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Zwölf Jahre lang konnte der Rotweber (Anaplectes jubaensis) nicht nachgewiesen werden. Nun haben kenianische Vogelkundler die seltene Vogelart im Boni-Dodori-Waldkomplex im Osten Kenias wiederentdeckt. Am 3. Juli 2026 beobachteten James Apolloh Omenya und Simon Odhiambo zunächst drei leuchtend rote Männchen, später auch zwei Weibchen und ein junges Männchen.
Der Fund gilt als der erste gesicherte Nachweis des Rotwebers seit 2014. Die Beobachtung des Jungvogels liefert einen wichtigen Hinweis darauf, dass sich die kaum erforschte Art im Boni-Dodori-Wald fortpflanzt.
Ein Vogel mit nur wenigen Nachweisen
Das bekannte Verbreitungsgebiet des Rotwebers umfasst Teile des südlichen Somalias sowie ein kleines Gebiet in der nördlichen Küstenregion Kenias. Sein Verbreitungsschwerpunkt liegt entlang des mittleren und unteren Jubba-Flusses. Die Art bewohnt vor allem feuchtes Küstenbuschland und Küstenwälder, insbesondere entlang von Fließgewässern in niedrigen Höhenlagen.

Karte: eigene Darstellung; Verbreitungsgebiet nach BirdLife International / IUCN Red List
Der Holotyp, ein 1912 gesammeltes adultes Männchen, befindet sich heute im American Museum of Natural History in New York. 1920 beschrieb der Zoologe Victor Gurner Logan van Someren den Rotweber wissenschaftlich.
Mehr als ein Jahrhundert lang wurde er jedoch meist nicht als eigenständige Art, sondern als Unterart des Scharlachwebers (Anaplectes rubriceps) betrachtet. Aufgrund deutlicher Unterschiede im Gefieder trennten Josep del Hoyo und Nigel J. Collar beide Formen 2016; andere große Vogellisten folgten später. Die Clements Checklist übernahm die Abspaltung 2022, die IOC World Bird List 2023. Erst seit wenigen Jahren wird der Rotweber damit von den wichtigsten internationalen Vogellisten als eigene Art geführt.
Entsprechend lückenhaft ist das Wissen über den Vogel. Vor der Wiederentdeckung 2026 war wahrscheinlich nur eine einzige fotografische Dokumentation bekannt: Im April 2014 fotografierte John Musina ein einzelnes Männchen im Boni-Dodori-Wald. Danach vergingen mehr als zehn Jahre ohne weiteren bestätigten Nachweis.
Im März 2025 nahm Search for Lost Birds den Rotweber deshalb in seine Liste der „Lost Birds“ auf. Als verschollen gelten dort Arten, für die seit mindestens zehn Jahren kein verlässlicher Nachweis mehr vorliegt.
Eine gezielte Suche im Boni-Dodori-Wald
Der kenianische Ornithologe und Birding-Guide James Apolloh Omenya wollte die Wissenslücken rund um den Rotweber schließen. 2026 gehörte er zu den fünf Empfängern eines Ornis Birding x Lost Birds Expedition Grant, mit dem junge Vogelkundler bei der Suche nach verschollenen Arten unterstützt werden.
Wie erfolgreich solche Expeditionen sein können, zeige sich bereits wenige Monate zuvor: Im April 2026 gelang anderen Empfängern des Förderprogramms im Bismarck-Archipel die Wiederentdeckung von gleich drei verschollenen Vogelarten – dem Weißnackenlori (Lorius albidinucha), dem Eichhornlederkopf (Philemon eichhorni) und dem Dreifarbensperber (Tachyspiza brachyurus).
Omenyas Expedition galt zwei kaum bekannten Vögeln: dem Rotweber und dem Tanazistensänger (Cisticola restrictus), der 1967 zuletzt nachgewiesen wurde. Die bekannten bzw. vermuteten Verbreitungsgebiete beider Arten liegen in schwer zugänglichen Regionen im Osten Kenias nahe der Grenze zu Somalia, die nur selten von Ornithologen und Vogelbeobachtern aufgesucht werden.
Auch die Sicherheitslage erschwert Untersuchungen in der Region. Für die Expedition waren mehrere behördliche Genehmigungen erforderlich; an einem Kontrollpunkt wurde das Team zunächst zurückgewiesen. Teile der Strecke mussten mit Motorrädern und Booten zurückgelegt werden, in entlegenen Gebieten begleiteten bewaffnete Sicherheitskräfte die Forscher.
Am 30. Juni brachen zunächst fünf Mitglieder des insgesamt sechsköpfigen Expeditionsteams von Watamu nach Hindi auf, einem wichtigen Ausgangspunkt für den Zugang zum Boni-Dodori-Wald. Dort trafen sie über den lokalen Guide Mohammed Noor auf Chief Jamal, der sie hinsichtlich der Sicherheitslage in der Region beriet.
Eigentlich wollten die fünf gemeinsam durch die abgelegenen Dörfer des Waldgebiets reisen. Chief Jamal riet jedoch davon ab: Eine größere Gruppe Ortsfremder würde zu viel Aufmerksamkeit erregen und ließe sich mit den verfügbaren Sicherheitskräften nur schwer absichern. Das Team wurde deshalb geteilt. Omenya und Odhiambo übernahmen die Suche nach dem Rotweber, während Victor Ikawa, James Mburu und Paul Kaberere nach dem Tanazistensänger suchten.
Lokales Wissen führte zum Rotweber
Eine wichtige Rolle bei der Suche spielte das Wissen der Menschen vor Ort. Im Dorf Basuba erkannten Bewohner den Rotweber auf Bildern und berichteten von eigenen Beobachtungen. Rund zehn von ihnen schlossen sich zeitweise sogar der Suche an und gaben Omenya und Odhiambo Hinweise auf weitere Orte, an denen der Vogel vorkommen könnte.

Bild: Simon Odhiambo, mit freundlicher Genehmigung
Dass der Rotweber den Menschen der Region keineswegs unbekannt war, zeigte sich auch an seinem lokalen Namen. In Mangai erfuhren die Forscher nämlich, dass die Art als Shongwe Kudhuthe bezeichnet wird – sinngemäß „der Weber, der rot gefärbt ist“.
Die elftägige Expedition dauerte vom 30. Juni bis zum 10. Juli 2026. Am 3. Juli waren Omenya und Odhiambo von Mangai in Richtung Mararani unterwegs, als plötzlich drei rote Vögel aus einem Busch aufflogen. Es waren adulte männliche Rotweber. Fast zwei Stunden folgten die Forscher den Vögeln durch die Vegetation und konnten sie fotografieren, filmen und ihre Rufe aufnehmen. In einiger Entfernung hielten sich außerdem zwei Weibchen auf.
Der Rotweber weist einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus auf: Beim adulten Männchen sind Kopf und Körper fast vollständig leuchtend rot, während Weibchen überwiegend graubraun gefärbt sind und helle Unterseiten besitzen. Rote Partien zeigen diese vor allem an den Flügeln und am Schnabel.
Bei der späteren Auswertung der Aufnahmen stellte sich heraus, dass ein vermeintlich drittes Weibchen tatsächlich ein junges Männchen war. Die Beobachtung adulter Männchen und Weibchen zusammen mit einem Jungvogel liefert einen wichtigen Hinweis darauf, dass sich Rotweber im Boni-Dodori-Wald fortpflanzen. Nach Angaben Omenyas handelt es sich um den ersten modernen Beleg für Brutaktivität der Art in diesem Gebiet.
Auch die Tonaufnahmen schließen eine Wissenslücke: Es handelt sich um die ersten bekannten Aufzeichnungen der Lautäußerungen des Rotwebers. Sie können zukünftige Untersuchungen erleichtern, weil sich die Art anhand ihrer Rufe möglicherweise auch dort nachweisen lässt, wo sie in dichter Vegetation nur schwer zu beobachten ist.
Wiederentdeckt, aber kaum erforscht
Die Wiederentdeckung zeigt, dass der Rotweber weiterhin im Boni-Dodori-Wald im Lamu County an Kenias nördlicher Küste vorkommt. Viele grundlegende Fragen bleiben jedoch offen: Wie groß ist sein tatsächliches Verbreitungsgebiet? Wie viele Tiere gibt es? Wie häufig kommt die Art im Süden Somalias noch vor? Und welche Lebensräume benötigt sie zur Fortpflanzung?
Die IUCN führt den Rotweber derzeit als nicht gefährdet (LC). Seine Populationsgröße ist jedoch nicht bekannt, und über seine Brutbiologie weiß man nahezu nichts. Zudem wird vermutet, dass der Bestand infolge von Lebensraumverlust und -verschlechterung abnimmt. Die neuen Beobachtungen liefern deshalb eine wichtige Grundlage für weitere Untersuchungen und ein langfristiges Monitoring.
Der Fall zeigt, dass fehlende Nachweise nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine Art verschwunden oder stark zurückgegangen ist. Teile des Verbreitungsgebiets des Rotwebers liegen in abgelegenen und aus Sicherheitsgründen schwer zugänglichen Regionen, die nur selten ornithologisch untersucht werden. Selbst ein auffällig gefärbter Vogel kann dort jahrelang aus den wissenschaftlichen Aufzeichnungen verschwinden.
Weitere Untersuchungen sind bereits vorgesehen. Omenya und sein Team möchten bei ausreichender Finanzierung nach Mangai und Mararani zurückkehren, um weitere Hinweise auf die Fortpflanzung zu sammeln. Auch Milimani, das während der Expedition aus Sicherheitsgründen nicht untersucht werden konnte, soll ein Ziel zukünftiger Suchen sein. Die vollständigen Felddaten wurden an eBird und Kenya Bird Map übermittelt; außerdem sollen die wissenschaftlichen Ergebnisse beim Journal of Lost Species eingereicht werden.
Der ebenfalls während der Expedition gesuchte Tanazistensänger konnte nicht nachgewiesen werden. Search for Lost Birds kündigte jedoch bereits eine weitere zweiwöchige Expedition von Nature Kenya an, bei der Zistensänger gefangen, vermessen, fotografiert sowie genetisch und akustisch untersucht werden sollen.
Quellen
- BirdLife International (2024). Anaplectes jubaensis. The IUCN Red List of Threatened Species 2024: e.T103812651A263788377. https://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2024-2.RLTS.T103812651A263788377.en
- Foster, N. (2026, 4. August). FOUND: Red Weaver Rediscovered in Kenya by Ornis x Lost Birds Grant Winner. Search for Lost Birds. https://searchforlostbirds.org/news/found-red-weaver-rediscovered-in-kenya-by-ornis-x-lost-birds-grant-winner
- Kirwan, G. M., A. J. F. K. Craig, J. del Hoyo, et al. (2022). Red Weaver (Anaplectes jubaensis), version 1.0. In Birds of the World (S. M. Billerman and N. D. Sly, Editors). Cornell Lab of Ornithology, Ithaca, NY, USA. https://doi.org/10.2173/bow.rehwea3.01
- Omenya, J. A. (2026, 30. Juli). Chasing ghosts – In search of Kenya’s lost birds. Ornis Birding.
https://www.ornis-birding.com/news/red-weaver-rediscovered-in-kenya
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