Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle)
Der Blauschillernde Feuerfalter (Lycaena helle) gilt europaweit als potenziell gefährdet. Er ist auf kühle, nasse Feuchtwiesen angewiesen – Lebensräume, die in vielen Regionen durch Entwässerung und Nutzungsänderungen zurückgehen. Frank Vassen from Brussels, Belgium, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Neue Rote Liste 2025: Gefährdung europäischer Schmetterlinge hat sich seit 2010 enorm verschärft

Die neue European Red List of Butterflies 2025 macht deutlich: Europas Schmetterlinge geraten zunehmend unter Druck – und viele Arten stehen kurz vor dem Verschwinden. Die aktuelle Bewertung zeigt nicht nur eine erhebliche Verschlechterung seit 2010, sondern auch, wie stark Lebensraumverlust, intensive Landwirtschaft und der Klimawandel die Bestände beeinflussen.

Ein Kontinent verliert seine Falter

In Europa leben insgesamt 501 Schmetterlingsarten. Für die neue Rote Liste wurden 442 Arten bewertet – jene, die in Europa heimisch sind oder lange etabliert wurden. Der Madeira-Kohlweißling (Pieris wollastoni) wurde als ausgestorben eingestuft, sodass 441 existierende Arten für die Berechnung der Gefährdungskategorien verbleiben.

Wie viele Arten sind bedroht?

Von diesen 441 Arten sind:

  • 65 Arten (14,7 %) bedroht, darunter
    • 6 Arten (1,4 %) vom Aussterben bedroht (CR), z. B. Pseudochazara cingovskii (Nordmazedonien), Coenonympha phryne (Osteuropa/Südsibirien) und Polyommatus humedasae (Italien)
    • 35 Arten (7,9 %) stark gefährdet (EN), etwa Sierra-Nevada-Bläuling (Polyommatus golgus), Kanaren-Weißling (Pieris cheiranthi), Arktischer Mohrenfalter (Erebia disa)
    • 24 Arten (5,4 %) gefährdet (VU), z .B. Schwarzkolbiger Braun-Dickkopffalter (Thymelicus lineola), Falscher Apollo (Archon apollinus), Erebia epistygne

Zusätzlich gelten 60 Arten (13,6 %) gelten als potenziell gefährdet (NT) – darunter der Zwerg-Bläuling (Cupido minimus), der Blauschillernde Feuerfalter (Lycaena helle) und der Kleine Würfel-Dickkopffalter (Pyrgus malvae).

Damit stehen inzwischen 28,3 % aller europäischen Schmetterlinge auf der Kippe. Fast jede dritte Art ist bereits bedroht oder zeigt deutliche Bestandsrückgänge.

Der größte Anteil – rund 70 % aller Arten – gilt als nicht gefährdet (LC). Weitere 59 Arten wurden nicht bewertet, da sie nach 1500 eingeführt wurden oder nur randlich in Europa vorkommen.

Orangeroter Heufalter (Colias myrmidone) laut Rote Liste für Europas Schmetterlinge 2025 "gefährdet"
Der Orangerote Heufalter (Colias myrmidone) ist auf traditionelle, blütenreiche Wiesen angewiesen. Wo diese verschwinden, verschwindet auch der Falter – heute ist er in vielen Regionen Europas nahezu ausgestorben.
Colias myrmidone (Esper, 1781), Observed in Russian Federation by Natalia Borisova, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

Deutliche Verschlechterung seit 2010

Seit der letzten Roten Liste hat sich die Situation für Europas Schmetterlinge massiv verschlechtert:

  • Der Anteil bedrohter Arten stieg von 8,5 % auf 14,7 % (+73 %).
  • Die Zahl der bedrohten Arten wuchs von 37 auf 65 (+76 %).
  • Addiert man die potenziell gefährdeten Arten, stieg die Gesamtzahl der betroffenen Arten von 81 auf 125 (+65 %).
  • Besonders besorgniserregend: Die Zahl der stark und kritisch gefährdeten Arten hat sich von 15 auf 41 mehr als verdoppelt (+173 %).

Ein Fortschritt der aktuellen Bewertung: Keine einzige Art gilt noch als Datenlage unzureichend (DD). Alle Arten konnten bewertet, neu eingeordnet oder taxonomisch geklärt werden – was die Aussagekraft der Ergebnisse weiter stärkt.

Bestandstrends: Mehr als die Hälfte der Arten nimmt ab

Für viele europäische Schmetterlingsarten liegen Trenddaten vor, die ein eindeutiges Bild zeichnen:

  • Über 50 % der Arten sind rückläufig,
  • 35 % haben stabile Bestände,
  • nur 14 % nehmen zu.

Bei rund 43 % fehlen Trenddaten, oft weil die Arten selten sind, schwer nachzuweisen oder in Regionen leben, in denen kaum Monitoring betrieben wird. Besonders kritisch ist die Lage bei endemischen Arten, also Arten, die ausschließlich in Europa vorkommen. Von den heute 148 noch vorhandenen Endemiten sind:

  • 19,6 % bedroht
  • 21,6 % potenziell gefährdet

Damit gelten über 40 % aller europäischen Endemiten als gefährdet oder kurz davor – fast doppelt so viele wie 2010 (23,2 %).

Regionale Hotspots des Artenschwunds

Madeira-Kohlweißling (Pieris wollastoni) - ausgestorben
Der Madeira-Kohlweißling ist der erste in Europa offiziell ausgestorbene Schmetterling. Seit 1986 wurde er trotz gezielter Nachsuche nicht mehr nachgewiesen.
(© Pieris wollastoni (Butler, 1886) Observed in Portugal
 by Heiner Ziegler, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

Die bedrohten Schmetterlingsarten sind nicht gleichmäßig über Europa verteilt. Besonders betroffen sind:

  • Nordeuropa: Arten verlieren ihre kühlen Lebensräume durch die rasante Erwärmung.
  • Alpen, Karpaten, ukrainische und russische Steppen: empfindliche Berg- und Feuchtlebensräume geraten unter Druck.
  • Sierra Nevada und südliche Balkanregion: kombiniert aus Hitze, Trockenheit und häufigeren Bränden entstehen zusätzliche Belastungen.

Diese Muster spiegeln besonders empfindliche Lebensräume, biogeografische Übergangsregionen und die Auswirkungen des Klimawandels wider.nderungen durch den Klimawandel – sowohl im Norden als auch im südlichen Mittelmeerraum.

Warum Europas Schmetterlinge verschwinden

Die European Red List of Butterflies 2025 benennt mehrere zentrale Ursachen. Viele wirken gleichzeitig – und verstärken sich gegenseitig.

1. Lebensraumverlust und -verschlechterung (größte Bedrohung)

Die größte Bedrohung entsteht durch die anhaltende Zerstörung und Entwertung von Lebensräumen. Intensivierung der Landwirtschaft, die Umwandlung artenreicher Wiesen in Acker oder nährstoffreiche Fettwiesen, hohe Stickstoffeinträge durch Dünger, die Entwässerung von Feuchtgebieten sowie Überweidung oder die Aufgabe traditioneller Nutzungsformen führen dazu, dass wertvolle Offenlandhabitate verschwinden. In vielen Regionen breiten sich außerdem Sträucher und Wälder aus, wenn extensiv genutzte Flächen aufgegeben werden. Dadurch werden Lebensräume fragmentiert – es bleiben kleine, isolierte Habitatinseln zurück, auf denen lokale Populationen schnell aussterben können.

Beispielarten: Quendel-Ameisenbläuling (Phengaris arion), Blauschillernder Feuerfalter, Orangeroter Heufalter (Colias myrmidone) und Melitaea aetherie (Scheckenfalter)

2. Stickstoffeinträge

Stickstoff aus Landwirtschaft und Verkehr beschleunigt das Pflanzenwachstum und zerstört nährstoffarme, offene Lebensräume, auf die viele Schmetterlingsarten angewiesen sind. Er verändert das Mikroklima und verdrängt Futterpflanzen der Raupen.

Beispielart: Mauerfuchs (Lasiommata megera), der in Westeuropa deutlich zurückgegangen ist

3. Pestizide

Pestizide schädigen sowohl erwachsene Falter als auch ihre Raupen – selbst dann, wenn sie weit außerhalb intensiv bewirtschafteter Flächen leben. Viele Wirkstoffe verbreiten sich kilometerweit durch Wind oder Wasser und gelangen so bis in Schutzgebiete. Besonders problematisch sind langlebige Neonicotinoide, deren Risiken für Schmetterlinge bislang unterschätzt werden.

Beispielarten: Schwarzkolbiger Braun-Dickkopffalter, Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus), der weit verbreitet, aber in vielen Regionen rückläufig ist

4. Intensivierung und Aufgabe traditioneller Landwirtschaft

Während produktive Flächen durch Intensivierung Lebensräume verlieren, werden weniger ertragreiche Gebiete zunehmend aufgegeben. Dadurch wachsen Sträucher und Wälder in ehemals offene Wiesen hinein – ein Prozess, der viele Arten der Kulturlandschaften bedroht.

Beispielarten: Blauschillernder Feuerfalter, Quendel-Ameisenbläuling, Erebia epistygne (Mohrenfalter)

5. Veränderungen in Wäldern

Die Waldfläche in Europa nimmt seit Jahren zu – durch Aufforstung, fehlende Pflege und den Klimawandel. Davon profitieren einige Waldarten, doch viele Schmetterlinge sind auf lichte, sonnendurchflutete Waldbereiche, Waldränder oder offene Lichtungen angewiesen. Wenn diese Strukturen fehlen, verschwinden auch die Arten, die von ihnen abhängig sind.

Beispielarten: Erebia ottomana (Mohrenfalter), Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa), Wald-Wiesenvögelchen (Coenonympha hero)

6. Klimawandel

Der Klimawandel wirkt inzwischen als mächtiger zusätzlicher Stressfaktor. Bereits 52 % der bedrohten Arten in Europa sind direkt betroffen.

  • Erwärmung und Habitatverlagerung:
    Arten wandern nach Norden oder in höhere Lagen, verlieren dabei aber Lebensraum. Besonders betroffen sind alpine und tundrennahe Arten.
    Beispiele: Dunkler Alpenbläuling (Agriades aquilo), Boloria freija (Perlmuttfalter), Erebia disa (Mohrenfalter), Oeneis bore (Augenfalter)
  • Mediterrane Dürren und Brände:
    Immer häufigere Extremereignisse setzen vor allem Inselarten zu, deren Lebensräume sehr klein und isoliert sind.
    Beispiele: Hipparchia christenseni (Karpathos – griechische Insel), H. tamadabae (Gran Canaria), H. tilosi (La Palma), Teneriffa-Zitronenfalter Gonepteryx cleobule (Kanaren)
  • Rückgang alpiner Endemiten in Südspanien:
    Besonders empfindlich reagieren Arten, die nur auf wenigen Berggipfeln leben und kaum Ausweichmöglichkeiten haben. Sie verlieren durch Erwärmung ihr gesamtes Klimaareal.
    Beispiele: Agriades zullichi (Bläuling), Sierra-Nevada-Bläuling, Polyommatus violetae (Bläuling)
Rote Liste Europäischer Schmetterlinge 2025: Pseudochazara cingovskii ist vom Aussterben bedroht
Der seltene Felsfalter Pseudochazara cingovskii kommt weltweit nur an einem Hang im Jakupica-Gebirge in Nordmazedonien vor. Diese extreme Isolation macht ihn zu einer der am stärksten bedrohten Schmetterlingsarten Europas. In der aktuellen Roten Liste europäischer Schmetterlinge gilt er als vom Aussterben bedroht.
Charles J. Sharp, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Was jetzt passieren muss

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Schutzgebiete allein reichen nicht aus. Viele wertvolle Lebensräume sind in schlechtem Zustand. Expertinnen und Experten empfehlen:

  • großflächige, vernetzte Landschaften statt isolierter Reservate,
  • angepasste Mahd und Weidenutzung,
  • aktives Habitatmanagement in Wäldern, Heiden und Feuchtgebieten,
  • Ausbau von Monitoring-Programmen wie dem eBMS (European Butterfly Monitoring Scheme),
  • konsequente Umsetzung der EU-Renaturierungsgesetze (Nature Restoration Law) bis 2030.

Schmetterlinge als Frühwarnsystem

Schmetterlinge reagieren extrem sensibel auf Umweltveränderungen und sind daher ein zuverlässiger Indikator für den Zustand unserer Ökosysteme. Die Europäische Rote Liste 2025 ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern eine Warnung: Wenn selbst verbreitete Arten zurückgehen, ist die Stabilität unserer Lebensräume in Gefahr.

Wer steckt hinter der Europäischen Roten Liste?

Die European Red List of Butterflies wird von der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) herausgegeben. Die neue Ausgabe basiert auf einem umfangreichen Projekt, finanziert durch die Europäische Kommission und wissenschaftlich koordiniert von Butterfly Conservation Europe und einem internationalen Team führender Lepidopterologen. Bewertet werden sämtliche europäischen Schmetterlingsarten anhand der IUCN-Kriterien. Die Liste dient Behörden, NGOs und Forschenden als zentrale Grundlage, um Naturschutzmaßnahmen zu planen, Fortschritte zu messen und gesetzliche Vorgaben wie die EU-Biodiversitätsstrategie oder das Nature Restoration Law zu untermauern. Damit zeigt die Rote Liste nicht nur den Zustand einer Artengruppe, sondern den ökologischen Gesundheitszustand zahlreicher Lebensräume in Europa.


Quelle

  • European Commission, Directorate-General for Environment, Van Swaay, C., Warren, M., Ellis, S., Clay, J., Bellotto, V., Allen, D. J., & Trottet, A. (2025). European red list of butterflies. Publications Office of the European Union. https://doi.org/10.2779/935927

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