Rote Liste gefährdeter Nutztiere Deutschland 2025: Heidschnucke in der Lüneburger Heide
Ohne die Heidschnucke gäbe es die Lüneburger Heide in ihrer heutigen Form nicht. Durch ihre Beweidung verhindert sie die Verbuschung und sichert wertvolle Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere. (© Canva Pro)

Rote Liste 2025: Rund 60 % unserer Nutztierrassen sind gefährdet

Die neue Rote Liste gefährdeter Nutztierrassen 2025 zeigt: Auch in Deutschland verschwinden immer mehr alte Haus- und Nutztierrassen. Von insgesamt 208 einheimischen Rassen – darunter Großtiere wie Pferde, Rinder und Schafe ebenso wie Kaninchen und Geflügel – gelten 123 als gefährdet. Das entspricht rund 60 %. Besonders kritisch ist die Lage bei den Pferden, Schafen und Kaninchen, aber auch zahlreiche Geflügelrassen stehen auf der Kippe.

Herausgegeben wird die Liste von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Die fachliche Betreuung liegt beim Informations- und Koordinationszentrum Biologische Vielfalt (IBV), das gemeinsam mit dem Fachbeirat Tiergenetische Ressourcen die Einstufungen vornimmt. In diesem Gremium arbeiten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Tierzucht, Bund und Ländern eng zusammen.

Verteilung nach Tierarten

In der aktuellen Rote Liste 2025 werden die Geflügelrassen differenzierter erfasst. Hier wird nun unterschieden zwischen Rassen, die in Deutschland entstanden sind, und solchen, die nach 1949 eingeführt wurden und inzwischen als bodenständig gelten. Außerdem wurden mit dem Deutschen Esel und dem Thüringer Waldesel erstmals zwei Eselrassen als einheimisch anerkannt – beide gelten derzeit als „nicht gefährdet“.

Insgesamt umfasst die Liste 83 Großtierrassen (Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Esel), von denen 59 gefährdet sind, sowie 125 Kleintierrassen (Geflügel und Kaninchen), von denen 64 gefährdet sind.

  • Pferde (28 Rassen): 14 nicht gefährdet, 5 in Beobachtung, 3 in Erhaltung, 6 in phänotypischer Erhaltung. Zu den seltenen Rassen zählen zum Beispiel Beberbecker, Lehmkuhlener Pony, Rottaler und Schleswiger Kaltblut.
  • Rinder (21 Rassen): 1 extrem gefährdet bzw. phänotypische Erhaltung (Ansbach-Triesdorfer), 7 in Erhaltung (etwa Rotes Höhenvieh, Pinzgauer), 7 in Beobachtung, 6 nicht gefährdet.
  • Schweine (5 Rassen): 1 in Erhaltung (Leicoma), 4 in Beobachtung (etwa Bunte Bentheimer, Deutsches Edelschwein, Deutsche Landrasse)
  • Schafe (24 Rassen): 5 in Erhaltung, 17 in Beobachtung, 2 nicht gefährdet. Selten sind etwa das Brillenschaf, Schwarzes und Braunes Bergschaf und die Weiße Gehörnte Heidschnucke.
  • Ziegen (3 Rassen): Alle drei – Bunte und Weiße Deutsche Edelziege sowie Thüringer Waldziege – werden beobachtet.
  • Esel (2 Rassen): Deutscher Esel und Thüringer Waldesel, aktuell nicht gefährdet.

Unter den 125 Kleintieren entfällt die größte Vielfalt auf das Geflügel:

  • Hühner (61 Rassen): 6 Rassen extrem gefährdet (u.a. Bergischer Schlotterkamm, Hamburger Goldlack), 18 stark gefährdet (z.B. Krüper, Minorka, Andalusier), 11 gefährdet (etwa Sachsenhuhn, Orloff, Nackthalshuhn), 26 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet
  • Enten (14 Rassen): 1 extrem gefährdet (Krummschnabelente), 3 stark gefährdet (Aylesburyente, Deutsche Campbellente, Amerikanische Pekingente), 4 gefährdet (u.a. Pommernente, Warzentente), 6 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet
  • Gänse (11 Rassen): 3 stark gefährdet (Lippgans, Deutsche Legegans, Steinbacher Kampfgans), 4 gefährdet (u.a. Lockengans, Diepholzer Gans), 4 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet
  • Puten (5 Rassen): 1 extrem gefährdet (Deutsche Pute in Weiß), 1 stark gefährdet (Deutsche Pute in Schwarz), 2 gefährdet (Deutsche Landpute, Bronzepute), 1 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet (Cröllwitzer Pute)
  • Tauben (4 Rassen): 1 stark gefährdet (Steinheimer Bagdette), 3 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet (Coburger Lerche, Luchstaube, Strasser)

Auch die Kaninchen sind stark betroffen:

  • Kaninchen (30 Rassen): 4 extrem gefährdet (Angora, Englischer Wisser, Fuchskaninchen, Marderkaninchen), 3 stark gefährdet (Japaner, Luxkaninchen, Meißner Widder), 2 gefährdet (Deutscher Großsilber, Rheinische Schecke), 21 in Beobachtung, zurzeit nicht gefährdet

Trotz vieler Alarmsignale gibt es auch positive Entwicklungen: So konnten das Murnau-Werdenfelser Rind und das Glanrind dank steigender Bestände von der „Erhaltungspopulation“ in die „Beobachtungspopulation“ zurückgestuft werden.

Rote Liste 2025: Besonders gefährdete Nutztierrassen

Pferderassen: Die Hälfte ist gefährdet

Rund die Hälfte der einheimischen Pferderassen in Deutschland gilt heute als gefährdet oder stark gefährdet. Sechs Rassen sind in der Roten Liste 2025 in die Kategorie „phänotypische Erhaltungspopulation“ eingeordnet. Diese Kategorie ist eine Besonderheit, denn sie umfasst alte Rassen von hoher kultureller Bedeutung, deren ursprüngliche Zuchtbasis extrem klein war, die stark mit anderen Rassen vermischt wurden oder über viele Generationen hinweg nur in winzigen Beständen überlebten. Solche Rassen sind extrem selten – sie werden nicht mehr in einem klassischen Erhaltungszuchtprogramm geführt, sondern ausschließlich nach ihrem typischen Erscheinungsbild und ihren Merkmalen weitergezüchtet:

Senner auf Rote Liste gefährdeter Nutztierrassen Deutschland 2025
Im Naturschutzgebiet Moosheide tragen Senner Pferde seit 2000 wieder zur Landschaftspflege bei: Durch ihr Fraß- und Trittverhalten erhalten sie die Heidelandschaft.
Tsungam, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
  • Beberbecker – eine der seltensten Pferderassen Deutschlands. Mit nur einer Stute und fünf Hengsten gilt ihr Fortbestand als höchst unsicher.
  • Lehmkuhlener Pony – ein nervenstarkes, unkompliziertes Pony, das sich gut als Familien- oder Therapiepferd eignet. Dennoch gibt es 2023 nur acht Zuchthengste und 14 Stuten.
  • Leutstettener – eine bayerische Warmblutrasse aus dem Gestüt Leutstetten bei München. Von dieser vielseitigen Rasse existieren noch ein Hengst und 15 Stuten.
  • Pfalz Ardenner Kaltblut – kräftiges Arbeitspferd, einst in der Pfalz unentbehrlich für Wald- und Feldarbeit, heute nur noch als kulturelles Erbe erhalten.
  • Rottaler – eine der ältesten bayerischen Pferderassen. Der Bestand ist mit rund 30 Zuchtstuten und weniger als fünf Hengsten äußerst gering.
  • Senner – gilt als älteste deutsche Pferderasse. Sie stammt aus der Senne in Nordrhein-Westfalen und überlebt nur noch in einer winzigen phänotypischen Erhaltungspopulation.

Ein wesentlicher Grund für den Rückgang alter Pferderassen ist der Wegfall traditioneller Nutzungen. Pferde, die früher unverzichtbar in Landwirtschaft, Militär, Transport oder Waldarbeit waren, verloren mit der Mechanisierung ab Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Existenzbasis. Hinzu kommt, dass Zucht und Markt sich heute auf wenige Hochleistungsrassen konzentrieren – etwa Hannoveraner, Holsteiner oder das Deutsche Reitpony. Viele alte Warmblut- und Kaltblutrassen geraten dadurch ins Abseits und werden kaum noch gezüchtet.

Schafe: Nahezu alle Rassen bedroht

Braunes Bergschaf: Rote Liste 2025
Das Braune Bergschaf wird heute noch in Österreich, Südtirol, der Schweiz und in mehreren Regionen Deutschlands gehalten und gezüchtet, doch die Bestände sind stark rückläufig, sodass die Rasse inzwischen als gefährdet gilt.
Klaaschwotzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Äußerst besorgniserregend ist die Situation bei den Schafen. Von 24 einheimischen Schafrassen gelten nur noch zwei – Nolana und Braunes Haarschaf – als nicht gefährdet. Damit steht nahezu die gesamte Vielfalt der deutschen Schafrassen auf der Kippe. Gleich vier Rassen mussten 2025 sogar in eine höhere Gefährdungskategorie eingestuft werden:

  • Braunes Bergschaf (Erhaltungspopulation): Der Bestand ist stark rückläufig. Die Rasse gilt als robustes, mittelgroßes Schaf mit feiner Wolle und guter Anpassungsfähigkeit an karge Hochgebirgslagen.
  • Merinolangwollschaf (Erhaltungspopulation): Berühmt für seine sehr feine, lange Wolle und seine Widerstandsfähigkeit in niederschlagsreichen Regionen.
  • Weiße Gehörnte Heidschnucke (Erhaltungspopulation): Unentbehrlich für die Pflege von Moor- und Heidelandschaften, doch sinkende Zuchttierbestände gefährden ihr Überleben.
  • Merinolandschaf (Beobachtungspopulation): Eine der wichtigsten Wirtschaftsrassen Deutschlands, die sowohl für ihre Woll- als auch Fleischleistung geschätzt wird – nun aber erstmals als gefährdet eingestuft.

Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig. In Deutschland wird insgesamt immer weniger Schafhaltung betrieben; viele kleinere Betriebe geben auf, wodurch ganze Zuchtlinien verschwinden. Hinzu kommen Tierseuchen wie die Blauzungenkrankheit, die Bestände zusätzlich schwächen. Und nicht zuletzt könnten Wolfsübergriffe, besonders für kleinere Herden, eine wachsende Bedrohung darstellen und die Haltung erschweren.

Über die Hälfte der Hühnerrassen gefährdet

Vom Aussterben bedrohte Hühnerrasse: Bergischer Schlotterkamm
Namensgebend für den Bergischen Schlotterkamm ist der große, zur Seite fallende Kamm der Hennen.
Jean Bungartz, Public domain, via Wikimedia Commons)

Von allen Geflügelarten sind die Hühner am stärksten bedroht. Die Rote Liste 2025 führt insgesamt 61 einheimische Hühner- und Zwerghuhnrassen, von denen mehr als die Hälfte als gefährdet eingestuft ist. Besonders kritisch ist die Lage bei traditionsreichen Rassen wie:

  • Bergischer Schlotterkamm: Eine der ältesten deutschen Hühnerrassen und nun „extrem gefährdet“. Sie wurde vor allem als Legerasse gehalten und ist für ihre großen Eier bekannt.
  • Brabanter: Diese Haubenhühner sind laut neuer Roter Liste „extrem gefährdet“. Sie gelten als zuverlässige Legehühner, die über viele Jahre hinweg konstant Eier liefern.
  • Houdan: Ebenfalls „extrem gefährdet“. Die aus Frankreich stammende Rasse wird seit den 1860er-Jahren auch in Deutschland gezüchtet und zählt zu den charakteristischsten europäischen Haubenhühnern.

Der Erhalt alter Hühnerrassen ist nicht nur eine Frage der Tradition, sondern auch der Zukunftssicherheit. Sie sind oft deutlich robuster gegenüber Klima- und Umweltstress, besitzen regionale Anpassungen – wie etwa die Kälteresistenz des Sachsenhuhns – und verkörpern ein Stück Kulturgeschichte, das eng mit regionalen Landschaften und Traditionen verbunden ist.

Enten: 8 von 14 Rassen bedroht

In Deutschland sind derzeit 14 einheimische Entenrassen anerkannt. Die Rote Liste 2025 macht deutlich: Mehr als die Hälfte von ihnen ist gefährdet – nur sechs Rassen stehen noch in der Beobachtungspopulation. Besonders kritisch ist die Lage bei traditionsreichen Rassen, die fast verschwunden sind:

  • Krummschnabelente: Bereits im 17. Jahrhundert in den Niederlanden beschrieben, fällt sie durch ihren charakteristisch gebogenen Schnabel auf. Sie ist extrem selten und liefert trotz geringer Bedeutung als Mastente ein sehr hochwertiges, schmackhaftes Fleisch.
  • Aylesburyente: Einst eine bedeutende Fleischente mit charakteristisch rosafarbenem Schnabel, stammt ursprünglich aus England und wurde auch in Deutschland gezüchtet. Heute gilt sie als „stark gefährdet“ – ihr Bestand ist so gering, dass sie ohne engagierte Züchter kaum überleben würde.
  • Orpingtonente: Ursprünglich in Großbritannien gezüchtet, gilt sie als „gefährdet“. Sie überzeugt durch kräftiges Fleisch und ein ruhiges Wesen.
  • Pommernente: Eine robuste, widerstandsfähige Rasse aus Norddeutschland. Auch sie ist „gefährdet“, da die Nachfrage kontinuierlich sinkt.
Aylesburyente - extrem selten
Die Aylesburyente, einst geschätzte Fleischente und heute stark gefährdet, wird nur noch von wenigen Züchtern erhalten.
Bernard Spragg. NZ from Christchurch, New Zealand, CC0, via Wikimedia Commons)

Warum werden heute weniger Enten gezüchtet? Ein wichtiger Grund liegt in der veränderten Geflügelhaltung: Während Enten früher in bäuerlichen Mischbetrieben selbstverständlich waren, konzentriert sich die Zucht heute stark auf Hühner. Hinzu kommt, dass industriell erzeugte Pekingenten aus großen Mastanlagen den Markt dominieren. Alte Rassen wachsen dagegen langsamer, setzen weniger Fleisch an und gelten daher für die Massenproduktion als unrentabel. Erschwerend kommt hinzu, dass viele traditionelle Entenrassen Teiche oder Wasserflächen brauchen, die durch den Rückgang extensiver Teichwirtschaft verschwunden sind. Schließlich fehlt es auch an Bekanntheit: Während das „Bio-Huhn“ mittlerweile fest im Bewusstsein der Konsumenten verankert ist, sind alte Entenrassen weitgehend unbekannt – entsprechend gering ist die Nachfrage nach ihren Produkten.

Dabei erfüllen Entenrassen bis heute wichtige Funktionen. Sie sichern genetische Vielfalt in der Landwirtschaft, da sie Eigenschaften wie Robustheit oder Krankheitsresistenz mitbringen. Viele sind echte Zweinutzungstiere, die sowohl Fleisch als auch Eier von hoher Qualität liefern. Durch ihr Gründel- und Weideverhalten tragen sie außerdem zur Offenhaltung von Feuchtgebieten bei und fördern damit die Artenvielfalt in Teichlandschaften. Und nicht zuletzt sind sie ein Stück Kulturerbe: Rassen wie die Pommernenten oder Sachsenenten stehen für die regionale Landwirtschaftsgeschichte und eine Vielfalt, die es unbedingt zu bewahren gilt.

Kaninchen: Vom Nutztier zum Haustier

Extrem gefährdet: Angorakaninchen
Zum „Ernten“ der Wolle muss das Angorakaninchen regelmäßig geschoren werden.
(© Canva Pro)

In der Roten Liste 2025 werden 30 einheimische Kaninchenrassen aufgeführt. Neun davon gelten als gefährdet, darunter vier, die als „extrem gefährdet“ eingestuft sind:

  • Angorakaninchen: Seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland bekannt für seine feine, extrem warme und leichte Wolle – zehnmal wärmer und viermal leichter als Schafwolle. Früher ein gefragter Luxusartikel, heute verdrängt durch billige Importwolle und synthetische Fasern. Gleichzeitig gibt es immer weniger Züchter. Zur Sicherung der Rasse wird erstmals Sperma des Angorakaninchens in der Deutschen Genbank landwirtschaftlicher Nutztiere eingelagert.
  • Englischer Widder: Eine alte Rasse mit charakteristisch langen Schlappohren. Früher beliebt als Schau- und Liebhaberrasse, heute fast verschwunden, da sie für Fleisch- oder Fellproduktion keine Rolle spielt.
  • Fuchskaninchen: Mit seinem langen, fuchsähnlichen Fell ursprünglich für die Pelzverarbeitung gezüchtet. Der Rückgang der Nachfrage nach Echtpelz entzog der Rasse ihre wirtschaftliche Grundlage.
  • Marderkaninchen: Erkennbar an seiner dunklen Fellfärbung, die an Marder erinnert. Auch diese Rasse wurde einst als Felllieferant gehalten und ist heute fast verschwunden.

Kaninchen wurden über Jahrhunderte vor allem als Fleisch- und Felllieferanten gezüchtet. Manche Rassen, wie das Angorakaninchen, lieferten zusätzlich hochwertige Wolle. Sie spielten zudem eine Rolle in der Rassezucht und Schauzucht – und sind nicht zuletzt auch beliebte Haustiere.

Die Bedrohung vieler Rassen hat vor allem mit veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. Die Nachfrage nach Kaninchenfleisch und -fellen in Deutschland ist stark zurückgegangen. Billige Importe und Kunstfasern verdrängen die Produkte traditioneller Rassen. Gleichzeitig sinkt die Zahl aktiver Züchter und Vereine seit Jahren, wodurch ganze Zuchtlinien verschwinden. Hinzu kommt, dass viele Menschen Kaninchen heute fast ausschließlich als Haustiere wahrnehmen – und dabei übersehen, dass auch hinter ihnen eine große Vielfalt an alten Nutztierrassen steht, die zu verschwinden droht.

Warum sterben Nutztierrassen aus?

Das Verschwinden alter Nutztierrassen hat wenig mit dem klassischen Artensterben in der Natur zu tun, sondern ist vor allem die Folge ökonomischer und struktureller Entwicklungen in der Landwirtschaft.

Steinheimer Bagdette - Rote Liste Nutztierrassen Deutschland 2025
Die Steinheimer Bagdette ist durch ihr markantes Kopfprofil unverwechselbar – eine „stark gefährdete“, lebhafte und dennoch zutrauliche Taubenrasse, von der 2023 nur 226 Paare gezählt wurden.
William Kreijkes, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Ein entscheidender Faktor ist die industrielle Landwirtschaft: Wenige Hochleistungsrassen dominieren den Markt. Milchkühe sind heute auf maximale Milchleistung gezüchtet, Fleischrinder auf schnelles Wachstum und hohen Fleischansatz. Alte Zweinutzungsrassen, die beides in moderatem Maße vereinten, gelten dagegen als unwirtschaftlich und verschwinden nach und nach.

Hinzu kommt der Marktdruck. Verbraucherinnen und Verbraucher verlangen billige und standardisierte Produkte. Einheitliche Eier, schnell wachsendes Mastgeflügel oder hochspezialisierte Milchviehhaltung passen in dieses Raster – Vielfalt verliert an Bedeutung.

Auch der Verlust traditioneller Landwirtschaft spielt eine Rolle. Früher hielten viele kleine Höfe regionale Rassen, die an Klima, Landschaft und Kultur angepasst waren. Mit dem Rückgang dieser Betriebe verschwanden nicht nur die Tiere, sondern auch das Wissen um ihre Haltung und Zucht.

Von großer Bedeutung ist auch der Rückgang aktiver Züchter. Bei Kaninchen- und Geflügelrassen ging die Zahl der Züchter in den vergangenen Jahren drastisch zurück – allein bei den Kaninchen seit 2019 um mehr als 20 %. Ohne engagierte Zuchtgemeinschaften können ganze Rassen innerhalb weniger Jahre verloren gehen.

Nicht zu unterschätzen ist auch das Konsumverhalten. Die Nachfrage nach günstigen Standardprodukten verstärkt den Trend: Alte Rassen gelten als weniger rentabel, obwohl sie meist robuster, langlebiger und besser an lokale Bedingungen angepasst sind. Gleichzeitig fehlt es an Bewusstsein dafür, dass ihre genetische Vielfalt eine wichtige Reserve für die Landwirtschaft der Zukunft darstellt.

Nutztierrassen sterben nicht aus, weil sie sich in der Natur nicht behaupten könnten, sondern weil sich unsere Wirtschafts- und Konsumstrukturen verändert haben – und Vielfalt darin kaum noch Platz findet.

Mehr als nur Hobby: Warum sind Nutztierrassen wichtig?

Alte Nutztierrassen sind weit mehr als „Hobbytiere“. Sie sind ein zentraler Bestandteil unserer biologischen Vielfalt und unseres kulturellen Erbes. Das Aussterben alter Nutz- und Haustierrassen ist ist nicht nur ein Verlust für die Landwirtschaft, sondern betrifft auch Natur, Kultur und Ernährungssicherheit.

Ansbach-Triesdorfer: sehr seltene Rinderrasse
Die Ansbach-Triesdorfer, wegen ihrer Fellzeichnung auch Triesdorfer Tiger genannt, sind eine „stark gefährdete“ Rinderrassen. Ihre harten Klauen machen sie widerstandsfähig und ideal für die Weidehaltung selbst auf schwierigen Standorten.
Franz Probst, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
  • Genetische Vielfalt: Traditionelle Rassen sind oft robuster und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten, Klimaextremen oder Futtermangel. In Zeiten des Klimawandels können diese Eigenschaften entscheidend sein, um neue, anpassungsfähigere Züchtungen zu entwickeln.
  • Kulturgut: Rassen wie das Rote Höhenvieh, das Sachsenhuhn oder die Heidschnucke prägen Landschaften und regionale Identitäten seit Jahrhunderten. Ihr Erhalt bedeutet auch den Erhalt von Traditionen und historisch gewachsenen Kulturlandschaften.
  • Ernährungssicherheit: Eine breite genetische Basis ist unverzichtbar, wenn spezialisierte Hochleistungsrassen an ihre Grenzen stoßen – etwa bei neuen Tierkrankheiten oder extremen Umweltbedingungen. Alte Rassen sind ein „Reservenetz“ für die Landwirtschaft.
  • Ökosystemleistungen: Viele Rassen leisten wertvolle Beiträge zur Landschaftspflege: Schafe erhalten artenreiche Magerrasen, Rinder und Pferde verhindern die Verbuschung von Weiden, und Schweine wie das Bunte Bentheimer fördern durch ihr Wühlen sogar die Keimung seltener Pflanzen.
  • Naturschutznutzen: In Beweidungsprojekten mit alten Rassen wie dem Alpinen Steinschaf oder dem Rottaler Pferd verbinden sich Zucht und Naturschutz. Die Tiere pflegen Flächen auf natürliche Weise und schaffen Lebensräume für bedrohte Arten.

Der Erhalt alter Haus- und Nutztierrassen muss dabei nicht zwingend an eine klassische wirtschaftliche Nutzung gebunden sein. Sie können auch in nachhaltige Kreislaufsysteme integriert werden, in denen sie Biodiversität fördern und Ökosysteme stabilisieren. Gleichzeitig sichern sie eine unabhängige genetische Vielfalt, die gerade im Zeitalter des Klimawandels und zunehmender globaler Krisen für eine stabile und zukunftsfähige Landwirtschaft unverzichtbar ist.

Was können wir tun?

Der Erhalt alter Nutztierrassen ist keine reine Aufgabe von Züchtern und Landwirtschaft – auch Politik, Gesellschaft und Verbraucherinnen und Verbraucher können einen wichtigen Beitrag leisten:

  • Vielfaltsprodukte kaufen: Fleisch, Milch, Wolle oder Eier von alten Rassen direkt bei Erzeugern oder auf Wochenmärkten kaufen. So erhalten diese Tiere wieder einen ökonomischen Wert und ihre Zucht wird attraktiv.
  • Förderprogramme nutzen: Viele Bundesländer zahlen Prämien für die Haltung gefährdeter Rassen. Landwirtinnen und Landwirte können so unterstützt werden, wenn sie bewusst auf Vielfalt setzen.
  • Zuchtvereine und Initiativen unterstützen: Mitgliedschaften, Spenden oder ehrenamtliches Engagement helfen, die Arbeit kleiner Zuchtgemeinschaften zu sichern.
  • Ex-situ-Erhaltung stärken: Genbanken und Spermabanken – etwa am FLI Mariensee – bewahren genetisches Material für die Zukunft. Das ist eine wichtige Sicherheitsreserve, falls Bestände akut zusammenbrechen.
  • Bewusstsein schaffen: Alte Rassen müssen sichtbarer werden – etwa auf Arche-Höfen, in Bildungsprojekten, in den Medien oder in sozialen Netzwerken. Je mehr Menschen von ihnen wissen, desto größer wird der Rückhalt für ihren Schutz.
  • Bildung und Forschung fördern: Schulbauernhöfe, Universitäten und Forschungsprojekte können alte Rassen in Ausbildung und Wissenschaft integrieren – und so zeigen, dass sie auch in einer modernen Landwirtschaft eine Zukunft haben können.

Nicht nur wilde Tiere verschwinden

Die Rote Liste gefährdeter Nutztierrassen 2025 zeigt: Vom Artensterben sind nicht nur Wildtiere betroffen. Auch auf den Höfen in Deutschland geht die Vielfalt verloren. Mit jeder Rasse, die verschwindet, verlieren wir nicht nur genetische Ressourcen, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte, regionale Identität und Zukunftssicherheit für die Landwirtschaft.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung. Durch gezielte Zuchtprogramme, den Einsatz alter Rassen in nachhaltiger Landwirtschaft und Naturschutzprojekten sowie durch bewusstes Konsumverhalten können viele dieser Tiere erhalten bleiben. Jede Entscheidung für Produkte von bedrohten Rassen, Besuche auf einem Arche-Hof und Unterstützung für Zuchtinitiativen ist ein Schritt hin zu mehr Vielfalt.

Die Erhaltung alter Nutztierrassen ist auch ein Beitrag zum Artenschutz, zur Klimaanpassung und zur Zukunft unserer Ernährung. Durch den Schutz dieser Rassen tragen wir zum Erhalt widerstandsfähiger Ökosysteme und lebendiger Kulturlandschaften bei.

Quelle

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