

Bis 2020 nur durch ein Exemplar bekannt

Bis zu seiner Wiederentdeckung im Jahr 2020 war der Segelflossen-Glatthai nur durch ein einziges Exemplar bekannt, das 1970 ebenfalls nahe der Mündung des Gogol-Flusses gefangen wurde – ein trächtiges Weibchen. Auf dieser Basis veröffentlichte der US-amerikanische Haiforscher Leonard Compagno 1973 die wissenschaftliche Erstbeschreibung.

Segelflossen-Glatthai (Gogolia filewoodi) wiederentdeckt 2025
Der Holotyp des Segelflossen-Glatthais in der Erstbeschreibung von 1973: ein ausgewachsenes Weibchen von 74 Zentimeter Länge.
(© Compagno, 1973, Proceedings of the California Academy of Sciences 39:383–410. Digitalisiert durch die California Academy of Sciences über BHL, CC BY-NC-SA 3.0, via BHL)

Zur Biologie der Tiere is heute nur wenig sicher. Die Art ist aplazental lebendgebärend (ovovivipar): Die Embryonen werden im Mutterleib über ihren Dottersack versorgt, schlüpfen kurz vor der Geburt und kommen lebend zur Welt. Beim Holotyp fanden sich zwei weit entwickelte Embryonen – ein Hinweis auf mindestens zwei Jungtiere pro Wurf.

In den Jahrzehnten danach blieb die Art unauffindbar: Weder umfassende Tiefsee-Erhebungen zwischen 2010 und 2014 – auch in der Provinz Madang – noch eine gezielte Studie zu Haien und Rochen von 2013 bis 2017 erbrachten Nachweise. Entsprechend wurde in der Fachwelt ein mögliches Aussterben infolge Überfischung angenommen.

Die Wiederentdeckung – Daten & Ort

Gogolia filewoodi Fundorte
Karte von Papua-Neuguinea mit der Meeresbucht Astrolabe Bay: Die gelben Sterne markieren die Stellen, an denen Fischer Exemplare des Segelflossen-Glatthais 2020 und 2022 gefangen haben. Der pinke Stern zeigt den Fundort des Holotyps an.
(© Sagumai et al. (2025), Journal of Fish Biology, doi:10.1111/jfb.70196, CC BY 4.0)

Die Nachweise stammen aus Fangplatz- und Markterhebungen des WWF, durchgeführt und begleitet von lokalen Fischereiaufsehern. Im März 2020 wurden fünf weibliche Tiere dokumentiert, im September 2022 ein adultes Männchen. Die Weibchen wurden in rund 80 Meter, das Männchen in etwa 200 Meter Tiefe gefangen.

Die Fänge erfolgten als Beifang: Ein ortsansässiger Fischer zielte mit Handangeln auf Umberfische (Sciaenidae) für den Handel. Damit liegen erstmals seit der Erstbeschreibung wieder gesicherte Nachweise dieser seltenen Art vor – und erstmals überhaupt ein männliches Exemplar.

Der Segelflossen-Glatthai lebt offenbar am Kontinentalschelf – also im relativ flachen Meeresbereich direkt vor der Küste – und nutzt dort die küstennahen Tiefenrinnen der Astrolabe Bay, besonders rund um die Gogol-Flussmündung. Alle bestätigten Funde stammen aus diesem einen Küstenabschnitt. Trotz intensiver Erhebungen und breiter Fischereiaktivität anderswo in Papua-Neuguinea wurde die Art nur hier nachgewiesen; die neuen Funde liegen zudem nahe der Typuslokalität (1970). Das spricht für ein sehr kleines Verbreitungsgebiet und einem möglichen Mikro-Endemismus – und erklärt die besondere Empfindlichkeit gegenüber steigendem Fischereidruck.

Segelflossen-Glatthai: Schutzstatus und Risiken

Die IUCN führt den Segelflossen-Glatthai wegen fehlender Daten zu Bestandsgröße und -trend in der Kategorie „Datenlage unzureichend“ (Data deficient, DD). Die neue Studie im Journal of Fish Biology liefert erste aktuelle Nachweise, allerdings fehlen noch immer grundlegende Informationen zu Ökologie, Lebensweise und genaue Verbreitung der Art.

Fischern zufolge werden Segelflossen-Glatthaie gelegentlich als Beifang in der Astrolabe Bay gefangen; vor allem zwischen den Monaten März und Juli sowie während der Trockenzeit von August bis November. In dieser Zeit zielen lokale Boote auf Umberfische, deren getrocknete Schwimmblasen (fish maw) in asiatischen Küchen als Delikatesse gelten.

Dass fünf Weibchen in nur zwei Tagen als Beifang gefangen wurden, spricht für ein regelmäßiges Auftreten der Art zumindest nahe der Gogol-Mündung und dass er ein häufiger Beifang der Schwimmblasen-Fischerei sein könnte. Zugleich wächst die Fish-Maw-Fischerei in Papua-Neuguinea, die als wichtiger Druckfaktor für bedrohte Hai- und Rochenarten gilt. Für eine seltene Art wie dem Segelflossen-Glatthai mit vermutlich kleinem Verbreitungsgebiet ist dies ein akuter Risikofaktor, der ihn für Bestandsrückgänge durch zunehmende Fischereitätigkeit anfällig machen kann.

Keine Zielart, aber gefährdet: Fischer geben an, dass das Fleisch des Segelflossen-Glatthais wenig gefragt ist und bei Überschuss häufig verschenkt wird. Auch die Flossen haben einen geringen Handelswert im Haiflossenhandel – gezielter Fang ist daher unwahrscheinlich. Die Gefahr resultiert aus Beifang.

Hinzu kommt: Der Segelflossen-Glatthai ist eine aplazental lebendgebärende Haiart, was oft mit langen Tragzeiten und später Reifung verbunden ist – die Bestandserholung ist vermutlich langsam, wodurch er besonders sensibel gegenüber zusätzlichem Fischereidruck sein könnte.

Gogolia filewoodi female
Weibliches Exemplar (76 cm) des Segelflossen-Glatthais. Sämtliche Wiederentdeckungsfunde stammen aus Fischereibeifang; die Tiere waren bereits verendet.
(© Sagumai et al. (2025), Journal of Fish Biology, doi:10.1111/jfb.70196, CC BY 4.0)

Wie soll der Segelflossen-Glatthai geschützt werden?

Seltene, lokal begrenzte Arten reagieren besonders empfindlich auf zusätzlichen Fangdruck. Ein aktueller IUCN-Bericht zum weltweiten Status von Haien, Rochen und Seekatzen unterstreicht das: Überfischung und Lebensraumverlust gelten als zentrale Treiber; seit 1970 sind die Bestände vieler Gruppen deutlich geschrumpft, und ein großer Anteil der Arten gilt als vom Aussterben bedroht. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Seltenheit sowie des möglichen Mikro-Endemismus empfehlen die Studienautoren für den Segelflossen-Glatthai vorsorglich Monitoring und Management.

Das könnte so aussehen:

  • Kontinuierliche Beifang-Erfassung in der Astrolabe Bay
  • Zeitliche und räumliche Schutzmaßnahmen rund um die Gogol-Mündung (etwa Schonzeiten oder Schutzzonen)
  • Sensibilisierung in den Gemeinden (geringer Flossenwert; Fleisch teils verschenkt; lebende Beifänge möglichst zurücksetzen)
  • Gezielte Forschung zu Reproduktion, Wachstum, Habitatnutzung wie Tiefe oder Temperatur oder genetische Struktur der Population

Ziel ist es, früh handlungsfähig zu werden und einen potenziell mikro-endemischen Bestand zu sichern – bevor der Fangdruck weiter zunimmt.

Wiederentdeckt – und jetzt handeln

Die Wiederentdeckung des Segelflossen-Glatthais ist das Ergebnis konsequenten Zusammenspiels von Fischern vor Ort, WWF-Teams und Forschung und ein Beleg dafür, wie gemeindebasierte, ortsnahe Erhebungen in wenig erforschten Regionen verborgene Vorkommen sichtbar machen. Jetzt geht es darum, für den Schutz der Art zu sorgen.

Für Papua-Neuguinea kann Gogolia filewoodi so zum ikonischen Gradmesser einer nachhaltigen Nutzung des küstennahen Meeres werden – unter der Bedingung, dass die Datenlücken schnell geschlossen und kooperatives Management mit den Küstengemeinden umgesetzt wird.


Quellen

  • Compagno, L. J. V. (1973). Gogolia filewoodi, a new genus and species of shark from New Guinea (Carcharhiniformes: Triakidae), with a redefinition of the family Triakidae and a key to triakid genera. Proceedings of the California Academy of Sciences, Series 4, 39: 383-410. https://biostor.org/reference/78225
  • Sagumai, J., Samuel, R. H., White, W. T., & Grant, M. I. (2025). Rediscovery of one of the world’s rarest sharks, the sailback houndshark Gogolia filewoodi, in Papua New Guinea. Journal of Fish Biology. Advance online publication. https://doi.org/10.1111/jfb.70196

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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