Die neue vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebene Rote Liste der Raubfliegen Deutschlands zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: 40 der 83 hierzulande etablierten Arten – also nahezu die Hälfte – sind gefährdet oder bereits ausgestorben.
Besonders betroffen sind Arten, die auf kühle, feucht-schattige Berg- und Waldlebensräume angewiesen sind. Durch den Klimawandel und den Verlust strukturreicher Landschaften verschwinden solche Lebensräume zunehmend.
Was sind eigentlich Raubfliegen?
Raub- oder Jagdfliegen gehören zu den weniger bekannten Jägern unserer Insektenwelt. Die meist schlanken, oft stark behaarten Tiere – weltweit sind rund 7.500 Arten beschrieben – erbeuten andere Wirbellose, häufig sogar größere als sie selbst. Je nach Art bevorzugen sie etwa Pracht- und Rüsselkäfer, Honigbienen, Hummeln oder sogar Spinnen. Mit ihren kräftigen Stechborsten können manche Raubfliegenarten den harten Chitinpanzer von Käfern mühelos durchdringen.
In Deutschland leben über 80 Arten. Viele bevorzugen sonnige, offene Flächen oder lichtreiche Waldstrukturen. Typisch ist ihr Ansitz auf erhöhten Punkten wie Stämmen oder Zweigen, von denen sie blitzschnell zuschlagen. Als effiziente Räuber spielen Raubfliegen eine wichtige ökologische Rolle – sie regulieren populationsstarke Insekten und prägen so das Gleichgewicht ihrer Lebensräume.
Die neue Rote Liste – die Zahlen
Von 83 etablierten Raubfliegenarten in Deutschland stehen 47 (56,6 %) auf der Roten Liste 2025 – gefährdet oder ausgestorben sind 40 Arten.
- 4 Arten (4,8 %) sind ausgestorben oder verschollen – neu hinzugekommen sind die Steppen-Raubfliege (Cerdistus graminicola) und die Bronze-Mordfliege (Pogonosoma minor).
- 36 Arten (43,4 %) gelten als bestandsgefährdet:
- 1 Art (1,2 %) ist vom Aussterben bedroht – die Große Makelfliege (Cyrtopogon ruficornis).
- 24 Arten (28,9 %) sind stark gefährdet.
- 10 Arten (12 %) sind gefährdet.
- 1 Art (1,2 %) ist in der Kategorie Gefährdung unbekannten Ausmaßes (G) gelandet – die Marmorierte Raubfliege (Tolmerus micans).
- 7 Arten (8,4 %) wurden als extrem selten eingestuft.
- 3 Arten (3,6 %) stehen auf der Vorwarnliste.
- Als ungefährdet gelten aktuell 32 Arten (38,6 %).
- Für 1 Art ist die Datenlage unzureichend.
Deutschlands Verantwortung für die Kleine Rabaukenfliege

(© Holopogon dimidiatus (Meigen, 1820), Observed in Hungary by Varga Nimród, CC BY 4.0, via GBIF)
Die stark gefährdete Kleine Rabaukenfliege (Holopogon dimidiatus) kommt in Deutschland nur an wenigen, sehr speziellen Standorten vor – und genau diese Bestände sind für die Art von überregionaler Bedeutung. Die Populationen in Mitteldeutschland, vor allem in den Steppenrasen des Thüringer Beckens, im nördlichen Harzvorland und am Süßen See, bilden nämlich isolierte Vorposten, die vollständig vom übrigen Verbreitungsgebiet getrennt sind. Die nächsten Nachweise aus dem Ausland liegen mehr als 400 Kilometer entfernt in Mähren (Tschechien). Dazwischen gibt es trotz guter Erfassungsdichte keinerlei Funde.
Das macht deutlich: Wenn die deutschen Vorkommen verschwinden, bricht ein ganzer Teil des europäischen Areals weg. Viele der hier bekannten Bestände sind zudem klein und fragil und können nur durch eine kontinuierliche Pflege der offenen, trockenwarmen Steppen- und Halbtrockenrasen erhalten werden – etwa durch Schafbeweidung.
Deshalb betont die neue Rote Liste, dass Deutschland für die Kleine Rabaukenfliege eine besondere Verantwortung trägt, denn hier entscheidet sich, ob die Art in Europa langfristig überlebt.
Warum Raubfliegen zurückgehen – die wichtigsten Bedrohungen
Die aktuelle Rote Liste zeigt: Raubfliegen leiden vor allem unter dem Verlust strukturreicher Lebensräume. Die Landschaft wird homogener, dichter und intensiver genutzt, was zum Rückgang vieler Arten beiträgt.

(© Pogonosoma minor Loew, 1869 Observed in Italy
by Simonevcm Formica, CC BY-NC, via GBIF)
1. Intensivere Landwirtschaft
Durch häufige Mahd, schwere Maschinen und nährstoffreiche, dichte Grasnarben verschwinden die warmen, offenen Mikrohabitate, die Raubfliegen für Jagd, Eiablage und Larvenentwicklung brauchen. Moderne Mähtechnik kann ganze Wiesenlandschaften innerhalb weniger Stunden „glattstellen“ – Rückzugsräume fehlen dann vollständig.
2. Forstwirtschaft und Verlust lichter Wälder
Immer dichtere, geschlossene Wälder und Aufforstungen früherer Offenflächen nehmen lichtliebenden Arten die Grundlage. Lichte Waldstrukturen mit Totholz und Sonnenflecken werden seltener, obwohl sie für viele Raubfliegen essenziell sind.
3. Aufgabe offener Militärflächen
Früher boten Truppenübungsplätze ideale Bedingungen: Rohboden, Wärmeinseln, geringe Bewirtschaftung. Nach Nutzungsaufgabe wachsen diese Flächen zu und mit ihnen verschwinden spezialisierte Arten wie die Kleine Rabaukenfliege.
4. Wasserbau und Gewässerunterhaltung
Verbauungen, Begradigungen und regelmäßige Pflege zerstören Rohbodenbereiche an Ufern, die für manche Arten wichtige Entwicklungsräume darstellen.
Fast alle bedrohten Raubfliegenarten benötigen ein Mosaik aus offenen, warmen, kleinteiligen Strukturen. Wo diese Vielfalt verschwindet, verschwinden auch die Raubfliegen. Sie benötigen zudem verschiedene Lebensräume für Eiablage, Larvenentwicklung und Jagd. Wenn ein Teilhabitat verschwindet, leidet der gesamte Lebenszyklus.
Wärmeliebende Arten zeigen positive Trends

(© Michael Knapp, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)
Nicht alle Raubfliegenarten reagieren gleich auf die Veränderungen in ihrer Umwelt. Einige wärmeliebende Arten breiten sich mit steigenden Temperaturen sogar weiter aus, etwa die Fransen-Mordfliege (Choerades fimbriata) oder die Klöppel-Schlankfliege (Leptogaster subtilis). Auch die bekannte Hornissen-Raubfliege (Asilus crabroniformis) hat von den milderen Bedingungen profitiert: Sie gilt nun nur noch als gefährdet statt stark gefährdet.
Doch diese positiven Beispiele verdecken nicht, dass der Klimawandel für viele andere Arten eine ernsthafte Bedrohung darstellt. Insbesondere kühleres, halbschattiges Berg- und Waldklima verschwindet zunehmend – und mit ihm die hochspezialisierten Arten, die darauf angewiesen sind.
Ein Symbol für diese Entwicklung ist die Große Makelfliege, die in der neuen Roten Liste als Vom Aussterben bedroht geführt wird. Ihr Lebensraum – feucht-kühle, strukturreiche Bergwälder – schrumpft sowohl durch Veränderungen in der Landnutzung als auch durch die Erwärmung des Klimas. Ihr Rückzug zeigt exemplarisch, wie empfindlich Raubfliegen auf das Zusammenspiel aus Temperatur, Feuchtigkeit und Habitatstruktur reagieren.
Nicht nur bei den Raubfliegen zeigt sich dieses zweigeteilte Bild: Auch in der aktuellen Bestandssituation der Brutvögel Deutschlands profitieren einige wärmeliebende Arten von steigenden Temperaturen, während andere – insbesondere kälte- oder feuchtigkeitsgebundene Arten – deutlich zurückgehen.
Wie sich Raubfliegen und andere Insekten schützen lassen
Die Fachleute empfehlen:
- Erhalt und Vernetzung offener Habitate wie Sandmagerrasen und Heiden
- Pflege artenreicher, blütenbetonter Grünlandtypen
- Erhalt lichtreicher Wälder mit Totholzanteil
- Schutz von Biotopkomplexen, die mehrere Lebensraumtypen verbinden
Die Roten Listen fungieren als Frühwarnsysteme für die Biodiversität. Sie dokumentieren den Zustand aller Arten – nicht nur der gefährdeten – und zeigen, wie menschliches Handeln die Natur verändert. Die neue Raubfliegen-Liste wurde von Expertinnen und Experten unter Leitung des Entomologen Danny Wolff erarbeitet.
Quellen
- Bundesamt für Naturschutz. (2025, 3. Dezember). Rote Liste: Für Raubfliegen-Arten feucht-kühler Lebensräume wird es schwerer. idw-online. https://nachrichten.idw-online.de/2025/12/03/rote-liste-fuer-raubfliegen-arten-feucht-kuehler-lebensraeume-wird-es-schwerer
- Wolff, D., & Kästner, T. (2025). Rote Liste und Gesamtartenliste der Raubfliegen (Diptera: Asilidae) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt, 170(10), 82 S. Bundesamt für Naturschutz.
https://doi.org/10.19217/rl17010
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