Seit Jahren heißt es immer wieder, ein „sechstes Massenaussterben“ sei im Gange. Das klingt äußerst besorgniserregend – und die Biodiversitätskrise ist es auch. Ein aktuelles Paper in Trends in Ecology & Evolution mahnt jedoch: Der Begriff „Massenaussterben“ sei für die Gegenwart wissenschaftlich nicht sauber belegt. Was heißt das für Forschung, Kommunikation und Artenschutz – und was sagen die Kritiker?
Kurz erklärt: Was ist ein Massenaussterben?
Ein Massenaussterben ist ein geologisch kurzer Zeitraum (einige Tausend bis wenige Hunderttausend Jahre), in dem außergewöhnlich viele Arten weltweit verschwinden. Es hebt sich deutlich vom fossilen Hintergrundaussterben ab – also der normalen Aussterbegeschwindigkeit über sehr lange Zeiträume ohne große Katastrophen. Häufig wird als grobe Marke rund 75 % Artenverlust genannt; andere sprechen bereits bei kleineren, aber globalen Einschnitten von Massenaussterben. Wichtig: In der Fachliteratur gibt es keinen völlig einheitlichen Grenzwert.
Mit „Big Five“ sind die fünf bisherigen Massenaussterben gemeint. Das letzte geschah vor rund 66 Millionen Jahren infolge eines Asteroideneinschlags sowie von Vulkanismus. Dabei sind Nicht-Vogel-Dinosaurier, Ammoniten, viele Meeresreptilien und Planktongruppen verschwunden – insgesamt zwischen 70 und 75 % Artenverlust.
Selbst die „Big Five“ sind statistisch und definitorisch nicht so eindeutig, wie vereinfachte Darstellungen nahelegen. Ein modernes Massenaussterben-Ereignis müsste also zunächst an klaren Kriterien gemessen werden – und genau daran hapert es.
Worum geht es im Paper?
Der US-amerikanische Herpetologe John J. Wiens und Kristen E. Saban hinterfragen in Questioning the Sixth Mass Extinction (2025), ob die heutigen Verluste schon die strengen Kriterien eines Massenaussterbens, mit denen frühere „Big Five“-Ereignisse erkannt wurden, erfüllen. Ihr Fazit: Schwere Verluste drohen – aber ein „Massenaussterben“ im engeren Sinn ist derzeit nicht belegt.
Sieben Gründe für Skepsis (Wiens & Saban, 2025)

(© Pseudopanax at English Wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons)
- Der Zeithorizont ist unklar. Studien, die 75 % Artenverlust in „einigen Jahrhunderten“ projizieren, stützen sich auf sehr starke Annahmen (z. B. dass heute „gefährdete“ und „nicht gefährdete“ Arten künftig gleich schnell aussterben). Andere Szenarien deuten eher auf tausende bis Millionen Jahre für ein solches Ausmaß hin. Der Abstand zur 75 %-Schwelle ist laut Wiens & Saban aktuell groß, denn weniger als 0,1 % der bekannten Arten sind in den letzten 500 Jahren verschwunden.
- „Raten über Hintergrund“ reichen nicht. Jüngste Aussterberaten liegen teils über fossilen Hintergrundwerten, aber solche Ausschläge gab es auch außerhalb der historischen Massenaussterben. Ohne robuste Statistik und passende Zeitmaßstäbe ist das kein Beweis für ein Massenaussterben.
- Bias: Inselarten dominieren die jüngsten Extinktionen. Ein Großteil moderner Aussterben betrifft Inselarten (häufig verursacht durch invasive Arten) – z. B. der Stephenschlüpfer oder die Maclear-Ratte. Daraus global auf Festland-Biodiversität zu schließen, kann Verzerrungen erzeugen.
- Nicht alle Arten sind bedroht. Über 50 % der bewerteten Arten stehen derzeit auf „Least Concern“. Projektionen, die implizit annehmen, dass auch sie bald in gleicher Geschwindigkeit verschwinden, nennen oft keinen plausiblen Mechanismus.
- Schutz wirkt. Investitionen in Schutzgebiete, Artenhilfsprogramme und Politikmaßnahmen haben nachweislich Aussterben verhindert und Trends abgeflacht. Das muss in Projektionen berücksichtigt werden.
- Zukünftige Bedrohungen sind dynamisch. Klima-, Bevölkerungs- und Landnutzungsentwicklungen ändern sich. Extinktionsraten von heute linear über Jahrhunderte fortzuschreiben, ist methodisch heikel.
- Der Fokus liegt oft zu eng (Wirbeltiere). Für die Frage „Massenaussterben – ja/nein?“ wären vor allem Insekten entscheidend, die die Hälfte der beschriebenen Arten ausmachen. Hier sind die Wissenslücken groß, besonders in den Tropen.
Zahlen zur Einordnung (Stand heute):
- Von rund 2,16 Millionen beschriebenen Arten sind etwa 955 als ausgestorben gelistet (< 0,1 %). Unter gut bewerteten Landwirbeltieren sind es 285 von 35.042 Arten (0,8 %).
- Synthesen deuten auf rund 12 bis 40 % Artenverlust in den kommenden Jahrzehnten bis Jahrhunderten – katastrophal, aber immer noch unterhalb der klassischen Massenaussterben-Schwelle von 75 %.
- In Klimawandel-Szenarien werden sehr hohe Verluste „vergleichbar mit Massenaussterben“ teils nur bei extremen Erwärmungsszenario (global > 15 °C) modelliert.
Sechstes Massenaussterben: Die aktuelle Debatte
Worum es 2025 geht:
- Wiens & Saban argumentieren, dass bislang keine Studie zeigt, wir würden in geologisch kurzer Zeit rund 75 % aller Arten verlieren. Sie fordern deshalb, den Begriff „Massenaussterben“ derzeit mit Vorsicht zu verwenden.
- Cowie, Bouchet & Fontaine warnen in einem Antwortbrief: Wer den möglichen Beginn des sechsten Massenaussterbens bestreitet oder relativiert, riskiert politische und finanzielle Untätigkeit. Zugleich räumen sie ein, dass wir nicht nahe an der klassischen Massenaussterben-Schwelle von 75 % sind – ihr Fokus liegt also auf Dringlichkeit der Kommunikation und politischen Folgen, weniger auf dem Nachweis der 75 %-Marke.
- Wiens & Saban verteidigen ihre Position in einer formalen Erwiderung: Selbst Befürworter der These vom sechsten Massenaussterben geben zu, dass der formale Nachweis derzeit fehlt. Daten, die vor allem Inselarten oder Spezialgruppen wie Schnecken betreffen, lassen sich nicht einfach auf alle Arten übertragen. Wer den Begriff „Massenaussterben“ vorschnell nutzt, ohne gute Belege, schadet der Glaubwürdigkeit – und Menschen reagieren auf spätere Warnungen skeptischer.
Kontext aus früheren Studien:

(© Jjargoud, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
- Die aktuelle Aussterberate ist außergewöhnlich hoch: Es gibt Studien, etwa 2015 von Ceballos, Ehrlich et al., die zeigen, dass heutige Aussterberaten weit über dem fossilen Hintergrund liegen – ein Alarmsignal, auch wenn 75 % noch nicht erreicht sind.
- „Unsichtbare“ Verluste: Wirbellose (z. B. Insekten, Schnecken) machen rund 95 % der gesamten Tierwelt aus, sind aber schlecht erfasst. Stichproben bei Landschnecken deuten darauf hin, dass etwa 10 % bereits verschwunden sein könnten; daraus wurde für alle Arten zusammen eine grobe Größenordnung von rund 7 % (130.000 Arten) abgeleitet – deutlich mehr, als offizielle Listen vermuten lassen (Régnier, Achaz et al., 2015). Eine andere Analyse (2024) von John Woinarski et al. schätzt, dass seit 1788 in Australien mehr als 9.000 nicht-marine Wirbellose ausgestorben sind.
- Populationskollaps als Vorbote: Ein starkes Schrumpfen von Beständen und Verbreitungsgebieten geht Artenverlusten voraus (Aussterbeschuld). Wer erst reagiert, wenn Arten formal verschwinden, kommt zu spät (Ceballos, Ehrlich et al., 2017).
- Risikobilanz: Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) schätzt 2019, dass bis zu 1 Million Arten bedroht sind – viele innerhalb von Jahrzehnten, wenn Treiber wie Landnutzungswandel, Übernutzung, invasive Arten und Klimawandel anhalten. Das sei konsistent mit dem Beginn einer Aussterbewelle.
- Begriffe vs. Dringlichkeit: „Massenaussterben“ ist uneinheitlich definiert; entscheidend ist die Größenordnung der Krise, nicht nur eine historisch abgeleitete Prozentmarke. Cowie, Bouchet & Fontaine argumentieren 2022, wir erleben bereits eine Biodiversitätskrise und bewegen uns in Richtung eines sechsten Massenaussterbens – mit besonders großen, oft unterschätzten Verlusten bei Wirbellosen.
Was heißt das für den praktischen Artenschutz?
Aus der aktuellen Debatte zum „sechsten Massenaussterben“ lassen sich drei praxisnahe Leitlinien ableiten:
1) Dort handeln, wo es am meisten bringt.
- Lebensräume schützen und wiederherstellen – vor allem in Hotspots und Key Biodiversity Areas (KBAs).
- Zielarten mit höchstem Risiko identifizieren und gezielt stabilisieren (in-situ/ex-situ).
- Invasive Arten managen – besonders auf Inseln. Das hat bereits Aussterben verhindert: z. B. bei der Takahē und dem Kākāpō in Neuseeland (Schutz auf Prädatoren-freien Inseln; Bestände wachsen). Auf der mexikanischen Insel Socorro schaffen die Entfernung der Schafe und das Zurückdrängen verwilderter Katzen die Voraussetzung für die Wiederansiedlung der Socorrotaube.
2) Breiter taxonomischer Blick.
Wirbellose (insbesondere Insekten) systematisch erheben, überwachen und in die Schutzplanung integrieren – hier entscheidet sich die Gesamtbilanz: ob wir am Ende 20 % oder 60 % der Arten verlieren.
3) Bessere Prognosen statt linearer Fortschreibungen.
Modelle sollten Treiber-basiert sein (Landnutzung, Klima, Verschmutzung) statt heutige Raten in die Zukunft zu verlängern – und sie sollten die Wirkung von Schutzmaßnahmen berücksichtigen.
Fazit: Präzise bleiben, entschlossen handeln
Das Paper von Wiens & Saban zeigt: Der Begriff „sechstes Massenaussterben“ ist derzeit nicht robust belegt. Ob und wann die 75 %-Schwelle erreicht wird, bleibt offen. Unstrittig ist jedoch: Die Verlustraten sind außergewöhnlich, viele Arten stehen am Kipppunkt und jedes Abwarten macht den Weg in eine sechste Aussterbewelle wahrscheinlicher.
Begriffs- und Methodengenauigkeit (Wiens & Saban) und klare Dringlichkeit in der Umsetzung (Cowie, Bouchet & Fontaine) widersprechen sich nicht – sie ergänzen einander. Saubere Einordnung schafft Vertrauen, konsequentes Handeln Zeit.
Entscheidend ist, was wir jetzt tun: Lebensräume sichern und wiederherstellen (v. a. Hotspots/KBAs), invasive Arten managen – besonders auf Inseln –, Hochrisiko-Arten stabilisieren (in-/ex-situ), das Monitoring ausweiten (vor allem bei Wirbellosen) und Modelle so bauen, dass sie Treiber und Schutzwirkung realistisch abbilden. So bleibt die Tür zu einem echten Massenaussterben hoffentlich geschlossen.
Quelle
- Wiens, J. J., & Saban, K. E. (2025). Questioning the sixth mass extinction. Trends in Ecology & Evolution. DOI: 10.1016/j.tree.2025.01.002
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