Atlantischer Lachs (Salmo salar)
Atlantischer Lachs (Salmo salar). In Hamburg gilt die Art als vom Aussterben bedroht. Bild: Depositphotos (Kooperation)

Neue Rote Liste: Jede dritte heimische Art der Süßwasserfische und Rundmäuler in Hamburg bestandsgefährdet

Inhaltsverzeichnis

Hamburg ist nicht nur Hafenstadt, sondern auch eine Stadt der Gewässer. Elbe, Alster und Bille sowie zahlreiche Bäche, Kanäle, Fleete und Marschengewässer bieten Lebensraum für eine vielfältige Gemeinschaft aus Fischen und Rundmäulern.

Die neue Rote Liste der Süßwasserfische und Rundmäuler Hamburgs zeigt jedoch, dass viele dieser Arten unter Druck stehen. Von den 47 bewerteten heimischen Arten sind 16 – rund 34 % – bestandsgefährdet. Zählt man die beiden ausgestorbenen oder verschollenen sowie zwei extrem seltene Arten hinzu, stehen insgesamt 20 Arten bzw. 42,6 % auf der Roten Liste. Gegenüber der vorherigen Bewertung hat sich die Einstufung bei drei Arten verbessert, bei 14 verschlechtert.

Besonders problematisch sind Veränderungen der Gewässerlebensräume und Wanderwege: Viele Arten sind auf naturnahe Flüsse und Bäche, geeignete Laichplätze oder eine ungehinderte Verbindung zwischen ihren verschiedenen Lebensräumen angewiesen.

Die aktuelle Rote Liste ist die dritte Fassung für Hamburg. Die erste erschien 1991, eine aktualisierte Fassung folgte 2015. Grundlage der neuen Bewertung sind die im Hamburger Artenkataster erfassten Daten bis zum 31. Dezember 2024. Inzwischen enthält das Kataster für Fische einschließlich Neunaugen rund 124.000 Datensätze.

Mehr als 50 etablierte Fisch- und Rundmaularten in Hamburg

Die vollständige Artenliste enthält 72 Arten, die irgendwann im Hamburger Stadtgebiet nachgewiesen wurden. Nicht alle gehören jedoch dauerhaft zur Hamburger Fauna. Marine Arten können beispielsweise gelegentlich weit in die Elbe vordringen, andere Fische stammen aus Besatzmaßnahmen oder wurden nur vereinzelt nachgewiesen.

Als etabliert oder vermutlich etabliert gelten 53 Arten. Darunter befinden sich 6 gebietsfremde Arten: Goldfisch (Carassius auratus), Giebel (Carassius gibelio), Sonnenbarsch (Lepomis gibbosus), Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus), Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva) und Amerikanischer Hundsfisch (Umbra pygmaea). Da diese Neobiota bei der Gefährdungsbewertung nicht berücksichtigt werden, verbleiben 47 indigene oder archäobiotische Arten, für die eine Rote-Liste-Kategorie vergeben wurde – 44 Fische und drei Rundmäuler.

Die aktuelle Bewertung richtet sich nicht allein danach, wie häufig eine Art gegenwärtig nachgewiesen wird. Berücksichtigt werden vier Kriterien: die aktuelle Bestandssituation, der langfristige Bestandstrend, der kurzfristige Bestandstrend sowie mögliche Risikofaktoren. Für den kurzfristigen Trend wurden die vergangenen 20 Jahre ab 2005 betrachtet; zur Beurteilung der langfristigen Entwicklung stehen teilweise Nachweise bis zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Verfügung.

Was sind eigentlich Rundmäuler?

Meerneunaugen (Petromyzon marinus)
Meerneunaugen: Gut zu erkennen ist das kreisförmige Saugmaul mit zahlreichen Hornzähnen, mit dem sich die Tiere in ihrer parasitischen Lebensphase an Fischen festheften.
Bild: Fernando Losada Rodríguez, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Neben den eigentlichen Fischen erfasst die Liste auch Rundmäuler (Cyclostomata). Zu ihnen gehören in Hamburg Bachneunauge (Lampetra planeri), Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) und Meerneunauge (Petromyzon marinus).

Rundmäuler zählen zu den kieferlosen Wirbeltieren und werden zoologisch von den eigentlichen Fischen unterschieden. Ihr langgestreckter Körper erinnert an einen Aal; charakteristisch für Neunaugen ist ein kreisförmiges, saugnapfartiges Maul mit Hornzähnen. Fluss- und Meerneunaugen heften sich während ihrer parasitischen Lebensphase damit an andere Fische und ernähren sich von deren Gewebe und Körperflüssigkeiten.

Das Bachneunauge lebt nicht parasitisch. Nahrung nehmen die Tiere nur während ihrer mehrjährigen Larvenphase auf. Nach der Metamorphose fressen die erwachsenen Bachneunaugen nicht mehr. Sie reifen geschlechtlich aus, wandern zu geeigneten Laichplätzen, laichen im Frühjahr und sterben anschließend. Die adulte Lebensphase dauert daher nur wenige Monate.

Rote Liste Hamburg: 42,6 % ausgestorben, bestandsgefährdet oder extrem selten

Von den 47 bewerteten heimischen Arten gelten 23 und damit knapp die Hälfte als ungefährdet. Umgekehrt ist etwas mehr als jede zweite Art entweder einer Rote-Liste-Kategorie oder der Vorwarnliste zugeordnet – oder kann aufgrund unzureichender Daten nicht abschließend bewertet werden.

Diagramm: Rote Liste der Süßwasserfische und Rundmäuler Hamburgs, 2026
Bild: Doreen Fräßdorf
  • Ausgestorben oder verschollen: 2 Arten (4,3 %) – Europäischer Stör (Acipenser sturio) und Maifisch (Alosa alosa)
  • Vom Aussterben bedroht: 1 Art (2,1 %) – Lachs (Salmo salar)
  • Stark gefährdet: 7 Arten (14,9 %) – Finte (Alosa fallax), Zope (Ballerus ballerus), Barbe (Barbus barbus), Karausche (Carassius carassius), Ostsee-Schnäpel (Coregonus maraena), Quappe (Lota lota) und Wels (Silurus glanis)
  • Gefährdet: 7 Arten (14,9 %) – Europäischer Aal (Anguilla anguilla), Flussneunauge (Lampetra fluviatilis), Hasel (Leuciscus leuciscus), Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), Stint (Osmerus eperlanus), Meerneunauge (Petromyzon marinus) und Forelle (Salmo trutta)
  • Gefährdung unbekannten Ausmaßes: 1 Art (2,1 %) – Mitteldeutsche Elritze (Phoxinus morella)
  • Extrem selten: 2 Arten (4,3 %) – Nase (Chondrostoma nasus) und Kleine Maräne (Coregonus albula)
  • Vorwarnliste: 3 Arten (6,4 %) – Güster (Blicca bjoerkna), Aland (Leuciscus idus) und Flunder (Platichthys flesus)
  • Daten unzureichend: 1 Art (2,1 %) – Zährte (Vimba vimba)
  • Ungefährdet: 23 Arten (48,9 %) – z. B. Flussbarsch (Perca fluviatilis), Hecht (Esox lucius) und Schleie (Tinca tinca)

Als bestandsgefährdet gelten im engeren Sinne 16 Arten bzw. 34 %. Dazu zählen ausschließlich die Kategorien „vom Aussterben bedroht“, „stark gefährdet“, „gefährdet“ und „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“. Die Rote Liste insgesamt umfasst darüber hinaus auch ausgestorbene oder verschollene sowie extrem seltene Arten und fällt deshalb entsprechend größer aus.

Dass Süßwasserfische nicht nur in Hamburg unter Druck stehen, zeigt auch der Blick über die Landesgrenzen hinaus: In der Roten Liste der europäischen Süßwasserfische von 2026 gelten mehr als 40 % der Arten als bedroht.

Lachs vom Aussterben bedroht – Stör und Maifisch verschollen

Besonders kritisch ist die Situation des Lachses (Salmo salar). Er ist die einzige Art, die in Hamburg gegenwärtig als „vom Aussterben bedroht“ gilt. Im Stadtgebiet kommt er nahezu ausschließlich in der Elbe vor. Sie dient vor allem als Wanderkorridor: Erwachsene Lachse ziehen durch Hamburg zu ihren weiter flussaufwärts gelegenen Laichgewässern, während die Jungfische – die sogenannten Smolts – auf ihrem Weg ins Meer die Stadt passieren.

Maifisch (Alosa alosa) - Rote Liste der Süßwasserfische Hamburgs: ausgestorben oder verschollen
Maifische wurden in Hamburg zuletzt um 1900 nachgewiesen, weshalb die Art dort als ausgestorben oder verschollen gilt.
Bild: Alosa alosa (Linnaeus, 1758) observed in Spain by Ramiro Asensio González, CC BY-NC-ND 4.0, via GBIF

Noch 1991 galt der Lachs in Hamburg als ausgestorben oder verschollen. In den folgenden Jahrzehnten nahmen die Nachweise infolge von Wiederansiedlungsprogrammen in verschiedenen Elbezuflüssen wieder zu. Ein großer Teil der heute nachgewiesenen Tiere dürfte jedoch aus Besatz stammen; wie viele Lachse tatsächlich aus natürlicher Fortpflanzung hervorgegangen sind, lässt sich nicht beziffern. Eine natürliche Reproduktion und sich selbst erhaltende Bestände sind bislang nicht nachgewiesen. Deshalb bleibt die Art in Hamburg vom Aussterben bedroht.

Da die Hamburger Elbe einen wichtigen Wanderweg zwischen Nordsee und den Laichgebieten im Elbeeinzugsgebiet bildet, trägt Hamburg eine hohe Verantwortung für den Erhalt der Art. Wichtig ist vor allem, dass die Durchwanderbarkeit des Stadtgebiets gewährleistet bleibt.

Noch schlechter ist die Situation bei Europäischem Stör (Acipenser sturio) und Maifisch (Alosa alosa): Beide gelten in Hamburg weiterhin als ausgestorben oder verschollen. Der letzte bekannte Störfang im Hamburger Stadtgebiet stammt aus dem Jahr 1951; für den Maifisch wird der letzte Nachweis auf die Zeit um 1900 datiert.

Für den Europäischen Stör läuft allerdings seit 2008 ein Wiederansiedlungsprojekt im Elbeeinzugsgebiet. Seit 2021 wurden auch im Hamburger Stadtgebiet einzelne ausgesetzte Tiere nachgewiesen. Eine erfolgreiche natürliche Fortpflanzung in der Elbe konnte noch nicht belegt werden. Deshalb wird die Art weiterhin als ausgestorben oder verschollen geführt. Bei dieser Einstufung bleiben Besatzfische grundsätzlich unberücksichtigt.

Beim Maifisch sieht die Lage noch anders aus: Die Art war in der Elbe schon historisch selten und erreichte hier den nordöstlichen Rand ihres natürlichen Verbreitungsgebiets. Eine Wiederansiedlung in der Elbe ist derzeit nicht geplant.

Seit 2015: 14 Verschlechterungen, 3 Verbesserungen

Im Vergleich zur Roten Liste von 2015 hat sich bei 17 der 47 bewerteten Arten die Gefährdungskategorie verändert. Nur 3 Arten wurden günstiger eingestuft: das Bachneunauge (Lampetra planeri), die Koppe (Cottus gobio, in der vorherigen Liste als Groppe bezeichnet) und die Nase (Chondrostoma nasus). Demgegenüber steht bei 14 Arten eine schlechtere Einstufung.

Betroffen sind Aland (Leuciscus idus), Barbe (Barbus barbus), Finte (Alosa fallax), Flunder (Platichthys flesus), Flussneunauge (Lampetra fluviatilis), Forelle (Salmo trutta), Güster (Blicca bjoerkna), Hasel (Leuciscus leuciscus), Karausche (Carassius carassius), Meerneunauge (Petromyzon marinus), Quappe (Lota lota), Stint (Osmerus eperlanus), Wels (Silurus glanis) und Zope (Ballerus ballerus).

Die schlechteren Einstufungen lassen sich überwiegend nicht allein durch einen verbesserten Kenntnisstand erklären. Bei 10 der 14 negativ veränderten Arten führen die Autoren vor allem reale Veränderungen des Gefährdungsgrades als Ursache an; bei 4 Arten spielte ein Kenntniszuwachs eine Rolle. Bei allen 17 Kategorieänderungen gehen 70,6 % überwiegend auf reale Bestandsveränderungen zurück, während bei 23,5 % ein verbesserter Kenntnisstand ausschlaggebend war.

Längerfristige Entwicklung und vergangene 20 Jahre

Bei 48,9 % der Arten wird langfristig von einem mäßigen bis sehr starken Rückgang oder einem Rückgang unbekannten Ausmaßes ausgegangen. Nur 2 Arten zeigen langfristig eine deutliche Zunahme, 15 gelten als stabil; bei 5 reicht die historische Datenlage für eine Bewertung nicht aus. Allerdings sind die älteren Nachweise oft lückenhaft, weshalb langfristige Trends nur grob eingeschätzt werden können.

Für die vergangenen 20 Jahre wurde bei 10 Arten eine deutliche Zunahme festgestellt, bei 15 blieben die Bestände stabil. Gleichzeitig zeigen ebenfalls 15 Arten eine mäßige bis sehr starke Abnahme.

Bachneunauge und Koppe zeigen, dass Naturschutz wirken kann

Bachneunauge (Lampetra planeri) - ungefährdet in Rote Liste der Süßwasserfische & Rundmäuler in Hamburg 2026
Das zu den Rundmäulern gehörende Bachneunauge gilt in Hamburg nach der neuen Roten Liste wieder als ungefährdet.
Bild: Julien Renoult, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Die neue Rote Liste dokumentiert auch einige positive Entwicklungen. Sehr deutlich zeigt sich das beim Bachneunauge (Lampetra planeri). In der Roten Liste von 2015 galt die Art in Hamburg noch als stark gefährdet. Inzwischen haben die Nachweise deutlich zugenommen. Neben Seevekanal und Alster wird das Bachneunauge mittlerweile auch wieder in Zuflüssen wie Bredenbek, Diekbek und Tarpenbek gefunden. Der kurzfristige Bestandstrend wird deshalb als deutlich zunehmend bewertet; in der Roten Liste 2026 gilt die Art wieder als ungefährdet.

Auch die Koppe (Cottus gobio) hat sich positiv entwickelt. Sie stand 2015 noch auf der Vorwarnliste, wird inzwischen aber ebenfalls als ungefährdet eingestuft. Aktuelle Nachweise liegen vor allem aus sandgeprägten Tieflandbächen im Alstersystem, aus der Mellingbek, Bredenbek, dem Seevekanal und in geringerem Umfang aus der Oberen Bille vor. Der kurzfristige Bestandstrend zeigt eine deutliche Verbesserung.

Die Hamburger Umweltbehörde führt die positive Entwicklung von Bachneunauge und Koppe insbesondere auf Renaturierungen, sauberere Gewässer und eine verbesserte ökologische Durchgängigkeit zurück. Die beiden Arten zeigen damit, dass Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung von Fließgewässern tatsächlich messbare Auswirkungen auf ihre Bestände haben können.

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Bei der Nase (Chondrostoma nasus) ist die Situation weniger eindeutig. Auch sie wurde gegenüber 2015 günstiger eingestuft, wechselte jedoch lediglich von „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“ in die Kategorie „extrem selten“. Aus den vergangenen Jahren liegen nur sehr wenige Nachweise aus der Elbe vor; zudem lässt sich laut Roter Liste kein eindeutiger Grund für die veränderte Einstufung benennen.

Nase (Chondrostoma nasus)  - Hamburg Rote Liste 2026: extrem selten
Die Nase wird in der neuen Roten Liste Hamburgs als „extrem selten“ eingestuft, da sie in den vergangenen Jahren in der Elbe kaum noch nachgewiesen werden konnte.
Bild: André Karwath aka Aka, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Der Stint zeigt die Probleme der Tideelbe

Der Stint (Osmerus eperlanus) ist eine charakteristische anadrome Wanderfischart der Tideelbe, also des von Ebbe und Flut beeinflussten Abschnitts der Elbe. Zur Fortpflanzung wandern die Tiere aus den küstennahen Gewässern flussaufwärts in die Elbe. Noch 2015 galt der Stint in Hamburg als ungefährdet, heute wird er als „gefährdet“ eingestuft.

Stint (Osmerus eperlanus)
Der Stint ist eine für die Tideelbe typische Wanderfischart. Er wird in der neuen Roten Liste Hamburgs als „gefährdet“ eingestuft.
Bild: Osmerus eperlanus (Linnaeus, 1758) observed in Netherlands by Klaas Heeres, CC BY-NC-ND 4.0, via GBIF

Trotzdem ist der Stint keineswegs selten. Gemessen an der Zahl der im Artenkataster erfassten Individuen ist er sogar mit großem Abstand die häufigste Art: Für den Zeitraum von Mitte 2013 bis Ende 2024 sind dort rund 1,76 Millionen Individuen verzeichnet. Bei der Bewertung spielt jedoch auch eine Rolle, wie weit eine Art verbreitet ist und wie sich ihre Bestände entwickeln. Bezogen auf sein Hauptverbreitungsgebiet in Elbe und Marschengewässern wird der aktuelle Bestand des Stints nur als „mäßig häufig“ eingestuft.

Monitoring-Untersuchungen in der Tideelbe zeigen seit 2014 einen starken Bestandsrückgang für den Stint. Jüngste Fanguntersuchungen deuten zwar auf eine mögliche Stabilisierung hin, allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau. Insgesamt wird für die vergangenen 20 Jahre weiterhin von mindestens einer mäßigen Abnahme ausgegangen.

Als Belastungen nennt die Rote Liste etwa sommerlichen Sauerstoffmangel in der Tideelbe, den Verlust von Flachwasserbereichen als Rückzugs-, Nahrungs- und Aufwuchshabitate sowie erhöhte Schwebstofffrachten in den Laichgebieten. Hinzu kommen mögliche Schädigungen durch die Entnahme von Elbwasser für Kühl- und zunehmend auch Heizzwecke. Da die Elbe im Hamburger Stadtgebiet ein überregional bedeutendes Laich- und Aufwuchsgebiet des Stints ist, trägt Hamburg für die Art eine besonders hohe Verantwortung.

Hamburg trägt besondere Verantwortung für Wanderfische und Neunaugen

Die Lage an der Tideelbe gibt Hamburg eine Bedeutung, die weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Viele Fische und Rundmäuler nutzen Flüsse nicht als isolierte Lebensräume, sondern legen im Laufe ihres Lebens große Entfernungen zwischen verschiedenen Lebensräumen zurück.

Lachs, Fluss- und Meerneunauge sind anadrome Wanderarten: Sie verbringen einen Teil ihres Lebens im Meer und wandern zur Fortpflanzung in Flüsse und Bäche. Der Europäische Aal ist hingegen katadrom – er wächst in Binnengewässern auf und zieht zur Fortpflanzung ins Meer. Beide Formen gehören zu den diadromen Arten, die im Laufe ihres Lebens zwischen Süß- und Salzwasser wechseln. Andere Arten wandern ausschließlich innerhalb von Süßwassersystemen; man nennt sie potamodrom.

Für 15 der 47 bewerteten Arten – knapp ein Drittel – trägt Hamburg eine hohe oder besonders hohe Verantwortung für ihr Vorkommen in Deutschland. Dazu zählen insbesondere Arten des norddeutschen Tieflands, Bewohner tidebeeinflusster Unterläufe großer Flüsse sowie diadrome Wanderarten, die das Hamburger Stadtgebiet auf ihren Wanderungen zwangsläufig passieren müssen. Insgesamt hat Hamburg für 6 Arten eine besonders hohe und für 9 Arten eine hohe Verantwortung.

Eine besonders hohe Verantwortung besteht etwa für das Meerneunauge (Petromyzon marinus), für das die Elbe eine wichtige Wanderroute darstellt. Unter anderem für Lachs (Salmo salar), Europäischen Aal (Anguilla anguilla), Finte (Alosa fallax), Karausche (Carassius carassius) und Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) hat Hamburg eine hohe Verantwortung.

Was in Hamburg geschieht, kann sich weit stromaufwärts auswirken. Wanderhindernisse oder Sauerstoffmangelzonen können die Passage durch die Tideelbe zeitweise oder vollständig unterbrechen und damit weiter entfernte Laich- und Aufwuchsgebiete vom Meer abschneiden. Die Rote Liste weist darauf hin, dass eine Sauerstoffmangelzone in der Elbe zu einer ökologischen Wanderbarriere für diadrome Arten werden und dadurch das gesamte Flusseinzugsgebiet beeinträchtigen kann.

Vor allem bei diesen Arten lässt sich die Situation der Hamburger Gewässer daher nicht isoliert betrachten. Auch die 2025 veröffentlichte Rote Liste der Meeresfische und Neunaugen Deutschlands verdeutlicht, dass der Schutz wandernder Arten an der Grenze zwischen Fluss und Meer nicht enden darf.

Bedrohungen: Verbaute Gewässer, Wanderhindernisse und verschlammte Laichplätze

Hamburgs Gewässer sind seit Jahrhunderten stark vom Menschen geprägt. Flüsse und Bäche wurden begradigt, verlegt, vertieft oder mit befestigten Ufern versehen. Im dicht besiedelten Stadtgebiet kommen insbesondere Hochwasserschutz, Schifffahrt und Hafennutzung hinzu. Solche Eingriffe finden sich heute in nahezu allen Hamburger Gewässern.

Zärthe (Vimba vimba) - Kategorie "Daten unzureichend" in Hamburg laut Rote Liste der Süßwasserfische 2026
Ein Vorkommen der Zährte ließ sich in den vergangenen Jahren in Hamburg lediglich per eDNA-Nachweis belegen. Sie landete daher in der neuen Roten Liste in der Kategorie „Daten unzureichend“.
Bild (modifiziert): Emőke Dénes, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

In technisch ausgebauten Gewässern fehlt häufig der natürliche Strukturreichtum mit abwechslungsreichen Sohl- und Uferbereichen, Kies, Totholz und anderen Strukturen, die unterschiedliche Strömungsbedingungen sowie Laich-, Nahrungs- und Rückzugsräume schaffen. Auch intensive Unterhaltungsmaßnahmen können problematisch sein: Grabenräumungen können nicht nur Habitate zerstören, sondern Fische, Großmuscheln und andere Gewässerorganismen unmittelbar töten.

Ein weiteres Problem sind Wehre, Schleusen, Siel- und Schöpfbauwerke. Sie können Wanderwege unterbrechen und Populationen voneinander isolieren. Das betrifft nicht nur diadrome Arten wie Lachs oder Aal, sondern auch Fische, die innerhalb eines Flusssystems zwischen verschiedenen Teillebensräumen wechseln. Stauhaltungen verändern zudem Abfluss, Sedimenttransport, Gewässerstruktur und Wasserqualität und können dadurch weitere Lebensräume beeinträchtigen. Auch Deiche und Dämme können die Verbindung zwischen Fluss und Aue unterbrechen und damit wichtige Laich-, Nahrungs- und Aufwuchsgebiete unzugänglich machen.

Hinzu kommen Feinsedimente und Stoffeinträge. Gelangen große Mengen feiner Sedimente in ein Fließgewässer, setzen sich die Partikel in den Zwischenräumen von Kies und Steinen fest. Diese sogenannte Kolmation verdichtet die Gewässersohle und verschlechtert die Sauerstoffversorgung im Kieslückensystem. Für Arten, die ihre Eier im Kies ablegen, kann dies gravierend sein: Der Fortpflanzungserfolg kann deutlich sinken oder sogar vollständig ausbleiben. Außerdem nimmt die Zahl der am Gewässergrund lebenden Wirbellosen ab, die vielen Fischen als Nahrung dienen.

Zusätzlich belasten Nährstoffe und Schadstoffe die Gewässer. Starker Nährstoffeintrag fördert wiederum Algenwachstum und kann die Bedingungen am Gewässergrund weiter verschlechtern. Dass solche Probleme nicht auf Hamburg beschränkt sind, zeigt die Rote Liste der Fische Baden-Württembergs 2025. Sie dokumentiert ebenfalls deutliche Verschlechterungen bei zahlreichen heimischen Arten hin.

Klimawandel verändert Hamburgs Gewässer

Der Klimawandel verschärft viele bereits bestehende Probleme. Längere Hitze- und Trockenperioden führen zu höheren Wassertemperaturen und häufigerem Niedrigwasser. Kleinere Bäche und Oberläufe können zeitweise sogar vollständig austrocknen. Während der trockenen Jahre 2018 bis 2020 wurde dies bereits an zahlreichen Hamburger Gewässerabschnitten beobachtet.

Besonders betroffen sind kälteliebende Arten wie die Quappe sowie Forellen und andere Salmoniden. Steigende Temperaturen können ihre geeigneten Lebensräume verkleinern und lokal sogar zum Verschwinden von Populationen führen.

In der Tideelbe verschlechtern steigende Wassertemperaturen zusätzlich den ohnehin angespannten Sauerstoffhaushalt im Hamburger Hafengebiet. In warmen Sommerperioden kann sich dadurch der Sauerstoffmangel verstärken – mit Folgen für Fische und Rundmäuler, die auf ausreichend sauerstoffreiches Wasser angewiesen sind.

Als Gegenmaßnahmen nennt die Rote Liste unter anderem mehr Beschattung durch Ufergehölze, tiefe Rückzugsbereiche bei Niedrigwasser, eine bessere Gewässerdurchgängigkeit sowie gegebenenfalls Einschränkungen von Wasserentnahmen und Kühlwassereinleitungen.

Gewässerschutz entscheidet über Hamburgs Zukunft

Die neue Rote Liste zeigt ein gemischtes Bild: Bachneunauge und Koppe belegen, dass sich Bestände erholen können, wenn Gewässer renaturiert und ihre Lebensbedingungen verbessert werden. Zugleich stehen den drei günstigeren Einstufungen seit 2015 immerhin 14 Verschlechterungen gegenüber.

Arten wie Stint, Finte, Quappe oder Karausche zeigen zudem, dass sauberes Wasser allein nicht genügt. Flüsse und Bäche brauchen vielfältige Strukturen, geeignete Laich- und Rückzugsräume und müssen miteinander verbunden bleiben. Hinzu kommt die Herausforderung, sie widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Niedrigwasser und anderen Folgen des Klimawandels zu machen.

Hamburg will deshalb die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie fortsetzen und mit dem Naturschutzgroßprojekt Hamburg, deine Flussnatur das städtische Gewässernetz ökologisch aufwerten. Die 2026 gestartete Umsetzungsphase umfasst mehr als 500 geplante Maßnahmen an 38 Gewässern – so sollen etwa Flachwasserzonen geschaffen, Gewässerläufe naturnäher gestaltet und verbaute Ufer ökologisch aufgewertet werden. Die Rote Liste nennt als zentrale Ziele des Projekts eine bessere Gewässerstruktur, einen besseren ökologischen Zustand und den Aufbau eines Biotopverbunds.

Rote Listen zeigen, wo besonderer Handlungsbedarf besteht und liefern damit eine wichtige Grundlage für den Naturschutz. Für Hamburg wird dabei deutlich: Die Stadt besitzt noch immer eine vielfältige Gemeinschaft aus Fischen und Rundmäulern, doch viele ihrer Arten stehen unter Druck. Und weil die Elbe sowohl Wanderroute als auch Lebensraum für Arten aus einem weit größeren Einzugsgebiet ist, endet Hamburgs Verantwortung nicht an der Stadtgrenze.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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