Einsame Pflanzen
Manche Pflanzenarten sind in der Wildnis auf weniger als zehn reife Individuen zusammengeschrumpft.

Die einsamsten Pflanzen der Welt: Arten mit weniger als zehn Individuen

Von einigen Pflanzenarten existieren in der Natur weniger als zehn reife Wildpflanzen – manchmal sogar nur noch ein einziges Individuum. Solche Arten zeigen, wie weit ein Rückgang gehen kann: Lebensräume schrumpfen, Populationen brechen auseinander, und am Ende bleiben einzelne Pflanzen zurück, deren Überleben oft vom Zufall abhängt.

15 Pflanzenarten mit weniger als zehn Individuen

Café Marron (Ramosmania rodriguesii) gehört zu den Pflanzenarten mit weniger als zehn Individuen in der Natur
Café marron (Ramosmania rodriguesii)
Dieser immergrüne Strauch aus der Familie der Rötegewächse kommt nur auf Rodrigues vor. Der Name bedeutet „brauner Kaffee“ und verweist auf seine frühere Nutzung als Heilpflanze, etwa gegen Leberbeschwerden und Kater. Durch invasive Arten und die weitgehende Überformung der ursprünglichen Inselvegetation galt die Art bereits als ausgestorben, bis 1980 ein letztes wildes Restexemplar wiederentdeckt wurde. In den Royal Botanic Gardens Kew bei London konnten Nachkommen gezogen und einige Pflanzen nach Rodrigues zurückgebracht werden; der bekannte natürliche Wildbestand geht jedoch weiterhin auf diese eine verbliebene Pflanze zurück.
Bild: Tamanou at English Wikipedia, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons
Weniger als 10 wilde Individuen: Hibiscus liliiflorus
Mandrinette (Hibiscus liliiflorus)
Diese Hibiskusart ist auf Rodrigues endemisch und kommt dort nur noch an sehr wenigen Standorten in den bergigeren Teilen der Insel vor. 2019 waren in freier Wildbahn nur zwei Individuen aus dem Gebiet Cascade Mourouk/Batatran bekannt. Sie wächst auf steilen, felsigen Hängen über Basaltgestein. Bedroht wird die Mandrinette etwa durch Bodenerosion, Hybridisierung mit dem Zierhibiskus Hibiscus rosa-sinensis, alte geschwächte Restbäume, Termitenbefall und vermutlich auch klimabedingte Veränderungen, die Blütezeit und Bestäubung beeinflussen können. Zwar wurden Hunderte Klone in Schutzgebieten und Pflanzungen ausgebracht, doch die Sterblichkeit bleibt hoch.
Bild: Hibiscus liliiflorus Cav. Observed in Mauritius by Pierre-Louis Stenger, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Catacol Whitebeam (Sorbus pseudomeinichii) - weniger als 10 Pflanzen
Catacol Whitebeam (Sorbus pseudomeinichii)
Diese kleine Baum- oder Strauchart ist auf Glen Catacol auf der schottischen Isle of Arran beschränkt. Sie entstand vermutlich durch Hybridisierung zwischen der Gewöhnlichen Eberesche und endemischen Mehlbeeren-Verwandten der Insel. Lange war nur ein einzelner reifer Wildbaum bekannt; ein früher dokumentierter Sämling und ein weiteres Exemplar wurden nicht wiedergefunden. 2020 wurde ein zweiter Baum bestätigt. Der Catacol Whitebeam gehört damit zu den seltensten Bäumen Europas. Sein Verbreitungsgebiet umfasst weniger als einen Quadratkilometer, ergänzend existieren einzelne Pflanzen in Ex-situ-Sammlungen. In der Wildnis bleibt die Art durch Wildverbiss, Überflutungen, Steinschlag und die winzige Population stark gefährdet.
Bild: Sam Thomas, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Weniger als 10: Bastard Gumwood (Commidendrum rotundifolium)
Bastard Gumwood (Commidendrum rotundifolium)
Diese nur auf St. Helena vorkommende Art galt bereits als ausgestorben, bis 1982 ein vermeintlich letzter Baum entdeckt wurde. Er wurde 1986 durch einen Sturm zerstört, zuvor konnten jedoch Sämlinge aus seinen Samen gezogen werden. Als 2008 auch der letzte überlebende Nachkomme schwer beschädigt wurde, war das Überleben der Art erneut unsicher. Erst 2009 entdeckte der Gärtner Lourens Malan ein weiteres wildes Exemplar an einer schwer zugänglichen Klippe. Der Rückgang wird vor allem auf eingeführte Ziegen zurückgeführt, die seit dem frühen 16. Jahrhundert große Teile der ursprünglichen Inselvegetation zerstörten. Heute ist nur ein wildes Exemplar bekannt; eine kleine Kulturpopulation soll die Art erhalten.
Bild: Commidendrum rotundifolium (Roxb.) DC. Observed in Saint Helena, Ascension and Tristan da Cunha by Annalena Becker, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Oenothera resicum gehört zu den Pflanzenarten mit weniger als zehn Individuen in der Natur
Oenothera resicum
Diese erst 2019 wissenschaftlich beschriebene Nachtkerzenart ist auf Isla Clarión im mexikanischen Revillagigedo-Archipel endemisch. Sie war der erste Nachweis der Nachtkerzengewächse auf der gesamten Inselgruppe. Entdeckt wurde sie 2018; ihr natürlicher Lebensraum scheint auf einen einzigen felsigen Vorsprung oberhalb der Küstenklippen beschränkt zu sein. Dieser Standort umfasst weniger als 50 m² und besitzt besondere Boden- und Gesteinseigenschaften, die es anderswo auf der Insel nicht gibt. Dort wurden weniger als zehn reife Individuen nachgewiesen. Küstenerosion und instabile Klippen haben vermutlich bereits große Teile ihres Lebensraums zerstört; ohne rasche Ex-situ-Schutzmaßnahmen droht die Art in der Wildnis auszusterben.
Bild: Oenothera resicum Benavides, Kuethe, Ortiz-Alcar Áz & León de la Luz Observed in Mexico by Norma Castillo, CC BY-NC-ND 4.0, via GBIF
Putuo hornbeam (Carpinus putoensis) - nur ein einziges Individuum übrig
Putuo-Hainbuche (Carpinus putoensis)
Die bis zu 15 Meter hohe Baumart ist auf Putuo Island im chinesischen Zhoushan-Archipel endemisch. In der freien Natur existiert nur ein einziges reifes Exemplar, das eingezäunt am Rand eines kleinen Mischwalds auf dem Mount Foding steht. Der Baum wurde in den frühen 1930er-Jahren entdeckt; weitere Wildindividuen wurden nicht gefunden. Obwohl die Art sich theoretisch selbst fortpflanzen kann, bleibt die natürliche Verjüngung nahezu aus: Starke Winde während der Blüte und Samenbildung sowie Taifune zur Samenreife führen zu sehr geringer Samenproduktion, Sämlinge findet man kaum. Damit ist die Putuo-Hainbuche nicht nur durch Lebensraumverlust bedroht, sondern auch durch ihre extrem geringe genetische Vielfalt.
Bild: Siyuwj, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Melicope knudsenii gehört zu den Pflanzenarten mit weniger als zehn Individuen in der Natur
Knudsen’s Melicope (Melicope knudsenii)
Dieser bis zu 13 Meter hohe Baum aus der Familie der Rautengewächse wurde historisch von Kauai und Maui (Hawaii) angegeben. Noch in den 1970er-Jahren waren etwa ein Dutzend Bäume bekannt; bei der IUCN-Bewertung 2020 wurde nur noch ein einziges reifes Wildindividuum auf Kauai dokumentiert. Neben diesem natürlichen Restbestand gibt es angezogene und ausgepflanzte Exemplare im Rahmen von Schutzprojekten; sie ersetzen jedoch noch keine stabile, sich selbst erhaltende Wildpopulation. Der letzte bekannte Wildbaum wächst in einem mäßig feuchten Bergwald auf 891 Metern Höhe. Bedroht wird die Art durch Lebensraumverlust, invasive Pflanzen und eingeführte Tiere wie Hirsche und Schweine, Dürreperioden, Erdrutsche, Hurrikane und den Klimawandel.
Bild: Forest & Kim Starr, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Hibiscadelphus woodii aus Hawaii - weniger als 10 Pflanzen
Wood’s hau kuahiwi (Hibiscadelphus woodii)
Dieser kleine Baum aus der Familie der Malvengewächse kommt nur auf Kauai, Hawaii, vor. Er wurde erst 1991 an den steilen Klippen des Kalalau Valley entdeckt; damals waren nur vier Individuen bekannt. Drei wurden später durch herabfallendes Gestein zerstört, das letzte bekannte Exemplar wurde 2011 tot aufgefunden. Die Art galt daraufhin als ausgestorben, bis man 2019 drei Pflanzen an einer Felswand entdeckt hat. Der heutige Bestand bleibt extrem gefährdet: Invasive Pflanzen, Schweine, Ziegen und Ratten verändern den Lebensraum, Steinschläge können einzelne Pflanzen zerstören, und Blütenschäden durch eingeführte Japanbrillenvögel erschweren vermutlich die Fortpflanzung. Versuche, die Art zu vermehren, blieben bislang erfolglos.
Bild: Hibiscadelphus woodii Lorence & W.L.Wagner Observed in United States of America by Kenneth R. Wood (NTBG), CC BY-NC 4.0, via GBIF
Cyanea heluensis - nur eine wilde Pflanze übrig
Cyanea heluensis
Diese Blütenpflanze aus der Familie der Glockenblumengewächse ist auf Maui endemisch; sie wurde erst 2020 wissenschaftlich beschrieben. Der Botaniker Hank Oppenheimer entdeckte sie 2010 im Hochland der West Maui Mountains, zunächst aus der Distanz mit einem Fernglas. Bekannt war nur ein wildes Individuum an den Hängen des Helu, nach dem die Art benannt wurde. Die Pflanze wächst als Strauch, bildet weiße Blüten und orangefarbene Beeren, die vermutlich von Vögeln verbreitet werden. Ihr Lebensraum wird durch invasive Pflanzen und eingeführte Tiere wie Schweine, Ziegen, Ratten und Schnecken beeinträchtigt; hinzu kommen Erdrutsche, Feuer und Dürre. Aus dem einzigen Wildindividuum wurden bereits Klone in Kultur gezogen und im Fundgebiet ausgepflanzt.
Bild: H. Oppenheimer, aus: Oppenheimer (2020), PhytoKeys, CC0 1.0.
Mimetes stokoei - nur noch 7 wilde Individuen übrig
Mace Pagoda (Mimetes stokoei)
Diese Art aus der Familie der Silberbaumgewächse kommt nur in den Palmiet River Mountains im südafrikanischen Westkap vor. Sie ist eng an den Fynbos angepasst: Die erwachsenen Pflanzen sterben bei Feuer ab, doch ihre Samen können lange im Boden überdauern und keimen offenbar nur nach besonders heißen Sommerbränden. Dadurch kann die Art jahrzehntelang verschwunden wirken. Zwischen 1967 und 2001 galt M. stokoei als verschollen, bis nach einem schweren Brand wieder junge Pflanzen aufkamen. Nach der SANBI Red List waren 2020 noch sieben reife Individuen der Art bekannt. Bedroht bleibt die Pflanze durch ihre winzige Populationsgröße, ungünstige Feuerregime und durch Phytophthora-Erreger, die Pflanzenwurzeln schädigen können.
Bild: Tony Rebelo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
nur ein einziges reifes Individuum: Kraaifontein Spiderhead (Serruria furcellata)
Kraaifontein Spiderhead (Serruria furcellata)
Dieser Blütenstrauch aus der Familie der Silberbaumgewächse gehört zur Fynbos-Vegetation Südafrikas und ist im Cape-Flats-Gebiet Kapstadts endemisch. Schon historisch war die Art nur aus einem etwa 6×8 km großen Gebiet zwischen Brackenfell, Bottelary und Kraaifontein bekannt. Durch Stadt- und Industrieentwicklung gingen 86 % ihres Lebensraums verloren; die verbliebenen Flächen sind stark degradiert. Heute existiert aus der ursprünglichen Wildpopulation nur ein einziges reifes Individuum. Wiederansiedlungen laufen, gelten aber noch nicht als etablierte Wildpopulationen. Da die Art sehr langlebig ist, nach Feuer aus unterirdischen Strukturen austreibt und offenbar selten erfolgreich aus Samen nachwächst, bleibt ihre Zukunft ungewiss.
Bild: Andrew massyn, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Pflanzenarten mit weniger als 10 reifen Individuen: Ravenea louvelii
Lakamarefo (Ravenea louvelii)
Diese Palme aus der Familie der Arecaceae ist im zentralöstlichen Madagaskar endemisch und nur von einem einzigen Standort bei Andasibe bekannt, knapp außerhalb der Grenze des Analamazaotra-Reservats. Dort wachsen weniger als zehn reife Bäume. Frühere Schätzungen gingen noch von etwa 25 Individuen aus, was auf einen Rückgang hindeutet. Obwohl der Zugang zum Standort eingeschränkt ist, bleibt die Art gefährdet: Besonders die mögliche Entnahme von Samen für den internationalen Gartenbauhandel könnte problematisch sein, da sie die natürliche Verjüngung schwächt und im Extremfall sogar mit dem Fällen von Bäumen verbunden sein kann.
Bild: Ravenea louvelii Beentje Observed in Madagascar by Louis Aureglia, CC BY 4.0, via GBIF
Three Kings kaikōmako (Pennantia baylisiana) - nur ein einzelnes Exemplar übrig
Three Kings kaikōmako (Pennantia baylisiana)
Dieser kleine Baum ist auf Manawatāwhi / Great Island in der Three-Kings-Inselgruppe Neuseelands endemisch. Seit seiner Entdeckung 1945 ist in der Wildnis nur ein einziges Exemplar bekannt: ein weiblicher Baum auf einem schwer zugänglichen Geröllhang, der früher vor Ziegenverbiss geschützt war. Lange galt die Art deshalb als funktionell ausgestorben. Später zeigte sich, dass der Baum gelegentlich lebensfähigen Pollen und Samen bilden kann. Zusätzlich wurde der kaikōmako über Stecklinge und handbestäubte Kulturpflanzen vermehrt; inzwischen wurden auch Nachzuchten ausgepflanzt. Solange aber nur ein ursprünglicher Wildbaum existiert, bleibt P. baylisiana durch Stürme, Dürre, Alterung und Zufallsereignisse akut vom Aussterben bedroht.
Bild: Beeveria, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Magnolia wolfii - nur 3 ausgewachsene Bäume existieren
Hojarasco de Santa Rosa (Magnolia wolfii)
Diese Magnolienart ist in Kolumbien endemisch und nur aus Santa Rosa im Departamento Risaralda bekannt. Dort wächst sie in einem winzigen Rest montanen Waldes von etwa zwei Hektar Größe, der vollständig von Kaffeeplantagen umgeben ist. Bei einer Untersuchung im Jahr 2006 wurden nur drei ausgewachsene Bäume festgestellt; sie bildeten zwar Blüten und Früchte, doch eine natürliche Verjüngung wurde kaum oder gar nicht beobachtet. Durch die starke Fragmentierung des Lebensraums, den anhaltenden Druck durch Kaffeeanbau und die extrem kleine Population gilt M. wolfii als vom Aussterben bedroht. Ob die letzten bekannten Bäume heute noch existieren, ist unklar; möglicherweise ist die Art inzwischen in der Wildnis verschwunden.
Bild: Magnolia wolfii (Lozano) Govaerts Observed in Colombia by Miguel Ángel Gómez-Riaño, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Pflanzenarten mit weniger als zehn Individuen: Bois dentelle (Elaeocarpus bojeri)
Bois dentelle (Elaeocarpus bojeri)
Diese Blütenpflanze kommt nur auf Mauritius vor und wächst im feuchten Tropenwald. Ihren Namen „Bois dentelle“ – französisch für „Spitzenholz“ – verdankt sie den zart gefransten weißen Blüten. In den 1990er-Jahren waren nur zwei bekannte Wildbäume am Piton Grand Bassin bekannt; später wurden noch einzelne weitere Pflanzen gefunden. Nach IUCN-Angaben wachsen heute vermutlich weniger als zehn kleinwüchsige Bäume nahe einem indischen Tempel im Gebiet von Grand Bassin. Die Art wird durch den Verlust und die Veränderung ihres Lebensraums bedroht: Invasive Pflanzen überwuchern den Standort und verdrängen einheimische Vegetation. Obwohl Schutz- und Vermehrungsmaßnahmen laufen, bleibt der Bestand in der Wildnis extrem klein.
Bild: Elaeocarpus bojeri R.E.Vaughan Observed in Mauritius by jeanjacquesgodon, CC BY-NC 4.0, via GBIF

Diese Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt, denn die tatsächliche Dimension des Pflanzensterbens ist schwer zu erfassen. Die IUCN hat bislang nur einen Teil der weltweit existierenden Pflanzenarten bewertet. Dennoch gelten bereits mehr als 150 Pflanzentaxa als ausgestorben, 47 als in der Wildnis ausgestorben und fast 650 weitere als wahrscheinlich ausgestorben, weil sie seit langer Zeit nicht mehr nachgewiesen wurden. Viele Verluste bleiben vermutlich unbemerkt, insbesondere bei unscheinbaren Arten, schwer zugänglichen Standorten oder Regionen, die botanisch kaum untersucht sind.

Warum das Überleben einzelner Pflanzen nicht ausreicht

Von vielen Pflanzenarten, die nur durch wenige reife, wildlebende Individuen bekannt sind, gibt es inzwischen zusätzliche Stecklinge, Klone, Samen in Samenbanken oder Jungpflanzen in Botanischen Gärten. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Art langfristig gesichert ist.

Entscheidend ist nämlich nicht allein die Anzahl der vorhandenen Pflanzen. Ob eine Art überleben kann, hängt vor allem davon ab, ob sie sich erfolgreich fortpflanzen kann, genügend genetische Vielfalt besitzt und noch geeignete Lebensräume zur Verfügung stehen.

Fortpflanzung als Voraussetzung für das Überleben

Wood’s Cycad (Encephalartos woodii)
Exemplar von Wood’s Cycad (Encephalartos woodii) im Botanischen Garten von Durban. Die Art geht auf eine einzige männliche Pflanze zurück, die 1895 in Südafrika entdeckt wurde; alle heutigen Exemplare sind Klone.
Bild: Purves, M., CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Nur wenn sich eine Pflanze fortpflanzen kann, ist sie in der Lage, langfristig eine stabile Population aufzubauen. Dafür müssen zahlreiche Voraussetzungen erfüllt sein: Es braucht fortpflanzungsfähige Individuen, eine erfolgreiche Bestäubung, lebensfähige Samen sowie geeignete Bedingungen für Keimung und Nachwuchs.

Bei manchen Arten sind diese Voraussetzungen kaum noch gegeben. Es gibt Pflanzen, bei denen einzelne Individuen ausschließlich männliche und andere ausschließlich weibliche Blüten bilden. Weibliche Pflanzen können nur dann Früchte und Samen hervorbringen, wenn sich in ihrer Nähe eine männliche Pflanze befindet und die Bestäubung gelingt. Der Palmfarn Wood’s Cycad (Encephalartos woodii) aus Südafrika ist ein bekanntes Beispiel: Alle heute existierenden Exemplare gehen auf eine einzige männliche Wildpflanze zurück, eine weibliche wurde nie gefunden. Eine natürliche Fortpflanzung ist daher unmöglich.

Selbst wenn noch mehrere Pflanzen vorhanden sind, kann die Fortpflanzung scheitern. Manche Arten sind auf bestimmte Insekten, Vögel oder Fledermäuse als Bestäuber angewiesen. Verschwinden diese Tiere, bleiben Blüten unbestäubt und es entstehen keine Samen. Andere Pflanzen benötigen Tiere zur Verbreitung ihrer Samen. Fehlen diese Samenverbreiter, gelangen die Nachkommen nicht mehr an geeignete Standorte. Hinzu kommt, dass viele Arten nur wenige keimfähige Samen produzieren oder dass Jungpflanzen in der Natur kaum überleben. Eine Art kann daher trotz vorhandener Individuen kurz vor dem Aussterben stehen, wenn keine erfolgreiche Fortpflanzung mehr stattfindet.

Warum genetische Vielfalt entscheidend ist

Auch genetische Vielfalt ist wichtig. Wenn alle erhaltenen Pflanzen Klone desselben Individuums sind oder von nur wenigen eng verwandten Pflanzen abstammen, besitzen sie nahezu die gleichen Erbanlagen. Das kann kurzfristig helfen, eine Art überhaupt zu erhalten, langfristig entstehen jedoch Probleme: Krankheiten, Schädlinge oder Umweltveränderungen treffen dann praktisch alle Individuen gleichermaßen. Zudem kann, wie auch bei Tieren, Inzucht auftreten, wenn sich nahe verwandte Pflanzen miteinander fortpflanzen. Dadurch sinken oft Keimfähigkeit, Wachstumskraft und Widerstandsfähigkeit der Nachkommen. Für den langfristigen Erhalt einer Art reicht es deshalb nicht aus, möglichst viele Pflanzen zu besitzen – wichtig ist auch, dass genügend genetische Vielfalt erhalten bleibt, damit sich die Population an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann.

Die Rolle von Botanischen Gärten und Wiederansiedlungen

Melicope knudsenii - Wiederansiedlung
Auspflanzung von Melicope knudsenii auf Maui, 2005. Die Nachzucht seltener Pflanzen ist nur ein erster Schritt – entscheidend ist, ob daraus wieder eine sich selbst erhaltende Wildpopulation entsteht.
Bild: Forest & Kim Starr, CC BY 3.0 US, via Wikimedia Commons

Botanische Gärten, Samenbanken und Forschungseinrichtungen spielen eine zentrale Rolle. Sie können Stecklinge ziehen, Samen sichern, Pflanzen per Hand bestäuben oder Nachzuchten vorbereiten. Doch eine Art in Kultur zu erhalten ist nicht dasselbe wie eine stabile Wildpopulation. Langfristig kann eine Pflanzenart nur überleben, wenn auch ihr natürlicher Lebensraum erhalten bleibt oder wiederhergestellt wird. Für eine erfolgreiche Wiederansiedlung braucht es geeignete Standortbedingungen wie den richtigen Boden, ausreichend Platz, ein passendes Mikroklima, funktionierende ökologische Wechselwirkungen sowie Schutz vor invasiven Arten. Ebenso wichtig sind Bestäuber, genetisch möglichst vielfältige Pflanzen und eine langfristige Betreuung der Populationen. Viele Auspflanzungen scheitern, weil Jungpflanzen vertrocknen, gefressen werden, mit konkurrierenden Arten nicht zurechtkommen oder keine eigenen Nachkommen hervorbringen.

Dass besonders viele dieser extrem seltenen Pflanzen von Inseln stammen, ist kein Zufall. Auf Hawaii, St. Helena, Rodrigues, Mauritius, Madagaskar, aber auch in der Kapregion Südafrikas, entstanden viele Arten in kleinen, isolierten Lebensräumen. Die enge Anpassung an bestimmte Standorte macht sie einzigartig, aber auch besonders anfällig. Gehen diese Lebensräume verloren oder werden sie stark verändert, verlieren die Pflanzen oft die Voraussetzungen für ihr Überleben. Werden Wälder gerodet, invasive Pflanzen eingeschleppt, Ziegen, Schweine, Ratten oder Schnecken eingeführt oder verändert sich das Klima, können ganze Arten innerhalb weniger Jahrzehnte auf einzelne Restpflanzen zusammenschrumpfen oder gar aussterben.

Für den Erhalt seltener Pflanzenarten sind frühzeitige Schutzmaßnahmen, die Sicherung von Lebensräumen, die Kontrolle invasiver Arten und die Erhaltung genetischer Vielfalt wichtig. Je kleiner eine Population wird, desto schwieriger und kostspieliger wird ihre Rettung. Artensterben ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein schleichender Prozess; rechtzeitiges Handeln entscheidet darüber, ob eine Art ausstirbt oder eine Zukunft hat.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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